Samstag, 13. Juni 2020

LO SQUARTATORE DI NEW YORK (1982)














DER NEW YORK RIPPER

Italien 1982
Regie: Lucio Fulci
DarstellerInnen: Jack Hedley, Almanta Suska, Howard Ross, Andrea Occhipinti, Alexandra Delli Colli, Paolo Malco, Cinzia de Ponti, Daniela Doria, Zora Kerova, Cosimo Cinieri, Lucio Fulci u.a.

Inhalt:
Polizist Williams ist in New York auf der Suche nach einem Serienmörder, der Frauen auf besonders grausame Weise quält und tötet. Zu seiner Unterstützung engagiert er den Psychiater Dr. Davis, der ein Täterprofil erstellen und ihm mit Rat und Tat zur Seite stehen soll. Der Killer meldet sich mittlerweile mehrmalig telefonisch bei Williams und spricht mit verfremdeter Stimme und Donald Duck Gequake. Kann Williams den Irren rechtzeitig stoppen?


Jane (Delli Colli) auf der Suche nach Abenteuer


Faye (Suska) fühlt sich bedroht


New York City am Abgrund


New York, der sogenannte Big Apple, ist eine sagenumwobene Stadt, die (sofern nicht gerade eine Pandemie grassiert) von vielen Menschen aus der ganzen Welt bereist wird.
Doch "die Stadt, die niemals schläft", bot in den Siebziger und Achtziger Jahren ein gänzlich anderes Bild als die hippe Metropole von heute: Hohe Mordraten, Bandenkriege, Armut, konstanter Verfall. Nicht nur der Zerfall von Bauwerken, sondern auch die zunehmende Zersetzung der Moral ihrer BewohnerInnen gaben Grund zur Besorgnis.


The deuce in "The New York Ripper"


Die Grindhouse Kinos am Times Square und in der 42nd Street, auch unter dem Begriff "The deuce" bekannt, befanden sich in unmittelbarer Nachbarschaft des Rotlichtviertels. An jeder Straßenecke konnte man Drogen erwerben, Prostituierte beiderlei Geschlechts aufgabeln oder lief Gefahr, überfallen zu werden.
Die überbordende Kriminalitätsrate in manchen Stadtteilen und zahlreiche alltägliche Gewaltdelikte, nicht zuletzt auch der Serienmörder David Berkowitz, der unter dem Namen "Son of Sam" für Verunsicherung unter den New Yorkern sorgte, malten in den Köpfen der Menschen ein düsteres Bild der Stadt in den dreckigsten Farben.
New York galt als Sündenpfuhl, als schmutziger Moloch, eine lebensfeindliche Stadt. Ein Ort, an dem die Zivilisation auf eine harte Probe gestellt wurde.
Geprägt von diesen Eindrücken sind in besagtem historischen Kontext bemerkenswerte Filme entstanden, die diese abgründige Atmosphäre eingefangen und zu einem wichtigen Rahmen der Handlung gemacht haben.
Im Angesicht der desolaten Großstadt und des omnipräsenten kriminellen Milieus entstanden beispielsweise zwischen 1971 und 1983 Filme wie "Brennpunkt Brooklyn" (1971), "Ein Mann sieht rot" (1974),  "Taxi Driver" (1976), The driller killer (1979), "Cruising" (1980), Maniac (1980), "Die Frau mit der 45er Magnum" (1981) und "Vigilante" (1983).

