Sonntag, 27. Mai 2018

SPECIAL: LADY M. ZU BESUCH BEI LADY FRANKENSTEIN



Unsere Fahrt nach Balsorano


Als wir im Sommer 2012 zwei Wochen in den Abruzzen verbrachten und an einem Tag rund 400 Kilometer zurücklegten, um von unserem Urlaubsort am Meer einen Ausflug zum Schloss Piccolomini in Balsorano zu machen, wussten wir noch nicht, ob dieses überhaupt für die Öffentlichkeit zugänglich ist.
Und anfangs sah es auch ganz danach aus, als gäbe es keine Möglichkeit, mehr als ein paar Fotos aus der Ferne von dem beeindruckenden Bauwerk zu knipsen. Das Eingangstor war zu und niemand da. Also drehten wir ein paar Runden entlang der Außenmauern, wurden von einem kleinen orange farbenen Hund unfreundlich angebellt und wollten schon wieder zurück fahren.
Durch eine glückliche Fügung des Schicksals und weil wir vermutlich ziemlich bemitleidenswert gewirkt haben müssen, als wir vor den verschlossenen Toren herumgeschlichen sind, wurde ein Bekannter des Schloss-Verwalters auf uns aufmerksam. Dieser war mittlerweile gerade mit ein paar Arbeitern im Garten beschäftigt und wurde von seinem Amico herbei gewunken.
Und so wurden wir von einem netten und nach einem kleinen "Trinkgeld" bestens gelaunten Signore begrüßt, der uns eine Privatführung zuteil werden ließ. Ein bisschen im kühlen Schloss herumlaufen und Geschichten erzählen macht doch auch viel mehr Spaß als in der Sommerhitze im Garten mitzuhelfen...
Eigentlich war das folgende Foto nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, aber was soll's?


Absolut glücklich und stolz posierten wir wie die Irren vor den Zinnen


Wir waren im Vergleich zu aktuelleren Drehort-Besuchen nicht besonders gut vorbereitet. Das heißt, wir haben, entgegen unserer sonstigen Gewohnheit, vor unserem Urlaub keine Filme, die im Schloss gedreht wurden, angesehen.
Doch wer konnte im Jahre 2012 schon ahnen, dass ich jemals einen Blog betreiben und darauf auch noch Fotos unserer verrückten Location Touren veröffentlichen würde?

Bei "Lady Frankenstein" waren wir uns nie ganz sicher, ob er tatsächlich in diesem Schloss gedreht wurde. Einerseits, weil wir keine Quellen dazu gefunden haben und andererseits, weil die Qualität der uns damals vorliegenden TV Ausstrahlung nicht gut genug war, um alles klar zu erkennen.
Vor Kurzem hat der Geheimnisvolle Filmclub Buio Omega in Kooperation mit Anolis eine qualitativ hochwertige Veröffentlichung von "Lady Frankenstein" herausgegeben.
Entstanden ist aus diesem lange gehegten Projekt ein unglaublich umfangreiches Bundle aus Film und sonstigen Extras, das von Fans für Fans gemacht wurde und LiebhaberInnen des italienischen Kinos vergangener Zeiten garantiert begeistert.
Weil wir gerade frei haben (und wegen eines fiesen Muskelkaters) verbrachten wir nun die vergangenen Tage mit "Lady Frankenstein", diversen Interviews, unzähligen Filmtrailern und anderem unterhaltsamen Bonusmaterial größtenteils auf der Couch.
Manche Szenen und einige wichtige Details sind nun aufgrund der schönen Bildqualität der Edition "Hände weg!" besser erkennbar und ein Vergleich mit unseren Urlaubsfotos hat uns endgültig Gewissheit über den Drehort verschafft.

Wir dürfen nun mit Fug und Recht behaupten, dass "Lady Frankenstein" auf Schloss Balsorano gefilmt wurde und freuen uns wie die Schneekönige, dass wir damals die weite Fahrt auf uns genommen haben und euch heute hier in gewohnter Manier einen kleinen Drehort-Vergleich (wie immer Screenshots linksbündig) präsentieren können.


Das Schloss bei Nacht



Die Architektur ist unverkennbar


Mit einer Kutsche durch ein so schmales Tor?!



Das ist (wie man im Film sieht) kein einfaches Unterfangen



Um nicht zu sagen ein fast verrückter Plan, wie man
auf meinem Foto erkennt


Ankunft im Innenhof



Foto aus einem ähnlichen Winkel


Frankenstein und seine Tochter in den Gängen des Schlosses



Der Stil des Interieurs ist unverkennbar


Die Berglandschaft im Hintergrund dieser Szene...



