Sonntag, 14. Juli 2019

LINK (1986)














LINK, DER BUTLER

GB, USA 1986
Regie: Richard Franklin
DarstellerInnen: Elisabeth Shue, Terence Stamp, Steven Pinner, Richard Garnett, David O'Hara, Joe Belcher, Linus Roache u.a.

Inhalt:
Die amerikanische Zoologiestudentin Jane macht fernab der Zivilisation ein Praktikum bei Professor Dr. Phillip, der auf seinem schottischen Landsitz Studien über Affen betreibt. Als der gute Professor von einem Moment auf den anderen spurlos verschwindet und der sich gerne als Hausbutler und Familienmitglied präsentierende Affe Link zunehmend bedrohlich verhält, gerät Jane in Panik...


Link, wenn er nicht gut drauf ist


Exzentrischer Prof (Stamp) und naive Studentin (Shue)


Es gibt einige Filme, die seit meiner frühen Kindheit zu treuen cineastischen Begleitern durch mein Leben geworden sind und bei denen meine Texte unweigerlich autobiographische Züge annehmen.
Wenn ich "Link, der Butler" ansehe, fühle ich mich manchmal wieder wie das kleine Mädchen von damals, das mit seinem Großvater auf der Couch sitzt und den Nervenkitzel, den der Film hervorruft, genießt.
Mein lieber Opa, der mich einige Zeit auch bei meiner cineastischen Sozialisation begleitete, handhabte es immer so, dass er einen Film für seine gruselfanatische Enkelin aussuchte und auf Video aufnahm. Dann schaute er ihn zuerst allein an, um zu entscheiden, ob er mir gewisse Szenen zumuten wollte oder konnte.
Diese Praxis führte unter Anderem dazu, dass ich eine Aufnahme von "American Werewolf" auf Kassette hatte, in der man sowohl bei der Dusch-Sex-Szene von David und der Krankenschwester Alex als auch bei der Szene im Pornokino nur den Ton (Stöhnen und Musik) hörte, aber kein Bild sehen konnte. Alles mit Blut, die Zerfleischungsszenen oder wie der Werwolf dem Kommissar den Kopf abbeißt, war aber ungekürzt. Diese Absurdität amüsiert mich heute noch manchmal.
"Link" war zusammen mit Hitchcocks "Die Vögel" mein etwa zeitgleich stattfindender erster Ausflug in die Welt des Tier-Horrors, bei dem ich irgendwas zwischen 8 und 10 Jahre alt gewesen sein dürfte.
Wie ich heute weiß, gibt es sogar eine Verbindung zwischen den beiden Filmen. Denn sowohl beim Affen-Thriller als auch beim Vogel-Horror war Ray Berwick, einer der herausragendsten Dresseure Hollywoods, für die bzw. mit den animalischen ProtagonistInnen im Einsatz.

Nachdem mein Großvater nun also entschieden hatte, ob der Film für mich geeignet ist (glücklicherweise traute er mir immer viel Abstraktionsvermögen zu), folgte eine gemeinsame Sichtung, bei der er (wie ich erst später verstanden habe) meine Reaktion auf das Gezeigte genau beobachtete. Dabei erläuterte er mir ab und an auch interessante (lebenspraktische) Dinge, von denen ich damals nebst vielen banalen Infos am spannendsten fand wie man einen Molotow Cocktail baut und woher der Name stammt (anhand "Critters – sie sind da") oder dass man mit einer Schrotflinte tatsächlich durch eine Holztür schießen kann (in "Link, der Butler" zu sehen). Praxiswissen eines ehemaligen Fremdenlegionärs eben.

Wenn mir etwas gefällt, werde ich zur Wiederholungstäterin, weswegen ich einige meiner Lieblings-Genrefilme aus dieser Zeit heute noch zu weiten Teilen auswendig kann.
Durch die nostalgisch getönte Brille betrachtet, ist "Link, der Butler" immer noch ein bemerkenswert guter Thriller.
Terence Stamp mimt den kauzigen Professor, der von seiner Familie verlassen wurde und seine Zeit in erster Linie in der abgelegenen Wildnis Schottlands mit dressierten Affen verbringt, ebenso enthusiastisch und authentisch wie Elizabeth Shue die etwas einfach gestrickte Amerikanerin Jane Chase.
Unsere liebe Janie, die zwar Zoologie studiert, doch Dr. Phillip auf seine Frage, ob sie kochen und putzen kann allen Ernstes und mit ehrlicher Entrüstung antwortet, das sei ihr als Frau doch in die Wiege gelegt und die der Meinung ist, dass man den Schimpansen Imp (trotz klaren Anweisungen und Verhaltensregeln des Profs) wie ihre Babysitting-Schützlinge behandeln muss, ist für meinen Geschmack das größte Manko an der Geschichte.


Das Anwesen Dr. Phillips


Das Grundgerüst des Thrillers baut auf die Abgeschiedenheit von der menschlichen Zivilisation, das Zusammenleben mit unberechenbaren und potentiell gefährlichen Tieren und einem ebenso unberechenbaren verrückten Akademiker.
Alle Aufnahmen mit den nicht menschlichen Stars dieses Films mussten im Studio nachgedreht werden und zum Leidwesen von Regisseur Franklin bis zum Erbrechen wiederholt werden, damit schlussendlich ausreichend gutes Material für die Schnitte zur Verfügung stand. Der Dreh selbst soll einigen Zitaten von Mitwirkenden zufolge niemandem besonders Spaß gemacht haben, wobei ich von den Affen nirgendwo ein Statement finden konnte. Und wenn die sich äußern könnten, würden sie bestimmt auch kundtun, dass sie nicht besonders erpicht auf ihre Rollen waren.
Der Orang-Utan Locke, der Link spielte, musste bestimmt Einiges über sich ergehen lassen, damit man ihm mit seinem rasierten und gefärbten Fell und den Ohr-Prothesen ein schimpansenartiges Aussehen verleihen konnte.


