Sonntag, 22. Juli 2018

LAISSEZ BRONZER LES CADAVRES (2017)















LEICHEN UNTER BRENNENDER SONNE

Belgien, Frankreich 2017
Regie: Hélène Cattet, Bruno Forzani
DarstellerInnen: Elina Löwensohn, Stéphane Ferrara, Bernie Bonvoisin, Michelangelo Marchese, Marc Barbé, Hervé Sogne, Dorylia Calmel, Marilyn Jess u.a.


Inhalt:
Irgendwo an der Küste Korsikas lebt die Künstlerin Luce in einer kleinen Ruinenanlage.
Derzeit leisten ihr ein Autor und ein Anwalt Gesellschaft. Als drei Banditen, die gerade einen Goldtransport überfallen haben sowie zwei Frauen und ein Kind ebenfalls bei der exzentrischen Dame Zuflucht finden und kurz darauf die Polizei auftaucht, bricht an dem an sich idyllischen Ort ein wahres Chaos aus...


Die Künstlerin (Elina Löwensohn): ausdrucksstark


Ein Beispiel für die stilvolle Szenen-Beleuchtung


"Chaos" ist in Zusammenhang mit "Leichen unter brennender Sonne" ein gutes Stichwort für den Einstieg in meine Kritik.
Denn die – man mag es kaum glauben, aber es entspricht der Wahrheit – tatsächlich auf einem Roman von Jean-Patrick Manchette basierende Geschichte, die Cattet und Forzani (nicht) erzählen, wirkt bisweilen absurd und verwirrt alle, die den Versuch unternehmen, nach einer schlüssigen Interpretation des Films zu suchen.
Da ich den Vorgänger-Film des französischen Regie-Paares ("Der Tod weint rote Tränen") kenne und schätze, habe ich mich jedoch ganz entspannt ohne besondere Erwartungshaltung bezüglich Nachvollziehbarkeit der Handlung zurückgelehnt und die optische und akustische Orgie bewundert.

Wie "Der Tod weint rote Tränen" ist auch der neuste Film von Cattet und Forzani eine ehrfürchtige Verneigung vor dem italienischen Genrekino der Siebziger Jahre, im direkten Vergleich jedoch weitaus weniger düster und mysteriös. Dies ist nicht nur der Tatsache geschuldet, dass ein Großteil der Szenen in der gleißenden Sonne Korsikas gedreht wurde, sondern auch dem augenzwinkernden Humor, der in einigen Momenten durchblitzt.
Wenn der Polizist, der von schwer bewaffneten Gangstern umzingelt ist, völlig übermotiviert zwischen den Ruinen hin und her hüpft und den Schurken zuruft, sie sollen sich ergeben, wirkt es eher wie ein kindliches Räuber und Gendarm Spiel als mitten aus dem Leben gegriffen.
Auch die spärlich eingesetzten Dialoge sind zum Teil amüsant und doch sind sie das absolute Gegenteil von offensichtlichem oder gar plattem Humor. Manchmal fällt die Entscheidung, ob man eine Situation komisch oder eher tragisch finden soll, schwer.

Diese spezielle Situationskomik ist sicher nicht für ein breites (kommerzielles) Publikum geeignet, was selbstverständlich auch auf das Gesamtwerk zutrifft. Denn bei "Leichen unter brennender Sonne" gehen sogar unter Genre-KennerInnen die Meinungen eklatant weit auseinander.
Manche Kritikpunkte sind für mich durchaus nachvollziehbar. Besonders wenn sie dem persönlichen cineastischen Präferenzen geschuldet sind. Doch bei dem ein oder anderen Review im Netz entsteht leider der Eindruck, dass sich jemand mit einem unqualifizierten "Verriss" des Films auf dessen Kosten einfach ein bisschen wichtig machen will.