Ein Regisseur und sein Ruf


Anno 1981 reiste der Italiener Lucio Fulci in die große amerikanische Stadt, drehte dort einen Giallo in der besten Tradition Cinecittàs und sah sich bis zum heutigen Tag mit viel Verachtung und (wieder einmal) Vorwürfen von unverblümt zur Schau gestellter Frauenfeindlichkeit konfrontiert.
Warum eigentlich?
Ich kann und möchte nicht beurteilen, ob die Texte auf der Online-Filmdatenbank repräsentativ für das Publikum des Films sind, aber worüber ich in den seiteninternen Kommentaren mehrfach gestolpert bin, waren Andeutungen wie, dass ausnahmslos alle Frauencharaktere in "New York Ripper" Zicken oder eben Prostituierte waren, was in der Gesamtschau des Textes suggerieren sollte, dass es um "diese Frauen" ja nicht schade ist. Ein User ging sogar so weit, eine gewisse Form von "Genugtuung" über die Morde an diesen Zicken als naheliegend zu betrachten.
Ist dies tatsächlich die Aussage, die auch Lucio Fulci treffen wollte?

In den meisten aufsehenerregenden Fällen, in der ein Serienmörder über Jahre oder Jahrzehnte hinweg unentdeckt gejagt, gefoltert, vergewaltigt und getötet hat, sind unbestritten Frauen das Objekt seiner krankhaften Leidenschaft.
Das, was man in vielen Filmen, die gesellschaftlich oder von der Zensur geächtet werden, zu sehen bekommt, ist somit näher an der Realität angesiedelt als manchen Menschen lieb ist.
Die Frage, die man sich selbst an dieser Stelle beantworten muss, ist, ob man so eine grauenvolle Geschichte zuhause sehen möchte. Und wie explizit ein Film in der Darstellung der Gewalt sein darf, dass er für einen selbst noch erträglich erscheint.
Oder sieht man sich doch lieber einen gesellschaftlich angesehenen, weil Oscar prämierten, Kriegsfilm an? Oder gar ein realitätsnahes Drama, bei dem man sich vielleicht auf psychologischer Ebene im Leid anderer Menschen suhlt bzw. sich daran ergötzt, aber für das man sich nicht rechtfertigen muss, weil man schließlich sozial engagiert ist?
Oder führt man sich mit Vorliebe Filme von Woody Allen zu Gemüte, weil man seinen intellektuellem Humor so schätzt?


Maestro Fulci als Polizeikommissar 


Doch zurück zu der vermeintlichen Intention Fulcis – darf/kann/soll man ihm unterstellen, dass er einen Film wie "New York Ripper" nur geschaffen hat, um seine misogyne Ader kreativ auszuleben?
Und wenn ja, warum wird dann diese Diskussion nicht bei unzähligen anderen Regisseuren mit vergleichbaren Filmen geführt?
Diese Fragen wären eine gute Ausgangsbasis für den Auftakt zu einer abendfüllenden Diskussion und am Ende muss jeder reflektierte Mensch sich wohl ehrlich eingestehen, dass es in diesem Fall keine allgemeingültigen Antworten gibt. Abgesehen vielleicht von ein paar von sich selbst überzeugten KritikerInnen, die uns weismachen wollen, dass sie die absolute Definitionsmacht besitzen.
Die moralischen Fragen, die Kino aufwerfen kann, sind bisweilen vergleichbar mit der Schönheit, die bekanntlich im Auge der Betrachterin oder des Betrachters liegt. Und selbstverständlich abhängig vom jeweiligen gesellschaftlichen Konsens.
Dabei ist nicht selten die von manchen Männern empfundene "Zickigkeit" ein Indiz dafür, dass eine Frau einem konservativen, chauvinistischen Klischee nicht entsprechen will, sondern sagt, was sie denkt und sich nimmt, was sie will.
Bei genauerer Analyse der Art, wie Frauen in Fulcis Filmen charakterisiert werden, fallen mir seit jeher unangepasste, manchmal dominante und auf jeden Fall komplexe Frauenfiguren auf, die unter Berücksichtigung des Gesamtkontexts (Entstehungszeit, Genre, kulturelle und gesellschaftliche Gegebenheiten) im Vergleich zu anderen damals aktuellen Filmen, aus der Reihe tanzen.
Eine Aufzählung oder nähere Beschreibung würde aber nun endgültigen den Rahmen sprengen und wir landen damit wieder im Bereich der bereits erwähnten "abendfüllenden Diskussionsgrundlage".