Janie denkt, Affen behandelt man am besten wie Babies


Die Gefahren von Verniedlichung und Vermenschlichung von Tieren, auch wenn sie uns in manchen Dingen ähnlich sind und unsere Verhaltensweisen imitieren sowie die Frage von artgerechter Tierhaltung und Tierversuchen werden leider nur oberflächlich angekratzt.
Das kritische und philosophische Potential des Films rückt zugunsten der Actionszenen deutlich in den Hintergrund. Auch der chronologische Ablauf mancher Sequenzen erweckt bisweilen den Anschein, als hätten sich die Verantwortlichen ab und an irgendwie verzettelt.

Dennoch ist "Link, der Butler" ungemein kurzweilig und unterhaltsam. Natürlich wegen des titelgebenden Orang-Utans Link. Link, der Meister des Feuers, ist ein ehemaliger Zirkusaffe, der schon lange beim Professor lebt, angeblich gerne Butler Kleidung trägt und gelernt hat, wie man Streichhölzer anzündet und Zigarren raucht.
Er, der jüngere Schimpanse Imp ("Er liebt Katzen." "Warum kaufen Sie ihm keine?" "Weil er sie frisst."), der sein Kindchen Schema sehr gut zu nutzen weiß, es in Wirklichkeit aber faustdick hinter den Ohren hat und die schwer kontrollierbare Schimpansin Voodoo sind die eigentlichen Attraktionen und Stars des Films.
Doch ohne den fulminanten Soundtrack des Oscar prämierten Meisterkomponisten Jerry Goldsmith ("Das Omen", "Poltergeist") wäre "Link, der Butler" nur halb so effektiv. Meiner Meinung nach gehören auch die Stücke für diesen Film zu dem Besten, was Goldsmith je komponiert hat.
Da "Link, der Butler" jedoch nie einen höheren Bekanntheitsgrad erlangte, wurde seine Leistung auch nicht entsprechend honoriert.


Schöne schottische Landschaft


Die für mich untrennbar mit dem Film verknüpfte deutsche Synchronisation ist im direkten Vergleich mit dem Original äußerst lebendig und stimmig und sogar etwas humorvoller und dramatischer als der Originalton. Doch leider existiert bis dato keine deutschsprachige Veröffentlichung in guter Qualität, weshalb ich nun auf die Blu Ray von Kino Lorber zurückgreifen musste.
Mit der schönen Bildqualität kommen nicht nur die ästhetischen Landschaftsaufnahmen, sondern auch die kunstvollen Kamerafahrten und nicht zuletzt die Linsen, die für die Aufnahmen aus "Affen-Perspektive" gewählt wurden, hervorragend zur Geltung.
Und auch die allerletzte Einstellung des Films, die dem vermeintlichen Happy End eine zynische und zugleich augenzwinkernde Nuance verleiht, ist endlich ganz deutlich erkennbar.

"Link, der Butler" ist meiner Meinung nach ein zeitloser und immer noch zu wenig gewürdigter Klassiker des sich tendenziell in B- und C-Movie Gefielden dümpelnden Tierhorror Genres, von dem er sich aufgrund seiner hervorragenden stilistischen Qualität und Ästhetik und dem virtuosen Soundtrack deutlich abhebt.




Foto: Blu Ray von Kino Lorber



Sonntag, 30. Juni 2019

PERCHE' QUELLE STRANE GOCCE DI SANGUE SUL CORPO DI JENNIFER? (1972)














DAS GEHEIMNIS DER BLUTIGEN LILIE

Italien 1972
Regie: Giuliano Carnimeo
DarstellerInnen: Edwige Fenech, George Hilton, Paola Quattrini, Giampiero Albertini, Franco Agostini, George Rigaud u.a.

Inhalt:
In einem Hochaus werden nach und nach Mieterinnen ermordet. Alles deutet auf einen Serienkiller hin. Kommissar Encis Ermittlungen gestalten sich als mühsam bis er Hilfe von dem Fotomodell Jennifer erhält...


Architekt Andrea (Hilton)


Verängstigte Jennifer (Fenech)


Wenn es draußen lange hell ist und sommerliche Temperaturen herrschen, ist im Schattenlichter-Heimkino eher etwas weniger Betrieb. Es gibt Filme, die ich nie im Sommer ansehen würde – zum Beispiel "Die drei Gesichter der Furcht", "Wenn die Gondeln Trauer tragen", oder klassische Winter-Filme wie "The Shining" und "Leichen pflastern seinen Weg".
Tierhorror und Filme, die auf Inseln oder generell im Sommer spielen sind bei uns hingegen zwischen Juni und Oktober meist ganz hoch im Kurs. Und natürlich Thriller aus Italien.
Besonders die Kategorie von Giallo, die in brütend heißen Metropolen spielt oder diverse Urlaubsdestinationen auf vergnügliche Weise schön in Szene setzt.

Empfehlen kann man "Das Geheimnis der blutigen Lilie" freilich nur hart gesottenen Genre-FreundInnen. Für gut gelaunte Gemüter, die sich cineastisch gerne auch mal sanft auf den Wogen der Trivialität hin und her wiegen lassen, braucht es kein schlüssiges Drehbuch oder eine besonders aufwändige Inszenierung.
Jedem und jeder, der gerne der attraktiven Edwige Fenech dabei zusieht, wie sie sich nackt auf dem Boden liegend mit Lilien bewerfen lässt, mit Body Painting Trikot auf einem Motorrad herumrutscht oder sich mit George Hilton auf einem flauschigen Teppich räkelt, wird Carnimeos frivoles Filmchen Freude bereiten.
Wirr, bizarr, überdreht und äußerst kurzweilig ist dieser Giallo von Italowestern Regisseur Carnimeo. So als hätte er "A lizard in a woman's skin", "Der Killer von Wien" und einige andere Gialli gesehen und sich gedacht "so mache ich das auch". Allerdings auf eine etwas weniger stilvollere Art als die genannten Filme. Manche Szenen wie zum Beispiel der erotische Kampf-Tanz (oder wie auch immer man das nennen will) des schwarzen Models wirken etwas deplatziert bis unsinnig und sind handlungstechnisch absolut entbehrlich. Aber um eine schlüssige Geschichte geht es in "Das Geheimnis der blutigen Lilie" auch nicht.


