Samstag, 28. Juni 2014

UNA LUCERTOLA CON LA PELLE DI DONNA (1971)














A LIZARD IN A WOMAN'S SKIN
Frankreich, Italien, Spanien 1971
Regie: Lucio Fulci
DarstellerInnen: Florinda Bolkan, Stanley Baker, Jean Sorel, Silvia Monti, Alberto de Mendoza u.a.


Inhalt
Die etwas biedere und frustrierte Carol Hammond, Tochter eines angesehenen Politikers, leidet unter immer wiederkehrenden erotischen Träumen, in denen sie ein Verhältnis mit ihrer freizügigen Nachbarin Julia Durer hat. Da sie das zügellose und unkonventionelle Leben der Orgien feiernden Durer als verheiratete Frau und brave Tochter aus gut bürgerlichem Hause (wie es sich gehört) verachtet, versucht sie mithilfe ihres Psychoanalytikers Dr. Kerr den Grund für die nächtlichen Fantasie-Eskapaden ihres Unbewussten herauszufinden und diese auch wenn möglich zu beseitigen.
Doch als sie sich schließlich nach einem Traum, in dem sie ihre verhasste Nachbarin tötet, von ihrer Obsession befreit wähnt, scheint der Albtraum im wahren Leben erst zu beginnen.
Julia Durer wurde nämlich tatsächlich ermordet. Und erdrückend viele Indizien weisen darauf hin, dass Carol selbst die Mörderin sein könnte.
Hat sie Julia Durer tatsächlich umgebracht und kann sich nur nicht mehr klar daran erinnern? Ist es eine Verschwörung? Geht es um Erpressung? Welche Rolle spielen die Hippies, die im Traum und in der Realität immer wieder auftauchen?
Inspektor Corvin und Carols Vater begeben sich auf Spurensuche. Offensichtlich ist der Fall nicht so eindeutig, wie er auf den ersten Blick erscheinen mag...


Traum oder Realität?


Jean Sorel, künstlich gealtert


Der berühmt-berüchtigte Regisseur Lucio Fulci, in vielen Kreisen vor allem beziehungsweise ausschließlich durch seine blutrünstigen Horrorfilme ("Ein Zombie hing am Glockenseil", "Woodoo - Die Schreckensinsel der Zombies" oder "Über dem Jenseits") bekannt, zeigt sich für mehrere besonders gehaltvolle und qualitativ von der Masse hervorstechende Gialli verantwortlich, u.a. "Non si sevizia un paperino" und "Una lucertola con la pelle di donna".
Beide sind kurz hintereinander entstanden und in beiden spielt die brasilianische Schauspielerin Florinda Bolkan eine wichtige Rolle.

Wie kaum ein anderer Vertreter des Giallo Genres verliert "Una lucertola con la pelle di donna" auch beim mehrmaligen Genuss nicht an Wirkung. Die Gründe dafür sind wohl vor allem in der Ästhetik (mit Liebe zum Detail), der Besetzung (Florina Bolkan und Jean Sorel) und der Story an sich zu finden.

Gleich zu Beginn startet der Film mit einer Traumsequenz, die ästhetisch perfekt ist. Bereits in den ersten Szenen fällt auf, dass die Farbe Rot und Farben im Allgemeinen als Stilmittel eine große Rolle spielen.
Während die Sequenzen in der Wohnung der Hammonds bis auf einige bewusst gesetzte Rot-Akzente sehr blass, farblos und öde wirken, erscheinen die Drogen und Sex-Orgien in der Wohnung Durers wie ein Feuerwerk an Farben.

Die psychologische Ebene wird durch die vorherrschenden Farben ins Bildhafte übersetzt. Auf der einen Seite das Wilde, Triebhafte und die sexuell aufgeladene Stimmung. Auf der anderen Seite Julias Wohnung - gedämpft, belanglos und voller unterdrückter (homoerotischer) Impulse, dargestellt durch die roten Gegenstände.
Siegmund Freud hätte seinen Spaß mit dem Film gehabt, nicht nur wegen dem unverkennbaren intrapsychischen Widerstreit zwischen Libido und Thanatos, sondern auch wegen den sich bietenden Gelegenheiten zur Traumdeutung.

Die abwechslungsreichen Kameraeinstellungen sind ebenfalls sehr lobend zu erwähnen. Erfreulich erfrischend sind nicht nur die stimmigen Wechsel zwischen den Perspektiven, sondern auch ganz außergewöhnliche Blickwinkel (im wahrsten Sinne des Wortes): während Carol mit dem Inspektor redet, zoomt die Kamera so weit an ihr Auge, bis man den sich in ihrer Pupille spiegelnden Polizisten sehen kann. Grandios.
Fulcis altbekanntes Augen-Faible kommt eben nicht nur in Holzsplitter-Szenen oder seinen Horrorfilmen durch.

