Geisterdorf

Geisterdorf
Italien März 17

Sonntag, 2. November 2014

PAURA NELLA CITTA' DEI MORTI VIVENTI (1980)














EIN ZOMBIE HING AM GLOCKENSEIL
Italien 1980
Regie: Lucio Fulci
DarstellerInnen: Christopher George, Catriona MacColl, Carlo de Mejo, Antonella Interlenghi, Giovanni Lombardo Radice, Venantino Venantini, Luca Venantini, Michele Soavi, Luciano Rossi, Janet Agren u.a.


Inhalt:
Die arme Mary Woodhouse hat während einer Seance nicht nur eine gruselige Vision von einem erhängten Priester, sondern fällt direkt aus ihrer Trance auch noch in eine Art Koma. Sie wird für tot gehalten, begraben und zum Glück vom neugierigen Reporter Peter Bell gerettet.
Gemeinsam wollen sie den Untergang der Welt aufhalten. Denn der Priester hat mit seinem Suizid die Pforten zur Hölle geöffnet und an Allerheiligen sollen die Untoten aus ihren Gräbern strömen.
Der Weg der beiden führt in das kleine Dorf Dunwich, das angeblich auf den Grundmauern der Hexenstadt Salem erbaut worden sein soll.
Dort treffen sie auf den Psychoanalytiker Gerry und seine Klientin Sandra, die bereits Bekanntschaft mit den ersten Zombies gemacht haben. Mit vereinten Kräften versuchen sie nun, der Lage in Dunwich Herr zu werden.
Doch gibt es tatsächlich eine Chance, das Ende der Welt aufzuhalten?


Wiederauferstanden - Mary (MacColl)


Vom Schicksal gebeutelt: John-John (L. Venantini)


Über Lucio Fulci und seine Filme muss ich an dieser Stelle wohl nicht viele Worte verlieren.
LiebhaberInnen der Werke des umstrittenen Regisseurs werden seine genialen Gialli, seine hervorragenden Western, seine radikalen Horrorfilme und wahrscheinlich sogar seine Trash-Granaten bekannt sein.
Fulci hat schon immer stark polarisiert, er wird auch heute noch entweder geliebt oder gehasst.
Seinen Bekanntheitsgrad im deutschsprachigen Raum hat er nicht nur seinen Splatter-Filmen, sondern vor allem dem Umgang mit seinen Werken zu verdanken. Diese wurden nämlich nicht nur indiziert und beschlagnahmt, sondern auch in der Öffentlichkeit verteufelt (siehe auch im TV-Bericht "Mama, Papa, Zombie").

"Ein Zombie hing am Glockenseil" ist der erste Teil der sogenannten "Gates of Hell-Trilogie". Im Jahr 1981 folgten schließlich "Über dem Jenseits" und "Das Haus an der Friedhofmauer".
Fulci hat bei diesen Filmen Anleihen aus der Lovecraft-Mythologie frech und unkonventionell mit Splattereinlagen aufgepeppt und jedem der drei Werke eine ganz besondere Atmosphäre verliehen.

"Ein Zombie..." kommt ohne lange Umschweife gleich direkt zur Sache. Die erste Sequenz des Films zeigt die Séance, bei der Mary (beinahe) zu Grunde geht, jedenfalls auf dem Boden landet und nicht mehr aufsteht. Vorerst zumindest.
Ganz konsequent hält der Film seine bedrohliche Atmosphäre aufrecht. Es gibt keine langatmig erzählten Nebenhandlungen und nur wenige Tageslichtszenen – und wenn dann sind diese entweder vernebelt oder es werden darin unheilschwangere verbale Prophezeiungen à la "I saw a priest, who by hanging himself, opened the gates of hell." zum Besten gegeben.
Und wenn man denkt, jetzt sitzen ein paar Erwachsene halbwegs gemütlich beisammen (durchatmen!), reißt wie von Geisterhand geführt plötzlich ein Fenster auf und es werden (laut deutscher Synchro) "Leichen-Würmer" herein geweht, die den ProtagonistInnen ins Gesicht klatschen und sich in ihren Haaren einnisten.
In "Ein Zombie hing am Glockenseil" geht wahrlich die Post ab.
Zombies quetschen mit Vorliebe Gehirne aus den Hinterköpfen ihrer Opfer, der psychisch gestörte Bob (Giovanni Lombardo Radice) wird mithilfe einer Bohrmaschine massakriert und eine junge Dame kotzt sich on-screen ihre eigenen Gedärme auf den Schoß.
Trotz über die Jahre hinweg wiederholter Sichtung des Films verfehlen bei mir die Gore-Szenen ihre Wirkung nie und die Grundstimmung von "Ein Zombie hing am Glockenseil" fesselt und fasziniert mich jedes Mal auf's Neue.

Die Zombies, die im klassischen Sinn gar keine sind, zumindest augenscheinlich keine Untoten mit besonders großem Appetit auf Menschenfleisch, sehen mit ihren eitrig-blutig-glitschigen Gesichtern wirklich zum Fürchten aus.
Maskenbildner Gino de Rossi, der sein Talent für Splatter-Effekte mit besonders hohem Ekelfaktor bereits in "Woodoo" unter Beweis stellte, hat SFX von unvergleichlichem Charme kreiert, die auch nach beinahe 35 Jahren noch prächtig funktionieren.

