Sonntag, 28. Juli 2019

L'ETRUSCO UCCIDE ANCORA (1972)














DAS GEHEIMNIS DES GELBEN GRABES

Deutschland, Italien, Jugoslawien 1972
Regie: Armando Crispino
DarstellerInnen: Alex Cord, Samantha Eggar, John Marley, Nadja Tiller, Horst Frank, Enzo Tarascio, Enzo Cerusico, Carlo De Mejo u.a.

Inhalt:
Archäologe Jason buddelt etruskische Gräber aus und versucht nebenbei seine Verflossene Myra wieder zu erobern. Die ist allerdings mit dem wesentlich älteren Komponisten Nikos liiert. Alsbald werden Menschen aus Jasons Bekanntenkreis grausam getötet. Die Auswirkung eines uralten Fluchs? Wer könnte ein Motiv für die Taten haben? Die Polizei verdächtigt Jason, der sich durch eigene Nachforschungen aus der Affäre zu ziehen versucht...


Oh nein, sie hat mich verlassen! Zum Glück ist meine Bottle
J&B noch da


Mit romantischen Gesten kann ich sie bestimmt
zurück erobern


Armando Crispino, dessen Name bei mir immer diesen unbändigen Appetit auf Mandel-Crisp-Schokolade oder andere Süßigkeiten weckt, war ein promovierter Jurist und Drehbuchautor, der sich ab Mitte der Sechziger Jahre auch als Regisseur betätigte.
Weshalb und wie ausgerechnet der nicht sonderlich populäre Crispino den Regieposten in dieser Deutsch-Italienisch-Jugoslawischen Co-Produktion ergattert hat, ist nicht überliefert.
"Das Geheimnis des gelben Grabes" zählt zwar nicht zu den berühmten stilsicheren und ikonischen Thrillern aus Italien, ist jedoch ungemein unterhaltsam.
Dass Alex Cord ("Mehr tot als lebendig") als athletisch gebauter Schwerstalkoholiker Jason in Hotpants und engen Hemdchen in Anbetracht seines angeblich schlechten Gesundheitszustands fidel und munter zwischen etruskischen Gräbern herumspringt und unter Einsatz von roher Gewalt seine Exfreundin Myra (Samantha Eggar, u.a. bekannt aus Die Brut) zurück zu erobern versucht, wirkt im Gesamtkontext der Handlung gar nicht so grotesk wie man auf den ersten Blick vermuten würde.
Die gute Myra hat augenscheinlich einen gewissen Hang zu jähzornigen Kerlen, die verbal und physisch schnell grob und verletzend werden. Aber eigentlich logisch. Welche Frau in den Siebzigern stand etwa (insgeheim) nicht darauf, von einem richtigen Mann besonders hart angefasst zu werden? Zumindest suggerieren dies unzählige Filme aus vergangenen cineastischen Dekaden.
Myras aktuelle Liebschaft, der Komponist Nikos (John Marley, u.a. bekannt aus "Der Pate") ist ein besonders cholerisches Ekelpaket, unter dessen Stimmungsschwankungen und Wutausbrüchen nicht nur sie, sondern auch die ihm treu ergebene devote Hausangestellte und sein von ihm dirigiertes Orchester leiden.

Der erste Mord an einem jungen Liebespaar, das sich für ein Schäferstündchen ausgerechnet einen archäologischen Ausgrabungsort ausgesucht hat, ist äußerst brutal und grausam. Die beiden werden mit einem stumpfen Gegenstand aus Eisen durch Schläge ins Gesicht zu Tode geprügelt. Die Kamera hält erbarmungslos drauf und die Tat wirkt dadurch umso grauenvoller. Die Inszenierung weist unverkennbar eine gewisse Similarität zu späteren Splatter Szenen Lucio Fulcis auf.


Stammen die ersten "Fumetti neri" etwa von den Etruskern?