Der leider im Jahr 1996 früh verstorbene Regisseur Lucio Fulci mutierte jedenfalls bis heute aufgrund diverser Gerüchte und (sich teils widersprechenden) Aussagen von Zeitzeugen zur Projektionsfläche von Menschen, die gerne die verbale "Misogynie" Keule schwingen.
Leider hat er die Gelegenheit, seriös und ehrlich dazu Stellung zu nehmen, zu Lebzeiten verpasst. Vielleicht war ihm die ganze Diskussion auch einfach zu banal und er hat in seinem Kämmerchen über die Mythen, die um ihn ranken, gelacht. Oder er hätte auf eine entsprechende Frage trotzig versucht, die Voreingenommenheit des Interviewers zu bestätigen.
Durch die eingehende Beschäftigung mit seinem Leben und seinen Filmen gelingt interessierten Menschen bestenfalls eine vorsichtige Annäherung an eine Antwort auf manche Fragen.
Dennoch - die Bewertung und Einordnung eines Genre-Films ist meiner Meinung nach in den meisten Fällen mehr eine Selbstoffenbarung des Kritikers/der Kritikerin als eine Erkenntnis über die Weltanschauung des Regisseurs.

In der Tradition des Giallo Films


Der Fulci Experte Stephen Thrower (Autor von "Beyond Terror"), der übrigens in einem Interview auf der Blue Underground Veröffentlichung kurz auf die gemeinhin unterstellte Frauenfeindlichkeit Fulcis eingeht und mir wie so oft aus der Seele spricht, verwendet im Zusammenhang mit dem Genre Publikum die Umschreibung "Thrill-Seeker".
Was für ein passender Begriff! Ich kenne kein deutsches Pendant dazu, das so pointiert beschreibt, warum ich (und sicher viele andere Menschen) mir einen Film wie "New York Ripper" ansehe.


Spiegelung des Mörders? Oder roter Hering?


Wer einen ultrabrutalen Slasher erwartet, wird vielleicht etwas Probleme haben mit diesem Film. Einige deftige Szenen stellen zwar die Gore-Hounds mit Sicherheit zufrieden. Aber "Der New York Ripper" steht eindeutig in der Tradition des Giallo Genres, wodurch manchen doch der Zugang zu diesem Film verwehrt bleibt.
Wie im italienischen Thriller der damaligen Zeit üblich geht es um einen Killer, der aus irgendeinem absolut irrwitzigen Grund (den man wegen seiner vollkommenen Absurdität niemals im Vorhinein erraten kann und den man selbstverständlich erst ganz am Ende des Films erfährt) mordet, bis seine Identität gelüftet ist oder er selbst das Zeitliche gesegnet hat. Oder bis beide Varianten gleichzeitig eingetroffen sind.
Vor der Lüftung des Geheimnisses werden einige dubiose Charaktere eingeführt, die per se verdächtig erscheinen. Dies sind die obligatorischen roten Heringe, die das Kinopublikum auf die falsche Fährte locken oder einfach die Laufzeit über bei Laune halten sollen.
Allen, die keine an den Haaren herbeigezogene Auflösung nach dem Scooby-Doo-Prinzip wollen, muss von "Der New York Ripper" daher dringend abgeraten werden.

Die Charaktere und Parallelen zu anderen Werken


Bei Fulci-Filmen kommen neben katholischen Priestern die Psychiater bekanntlich eher nicht so gut weg. So auch Dr. Davis (Paolo Malco, ebenfalls zu sehen in Fulcis Das Haus an der Friedhofmauer). Der Mann ist zwar fachlich eine Koryphäe, aber ein unangenehmer Zeitgenosse, im Grunde genommen ein Narzisst. Beinahe jedem, so auch ihm, traut man die Täterschaft zu.