Als bekennende Verehrerin der Filme bzw. Genres, die quasi das künstlerische Fundament von "Leichen unter brennender Sonne" darstellen, beginnt mein Herz ab den ersten Minuten schon zu frohlocken.
Auf den Vorspann im Stil von manchen Italowestern Trailern folgen viele Reminiszenen an die italienischen Regisseure von damals und einige meiner Lieblingssoundtracks (z.B. "The Child – Die Stadt wird zum Alptraum", "Zombies unter Kannibalen", "Willkommen in der Hölle" oder "Von Angesicht zu Angesicht") heben die Stimmung noch weiter.
Manche der vom Regiepaar zitierten Filme sind für mich klar identifizierbar wie zum Beispiel "Der Killer von Wien", "Töte, Django", "Die Rache des Paten", "Für ein paar Dollar mehr" oder Mario Bavas "Wild dogs". Doch bei nicht wenigen Szenen entsteht einfach das seltsame Gefühl der Vertrautheit. Man nimmt etwas wahr, das man schon mehrfach ähnlich oder genau so in Heist-Movies, Poliziotteschi, Gialli oder Italowestern gesehen hat. Doch es lässt sich (noch) nicht eindeutig zuordnen.


Der zerbrochene Spiegel


Der weiße Lieferwagen (Goldtransport), der auf der Küstenstraße überfallen wird, das Entlangrasen an dieser kurvenreichen Strecke, die in Staub und Dreck eingegrabenen (unechten) Gliedmaßen, die prominent in Szene gesetzten schwarzen Lederhandschuhe (sind es vielleicht doch genau die Handschuhe aus "Torso"?) oder der zerbrochene Spiegel, in dem man das Antlitz des Polizisten sieht fallen mir spontan als Beispiele dafür ein.

Cattet und Forzani spielen wie gewohnt meisterhaft und exzessiv mit Farben, Formen, Techniken und Effekten. Close-Ups, kunstvolle Beleuchtung, das Hervorheben und Überbetonen von Farben und der Geräuschkulisse bilden bei "Leichen unter brennender Sonne" zusammen mit dem hervorragenden Soundtrack das Salz in der (drehbuchtechnischen) Suppe.

Obwohl "Leichen unter brennender Sonne" auf ProtagonistInnen mit eindeutigem Identifikationspotential verzichtet, bleibt der Film faszinierenderweise spannend. Man sieht schlichtweg zu wenig Zusammenhängendes von den einzelnen Personen, um eine genauere Charakterisierung vornehmen zu können.
Doch die SchauspielerInnen, allen voran Elina Löwensohn (Luce), sind so gut gecastet, dass die trotz einigen Rückblenden fehlende Tiefe der Figuren dem Sehvergnügen keinen Abbruch tut.
Denn sie alle haben Charaktergesichter, die wirken, als ob ihre Physiognomie selbst mit ihren Ecken und Kanten (bzw. Falten) bereits eine Geschichte erzählt. Man nimmt ihnen die Menschen mit (bewegter) Vergangenheit ohne mit der Wimper zu zucken einfach ab und mir hat es großes Vergnügen bereitet, jedem Einzelnen beim Spielen zuzusehen.

"Leichen unter brennender Sonne" entzieht sich in vielen Aspekten jeglicher Form von Eindeutigkeit. Wer damit umgehen kann, sollte dieses Seh-Experiment auf jeden Fall wagen.