Jasons aktuell wichtigstes Fundstück, eine Art etruskisches Comic über einen mordenden Totengott in Form von Wandmalerei, zeichnet eine eindeutige Parallele zum aktuellen Tatgeschehen.
Die Mordserie reißt nicht ab und die zahlreichen exzentrischen Charaktere (allen voran Horst Frank, was soll man da noch ergänzen?) lassen ausreichend Spielraum zum munteren TäterInnen-Ratequiz entstehen.


Horst Frank (= suspekt) wird...


...nur übertroffen von einem schweißgebadeten Horst Frank
- noch suspekter!


Irgendwie traut man es jedem Einzelnen zu, sonderlich sympathisch wirken weder Jason noch Myra noch der verwöhnte Sohnemann des Komponisten oder gar der Maestro selbst. Abermals muss an dieser Stelle Horst Frank als potentiell geistig abnormer Täter Erwähnung finden. 
Durch das plötzliche Auftauchen einer mysteriösen Dame, die ebenfalls über ein mit gesundem Menschenverstand nachvollziehbares Motiv verfügt, wird dem Rätsel ein weiteres Puzzleteil hinzugefügt. Doch keine Bange: ganz Genre-getreu wird erst am Ende des Films klar, an welche Stelle es hingehört.


Eine markante und bedeutende Rolle im Film spielt auch der pittoreske umbrische Ort Spoleto, wo sich die Villa des cholerischen Komponisten befinden dürfte und natürlich die Bühne beheimatet ist, auf der Nikos sein Orchester peinigt. Habe dem Text ein paar Screenshots und Urlaubsfotos beigefügt.
Was lässt sich zusammenfassend über "Das Geheimnis des gelben Grabes" festhalten?
Die Inszenierung ist im Großen und Ganzen (be)lustig(end) und actionreich. Besonders die peinlichen Zeitlupen Szenen sorgen für Erheiterung. Die Riege an (teils internationalen) Stars kann sich sehen lassen.
Der Soundtrack zu "Das Geheimnis des gelben Grabes" stammt von Riz Ortolani und darf als einer der fettesten und angenehm schmeichelndsten Ohrwürmer, der je in meinen Gehörgängen festgesessen ist, kategorisiert werden.
Bereitet immer wieder aufs Neue herrliches Vergnügen und ist einer der kultigsten und kurzweiligsten B-Gialli, prädestiniert für die heiße Jahreszeit.
Leider nach wie vor nicht in angemessener Bildqualität erhältlich.




Foto: DVD vom Label Universum Film




Ein paar Fotos von Spoleto und aus dem Film

























Sonntag, 14. Juli 2019

LINK (1986)














LINK, DER BUTLER

GB, USA 1986
Regie: Richard Franklin
DarstellerInnen: Elisabeth Shue, Terence Stamp, Steven Pinner, Richard Garnett, David O'Hara, Joe Belcher, Linus Roache u.a.

Inhalt:
Die amerikanische Zoologiestudentin Jane macht fernab der Zivilisation ein Praktikum bei Professor Dr. Phillip, der auf seinem schottischen Landsitz Studien über Affen betreibt. Als der gute Professor von einem Moment auf den anderen spurlos verschwindet und der sich gerne als Hausbutler und Familienmitglied präsentierende Affe Link zunehmend bedrohlich verhält, gerät Jane in Panik...


Link, wenn er nicht gut drauf ist


Exzentrischer Prof (Stamp) und naive Studentin (Shue)