Die Effekte sind wahrlich von hoher Güteklasse. Hier war eben der große Meister Carlo Rambaldi (auch Maskenbildner in: "Femina Ridens" und "Profondo Rosso") am Werk. Neben einigen imponierenden und verstörenden Szenen (Stichwort: Hunde!), in der Rambaldi sein handwerkliches Können unter Beweis stellt, imponiert vor allem auch die sehr realistisch wirkende Szene, in der Carol von Fledermäusen angegriffen wird.
Was wäre wohl aus "Das Haus an der Friedhofmauer" geworden, wenn Fulci anstatt des unförmig adipös wirkenden kleinen Blutsaugers aus dem Keller eine "Rambaldi-Fledermaus" zur Verfügung gehabt hätte?
Aber zurück zum Thema. Auch oder gerade beim wiederholten Ansehen fallen bei "Una lucertola con la pelle di donna" immer wieder neue Bild- und Farbkompositionen auf. Ein Zeichen für die optische Qualität des Films.

Florinda Bolkan (u.a. "Non si sevizia un paperino", "Spuren auf dem Mond", "Flavia, Leidensweg einer Nonne") ist von unverwechselbarer exotischer Schönheit, kein beliebig aussehendes "Püppchen", sondern eine Schauspielerin mit viel Charisma. Eine Diva, die vor allem die Rolle der etwas verstörten am Leben verzweifelten und/oder verwirrten Frau sehr gut beherrscht.
Die Rolle der exzessliebenden Julia Durer passt gut zu Anita Strindberg ("The Child - Die Stadt wird zum Alptraum") und ihren aufgemotzten Brüsten (korrekterweise als "Implantate" zu bezeichnen), die in diesem Film fast eine eigene kleine Rolle zu spielen scheinen.
Die Hippies sehen einfach nur faszinierend aus.


Geheimnisvoller Hippie


Der stets routiniert wirkende Alberto de Mendoza ("Der Killer von Wien") ist eine gut gewählte Besetzung für die Rolle des Inspektor Corvin.
Einzig Jean Sorel ("Malastrana", "Der unerbittliche Vollstrecker") wirkt trotz des offensichtlichen Bemühens, ihn etwas älter und verstaubt wirken zu lassen, für seine Rolle etwas zu jung (...oder seine Tochter zu alt?). Fällt zwar auf, ist aber schlussendlich nicht so wichtig. Wer bei einem solchen Film nach Realismus schreit und/oder sich auf die Suche nach Fehlern in der Geschichte etc. begibt, sollte ohnehin besser die Finger von Genrefilmen der 60er und 70er lassen. "Schmunzeln und genießen" ist hier nämlich die Devise.

Zum Drehbuch: Danke, Lucio. Kein 0815-Giallo-Skript mit ermüdenden 20 Wendungen (Der Mörder ist der Politiker. Nein, doch der Pfarrer. Nein, doch die Haushälterin des Pfarrers. Nein, doch das uneheliche Kind des Exmanns der Haushälterin. Nein, doch der bucklige Schulwart...), sondern eine recht stringente Storyline.
Der ein oder andere "rote Hering" wird im Laufe der Erzählung natürlich ausgelegt. Aber aufgrund der spärlich gestreuten Informationen kann man sich wirklich bis zum Ende nie ganz sicher sein, wer hinter dem Verbrechen steckt und wer welche Rolle spielt.

Lieblingsdialog (Inspektor Corvin zu seinem Kollegen):
"Ransak the city, Brandon. Check out every man with red hair. Don't let anyone slip through. Not even it is the Prince of Wales, right?"
-"Ok, Sam. Good thing we're not in Ireland!"

"Una lucertola..." ist ohne Zweifel ein Glanzstück des Giallo-Genres mit Florinda Bolkan in Top-Form, einem intelligenten Drehbuch, stylischen Hippies, einem der besten Soundtracks von Ennio Morricone, einer Prise Blut und Gedärm und Spannung bis zur letzten Minute.

Für Giallo-Fans und solche, die es werden wollen, Pflicht-Programm. Bisher nicht auf Deutsch erschienen. Denen, die nicht darauf warten wollen und die der italienischen oder englischen Sprache mächtig sind, sei die DVD von "Studio Canal Optimum" wärmstens empfohlen.




Foto: DVDs von Shriekshow und Studio Canal Optimum




Foto: Blu Ray VÖ von Le Chat qui fume





Foto: Soundtrack