Foto: Blu Ray von Koch Media




Noch eine kleine persönliche Nebenbemerkung in eigener Sache.
Wer sich ab und zu auf diesen Blog verirrt, hat wahrscheinlich schon den ein oder anderen unserer Drehort-Vergleiche gesehen. Die auf "Schattenlichter" veröffentlichten Fotos sind einige, doch noch längst nicht alle, die ich im Laufe der letzten Jahre von Film-Locations (eine vollständige Übersicht findet man hier) gemacht habe.
Während es früher meist so war, dass wir uns dachten "da will ich hin", kommt es in den letzten Jahren immer öfters vor, dass es heißt "da waren wir doch schon einmal" bzw. "davon hab ich doch irgendwo Fotos". Und jedes Mal, wenn dies der Fall ist, freuen wir uns wie kleine Kinder darüber. So auch heute. 
"Leichen unter brennender Sonne" wurde offenbar auf Korsika gedreht, was man überall im Netz nachlesen kann. Doch ich kann euch versichern, dass die verfallene Kirche, in der manche Szenen spielen, nicht auf der Insel steht.
Denn wir waren im Jahr 2016 anlässlich eines Geburtstags-Wochenendausflugs zufällig in einem kleinen verfallenen Dorf in den Bergen, wohin sich normalerweise keine bis wenig Touristen verirren und wo ich doch tatsächlich besagte Kirche bewundert und fotografiert habe...

Hier ein paar meiner Urlaubs-Impressionen und Screenshots (linksbündig) zum Vergleich:




















































Sonntag, 8. Juli 2018

L'ISTRUTTORIA E` CHIUSA: DIMENTICHI (1972)















DAS VERFAHREN IST EINGESTELLT: VERGESSEN SIE'S!

Italien 1971
Regie: Damiano Damiani
DarstellerInnen: Franco Nero, Riccardo Cucciolla, George Wilson, John Steiner, Patrizia Adiutori, Vincenzo Basile, Claudio Nicastro u.a.


Inhalt:
Architekt Vanzi wird wegen eines Verkehrsdelikts inhaftiert und wartet im Gefängnis auf seinen Prozess. Da er sowohl über ausreichend Geld als auch gute Kontakte verfügt, werden ihm zu Beginn seines Aufenthalts gewisse Gefälligkeiten zuteil. Doch diese Sonderbehandlung findet ein jähes Ende als er sich mit seinem vermeintlich paranoiden Zellengenossen Pesenti anfreundet. Vanzi gerät ins Visier mächtiger und gefährlicher Drahtzieher und an den Rande eines Nervenzusammenbruchs...


Vanzi (Nero) ist am Ende 


Sig. Rosa (Nicastro) hat die besten Verbindungen zur Unterwelt


Regisseur Damiano Damiani wird besonders geschätzt für seine erstklassigen politischen Filme.
"Das Verfahren ist eingestellt..." ist hervorragend strukturiert. Lange Zeit hat man den Eindruck, dass die Handlung etwas vor sich hin dümpelt zwischen der Darstellung des Gefängnisalltags mit all seinen (gemeinhin bekannten) Tücken wie korrupten Wachebeamten, gewaltbereiten Insassen und der Ungleichbehandlung der Gefangenen, die mit dem sozialen und natürlich finanziellen Status der jeweiligen Person zu tun hat.

Gemeinsam mit Architekt Vanzi (Franco Nero) lernt man nach und nach die gefängnisinternen Hierarchien und Tücken des Alltags kennen. Vanzi bemüht sich möglichst adäquat auf die schlechten Witze und Drohungen seiner Zellengenossen zu reagieren. Denn innerhalb dieser Mauern muss man sich natürlich anpassen und fügen, aber auch zum richtigen Zeitpunkt Respekt verschaffen, wenn man überleben will.
Dass dies eine gefährliche Gratwanderung ist, ist wohl Vanzis erste Lektion. Denn Mithäftling Biro (herrlich fies: John Steiner), den auch die schwedischen Gardinen nicht von (weiteren) Morden abhalten, ist unberechenbar und hat es innerhalb kurzer Zeit auf den Architekten abgesehen.
Franco Neros Darstellung des unbescholtenen Bürgers, der zwischen die Mühlen der Justiz geraten ist, pendelt zwischen Dramatik und Melodramatik. Wie in manch anderen Rollen dieses bewundernswert wandlungsfähigen Mimen sieht er auch in "Das Verfahren..." bisweilen wieder einmal aus, als hätte er sich Zwiebelringe über die Augen gewischt und trägt darstellerisch ganz dick auf. Doch dann nimmt er sich doch rechtzeitig wieder etwas zurück und wirkt dadurch gleich etwas authentischer und auch sympathischer.
Die anderen Häftlinge und natürlich auch die Wärter sind ebenfalls etwas klischeenahe charakterisiert, doch gerade deshalb dem Unterhaltungswert des Films äußerst zuträglich.

