Samstag, 15. Februar 2014

QUELLA VILLA ACCANTO AL CIMITERO (1981)














DAS HAUS AN DER FRIEDHOFMAUER
Italien 1981
Regie: Lucio Fulci
DarstellerInnen: Catriona MacColl, Paolo Malco, Ania Pieroni, Giovanni Frezza, Carlo DeMejo, Dagmar Lassander u.a.


Inhalt
Wissenschaftler Norman zieht mit seiner Frau Lucy und seinem Sohn Bob von New York nach New Whitby in die Villa seines ehemaligen Professors, der dort offenbar seine Freundin ermordete und anschließend Selbstmord beging.
Er möchte Nachforschungen anstellen, warum der Professor sich umgebracht hat und dessen unvollendete Arbeit fortführen. Die hypernervöse Lucy ist gar nicht begeistert von dem abgelegenen alten Haus.
Besonders der verriegelte Keller versetzt sie in Angst. Die unheimlichen Ereignisse lassen nicht lange auf sich warten...


Ein Haus wie ein düsteres Gemälde



Das Grauen lauert überall...


Vor einigen Jahren schrieb einmal ein Freund, der (genauso wie ich) ein großer Verehrer dieser Filme ist:
"Lucio Fulci schenkte uns vier heilige Evangelien."

Diese Werke, die der von seiner Filmcrew als exzentrisch und cholerisch betitelte Römer Lucio Fulci in der Zeit von 1979 bis 1981 drehte, werden in Fankreisen auch Jahrzehnte nach ihrer Entstehung noch angebetet.
Von wahrscheinlich einer größeren Fraktion aber nicht verstanden, belächelt oder gar verschmäht.
"Haus an der Friedhofmauer" wird unter Splatterfans und Horror-Nerds meist als der schwächste Film der "fulcischen" Splatter-Ära (dazu gehören noch "Woodoo - Schreckensinsel der Zombies", "Ein Zombie hing am Glockenseil" und "Über dem Jenseits") bezeichnet und hat im Vergleich mit den anderen erwähnten Titeln kaum glühende Verehrer.

Einen Zugang zu Fulcis Meisterwerken und im Speziellen zu " Das Haus an der Friedhofmauer", bekommt man grundsätzlich nicht über den Kopf, sondern über das Herz. Entweder man kann sich einlassen auf die emotionale Verstrickung mit dem Film und setzt sich den Bildern ungefiltert aus oder man sucht nach den häufig zitierten "Logiklöchern" und unbeantworteten Fragen.
In beiden Fällen wird man ein beachtliches Ergebnis erzielen.

Unlängst musste ich amüsiert feststellen, dass es einem (wohl kopflastigen) Kritiker in der ofdb nicht zu blöd war, neben zahlreichen von ihm aufgedeckten "Ungereimtheiten" auch noch zu bemängeln, dass das Haus ja nicht einmal an einer Friedhofsmauer steht, ergo: sogar der Titel falsch ist.
Liebe Leute, im Originaltitel "Quella villa accanto al cimitero" ist ja auch nicht die Rede von einer Mauer...
Aber manche haben scheinbar eine Mauer vor dem Kopf, wenn es um diesen Film geht.

"Das Haus..." ist eindeutig der poetischste und mystischste Film Fulcis.
Die alte Villa neben den verfallen Grabsteinen im Nebel, die mysteriöse rothaarige Mae, die beizeiten aus dem Nichts auftaucht, um Bob telepathisch zu warnen und die sich immer wieder wie von Geisterhand öffnende Kellertüre sorgen für stimmungsvollen Grusel im Stil von gotischen Schauerromanen.

Die Geschichte wird eher langsam erzählt. Bewusst wurde in vielen Einstellungen auf scharfe Schnitte verzichtet und stattdessen Überblendungen, Unschärfen und Zooms als Stilmittel gewählt.
Besonders schön inszeniert ist zum Beispiel die Szene am Beginn der Erzählung, in der der kleine Bob vor dem alten Foto des Hauses sitzt und seiner Mutter berichtet, dass da ein Mädchen ist, das ihn vor dem bevorstehenden Umzug warnt.
Die Kamera bleibt während des Gesprächs in derselben Position. Je nachdem, wer gerade spricht, wird entweder Lucy oder Bob fokussiert und der jeweilig andere bleibt im Bild unscharf.