Es gibt einige Filme, die seit meiner frühen Kindheit zu treuen cineastischen Begleitern durch mein Leben geworden sind und bei denen meine Texte unweigerlich autobiographische Züge annehmen.
Wenn ich "Link, der Butler" ansehe, fühle ich mich manchmal wieder wie das kleine Mädchen von damals, das mit seinem Großvater auf der Couch sitzt und den Nervenkitzel, den der Film hervorruft, genießt.
Mein lieber Opa, der mich einige Zeit auch bei meiner cineastischen Sozialisation begleitete, handhabte es immer so, dass er einen Film für seine gruselfanatische Enkelin aussuchte und auf Video aufnahm. Dann schaute er ihn zuerst allein an, um zu entscheiden, ob er mir gewisse Szenen zumuten wollte oder konnte.
Diese Praxis führte unter Anderem dazu, dass ich eine Aufnahme von American Werewolf auf Kassette hatte, in der man sowohl bei der Dusch-Sex-Szene von David und der Krankenschwester Alex als auch bei der Szene im Pornokino nur den Ton (Stöhnen und Musik) hörte, aber kein Bild sehen konnte. Alles mit Blut, die Zerfleischungsszenen oder wie der Werwolf dem Kommissar den Kopf abbeißt, war aber ungekürzt. Diese Absurdität amüsiert mich heute noch manchmal.
"Link" war zusammen mit Hitchcocks "Die Vögel" mein etwa zeitgleich stattfindender erster Ausflug in die Welt des Tier-Horrors, bei dem ich irgendwas zwischen 8 und 10 Jahre alt gewesen sein dürfte.
Wie ich heute weiß, gibt es sogar eine Verbindung zwischen den beiden Filmen. Denn sowohl beim Affen-Thriller als auch beim Vogel-Horror war Ray Berwick, einer der herausragendsten Dresseure Hollywoods, für die bzw. mit den animalischen ProtagonistInnen im Einsatz.

Nachdem mein Großvater nun also entschieden hatte, ob der Film für mich geeignet ist (glücklicherweise traute er mir immer viel Abstraktionsvermögen zu), folgte eine gemeinsame Sichtung, bei der er (wie ich erst später verstanden habe) meine Reaktion auf das Gezeigte genau beobachtete. Dabei erläuterte er mir ab und an auch interessante (lebenspraktische) Dinge, von denen ich damals nebst vielen banalen Infos am spannendsten fand wie man einen Molotow Cocktail baut und woher der Name stammt (anhand "Critters – sie sind da") oder dass man mit einer Schrotflinte tatsächlich durch eine Holztür schießen kann (in "Link, der Butler" zu sehen). Praxiswissen eines ehemaligen Fremdenlegionärs eben.

Wenn mir etwas gefällt, werde ich zur Wiederholungstäterin, weswegen ich einige meiner Lieblings-Genrefilme aus dieser Zeit heute noch zu weiten Teilen auswendig kann.
Durch die nostalgisch getönte Brille betrachtet, ist "Link, der Butler" immer noch ein bemerkenswert guter Thriller.
Terence Stamp mimt den kauzigen Professor, der von seiner Familie verlassen wurde und seine Zeit in erster Linie in der abgelegenen Wildnis Schottlands mit dressierten Affen verbringt, ebenso enthusiastisch und authentisch wie Elizabeth Shue die etwas einfach gestrickte Amerikanerin Jane Chase.
Unsere liebe Janie, die zwar Zoologie studiert, doch Dr. Phillip auf seine Frage, ob sie kochen und putzen kann allen Ernstes und mit ehrlicher Entrüstung antwortet, das sei ihr als Frau doch in die Wiege gelegt und die der Meinung ist, dass man den Schimpansen Imp (trotz klaren Anweisungen und Verhaltensregeln des Profs) wie ihre Babysitting-Schützlinge behandeln muss, ist für meinen Geschmack das größte Manko an der Geschichte.