... war ebenfalls ein wichtiger Hinweis auf den Drehort


Fast dieselbe Aufnahme im Film...



... wie auf dem Foto (siehe kleiner Balkon als Orientierungshilfe)


Für die Dreharbeiten wurden vermutlich im Innenhof zwei der drei Torbögen
mit Holzbrettern verkleidet





Kritischer Blick auf den Stall von Thomas (klingt das jetzt zweideutig?!?)



Wie man sieht, gibt es den "Stall" nämlich gar nicht


Sogar diese Szene wurde tatsächlich im Inneren des Schlosses aufgenommen



Man beachte das markante Ornament oben und den Sockel.
Das Größenverhältnis ist an den Sesseln erkennbar.


Auch im Verlies wurde gefilmt



Der Heizkörper wirkt etwas fehl am Platz





Die schweren eisernen Ketten stammen aus dem Mittelalter



... und befinden sich selbstverständlich immer noch dort


Die Kreatur "stürmt" das Schloss



.. und zwar genau durch diesen Torbogen, erkennbar
u.a. an den Zinnen im Hintergrund

Mittwoch, 23. Mai 2018

PARANOIA (1970)















PARANOIA

Italien, Frankreich, Spanien 1970
Regie: Umberto Lenzi
DarstellerInnen: Carroll Baker, Jean Sorel, Luis Dávila, Alberto Dalbés, Anna Proclemer, Hugo Blanco, Marina Coffa u.a.


Inhalt:
Rennfahrerin Helen folgt der Einladung ihres Exmannes Maurice in eine Villa am Meer.
Vor Ort erfährt sie, dass Maurice wieder verheiratet ist, und zwar mit der reichen Constance, die sich alle Mühe gibt, Freundschaft mit Helen zu schließen. Nach ein paar Tagen sind sich die beiden Damen einig – Maurice muss weg, dann sind alle glücklicher. Und so schmieden sie einen Mordplan. Da es an der Ausführung hapert, kommt es völlig anders als gedacht und plötzlich dreht sich alles um ein (unfreiwilliges) Mordkomplott, Lügen, Intrigen und so weiter...


Maurice - der Traum jeder Frau?!


Rennfahrerin Helen, etwas irritiert


Es ist auf den ersten Blick etwas schwer nachzuvollziehen, was die Damenwelt an Dandy Maurice (Jean Sorel, u.a. bekannt aus "Nackt über Leichen", "Malastrana") so umwerfend findet.
Etwa sein Hang zu extravaganten Farben bei seiner Kleidung (rosafarbene oder hellblaue Pullis und Kombinationen wie man es nur von einem Farbenblinden erwarten würde)? Vielleicht sein schmieriges selbstgefälliges Grinsen oder sein Narzissmus? Dass der Gute notorisch pleite ist und sich prinzipiell von seinen Frauen aushalten lässt? Wohl eher nicht!
Oder wäre es tatsächlich möglich, dass er – wie er von sich selbst behauptet – so gut im Bett ist, dass er sogar Frauen von Frigidität heilen kann?
Eines ist jedoch sicher. Maurice bringt das Blut von Frauen in Wallung und manchmal schlagen die Wogen von Begehren, Liebe, aber auch Hass (das soll ja alles ziemlich nahe beieinander liegen) so hoch, dass es für den Schönling sogar lebensgefährlich wird.
Immerhin hat Helen (Carroll Baker) vor der Trennung schon einmal mit einer Waffe vor seinem Gesicht rumgefuchtelt und Constance schmiedet in aller Heimlichkeit Pläne, wie sie ihren Mann um die Ecke bringen kann.
Die beiden Frauen sind sich bald einig, dass Maurice wie eine Droge ist. Er raubt ihnen den Verstand und macht sie willenlos und süchtig nach seiner Zuwendung.
Die einzig korrekte Schlussfolgerung und Rettung aus dieser Misere kann logischerweise nur sein, ihn zu töten. Zumindest für Constance, die Helen um Mithilfe bei ihrer Selbstbefreiungsaktion bittet.