Es ist tatsächlich so, dass am Ende viele Fragen offen bleiben. Einzelne Handlungsstränge und so manche Dialoge laufen ins Leere. Die Mehrdeutigkeit der Geschichte lässt einigen Interpretationsspielraum zu. Gerade dies macht den besonderen Reiz von "Haus an der Friedhofmauer" aus.
Fulcis symbolische Bildsprache und subtile Andeutungen erzeugen eine traumartige Atmosphäre, die zwar von den für den Regisseur typischen derben Splatterszenen stilistisch etwas unterbrochen, aber am "schönen" Ende des Films wieder konsequent aufgenommen wird.
Was bei Dario Argento (der nie müde wurde zu betonen, in seinen Filmen seine Alpträume zu verarbeiten) als Geniestreich hingestellt und wofür er fanatisch verehrt wird, soll bei Fulci Stümperei sein?

Gesplattert wird selbstverständlich auch.
Ganz in Fulci-Manier werden Köpfe abgetrennt oder Messer von hinten mit solcher Wucht durch Schädel gejagt, dass die Klinge vorne aus dem Mund wieder austritt.
Abgetrennte Körperteile und ausgehöhlte Leichen dürfen natürlich nicht fehlen und die vom morbiden Lucio allzu gerne verwendeten Maden haben wieder ihren großen Moment. Nicht zu vergessen: viel, viel Blut.
Bis auf die adipöse Fledermaus, die sich auf dem Handrücken von Norman festbeißt, und deren Unförmigkeit wohl dem Budget geschuldet war, sind die Effekte von Meister Giannetto de Rossi (verantwortlich u.a. für die Effekte bei "Woodoo", die stylischen Zombies in "Das Leichenhaus der lebenden Toten" oder gar "High Tension") auf gewohnt hohem künstlerischen Niveau.

Besonders der ausgemergelte, kaum mehr als Mensch zu identifizierende Dr. Freudstein wirkt imposant. Er erinnert in seiner Gestalt sehr an das "Monster" in "Das Schloss des Grauens" (1963).
In Letztgenanntem treibt, vereinfacht formuliert, ebenfalls ein alter vergammelter Mann sein Unwesen in einem Keller. Es finden sich des Weiteren inhaltliche und stilistische Parallelen zu Filmen wie "Amityville" und Kubricks "Shining".
Die legendäre Szene, in der Norman versucht, seinen Sohn zu retten und diesen mit der Axt beinahe selbst schnetzelt, kommt in ähnlicher Form auch bei der "Sarg-Befreiungsszene" in "Ein Zombie hing am Glockenseil" vor. Und der Fledermaus-Angriff dürfte Fans von Fulcis herausragenden Giallo "Una lucertola con la pelle di donna" Erinnerungen an Florinda Bolkan in der Kirche wecken.
Der Soundtrack passt perfekt zur immer wieder vorherrschenden melancholischen und mystischen Grundstimmung des Films.

Am besten gefällt mir persönlich das Bild der CMV-Fassung, da die Farbgebung dort besonders intensiv ausfällt und einige Szenen beinahe aussehen, als hätte Mario Bava sie ausgeleuchtet.
Leider geht bei der deutschen Synchro inhaltlich Einiges an Substanz verloren.
Ganz misslungen ist das Ende, in dem Mary Freudstein auf Deutsch sinngemäß so einen banalen Satz wie "Jetzt sind wir alle glücklich" sagt, auf Englisch in Wahrheit aber das zukünftige Schicksal eines neuen erbarmungswürdigen Mieters ankündigt.
Während die deutsche Synchro von "Ein Zombie hing am Glockenseil" mit ihren markanten Sprüchen stellenweise zum Niederknien komisch und selbst zum Kult geworden ist ("Ich schmeiß mich mal schnell in den Wagen."), ist die Synchronisation bei "Das Haus..." leider nur mäßig gelungen.

Lucy (besorgt): "Wir finden vielleicht ein anderes Haus. Ich meine, ist es so wichtig in diesem Haus zu wohnen? Es kann doch nicht normal sein, in einem Haus zu wohnen, das eine Gruft als Fußboden hat."
Norman: "Nicht normal, aber auch nicht dramatisch. Da kommen ja keine Leichen raus."


Ein Schauer-Splatter-Märchen, das uns im besten Fall für 82 Minuten zu Traumwandlern werden lässt, im schlechtesten Fall schlichtweg frustriert.
Was gilt für euch?





Foto: LP VÖ, Astro, NoShame IT, CMV, XT Video Blu Ray, Blue Underground Blu Ray





Foto: In dieser Creepy Images Ausgabe ist der deutsche Kinoaushangsatz abgebildet




Foto: Soundtrack





Foto: CMV Soundtrack