Giallo Schönheit Fenech und die Blumen


Giallo Königin Edwige spielt die etwas zu vertrauensselige Jennifer, die sich vom Architekten Andrea (gespielt von George Hilton) nach dem Mord an einer Model-Kollegin beschwatzen lässt, in deren Wohnung einzuziehen. Ähnlich wie in den Filmen von Sergio Martino (dessen Bruder Luciano hier als Produzent fungierte) spielt Fenech wieder mal eine Frau, die sich sehr schutzbedürftig gibt und relativ wenig Eigeninitiative zeigt.
Im Gegensatz zu den meist selbstbewussten, unabhängigen Charakteren, wie sie von Susan Scott (z.B. als wehrhafte Valentina in "La morte accarezza a mezzanotte") gespielt werden oder den Femme fatale-Rollen, die Rosalba Neri (z.B. in "Amuck") auf den Leib geschneidert wurden, wirkt Edwige in der Regel eher passiv. Auch wenn sie in "Das Geheimnis der blutigen Lilie" einen wichtigen Beitrag zur Aufklärung der Morde leistet, ist sie dennoch immer sehr auf fremde Hilfe angewiesen. Sie war mehr im traditionellen Rollenbild verhaftet, was natürlich das männliche Publikum ansprechen sollte.

Doch zurück zu Fenech. Auch wenn man sie in ihren Rollen zunächst etwas unterschätzt, tut sie dennoch meist das Richtige und sucht sich hilfreiche Verbündete. In "Das Geheimnis..." findet sie die lebensrettende Unterstützung in Kommissar Enci, der von Giampiero Albertini ("Sieben goldene Männer", "Gangster sterben zweimal") gespielt wird.
Der etwas gedrungene Kerl mit seinen treuherzigen Froschaugen verkörpert einen absolut verschrobenen Polizisten, der sich bisweilen lieber mit seiner Briefmarkensammlung beschäftigt als mit den aktuellen Mordfällen.
Aber skurril sind in diesem Film alle Akteure. Auch Jennifers Freundin Marilyn (gespielt von Paola Quattrini), die sich benimmt als wäre sie geistig im Alter von 12 stecken geblieben, ist eine Nummer für sich.
Und dann wäre da noch Jennifers stalkender (Ex-)Gatte, der anscheinend der Guru einer Hippie-Sex-Sekte ist und gerne mit Blumen wirft, die alte Nachbarin, die beim Kiosk um die Ecke Fumetti Neri und Sexheftchen kauft und ihren entstellten Sohn versteckt, der dubiose Architekt Andrea, der beim Anblick von Blut beinahe aus den Latschen kippt, der senile ältere Herr, der ständig Violine spielt oder der Fotograf, der jedes üble Homosexuellen Klischee erfüllt. Niemandem kann und darf man in diesem Fall über den Weg trauen.

Dieser Giallo besteht aus einer Aneinanderreihung kreativer verrückter Ideen, die nicht alle Sinn ergeben, ähnlich wie der Filmtitel im Original. Dennoch lassen die exzentrischen Charaktere und die schrullige Geschichte sich doch zu einer unterhaltsamen und belustigenden Erzählung vermengen.
Am besten, man fängt gar nicht erst an, sich Gedanken über eine mögliche Auflösung der Morde zu machen, sondern lässt sich verzücken vom Ideenreichtum und dem wunderbaren Easy Listening Soundtrack Bruno Nicolais.
"Das Geheimnis der blutigen Lilie" ist Terza Visione Kino vom Feinsten und bringt vermutlich auch Außentemperatur Resistente zum Dahinschmelzen.




Foto: X-Rated und Anchor Bay Veröffentlichungen




Foto: Blu Ray von Shameless



Sonntag, 16. Juni 2019

LE FOTO PROIBITE DI UNA SIGNORA PER BENE (1970)














FRAUEN BIS ZUM WAHNSINN GEQUÄLT

Italien, Spanien 1970
Regie: Luciano Ercoli
DarstellerInnen: Dagmar Lassander, Pier Paolo Capponi, Nieves Navarro (aka Susan Scott), Simón Andreu u.a.

Inhalt:
Minou versucht ihren Gatten (reicher Geschäftsmann) vor dem Gefängnis zu bewahren, indem sie sich auf die Erpressung durch einen mysteriösen Fremden einlässt und tappt dabei selbst in eine Falle. Doch als sie erkennt, dass sie hinters Licht geführt wurde, kann sie es nicht beweisen. Weder ihr Mann noch ihre beste Freundin und nicht einmal die Polizei schenken ihr Glauben. Nicht nur ihre Gesundheit, sondern auch ihr Leben sind in Gefahr...


Minou (Lassander) im Zwielicht


Lebefrau Dominique (Scott)


Die schöne und sympathische Minou (Dagmar Lassander, u.a. bekannt aus "Femina Ridens" oder "Sonne, Sand und heiße Schenkel") hat leider ein Problem. Sie ist nicht gerade das, was man als eine selbstbewusste, stabile Persönlichkeit bezeichnen könnte.
Der kontinuierliche Missbrauch von Beruhigungsmitteln in Kombination mit hochprozentigen Alkoholika ist außerdem ihrer allgemeinen Verfassung sowie ihrer psychischen Gesundheit nicht zuträglich. Den mit jedem erneuten Konsum von Rauschmitteln unweigerlich verknüpften Vorsatz, dieses Mal wirklich mit allem aufzuhören (nicht um ihrer selbst willen, sondern um ihrem Gatten eine Freude zu machen!), wirft sie alle paar Minuten kurzerhand wieder über Bord.
Generell wirkt die arme Minou sehr beeinflussbar und vor allen Dingen abhängig – nicht nur von Substanzen, sondern auch von der Aufmerksamkeit und Zuneigung ihres oft abwesenden Mannes Pier und ihrer Freundin Dominique.
Ihre Dependenzen und ihre Unselbständigkeit machen die gutgläubige Minou besonders vulnerabel. Aus diesem Grund wird sie auch zum perfekten Opfer des perversen Erpressers. Wie es das grausame Schicksal so will, passiert dies gerade in dem Moment, als sie endlich einmal etwas selbst in die Hand nehmen möchte und glaubt, ihren Angetrauten heldinnenhaft vor einem üblen Erpresser zu retten.