Unsympathisch - Dr. Davis (Malco)


Die männlichen Charaktere sind allesamt keine Sympathieträger. Auch nicht der Polizist Williams, dem es unverhohlenes Vergnügen bereitet, dem trauenden Ehegatten einer eben erst ermordeten Frau Tonbandaufnahmen von ihren sexuellen Abenteuern (wohlgemerkt mit anderen Männern) vorzuspielen.
Die offen ausgelebte oder verdrängte Sexualität von Frauen, die sie ins Verderben stürzt, ist ebenfalls ein wiederkehrendes Fulci-Giallo-Thema.
In A Lizard in a Woman's Skin ist es Carol Hammond. Eine Frau aus einer gut situierten, wohlhabenden Familie, deren dominante sexuellen Fantasien zu einer Belastung werden und sie sogar in Gefahr bringen.
In "The New York Ripper" lebt Jane (Alexandra Delli Colli), eine Dame aus der High Society ihren voyeuristischen Trieb ganz offenherzig aus und manövriert sich leidenschaftlich mit voller Absicht in Situationen, in denen sie ganz leicht zum Opfer (sexueller) Gewalt werden könnte.
Auch in Nackt über Leichen spielt das Ausleben weiblicher Sexualität und das Ausspielen weiblicher Reize eine bedeutende Rolle.
Fulci bleibt auch in einem weiteren Punkt seinem Giallo Universum treu. Eine interessante und wichtige Parallele zwischen "The New York Ripper" und Non si sevizia un paperino ist die Kinderspielzeug-Ente (Donald Duck) und das in beiden Gialli verwandte Motiv für die Tötungen, das in gewisser Weise mit der Adoleszenz und dem daraus resultierenden Erwachen der Sexualität verbunden ist.

Fazit


"The New York Ripper" ist von allen Gialli, bei denen Lucio Fulci Regie geführt hat, unzweifelhaft der Film, der am deutlichsten dem Exploitationkino zugeordnet werden kann.
Ultrabrutale Szenen, Gore-Effekte jenseits des Erwartbaren und die sleazigen Sexszenen deuten in diese Richtung.


Stilsichere Beleuchtung


Doch die Kameraarbeit von Luigi Kuveiller und das Arrangement der Sets zeigen einen, sich visuell und künstlerisch von anderen, zu dieser Zeit kursierenden Grindhousefilmen abhebenden Gegenpol.
Typisch Fulci - er war und ist ein Regisseur voller Widersprüche.

Als Thrill-Seeker, Liebhaberin des abseitigen Kinos und nicht zuletzt des Giallo Genres fasziniert mich diese ausgesprochen widerwärtige Atmosphäre des Films absolut.
Sowohl die skizzierten Persönlichkeiten als auch die zwielichtigen schmuddeligen Schauplätze, die überdeutlich und drastisch dargestellten Schnitte ins (empfindlichste) Fleisch der Opfer, die Verstümmelungen und die schmierige sexuelle Komponente tragen zu einem die ganze Laufzeit über wahrzunehmenden Unbehagen bei.
Die Szene ganz am Ende ist aus emotionaler Sicht besonders grausam...
Daher ist "The New York Ripper" in meinen Augen Fulcis nihilistischster und deprimierendster Film.
Definitiv wird er genau aus diesem Grund nie zu den Fulci Werken, die ich beinahe auswendig kann und immer und immer wieder sehen möchte, gehören.




Foto: DVD von Astro, XT Hartbox, XT Blu Ray Mediabook und Blu Ray von Blue Underground




Foto: 4K Abtastung von Blue Underground



Sonntag, 7. Juni 2020

THE CITY OF THE DEAD (1960)














STADT DER TOTEN
HORROR HOTEL (Alternativtitel)

Großbritannien 1960
Regie: John Llewellyn Moxey
DarstellerInnen: Patricia Jessel, Dennis Lotis, Christopher Lee, Tom Naylor, Betta St. John, Venetia Stevenson, Valentine Dyall u.a.