Mit einem leichten Augenzwinkern wird zum Beispiel der einflussreiche Mafiapate Salvatore Rosa (Claudio Nicastro, u.a. bekannt aus "Der Teufel führt Regie" oder "Warum musste Staatsanwalt Traini sterben?") als wichtige Figur in die Handlung eingebettet ohne dass die tatsächliche Tragweite seiner Verbindungen zur Mafia und Einflussnahme auf das Geschehen in den Vordergrund gerückt werden. Wenn er morgens in seiner Einzelzelle gut gelaunt im Bademantel den besten Kaffee zum fürstlichen Frühstück schlürft während die anderen Gefangenen leer ausgehen, wirkt er anfangs noch wie ein skurriler Nebencharakter.
Doch man darf sich in Wirklichkeit in diesem Film von Nichts und Niemandem täuschen lassen und vor allem keine voreiligen Schlüsse ziehen!
Das gilt selbstverständlich auch für den vermeintlich von paranoiden Wahnvorstellungen getriebenen Häftling Pesenti (Riccardo Cucciolla, u.a. bekannt aus dem Polit-Drama "Betrachten wir die Angelegenheit als abgeschlossen" oder Mario Bavas "Wild dogs").


Biro (Steiner) beim Fußballspiel


Der britische Schauspieler John Steiner ("Goodbye und Amen", "Schock"), der durch seine zwielichtigen Rollen in vielen italienischen Produktionen bekannt war, verkörpert den unberechenbaren Mörder Biro. Mit seinen schiefen Beißerchen und seiner hageren großgewachsenen Statur wirkt er dabei wie aus dem Leben gegriffen. Besonders das Hof-Fußballspiel, das Biro nutzt, um möglichst viele Mitspieler zu verletzen, ist eine der ganz großen und unvergesslichen Szenen in diesem Film.
Eine kleine Anekdote am Rande: John Steiner hat sich übrigens ein adrettes schneeweißes Hollywood Gebiss machen lassen und verdient seine Brötchen heutzutage als seriöser Makler von Luxus Immobilien in Amerika.

Dadurch, dass man als Zuschauer gemeinsam mit dem zunehmend verzweifelten Architekten Vanzi durch emotionale Höhen und Tiefen getrieben wird und gewisse Aktionen Einzelner über einen längeren Zeitraum nicht interpretierbar sind, ist man erst am Schluss des Films wirklich in der Lage, das Gesehene zu einem großen Ganzen zusammenzufügen.
Etwas geplättet muss man sich dann fragen, was in welcher Form schon von den Drahtziehern im Hintergrund geplant war und wann sie welche Gelegenheit erkannt und spontan für ihre Zwecke genutzt haben. Ich tendiere zu der Annahme, dass hier nichts, aber auch rein gar nichts dem Zufall überlassen wurde und sogar die Verhaftung Vanzis Teil eines perfiden geheimen Plans gewesen sein könnte.

"Das Verfahren ist eingestellt: Vergessen Sie's!" ist in seiner Kernaussage durch und durch politisch. Damiani zeigt den naiven unbescholtenen Bürger, der in den Fängen der mächtigen Drahtzieher aus Politik und Mafia zum Spielball wird. Selten wurde in vergleichbaren Filmen aus dieser Zeit Korruption und Machtmissbrauch in kleinen (innerhalb der Mauern) und großen Zusammenhängen so pointiert und dabei gleichzeitig doch ungemein unterhaltsam dargestellt.




Foto: Blu Ray von Koch Media