Die Rolle der labilen Minou ist nicht nur mit viel Feingefühl und Verständnis für den Charakter der Protagonistin konzipiert, sondern auch mit einer erstaunlichen Eleganz und Leichtigkeit von Dagmar Lassander gespielt. Dieser wahrlich großartigen Schauspielerin gelingt es, die gutgläubige Minou trotz ihrer vermeintlichen Schwächen so darzustellen, dass man gerne Anteil nimmt an dem Schicksal dieser Frau.
Trotz schlimmer Erlebnisse kippt sie nie in diese schier unerträgliche und überzogene Form schriller weiblicher Hysterie, mit der viele Filmemacher früher sehr unreflektiert und klischeehaft arbeiteten.
Das Rollenverständnis und das Talent von Dagmar Lassander ist meiner Meinung nach einer der großen Pluspunkte dieses Thrillers.

Während sich der chronisch überarbeitete und anderweitig beschäftigte Ehemann Pier (Pier Paolo Capponi, u.a. "Note 7 - Die Jungen der Gewalt" und "Das Rätsel des silbernen Halbmonds") gerne etwas aus der Affäre zieht und durch (emotionale und tatsächliche) Abwesenheit glänzt, steht Minou vor allem ihre selbstbewusste Freundin Dominique zur Seite. Letztere wird gespielt von der wie immer erfrischend temperamentvollen und charakterstarken Susan Scott. Dominique kostet das Leben und ihre Sexualität in vollen Zügen aus und scheint tendenziell in erster Linie hedonistischen Prinzipien zu folgen.
Sie wartet nicht wie Minou auf ihren Beschützer, der für sie "Ehemann, Freund und Vater" (Minou über ihren Mann) in Personalunion verkörpert. Dominique nimmt sich, wen sie will und wann sie will. Sie lässt sich nichts vormachen und hat zu allem eine eigene Meinung.
Diese beiden ungleichen Frauen verbindet dennoch eine enge und liebevolle Freundschaft. Doch wird diese auch hart auf die Probe gestellt, als Minou merkt, dass ihre engste Vertraute sich bisweilen nicht so deutlich bei ihr positioniert, wie es notwendig wäre.

Die Rolle der Dominique ist neben anderen etwas dubios erscheinenden Personen als roter Hering angelegt. Ebenso wie die Figur des Ehemanns, der einerseits ja tatsächlich - wie vom Erpresser behauptet - ein Mörder sein könnte, andererseits nicht in angemessener Form beunruhigt wirkt über die Schilderungen seiner Frau.
Das Motiv des Erpressers (gespielt von Simón Andreu), der Minou zu sexuellen Handlungen zwingt und zuerst ihre Würde, dann ihr Leben bedroht, bleibt ebenfalls bis zum Ende nebulös.
Dadurch entwickelt sich die spannendste Dynamik bei Minou selbst – sie wird zum Opfer ihrer eigenen psychischen Instabilität und steht vor allen anderen als unglaubwürdig da. Dies führt sogar so weit, dass selbst beim Zuschauer oder der Zuschauerin ab und an Zweifel an gewissen Wahrnehmungen Minous aufflammen.
Man fragt sich, ob die Protagonistin gerade ihren Verstand verliert oder zum Spielball in einem besonders perfiden Plan eines unbekannten Täters geworden ist.

Das Spiel mit der Wahrnehmung, Verzerrungen und das Phänomen des sogenannten "unzuverlässigen Erzählers/der unzuverlässigen Erzählerin" ist ein klassisches Motiv in vielen Gialli. Dadurch, dass gezielt Indizien für eine geistige Störung der Protagonistin angedeutet werden und diese Person oft die einzige ist, die gewisse Erlebnisse schildert, entsteht die Unsicherheit, ob eventuell eine paranoide Wirklichkeitsverzerrung die Ursache von den mysteriösen Vorkommnissen ist oder ob jemand gerade absichtlich in den Wahnsinn getrieben wird. Beispielhaft hierfür sind Genrefilme wie "A lizard in a woman's skin", "Der Killer von Wien" oder "Die Grotte der vergessenen Leichen".

Wer das Giallo Genre ausschließlich mit schwarzen Handschuhen und blutbesudelten Rasierklingen verbindet, ist mit "Le foto proibite..." eindeutig falsch beraten.


Zeit für einen Drink!


Wer italienische Thriller mit viel Stil, Eleganz und offen zur Schau gestellter Lasterhaftigkeit der High Society zu schätzen weiß, muss diesen Film einfach in sein Herz schließen.
Minou, Dominique und Pier hangeln sich von einem Whiskey zum nächsten. Das Einzige, was in diesem Film absolut vorhersehbar ist, sind die jeweils folgenden Drinks. Jede neue Szene scheint begossen werden zu müssen, es finden sich erstaunlich viele Anlässe, um sich ein Gläschen zu genehmigen. Dies wirkt herrlich belustigend und so typisch für die damalige Zeit.
Extravagante Kleidung und 70er Jahre und eine Inneneinrichtung wie aus einem Designerkatalog vervollständigen die beinahe karikaturistische Darstellung des gesellschaftlichen Besitzbürgertums.
Der wunderbare Easy Listening Soundtrack von Maestro Ennio Morricone unterstreicht das Lebensgefühl der Reichen und Schönen und suggeriert trotz an sich schwerer Thematik eine gewisse Lockerheit und Leichtigkeit.

Fazit: Luciano Ercoli vermochte es, bereits bei seinem Erstlingswerk beim geneigten Publikum einen wunderbares cineastisches Flow-Erlebnis zu erzeugen. Die etwas triviale Auflösung am Ende, die sich in bester Giallo Tradition befindet, gerät dabei eher ins Hintertreffen. Die Lösung des Rätsels driftet dabei in die Marginalität, denn "Der Weg ist das Ziel".
Habe ich schon mal geschrieben, dass ich fast alle Regiearbeiten Luciano Ercolis liebe? Ja, es ist so.




Foto: Blue Underground DVD, Camera Obscura DVD



Arrow Blu Ray aus U.K.

Foto: Vinyl Soundtrack von Dagored



Sonntag, 2. Juni 2019

ROSSO SANGUE (1981)














ABSURD
ANTROPOPHAGUS II (Alternativtitel)

Italien 1981
Regie: Joe D'Amato
DarstellerInnen: George Eastman, Annie Belle, Charles Borromel, Katya Berger, Kasimir Berger, Hanja Kochansky, Ian Danby, Michele Soavi u.a.