Das Anwesen Dr. Phillips


Das Grundgerüst des Thrillers baut auf die Abgeschiedenheit von der menschlichen Zivilisation, das Zusammenleben mit unberechenbaren und potentiell gefährlichen Tieren und einem ebenso unberechenbaren verrückten Akademiker.
Alle Aufnahmen mit den nicht menschlichen Stars dieses Films mussten im Studio nachgedreht werden und zum Leidwesen von Regisseur Franklin bis zum Erbrechen wiederholt werden, damit schlussendlich ausreichend gutes Material für die Schnitte zur Verfügung stand. Der Dreh selbst soll einigen Zitaten von Mitwirkenden zufolge niemandem besonders Spaß gemacht haben, wobei ich von den Affen nirgendwo ein Statement finden konnte. Und wenn die sich äußern könnten, würden sie bestimmt auch kundtun, dass sie nicht besonders erpicht auf ihre Rollen waren.
Der Orang-Utan Locke, der Link spielte, musste bestimmt Einiges über sich ergehen lassen, damit man ihm mit seinem rasierten und gefärbten Fell und den Ohr-Prothesen ein schimpansenartiges Aussehen verleihen konnte.


Janie denkt, Affen behandelt man am besten wie Babies


Die Gefahren von Verniedlichung und Vermenschlichung von Tieren, auch wenn sie uns in manchen Dingen ähnlich sind und unsere Verhaltensweisen imitieren sowie die Frage von artgerechter Tierhaltung und Tierversuchen werden leider nur oberflächlich angekratzt.
Das kritische und philosophische Potential des Films rückt zugunsten der Actionszenen deutlich in den Hintergrund. Auch der chronologische Ablauf mancher Sequenzen erweckt bisweilen den Anschein, als hätten sich die Verantwortlichen ab und an irgendwie verzettelt.

Dennoch ist "Link, der Butler" ungemein kurzweilig und unterhaltsam. Natürlich wegen des titelgebenden Orang-Utans Link. Link, der Meister des Feuers, ist ein ehemaliger Zirkusaffe, der schon lange beim Professor lebt, angeblich gerne Butler Kleidung trägt und gelernt hat, wie man Streichhölzer anzündet und Zigarren raucht.
Er, der jüngere Schimpanse Imp ("Er liebt Katzen." "Warum kaufen Sie ihm keine?" "Weil er sie frisst."), der sein Kindchen Schema sehr gut zu nutzen weiß, es in Wirklichkeit aber faustdick hinter den Ohren hat und die schwer kontrollierbare Schimpansin Voodoo sind die eigentlichen Attraktionen und Stars des Films.
Doch ohne den fulminanten Soundtrack des Oscar prämierten Meisterkomponisten Jerry Goldsmith (Das Omen, Poltergeist) wäre "Link, der Butler" nur halb so effektiv. Meiner Meinung nach gehören auch die Stücke für diesen Film zu dem Besten, was Goldsmith je komponiert hat.
Da "Link, der Butler" jedoch nie einen höheren Bekanntheitsgrad erlangte, wurde seine Leistung auch nicht entsprechend honoriert.


Schöne schottische Landschaft


Die für mich untrennbar mit dem Film verknüpfte deutsche Synchronisation ist im direkten Vergleich mit dem Original äußerst lebendig und stimmig und sogar etwas humorvoller und dramatischer als der Originalton. Doch leider existiert bis dato keine deutschsprachige Veröffentlichung in guter Qualität, weshalb ich nun auf die Blu Ray von Kino Lorber zurückgreifen musste.
Mit der schönen Bildqualität kommen nicht nur die ästhetischen Landschaftsaufnahmen, sondern auch die kunstvollen Kamerafahrten und nicht zuletzt die Linsen, die für die Aufnahmen aus "Affen-Perspektive" gewählt wurden, hervorragend zur Geltung.
Und auch die allerletzte Einstellung des Films, die dem vermeintlichen Happy End eine zynische und zugleich augenzwinkernde Nuance verleiht, ist endlich ganz deutlich erkennbar.

"Link, der Butler" ist meiner Meinung nach ein zeitloser und immer noch zu wenig gewürdigter Klassiker des sich tendenziell in B- und C-Movie Gefielden dümpelnden Tierhorror Genres, von dem er sich aufgrund seiner hervorragenden stilistischen Qualität und Ästhetik und dem virtuosen Soundtrack deutlich abhebt.




Foto: Blu Ray von Kino Lorber