Das Unterhaltsame an diesem liebenswerten Giallo sind neben der absolut dekadenten Gesellschaft, in der sich die ProtagonistInnen bewegen, die schrullig-verworrene Handlung und die Psycho-Spielchen zwischen Helen, Constance, Jean sowie der später auftauchenden erwachsenen Stieftochter.
Der Titel "Paranoia" wirkt nämlich auf den zweiten Blick gar nicht so verkehrt. Helen gerät in ein Katz und Maus Spiel zwischen Maurice und seiner Frau. Sie wird von beiden Seiten umgarnt und auch die Freunde des Ehepaars geizen nicht mit verbalen Anzüglichkeiten und zweideutigen Kommentaren. Irgendwie liegt ständig Spannung in der Luft.
Mit fortschreitender Laufzeit des Films häufen sich die nicht eindeutig interpretierbaren Blicke, die sich das unglückselige Dreiergespann Helen, Maurice und Constance zuwerfen. Es ist nicht klar vorherzusehen, wer jetzt gerade mit wem paktiert.
Besonders die Szene, in der Rennfahrerin Helen mit einem zunehmend blassen und nervösen Maurice auf dem Beifahrersitz im Sportwagen die schmale, kurvige und abschüssige Küstenstraße entlang rast und ihm trocken an den Kopf wirft, dass er sich keine Sorgen um sie machen muss, da ja immerhin er sich auf dem Todessitz befindet, treibt die (An-)Spannung, die permanent zwischen den Hauptpersonen des Films vorherrscht, auf die Spitze.
Als dann etwas später die Tochter Susan unverhofft in einem delikaten Moment auftaucht, werden die Karten im Intrigenspiel nochmal neu gemischt.

Alle, die noch keine Fans dieses Urlaubs-Krimis sind, könnte die jüngste Veröffentlichung des Labels X-Rated vielleicht etwas umstimmen.
Die eigens für die Veröffentlichung angefertigte deutsche Synchronisation passt nicht nur hervorragend zu der etwas hanebüchenen Geschichte, sondern verströmt auch etwas Flair der 70er Jahre Synchros.
Von den mittlerweile drei oder vier Sichtungen dieses Films hat die deutsche Fassung, die auf sympathische Weise in manchen Momenten ähnlich Banane ist wie die Handlung, bei mir jedenfalls für zusätzliches Amüsement gesorgt.

Wer nicht nur die Slasher-artigen italienischen Krimis mag, sondern sich auch für Gialli mit leiseren Tönen, gemächlicherem Tempo und Urlaubsatmosphäre begeistern kann, wird "Paranoia" bestimmt genießen. Vielleicht sogar stilvoll mit einem Glas J&B oder alternativ mit einem tatsächlich schmackhaften und trinkbaren (Long-)Drink. Selbstverständlich mit ganz vielen Eiswürfeln im Glas.




Foto: BD von X-Rated



Samstag, 12. Mai 2018

YOU WERE NEVER REALLY HERE (2017)
















A BEAUTIFUL DAY

Frankreich, USA 2017
Regie: Lynne Ramsay
DarstellerInnen: Joaquin Phoenix, Ekaterina Samsonov, Alessandra Nivola, Alex Manette, John Doman, Judith Roberts u.a.


Inhalt:
Ex-Soldat Joe, der mit seiner demenzkranken Mutter im gemeinsamen Haushalt lebt, erhält den Auftrag, die Tochter eines Senators aus einem Kinderbordell zu holen. Der Job entpuppt sich als weitaus gefährlicher als gedacht und markiert einen Wendepunkt im Leben Joes...


Joe (Phoenix). Sein Blick schweift oft ins Leere.


Joe mit der orientierungslosen Nina auf dem Weg zurück.


Das Rundherum
Ein denkwürdiger Kinobesuch an einem verregneten Feiertag


Wir schreiben den 10. Mai 2018, in Österreich Feiertag. Draußen ist es kühl und ungemütlich. Es regnet in Strömen.
Wir befinden uns an einem Ort, den wir normalerweise meiden, nämlich in einem Vergnügungstempel, der neben 8 Sälen und einem IMAX auch noch Bars, Gastronomiebetriebe und Spielautomaten beherbergt. Die 400 Parkplätze rund um dieses Event Center sind gut besetzt, das Publikum im Durchschnitt zwischen 18 und 25 Jahre alt. Wir stehen in einer großen Menschenmenge vor zwei Sälen, die sich in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem Asia Restaurant, einer Pizzeria sowie einer Shisha Bar und im selben Gang wie die Damentoilette befinden.
Wir hoffen, dass nicht alle Wartenden zu der Vorstellung von "A beautiful day" wollen. Und siehe da – beim Einlass sieht es so aus, als ob der Großteil der eben noch Popcorn schmatzenden und nach billigem Parfum und Schweiß stinkenden Menschen in das gegenüberliegende Kino trottet. Gut so.