Inhalt:
Ein hünenhafter Grieche, der von einem Priester verfolgt wird, terrorisiert und meuchelt auf grausame Art jeden, der ihm über den Weg läuft. Er selbst scheint unverwundbar zu sein. Was stimmt nicht mit ihm und wie kann er gestoppt werden?


George Eastmans Grimassen-Spiel


Katia (Katya Berger) ist ans Bett gefesselt


Als ausgesprochen amüsant entpuppen sich meist die Filme, bei denen die Inhaltsangabe mit drei Sätzen auskommt. Vorausgesetzt natürlich, dass man sich für diese thematische Bescheidenheit in der richtigen Stimmung befindet.
"Absurd" ist allerdings mit Vorsicht zu Genießen, denn zu fortgeschrittener Stunde könnte er etwas ermüdend wirken. So ging es mir zumindest beim ersten Versuch, mir dieses wahrlich absurde (ja, der Name ist Programm!), dreckige Splatter-Kleinod zu Gemüte zu führen. Schon bei den ersten Zirkel-Kreisen, die die kleine Katia zeichnet, wurden meine Augenlider bereits etwas träge.
Der Film hat vor allem bevor die Splatter-Orgie so richtig losgeht, etwas Hypnotisches. Der eingängige Synthie Soundtrack wirkt ebenfalls dezent hypnagogisch. Sollte ich mal Probleme mit dem Einschlafen bekommen, könnte sich diese schöne Melodie vermutlich als förderlich erweisen.

In etwas munterer Verfassung entpuppt sich "Absurd" als abgründiger Exploitationfilm, der unverkennbar die krakelig-schmierige künstlerische Handschrift Joe D'Amatos ("Sado - Stoß das Tor zur Hölle auf", "Man-Eater") trägt.
George Eastman, der den großen grausamen Griechen Mikos Stenopolis verkörpert, gefällt mir in "Absurd" sogar besser als in "Man-Eater". Vielleicht deshalb, weil es manchmal vorteilhafter ist, gar kein Make-Up einzusetzen als mit eher schlecht fixierten Gummi Applikationen im Gesicht sein Unwesen zu treiben. Natürlich ist der Vorgänger-Film das beliebtere, gemeinhin auch als Klassiker deklarierte Splatter-Opus. Dennoch bin ich der Meinung, dass "Man-Eater" im Vergleich nicht so gut gealtert ist und die mittlerweile verfügbare Top-Bildqualität den Effekten eher wenig zuträglich ist.

Sehr gut funktioniert bei "Absurd" die Konstellation der ProtagonistInnen. Dadurch, dass sich die potentiell gefährdeten Hauptpersonen alle in einer Villa befinden und die arme Katia aufgrund einer Verletzung auch noch ans Bett gefesselt ist, baut sich spätestens als der beeindruckend große und komplett irre Mikos sich Zugang zu dem Haus der Familie Bennet verschafft, eine dem Film sehr zuträgliche Spannung auf.
Auch die Tatsache, dass beinahe alle halbwegs sympathisch wirken, ist dem Unterhaltungsfaktor zuträglich. Der jüngste Spross der Familie (Kasimir Berger) ist zwar augenscheinlich ein erbärmlicher Schauspieler, doch sorgen seine Zornausbrüche und sein angestrengtes Mimik-Spiel sowohl für Stirnrunzeln als auch Schmunzeln.
Vergleichbare Reaktionen ruft auch das Drehbuch, das Hauptdarsteller George Eastman selbst verfasst hat, hervor. Ein Priester, der Menschen-Experimente gemacht hat und dessen "Versuchskaninchen" Mikos bei einem nuklearen Test aus den Fängen des Frankenstein-Pfarrers fliehen konnte? So eine Geschichte sucht ihresgleichen! Diese kreative Waghalsigkeit muss an dieser Stelle auch mal lobend erwähnt werden.


Amerikanische Inneneinrichtung?


Selten wurde Amerika in einem Film italienischer dargestellt. Abgesehen davon, dass weder die Kleidung noch die Menschen, die darin stecken, irgendwie nach authentischen Einwohnerinnen der Vereinigten Staaten aussehen, sind auch die zur Schau gestellten Sitten herrlich unamerikanisch.
Zum abendlichen gemeinsamen Football Spiel gucken werden statt Burgern "Spaghetti all'italiana" kredenzt. Bei Familie Bennet stehen mittelalterliche Ritter-Rüstungen als Deko im Haus und überhaupt erinnert das gesamte Interieur mehr an ein europäisches Heimatkunde Museum denn als an ein Familiendomizil in den USA.

Ungemein wichtig für die Effektivität des Gesamtwerks sind neben Eastmans imposantem Erscheinungsbild und seiner exzessiven Grimassen-Performance selbstverständlich die drastischen Gewalt- bzw. Splatterszenen. Letztere sind so geschmacklos, dass sie die in Deutschland allseits beliebte Bundesprüfstelle veranlassten, "Absurd" bis zum heutigen Tag auf die Liste der beschlagnahmten Filme zu setzen. (Ein Schelm, wer denkt, dies könnte bei einem Genrefilm mit dem Prädikat "sehenswert" gleichgesetzt werden...)
Glücklicherweise wurde im Zuge einer lobenswerten Crowdfunding Aktion von 88 Films in England nun erstmalig eine Blu Ray auf den Markt gebracht, bei der man sämtliche Frivolitäten der Maskenbildner mittels gestochen scharfem Bild bestaunen kann.
In bester Joe D'Amato-Tradition vergrößert sich der kleine Klumpen, der sich während der Operationsszene am Anfang des Films im Hals manifestiert, mithilfe weiterer ekelerregender Effekte bis zum bitteren Ende zu einem ordentlichen Kloß, an dem so leicht kein Popcorn mehr vorbeirutscht.

Zugegeben ist "Absurd" nicht unbedingt Joe D'Amatos bester Film.
Doch wer ein Faible für Exploitationkino hegt und hartgesotten genug ist, sich ab und an besondere Widerwärtigkeiten zu Gemüte zu führen, wird trotz der anfangs etwas holprigen, gedehnten Handlung spätestens im letzten Drittel des Films bestimmt auf seine Kosten kommen. Eine Tendenz zu leicht morbidem Humor kann selbstverständlich auch förderlich sein.