Inhalt:
Studentin Nan Barlow lässt sich weder von ihrem Geliebten noch von ihrem Bruder überreden, einem Familienfest beizuwohnen und reist stattdessen aufgrund einer Empfehlung ihres Geschichtsprofessors Driscoll in das entlegene Dorf Whitewood. Dort möchte sie der Legende um einen Hexenfluch nachforschen. Als sie nicht zu der vereinbarten Zeit zurückkommt und sich auch nicht mehr meldet, machen sich die beiden Männer selbst auf den Weg in das mysteriöse Dorf...


Nan - neugierig und viel zu nett


Patricia Jessel und Christopher Lee - ein Dreamteam des Bösen


Wer den stilprägenden und unvergleichlichen italienischen Kultfilm "Die Stunde wenn Dracula kommt" kennt, dem werden bereits zu Beginn von "Stadt der Toten" einige unverkennbare Parallelen ins Auge stechen.
Im Grunde genommen gibt es doch kaum eine trefflichere Formulierung als "ins Auge stechen" im Zusammenhang mit dem Horror Genre. Altmeister Lucio Fulci hätte mir da zu seinen Lebzeiten vermutlich zugestimmt.
Jedenfalls ähnelt diese britische Produktion dem italienischen Klassiker insofern, dass sie im selben Jahr in Schwarz-Weiß gedreht wurde und mit einer öffentlichen Hexenverbrennung beginnt.
Da es sich nicht um eine geschichtliche Aufarbeitung des Themas, sondern um einen Genrefilm handelt, versteht es sich von selbst, dass hier keine Unschuldige auf dem Scheiterhaufen vor sich hin brutzelt. Wie der Hexe Asa in "Die Stunde..." gelingt es auch der bösen Zauberin Elizabeth Selwyn vor ihrem Flammentod noch einen Fluch auszusprechen, der die Dorfbewohner und deren Nachkommen hart treffen soll.

"Stadt der Toten" steht eindeutig in der Tradition der Hammer Studios. Er ist trotz (im Hinblick auf seine Entstehungszeit) eines beachtlichen Bodycounts und einigen sehenswerten Effekten erzähltechnisch weniger ernsthaft als "Die Stunde wenn Dracula kommt".
Was man an Moxeys Werk jedenfalls positiv hervorheben kann, ist die rasant erzählte Geschichte und eine geradezu frivole Anhäufung und Übersteigerung von allen damals gängigen Gruselfilmklischees (Nebel, Kreuze, Spinnweben etc.), garniert mit der ein oder anderen skurrilen Begebenheit.


Nebel so weit das Auge reicht


Dass Nan ihrem dubiosen, leicht griesgrämigen, wild mit den Augen rollenden Professor Driscoll (Christopher Lee), der eine offensichtliche Tendenz zu dogmatischer Lehre im Unterricht hat, mehr Vertrauen schenkt als ihrem Freund oder Bruder lassen wir mal so durchgehen. Immerhin ist sie – wie man es von Frauen in den 60er Jahren gemeinhin erwartete – getrieben von Neugier und Naivität.
Doch dass sie durch die dicksten Nebelschwaden aller Zeiten allein nach Whitewood reist und mitten auf einer einsamen Landstraße den erstbesten Anhalter mitnimmt, grenzt beinahe schon an ein infantiles Vertrauen in die Menschheit. Nicht einmal die bösesten Blicke der gespenstisch zwischen Nebelschwaden auftauchenden dunkel gekleideten DorfbewohnerInnen vermögen es, das sonnige Gemüt von Nan zu trüben.
Sie ist so gutherzig, dass sie sich nicht einmal über die Lärmbelästigung in ihrem Zimmer im Raven's Inn beschwert. Weder die choralen Gesänge, die direkt aus der Luke im Boden aus dem Keller zu kommen scheinen, noch die Tanzveranstaltung, die eines Abends direkt vor ihrer Zimmertür stattfindet, bringen sie aus der Fassung.
Auch dass ihr ein wertvolles Schmuckstück, noch dazu ein Unikat, scheinbar aus ihrem Zimmer entwendet wurde, nimmt sie sichtlich gelassen. Wird schon wieder auftauchen meint sie sinngemäß noch zu Mrs. Knowless, die ihren jungen Gast wie immer mit unverhohlener Arroganz behandelt.
Nan bleibt auch in dieser Situation höflich und guter Dinge. Sie ist in der Tat das beste Opfer, das man sich als Zirkel von TeufelsanbeterInnen so wünschen kann.