Wie befreit man eine lebendig begrabene Frau aus ihrem Sarg?
- Willst du ein wahrer Held sein, tu es mit einer Spitzhacke!


Die Handlung ist nicht nur düster und unheilvoll. Einige Szenen sind trotz effektvoller Inszenierung nämlich auch zum Schmunzeln. Legendär, auf welche Art Peter die arme Mary aus dem Sarg rettet: wie ein wild gewordener Berserker schlägt er mit der Spitzhacke voller Wucht auf den Sargdeckel und verfehlt dabei mehrfach Marys Kopf nur um Haaresbreite. Es hätte zweifelsohne auch eine sanftere Methode für seine Rettungsaktion gegeben. Allerdings wäre diese bestimmt nicht so bemerkenswert und einprägsam gewesen.
Auch Father Thomas hängt diversen Menschen im wahrsten Sinne des Wortes an unterschiedlichen Schauplätzen vor der Nase rum und verschwindet dann sang- und klanglos ebenso plötzlich, wie er aufgetaucht ist.
Ebenfalls ein Beispiel für die dem Film eigene kuriose und kultige Mischung zwischen Grusel- und Schmunzel-Atmosphäre.

In den Hauptrollen sehen wir den amerikanischen Serien-Darsteller Christopher George als schmierig-sympathischen Reporter Peter Bell und die (bis auf ihre etwas gelblichen Zähne) hübsche Catriona MacColl als Mary, das Mädchen mit der geheimnisvollen Aura und dem Hang zu Übernatürlichem.
Carlo de Mejo ("Astaron – Brut des Schreckens"), verkörpert wohl Fulcis Vorstellung eines Psychoanalytikers, wenn er vollbärtig im pastellfarbenen Strickjäckchen herumläuft und ein besonders enges Verhältnis zu seinen Klientinnen, zumindest zur neurotischen Künstlerin Sandra (Janet Agren), hat.
Überhaupt ist die Auswahl der DarstellerInen eine wahre Freude – neben dem immer etwas irre wirkenden Giovanni Lombardo Radice (auch cool in "Asphalt-Kannibalen") sehen wir den italienischen Kultregisseur Michele Soavi (Regisseur von "Dellamorte Dellamore"), den kultigen Nebendarsteller Luciano Rossi ("Death walks at midnight" - Hans Krutzer forever!) als Polizisten und Fabrizio Jovine ("Goodbye und Amen", "Das Syndikat des Grauens") in der Rolle des Father Thomas.
Der italienische Schauspieler Venantino Venantini ("Bandidos") verschafft uns in "Ein Zombie hing am Glockenseil" einen, sagen wir mal besonders denkwürdigen Moment und brachte seinen Sohn Luca (damals 10-jährig) mit ans Filmset, der den herzigen, aber erbärmlich verängstigten John-John mimte. Der Kleine kann einem ziemlich leid tun, wie er so von einer traumatisierenden Situation zur nächsten stolpert. Im Gegensatz zum fischmündigen Kinderdarsteller in "Das Haus an der Friedhofmauer", bei dem ich mir in der berühmten Axt-Szene ein schadenfrohes Lächeln nun wirklich nie verkneifen kann, entfacht der niedliche John-John mein Mitgefühl.

Eines der absoluten Highlights und das berühmte "i-Tüpfelchen", das den morbiden und apokalyptischen Tenor des Films ungemein verstärkt, ist zweifelsohne der Soundtrack von Fabio Frizzi. Das tickende Metronomgeräusch, die Synthie-Kläge und die Choral-artigen Gesänge hallen auch nach dem Abspann irgendwo in den Windungen zwischen Ohren und Gehirn noch nach.
Genauso wie die eigenartige Schluss-Szene, die in der letzten Sekunde ein vermeintliches Happy-End ordentlich versaut.

"Ich schmeiss mich mal schnell in den Wagen!"

Therapeut mit Helfersyndrom zu seiner Klientin am Telefon

Ich sehe "Ein Zombie hing am Glockenseil" grundsätzlich in englischer Sprache an.
Die deutsche Synchronisation ist toll und ich möchte sie wirklich nicht missen. Sie verleiht dem Film einen herrlich derben Charme und ich sehe sie als ein unverzichtbares zeitgeschichtliches Dokument.
Dennoch empfehle ich eindringlich, den Film zumindest ein einziges Mal in OT anzusehen, da er so wesentlich ernsthafter und düsterer wirkt.

"Ein Zombie hing am Glockenseil" ist ein Film, der für mich in erster Linie auf der emotionalen und unbewussten (psychologischen) Ebene durch seine Bilder und durch die Filmmusik funktioniert. Über die rationale Ebene kann man in der Tat streiten, nachzulesen überall im World Wide Web...

Gibt es einen perfekteren Tag für den Genuss Lucio Fulcis apokalyptischen Nachtmahrs als Allerheiligen?
Ich glaube nicht!




Foto: Astro, Laser Paradise, NoShame IT, XT, Blue Underground, XT Media Book


Echte Fanatiker müssen sie alle haben!

Foto: "Creepy Images" Ausgabe mit dem deutschen Foto-Aushangsatz




Foto: Soundtrack



als Zugabe mit dem OST von
"Das Leichenhaus der lebenden Toten"

Plattencover



Trailer (aus dem Archiv von Italo-Cinema)