Foto: DVDs von Laser Paradise, Astro und XT Video 




Foto: Die schöne BD von 88 Films aus England



Sonntag, 26. Mai 2019

HEREDITARY (2018)


HEREDITARY – DAS VERMÄCHTNIS


USA 2018
Regie: Ari Aster
DarstellerInnen: Toni Colette, Alex Wolff, Gabriel Byrne, Milly Shapiro, Ann Dowd u.a.

Inhalt:
Annie Graham ringt auf der Trauerfeier ihrer kürzlich dahingeschiedenen Mutter um angemessene Worte, die trotz ihrem Bemühen, die etwas komplexe und schwierige Beziehung zu der Verstorbenen kaum verbergen. Unter den Trauergästen befinden sich außer Annies Gatten Steve, ihrem Teenager-Sohn Peter und der etwas jüngeren Tochter Charlie noch einige Menschen, die sie noch nie zuvor gesehen hat. Doch bevor sie Zeit findet, über dies und manch Anderes im Leben ihrer Mutter und Familie nachzudenken, verwandelt sich die Geschichte der Grahams in eine Tragödie...


Ein merkwürdiges Mädchen - Charlie (Milly Shapiro)


Frust und Verzweiflung bei Annie (Toni Colette)


"Hereditary" habe ich zum ersten Mal im Kino gesehen. Ganz unvorbereitet, ganz unvoreingenommen.
Ich behaupte von mir selbst, leider etwas abgestumpft zu sein, was die Wirkung von Horrorfilmen betrifft und war hoch erfreut und beeindruckt, dass ich bei mehreren Szenen kurz richtiges Gänsehaut-Feeling verspürte.
Nun, bei der zweiten Sichtung zuhause, war das Gefühl nicht mehr ganz so intensiv wie im Kino, aber ich musste mir zwischendurch meine Kuscheldecke holen, weil ich den Eindruck hatte, dass die Raumtemperatur eigenartigerweise rapide gesunken ist.
Wenn man ein ähnlich Horrorfilm-verseuchtes Hirn wie ich hat, fallen einem ja auch noch andere (parapsychologische) Thesen zu diesem Temperatur-Phänomen ein...

Es ist nicht einfach, etwas Zusammenhängendes über "Hereditary" zu schreiben, ohne unnötig zu spoilern (was ja mein selbstauferlegtes Prinzip für die Texte auf "Schattenlichter" ist).
Die allerschönste Erstsichtung ist mit Sicherheit die, bei der man weitestgehend unvoreingenommen und nur rudimentär informiert ist.
Was man garantiert nicht zu sehen bekommt, ist einer dieser modernen Genre-Kinofilme, die mit den üblichen Klischees arbeiten, auf Lautstärke und diese ermüdenden und billigen "BUH!-Jetzt-hab-ich-dich-aber-erschreckt"- Momente setzen.
Es finden sich natürlich auch ein paar wenige einprägsame Szenen, die schockieren und relativ drastisch inszeniert sind.
"Hereditary" lebt jedoch grundsätzlich von seiner Subtilität und ist eine bemerkenswerte Verquickung von Drama und Okkultismus-Grusler. Im Wesentlichen dominiert die Erzählung jener leise, psychologische Horror, der mit Irritation und Verstörung sowie der menschlichen Gefühlswelt und Verhaltensweisen spielt.
Vordergründig wird im ersten Drittel des Films die Dysfunktionalität der familiären Beziehungen zwischen den Grahams stark in den Mittelpunkt des Geschehens gerückt.
Die Unfähigkeit, zu trauern oder gar über den Verlust der Großmutter zu sprechen, kreiert eine Atmosphäre der Unbehaglichkeit.
Die einzelnen Familienmitglieder leben abgeschottet in ihrem eigenen Universum. Der Versuch, auf der Trauerfeier als heile Familie aufzutreten, will nicht so richtig gelingen und endet darin, dass die Grahams ähnlich (künstlich) arrangiert wie Annies Miniatur-Welten wirken.

Symbole und Symbolik sind, wenn auch nicht immer im Zentrum des Sichtbaren, omnipräsent.
Die zum Teil bewusst schemenhaft gehaltene Darstellung erzeugt das Gefühl von drohendem Unheil ebenso intentional wie die ungewöhnliche, aber eindrucksvolle musikalische Untermalung des Films. Für Letztere zeigt sich der Jazzmusiker Colin Stetson verantwortlich, dessen selbst erklärtes Ziel es war, Töne und Geräusche aus der Umgebung als Grundlage zu nehmen und in eine eigenständige, zum Teil dissonante Komposition einzuarbeiten. Diese außergewöhnliche Soundkulisse drängt sich nicht in den Vordergrund, hat aber dennoch eine unheimlich intensive Wirkung.

Die mehrfach preisgekrönte und für den ebenfalls im Genre-Kino bahnbrechenden "The Sixth Sense" für den Oscar nominierte Toni Colette spielt die vom Schicksal gebeutelte Ehefrau und Mutter Annie mit einer solchen Hingabe, dass die Szenen der tiefgreifenden Erschütterung und kaum ertragbaren Trauer buchstäblich unter die Haut gehen.
Auch Alex Wolff, der den Sohn Peter verkörpert, ist offensichtlich ein schauspielerisches Ausnahmetalent. Doch die faszinierendste Persönlichkeit ist in meinen Augen Milly Shapiro als Tochter Charlie.
Ihre außergewöhnlichen und unverwechselbaren Gesichtszüge, die sie per se wirken lassen, als sei sie nicht von dieser Welt, ergänzen sich mit ihrem bewusst platzierten zurücknehmendem Schauspiel. Shapiro wurde perfekt gecastet für diese Rolle. Hoffentlich macht sie in Zukunft noch öfter Ausflüge in die Welt des Genrekinos.
Gabriel Byrne ("Stigmata") spielt den Ehemann und Familienvater, der mit bisweilen stoischer Mine und unendlich scheinender Geduld bemüht ist, seine zerrüttete Familie zu verstehen und doch nicht imstande ist, über seine Rolle des hilflosen Beobachters hinaus zu wachsen.