Die ganze Chose wird durch zahlreiche schrullige Charaktere und den heldenhaften Aktionismus von Nans Männern, die sich schon bald auf die Suche nach der schönen Studentin begeben, enorm aufgelockert. So läuft man wenigstens nicht Gefahr, in das allseits bekannte Wachtraum-Delirium, das bei manchen Hammer Filmen ausgelöst werden kann, zu verfallen.


Patricia Jessel als Hexe Selwyn - beeindruckend!


In Puncto Ausstrahlung und Leinwandpräsenz steht Patricia Jessel als Hexe Elizabeth Selwyn bzw. Pensionsbesitzerin Mrs. Knowless dem charismatischen Christopher Lee in nichts nach.
Valentine Dyall (u.a. bekannt aus "Bis das Blut gefriert") als mysteriöser Jethrow Keane ist ebenfalls eine hervorragende Besetzung für diese Rolle.
Blinde Priester, die mehr wissen, als ihnen gut tut und eine Aura des Prophetischen verströmen, sind natürlich für jeden Genrefilm eine Bereicherung. Diesen Effekt hat (später) nicht nur George Romero ("Zombie") genutzt.
Norman MacOwan als blinder Mann Gottes war zum Zeitpunkt der Dreharbeiten bereits über Achtzig und gab für die letzte Performance seines Lebens sein Bestes. Er gehört ebenfalls zu den Persönlichkeiten, die im Gedächtnis bleiben.

"Die Stadt der Toten" ist ein äußerst erquicklicher früher Okkult Grusler, der trotz oder gerade wegen eher geringer Ernsthaftigkeit so viel Charme und Leidenschaft versprüht, dass er es keinesfalls verdient hat, im Nebel der Vergessenheit zu versinken. Sogar wenn die Schwaden so dicht sein mögen wie auf dem Filmset.




Foto: DVD vom Label VCI und Blu Ray von Arrow Video



Montag, 1. Juni 2020

ANGUISH (1987)














IM AUGENBLICK DER ANGST
ANGUSTIA (Alternativtitel)

Spanien, USA 1987
Regie: Bigas Luna
DarstellerInnen: Zelda Rubinstein, Michael Lerner, Talia Paul, Àngel Jové, Clara Pastor, Isabel García Lorca, Nat Baker, Craig Hill, u.a.

Inhalt:
Die Teenagerinnen Patty und Linda sehen sich im Kino einen Horrorfilm an, in dem es um Hypnose geht. Der Film selbst scheint jedoch auch eine hypnotische Wirkung auf sein Publikum auszuüben. Patty geht es zusehends schlechter und schließlich geraten auch die Mädchen in eine Gefahrensituation. Was ist real, was entspringt deren Fantasie?


John (Lerner), laut seiner Mutter ein guter Chirurg


Patty (Talia Paul) im Augenblick der Angst


Der Film, den man am Anfang zu sehen bekommt, handelt von einem emotional verkümmerten, kognitiv eingeschränkten erwachsenen Muttersöhnchen namens John Pressman (Michael Lerner).
John arbeitet bei einem Augenarzt. Den Job hat er allerdings nur durch den Einfluss seiner gut betuchten Mutter Alice (Zelda Rubinstein) bekommen.