Der große Saal ist dennoch vor allem in der oberen Hälfte dicht besetzt. Wir machen es uns in Reihe 8 so bequem wie möglich. Irgendwo hinter uns riecht es streng nach diesen eigenartigen Kino-Nachos, die von uns spöttisch als "Holzchips" bezeichnet werden und deren penetrantes geschmacksverstärktes Aroma (Knoblauch?) nur mit großen Mengen dieses künstlich schmeckenden Käse Dips mit der Konsistenz von flüssigem Plastik übertüncht zu ertragen ist. Ein unverkennbares Bouquet, das auch meist am nächsten Tag noch irgendwo festzusitzen scheint, wo die Zahnbürste nicht hinkommt.
In den nächsten 89 Minuten nehmen wir abseits des Geschehens auf der Leinwand ein eher verstört wirkendes Publikum wahr.
Der Mann neben mir bekommt bei manchen Szenen einen nervösen Reizhusten, die Jungs in der Reihe hinter uns bestätigen sich wiederholt gegenseitig, dass dies ein "Psycho-Film" ist.
Andere fragen ihren Sitznachbarn, ob er weiß, worum es geht. Ein älteres Paar verlässt im ersten Drittel des Films demonstrativ den Saal. Ratlose Blicke werden ausgetauscht, Köpfe zusammengesteckt und auf den Sitzen hin und her gerutscht. Offenbar besteht bei Vielen schon Diskussionsbedarf während des Films.
Wäre "A beautiful day" nicht so faszinierend und Aufmerksamkeit fordernd, hätte es mir große Freude bereitet, eine eineinhalbstündige Verhaltensstudie über die im Raum anwesenden Menschen zu machen.
Just als der Abspann beginnt und gleichzeitig das Licht angeht, springen fast alle wie von der Tarantel gestochen auf. Der Großteil scheint es überhaupt ziemlich eilig zu haben, aus dem Kino raus zu kommen.
Nach erstaunlich kurzer Zeit sitzen wir bei voller Beleuchtung ganz allein da und fühlen uns wie zwei Störenfriede während eine Kino Angestellte wie eine fleißige Hummel vor, neben und hinter uns von Sitz zu Sitz schwirrt, um Popcorn zu entfernen und Müll einzusammeln.
Der Abspann bietet neben dem treibenden Soundtrack im Stil der 80er noch Einblendungen von Gesprächen. Ein kleines Puzzleteil der Rahmenhandlung, das in dieser Form im Film nicht zu sehen bzw. hören war und für das sich das Sitzen bleiben lohnt. Wie eigentlich für jeden Abspann. Finden wir zumindest.


Der Film


Der Charakter Joe ist ein vom Leben innerlich und äußerlich deutlich gezeichneter Antiheld und doch wirkt er mit seiner omnipräsenten Aura von persönlicher Tragik wie eine personifizierte Steigerungsstufe von altbekannten Klischees. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob er der Bezeichnung "Antiheld" überhaupt gerecht wird.
Innere Dämonen verfolgen ihn und treiben ihn gleichzeitig an.
Joe leidet aller Wahrscheinlichkeit nach an einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung mit Intrusionen in Form von Flashbacks, Zwangshandlungen, einer latenten Suizidalität, Stimmungsschwankungen, Alpträumen, dissoziativen Zuständen, paranoiden Zügen, mangelnder Regulationsfähigkeit und unkontrollierten Wutausbrüchen bis hin zu Gewaltexzessen.
Er ist ein verletztes Kind, das aufgrund des Erleidens von massiver, wiederholter sadistischer Gewalt durch den eigenen Vater nie ein gesundes Selbstwertgefühl, geschweige denn so etwas wie ein Urvertrauen aufbauen konnte.
Er ist ein Erwachsener, der im Krieg nicht nur zivile Opfer, sondern auch den Glauben an die Menschheit begraben musste. Zusammen mit einem großen Spektrum seiner Emotionen. Geblieben ist nur eine unbändige Wut, nicht zuletzt auf sich selbst.
Joes Verhaltensweisen sind aufgrund seiner psychischen Störung für seine Umwelt (und wohl auch einen beachtlichen Teil des Publikums) nicht oder nur schwer nachvollziehbar.