Um nochmal den Vergleich zu "The Sixth Sense" zu bemühen – dies war für mich der erste Film, bei dem ich wenige Tage später das Bedürfnis hatte, nochmal ins Kino zu gehen, weil der doch etwas überraschende und damals noch innovative Twist mich neugierig gemacht hat, wie alles wirkt, wenn man das Ende schon kennt.
Bei "Hereditary" machte ich einen ähnlichen Effekt aus, wobei es in dem Sinn nicht die große überraschende Wendung gibt. Doch sämtliche vorangehenden Ereignisse und rätselhaften Vorgänge können mit dem Wissen, das dem Publikum erst mit der Schluss-Sequenz nahe gebracht wird, beim wiederholten Ansehen auf eine andere, wissendere Art gesehen werden. Die Erzählung offenbart ihren vollen Umfang erst mit der Kenntnis der Hintergründe.
Das in manchen Rezensionen stark kritisierte Ende ist in meinen Augen schlichtweg der folgerichtige, radikale Höhepunkt der bedachtsam und wohl überlegt aufgebauten Geschichte.

Für Ari Aster ist "Hereditary" die erste Regiearbeit in Spielfilmlänge. Ob er in der Lage ist, einen weiteren Film auf ähnlich hohem Niveau abzuliefern, wage ich nach Sichtung des dezent peinlich anmutenden Trailers zu "Midsommar" in Frage zu stellen. Aber dass er unmittelbar nach dem erfolgreichen Erstlingswerk nochmal so einen Ausnahmefilm zustande bringt wäre auch mehr als erstaunlich. Außerdem befindet er sich mit dieser Tradition in den Reihen der Genre-Regisseure in bester Gesellschaft. Man denke dabei an M. Night Shyalaman, Tobe Hooper oder William Friedkin,...

"Hereditary" fühlt sich an wie eine unaufhaltsame Fahrt auf einer Rutschbahn in den Schlund der Hölle. Ohne Notbremse findet man sich auf dem  immer steiler werdenden Weg in eine einzige Richtung: runter in den infernalischen Abgrund.
Dieser Film lässt sich an den Maßstäben des modernen Horrorkinos kaum messen. Er ist formal und von seiner Wirkung her absolut außergewöhnlich und dürfte wohl in die Annalen der Genrefilmgeschichte eingehen.




Foto: Steelbook vom Label Splendid



Sonntag, 24. März 2019

BLUTSPUR IM SCHUH - DREHORTSPECIAL TURIN






Als ich mich auf einem Weihnachtsmarkt Mitte Dezember 2018 etwas länger mit einer Verkäuferin aus Italien unterhielt und sie mir ihre Heimatstadt Turin in den prächtigsten Farben detailliert ausmalte und mit vielen verschnörkelten Details regelrecht vor meinem inneren Auge heraufbeschwor, stand fest: da muss ich hin!
Dass ich schon wenige Monate später tatsächlich durch die Arkaden mit den vielen Geschäften, vorbei an riesigen Palästen, imposanten Barockbauten, weitläufigen Plätzen und durch Alleen gesäumte Wege spazieren würde, konnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen.
Die Entscheidung für unseren Kurztrip fiel relativ spontan.Wir hatten gerade noch ausreichend Zeit, um ein paar Screenshots zu machen und schon waren wir dort.




Die Stadt hat uns in Staunen und Verzücken versetzt. Die Turiner waren in jedem Restaurant, Café oder Geschäft angenehm freundlich und höflich. Die Stadt ist seit der Olympiade 2006 äußerst FußgängerInnen-freundlich gestaltet, das Zentrum "Zona traffico limitato", also nur mit Sondergenehmigung befahrbar.
Bei einem Stadtbummel sieht man gepflegte Gebäude, viele wunderschöne alte, mit edlem Holz getäfelte Cafes und üppig mit piemontesischen Köstlichkeiten bestückte Schaufenster.
Die zahlreichen Parks sind stilvoll und mit offensichtlicher Detailverliebtheit angelegt.
Nur die Eichhörnchen dort sind etwas aufdringlich, denn ehe man es sich versieht, benutzen sie einen als Kletterbaum und betteln um Futter, indem sie hartnäckig immer weiter hochklettern. Wirklich so passiert!


Hier geht es gerade zum Angriff über


Turin bietet außerdem prunkvolle Paläste und mittelalterliche Burgen, kleine Triumphbögen und riesige Säulen sowie mit überlebensgroßen Statuen verzierte Brunnen so weit das Auge reicht.
Eine der landläufig verbreitetsten Assoziationen mit der Hauptstadt des Piemonts ist wohl der bekannte Automobilkonzern Fiat (Fabricca Italiana Automobili Torino).
Doch auch bekannte Delikatessen wie Grissini, Martini, Barolo, Bicerin, Vitello Tonnato oder die köstlichen Gianduiotti Pralinen stammen aus dieser Stadt, durch die sich der Fluss Po schlängelt.
Hier befand sich die Wiege des italienischen Kinos. Die ersten großen Filmproduktionen entstanden in Turin, bevor Mussolini die Filmindustrie nach Rom beorderte.
Aus diesem Grund ist das von der Filmhistorikerin Maria Adriana Prolo gegründete Nationale Filmmuseum in Turin beheimatet, genauer gesagt in der sogenannten "Mole Antonelliana" (benannt nach ihrem Architekten Alessandro Antonelli). Bei der Mole handelt es sich um ein riesiges Pavillon-artiges Bauwerk, das mit seinen 167 Metern Höhe nicht nur deutlich zwischen den übrigen Gebäuden hervorragt, sondern auch das Wahrzeichen dieser pittoresken Stadt ist.

Von speziellem Interesse waren für uns neben dem Film- und ägyptischen Museum natürlich auch ausgesuchte Drehorte - denn hier wurden Filme wie "Die neunschwänzige Katze", "Vier Fliegen auf grauem Samt", "Profondo Rosso", "Fango Bollente" oder "Do you like Hitchcock?" gedreht.
Esoterische Kulte sind davon überzeugt, dass Turin eine magische Stadt ist, die zusammen mit Prag und Lyon ein Dreieck der weißen Magie bildet und andererseits mit London und San Francisco eines der schwarzen Magie. Kein Wunder, dass Dario Argento in seiner okkulten Phase einige Filme an diesem Ort realisiert hat.
Wer sich eingehender mit der magischen Seite der Stadt beschäftigen möchte, wird erfreut sein über die Hintergrund-Geschichten und teilweise abstrus klingenden Mysterien, die sich um die Stadt, ihre Lage und Bauwerke ranken.