Mama hält sich zuhause Weinbergschnecken, der Sohn züchtet Tauben. Die beiden wirken schon auf den ersten Blick mehr als eigenbrötlerisch.
Ihr palastähnliches, düsteres Domizil ist vollgestopft mit seltsamen Einrichtungsgegenständen, die Decken prunkvoll verziert. Kitsch so weit das Auge reicht. (Das Haus, das für die Dreharbeiten gemietet wurde, ist übrigens das Casa Vicens, erbaut vom katalanischen Architekten Antoni Gaudí. Es steht in Barcelona und ist mittlerweile öffentlich zugänglich.)
Dass der finanziell und emotional von seiner Mutter abhängige Sohn sich ab und zu von Mami hypnotisieren lässt und ihr unter diesem Einfluss frische Augäpfel, die er bei seinen Opfern mit dem Skalpell vom Sehnerv trennt, nach Hause bringt, ist der Garant für einige deftige Gore-Effeke. Die Verstümmelung von Augen löst bei vielen Menschen Ekelgefühle aus und garantiert Szenen, die man nicht so schnell vergisst.

Doch auch im übertragenen Sinne haben Augen eine maßgebliche Bedeutung für die Handlung.
"Im Augenblick der Angst" ist einer der Filme über das Sehen schlechthin.
Denn nach einigen Szenen aus dem Leben des ungleichen ödipalen Zweiergespanns blendet der Film über zum Kinopublikum, das sich gerade den Film "Mommy" (von dem man selbst bislang geglaubt hat, ihn gerade zu sehen) ansieht.
"Mommy" ist ein für die Achtziger Jahre typischer Exploitationfilm, was die etwas simple Handlung und oberflächliche Darstellung mit einem Schlag erklärt.

In besagtem Kinosaal sitzen auch die oben erwähnten Teenagerinnen Patty und Linda.
Talia Paul spielt die vom Film verängstigte und hypnotisierte Patty mit einer solchen überzeugenden Intensität wie man es sich für einen solchen Film nur wünschen kann.
Ob das panische Mädchen sich schlussendlich nur einbildet, dass sie den Film namens "Mommy" sieht oder ob wirklich ein (ebenfalls vom Film beeinflusster) Killer im Kino sein Unwesen treibt, bleibt schemenhaft und mehrdeutig.
Seit dem Attentat von Aurora, dem Amoklauf eines Einzeltäters in einem voll besetzten Kinosaal während der Premiere von "The dark knight rises" wird mir immer ganz anders bei den Szenen mit dem wahnsinnigen Mörder im Kinosaal.

Die Angst vor Kontrollverlust und vor geistiger Verwirrtheit sitzt tief in jedem gesunden, stabilen Menschen. Manchmal ist jedoch die Realität viel grausamer als es jeder in der Phantasie vorstellbare Horrortrip sein könnte und leidgeprüfte Personen flüchten sich in andere Realitäten – sei es durch Drogenkonsum, die Verstrickung in Verschwörungstheorien oder esoterische Glaubenskonstrukte. Manche erleiden psychische Erkrankungen.
Und so ist es im Endeffekt auch bei der Teenagerin Patty, bei der im Verlauf der Handlung an einem gewissen Punkt nicht mehr eruierbar ist, ob sie durch den Film hypnotisiert oder durch die Geschehnisse im Kino (so sie überhaupt real sein mögen) traumatisiert ist.
Es wäre theoretisch auch denkbar, dass sie überhaupt nie in einem Kino war, sondern von Anfang an aufgrund einer schweren psychischen Störung in der Klinik, in der wir sie am Ende des Films sehen.
Apropos Ende: das wirkliche Ende von "Im Augenblick der Angst" wartet noch einmal mit einem überraschenden und geschickt konstruierten Twist auf...