Joaquin Phoenix gelingt es, all das authentisch zu verkörpern und absolut eindringlich darzustellen. Er dominiert die Leinwand.
Sein wuchtiger Körper und diese stahlblauen Augen mit dem verlorenen Blick, die aus dem von einem weißgrauen Bart bewucherten Gesicht hervorstechen, erzeugen ambivalente Gefühle.
Man kann und will und darf ihn nicht (ganz) bewundern. Aber genauso wenig bemitleiden.
Und trotz alldem geht eine befremdliche Faszination von ihm aus, wenn er mit seinem Hammer mit dem Gütesiegel "Made in America" loszieht und mit roher Gewalt Pädophile, deren Helfershelfer und alle beseitigt, die ihm (vermeintlich) in die Quere kommen.
Die schicksalhafte Begegnung mit der minderjährigen Tochter des Senators (gespielt von dem russisch-amerikanischen Model Ekaterina Samsonov), die selbst schwer traumatisiert ist, gibt seinem tristen Dasein eine andere, neue Richtung. Er übernimmt Verantwortung für das Mädchen. Zumindest im Rahmen seiner begrenzten Möglichkeiten.
Doch die Männer, die Nina unbedingt als Sexualobjekt behalten wollen, sind mächtig, skrupellos und voller zerstörerischer Energie. Schnell wird klar, dass es ein harter Kampf werden wird. Für alle Beteiligten.


Joe tut, was er tun muss


Lynne Ramsay bringt es zustande, die etwas klischeehaft anmutende Geschichte durch ungewöhnliche Schnitte, geschickt arrangierte Perspektivenwechsel und gezielte Ausblendungen mancher Gewaltspitzen in einer Form zu präsentieren, die sich oft einer eindeutigen inhaltlichen Interpretation entzieht.
Joes Vergangenheit wird in kurzen fragmentierten Bildern (Flashbacks) angedeutet, was Film-KritikerInnen augenscheinlich zu völlig unterschiedlichen Deutungen mancher Begebenheiten motiviert.
In manche Sequenzen werden für die Handlung potentiell erklärende Teile von der Kamera bewusst abgeschnitten und befinden sich somit außerhalb des Bildrahmens. Dadurch zwingt die Regisseurin das Publikum, unterstützt von einer entsprechenden Soundkulisse, zum Vervollständigen der Szene vor dem inneren Auge. Ähnlich wie bei Hitchcocks "Psycho" (von dem es im Film eine schöne Hommage gibt) oder "The Texas Chainsaw Massacre" gibt es bewusste Auslassungen.
Die Regisseurin spielt mit Erwartungshaltungen und fordert unser Vorstellungsvermögen heraus.
Das, was Joe widerfahren ist, dass er zu viel gesehen hat, bleibt uns im Kinosessel erspart.
Trostlosigkeit ist ein besonders dominantes Thema in "A beautiful day".
Dies gilt nicht nur für die Aufnahmen von Innenräumen oder der Stadt sondern auch für die verletzte Psyche von Joe und Nina.

"A beautiful day" ist ein fordernder Film. Sowohl was Aufmerksamkeit als auch Vorstellungskraft betrifft.
Die Soundkulisse, die manchmal mithilfe von Lautstärke oder Penetranz Joes eigene Reizüberflutung andeutet, wirkt ebenso dominant und unangepasst wie der Soundtrack (der zum Teil aus der Feder von Radiohead-Mitglieds Jonny Greenwood stammt).
Es ist kein Film, dem es nur um billige Schocks und blutige Effekte geht.
Dafür hält er gerade dort gnadenlos drauf, wo wir nicht gerne hinsehen – auf die Abgründe der menschlichen Psyche, die Perversionen, die nach wie vor riesigen gesellschaftlichen Tabus. Die Kamera streift quasi die dunkelsten und verborgensten Ecken der menschlichen Zivilisation.

Besser als Lynne Ramsay selbst kann man es nicht auf den Punkt bringen:
"(…) Aber mir ist es auch wichtig, dass meine Filme weiter im Kino zu sehen sind, ein Computermonitor würde "A Beautiful Day" einfach nicht gerecht werden.
Er ist ein Trip, auf den man sich einlassen muss."
(Zitat aus einem Interview mit der Regisseurin, erschienen auf "Tagesspiegel Online" in der Fassung vom 25.04.2018)