Für unsere Urlaubs- und Drehort-Fotos haben wir in wenigen Tagen etliche Kilometer zurückgelegt, dabei eine ganze Packung Blasenpflaster (für denjenigen unter uns, der unbedingt seine nagelneuen Dr. Martens Stiefel anziehen musste...) und einen voll geladenen Kamera-Akku (für diejenige, die sich nicht satt sehen konnte an dieser Stadt...) verbraucht.
Da sowohl Batterie- als auch Fuß-Status am Ende nicht mehr ganz so wollten wie wir, haben wir ein paar Film-Schauplätze nicht in angemessener Weise betrachten bzw. fotografieren können.
Aber das ist überhaupt nicht schlimm, denn: Turin, wir sehen uns wieder!


Hier wartet der Killer aus "Die neunschwänzige Katze"




Glücklicherweise wartete auf uns hier kein Killer 


Marcus aus "Profondo Rosso" sucht hier nach einer ganz bestimmten Villa...



...und wir nach "Profondo Rosso" Drehorten


Die Villa aus "Profondo Rosso"



Dieses wunderschöne Gebäude war unser erstes Ziel


Hier hat sich wenig verändert



Auch die Bäume stehen noch am selben Ort


1975



2019






























Nachtaufnahme in "Do you like Hitchcock?" 2005



Nachtaufnahme 2019


Chiesa della Gran Madre di Dio sieht bei Nacht (aus "Hitchcock")



... und am Tag schön aus






Auch diese Statue ziert die Außenanlage der Kirche



Theorien besagen, dass sie den heiligen Gral in der Hand hält und dieser sich
in der Stadt befindet


Dieser Brunnen sollte jedem "Fango Bollente" Fan bekannt vorkommen





Dies ist der Ort, an dem Ovidio in "Fango" einen Taxifahrer tötet
















Da auf dem Screenshot aus "Do you like Hitchcock" ein Paar zu sehen ist...




...haben wir extra ein Paar engagiert für unser Foto






















Die Figuren sehen beeindruckend aus


Hier geht's dem Taxler an den Kragen



Unsere Schatten am Ort des Geschehens






Hier sucht der Kommissar nach Spuren






Dieser markante Balkon aus "Do you like Hitchcock?"...



... gefällt mir sehr. Leider hat die Fledermaus ihre "Farbe" verloren


Bei diesem Screenshot aus "Die neunschwänzige Katze"



... ist eindeutig der Turiner Hauptbahnhof Porta Nuova zu sehen


Aufnahme aus "Vier Fliegen auf grauem Samt"








Profondo Rosso: Kurz bevor Marcus den Mord sieht









Bestimmt haben sich manche PassantInnen gefragt, warum wir in der Baustelle
rumstehen und die Säulen und Schilder fotografieren


Die "Blue Bar" wurde extra für den Film aufgebaut



Polizei am Tatort





Dieses Szenenbild kennt jeder "Profondo Rosso" Fan












Noch mehr Baustellenfotos


Das Medium wird im Film durch dieses Fenster gedrückt






Autofahrt in "Die neunschwänzige Katze"





Verfolgungsjagd in "Die neunschwänzige Katze"



Anna Terzi schüttelt ihre Verfolger im Parkhaus ab



Das Parkhaus ist immer noch geöffnet






Na wo sind sie denn?









Diese Einkaufspassage kommt in "Vier Fliegen auf grauem Samt" vor



Sieht immer noch sehr gepflegt aus


Hier hat der exzentrische Privatdetektiv Arrosio sein Büro



Hier leider nicht (mehr)


Das Dach der Galleria 




... immer noch ein Foto wert


In dieser Bar schlägt sich Arrosio den Bauch voll



Wir haben sie anhand der Marmor-Verzierungen identifiziert


Außenbereich der Bar









Wer grinst denn hier so schelmisch? Wenn das nicht mal Ovidio ist



In diesem bekannten traditionsbewussten Café fällt man nicht auf,
wenn man als Touri fotografiert


Die Truppe um Ovidio macht sich auf den Weg









Einmal durch die Galleria gegangen



Und wir haben es nachgemacht


Neue Freunde, alter Treffpunkt



Wir haben hier nur etwas getrunken


Bicerin, eine Kaffee-Spezialität aus Turin


Und Anna Terzi dreht in "Die neunschwänzige Katze" immer noch ihre
Runden durch die Stadt



Wir gehen alles zu Fuß


Anna rast über die Piazza Castello



Dieser Platz ist heute eine verkehrsberuhigte Zone






Wer "Fango Bollente" kennt, weiß, dass unter den Augen dieser Statue
Grausames passiert




Ob diese Quadrate heute dauerhaft hängen, wissen wir nicht


Jedenfalls wurde an dem Tag unseres Besuchs dort gerade ein Film
gedreht. Wie passend!








Der Platz mit Film-Equipment


Und wieder Anna Terzis Autofahrt in "Die neunschwänzige Katze"






Piazza Statuto mit der Frejus Statue


Die Statue kommt auch in "Do you like Hitchcock?" vor




Es handelt sich vermutlich um eine Abbildung Luzifers - jedenfalls
um einen Engel mit einem verdächtigen fünfzackigen Stern


Dieses prunkvolle Gebäude kennt man aus "Vier Fliegen auf grauem Samt"



Sieht immer noch wunderschön aus








Arrosio vor der Tür



Haben uns für ein Foto der anderen Türen entschieden, da vor Arrosios
Tür ein großer Müllcontainer stand




Das Casa dei Draghi in "Do you like Hitchcock?"




Es ist so umwerfend schön!




Wir hätten es auch ohne Filmbezug besichtigt


Und nochmal Anna Terzi mit dem Bleifuß auf dem Gas



Wir mit bleiernen Füßen am Ende unserer Kräfte