Die Wirkung von Hypnose macht Menschen Angst


Dass man durch Filme einem Publikum subliminale Botschaften übermitteln kann, beispielsweise durch Einblendung gewisser Bilder, die so kurz zu sehen sind, dass sie nur unterschwellig wahrgenommen werden können, wird seit den späten 50er Jahren diskutiert.
Fachpersonen aus der Werbepsychologie sagen, dass dies ein Mythos ist und diese Art von Manipulation des menschlichen Geistes in ihrer Branche nicht zum Einsatz kommt. Dennoch sind bis heute nicht Wenige vom Gegenteil überzeugt.
In dem spannenden Roman "Schattenlichter" von Theodore Roszak (der Inspiration für den Namen meines Blogs war) geht es um einen Regisseur, der subliminale Botschaften in seine Filme eingebaut hat, die so stark sind, dass sie sogar die Persönlichkeit des Ich-Erzählers nachhaltig verändern.
Aus der Traumaforschung weiß man, dass das Gehirn emotional nicht unterscheiden kann zwischen Bildern, die es nur gesehen hat und Situationen, die man tatsächlich erlebt hat.
Allerdings gehe ich davon aus, dass man als HorrorfilmkonsumentIn gelernt hat, sich von dem, was auf der Leinwand passiert, in einem gewissen Maß zu distanzieren.
Zumindest hoffe ich das für meine Zukunft.
Bigas Luna präsentiert uns keine eindeutigen Antworten. Das macht "Im Augenblick der Angst" definitiv interessant für ein aufgeschlossenes Publikum, das nicht gerne einen fixen Handlungsrahmen vorgegeben haben möchte, sondern Freude daran findet, eigene Überlegungen anzustellen und über das soeben Gesehene zu philosophieren.


Eine kleine Frau (Rubinstein) groß in Szene gesetzt


Als großer Fan der kleinwüchsigen Darstellerin Zelda Rubinstein (bekannt als das charismatische Medium Tangina Barrons aus Poltergeist) genieße ich besonders ihre Leinwandpräsenz. Unvergleichlich und absolut bemerkenswert ist auch Rubinsteins erstaunlich kräftige, sonore Stimme im Originalton.
Es ist bestimmt auch der Eindringlichkeit dieser Szenen und der Intensität ihrer Stimme geschuldet, dass eine meiner genre-affinen Lieblingsbands bei einem Song mehrere Samples aus einer der in "Im Augenblick der Angst" vorkommenden Hypnose Sitzungen verwendet.

Bigas Luna hat mit "Im Augenblick der Angst" nicht nur einen besonderen Genrefilm geschaffen, er zelebriert das Horror-Genre regelrecht.
Eine Kinoangestellte im Film liest ein Buch von Stephen King.
Ein italienisches Filmplakat von "Die Verfluchten" mit Vincent Price ist in einer Szene gut sichtbar, Lamberto Bavas "Demoni" könnte eine wichtige Inspiration für das Drehbuch gewesen sein.
Fans des italienischen Genrekinos dürfen sich über einen Kurzauftritt von Craig Hill (bekannt aus Blutiger Schatten oder Das Todeslied von Laramie) freuen.

"Im Augenblick der Angst" gehört aufgrund seines innovativen Drehbuchs eindeutig zu den qualitativ besseren Filmen der Achtziger Jahre. Er entstand in einer Zeit, in der viele (kommerzielle) Filmschaffende mit wenig professionellen DarstellerInnen lieblos 0815 Drehbücher abspulten oder einfach auf schnelles Geld, das sich vermeintlich mit dem Sequel eines bereits erfolgreichen Horrorfilms verdienen ließ, aus waren.
Obwohl sich Luna gängigen Klischees bedient und die Optik der Achtziger unverkennbar ist, hat er meiner Meinung nach einen zeitlosen Klassiker geschaffen.




Foto: DVD von Blue Underground