Sonntag, 27. Januar 2019

GANGSTERS '70 (1968)















GANGSTER STERBEN ZWEIMAL

Italien 1968
Regie: Mino Guerrini
DarstellerInnen: Joseph Cotten, Franca Polsello, Giampiero Albertini, Giulio Brogi, Bruno Corazzari, Franco Ressel

Destil riecht nach einem Jahrzehnt Aufenthalt hinter schwedischen Gardinen endlich wieder Frischluft. Der etwas in die Jahre gekommene Gangster möchte sich nun in Griechenland zur Ruhe setzen. Natürlich nicht, ohne vorher noch den ganz großen Coup seines Lebens zu landen. In Windeseile stellt er sich eine Truppe von Spezialisten zusammen, die ihn dabei unterstützen sollen. Doch hat er bei seinem (vermeintlich) genialen Plan nicht etwas Wichtiges übersehen?


Noch zuversichtlich - Destil (Joseph Cotten)


Kameramann Delli Colli mag Spiegelungen


Sein kriminelles Projekt hat er jahrelang ausgeklügelt und sorgfältig durchdacht. Doch ein nicht unwesentliches Detail wird vom ambitionierten Destil (Joseph Cotten) schlichtweg übersehen: die Zuverlässigkeit seiner Helfer.
Er rekrutiert unter Anderem einen ehemaligen Olympiaschützen, der heute ein abgebrannter Junkie ist, einen ehemals guten Pokerspieler mit schwachem Nervenkostüm, einen arroganten Schachmeister mit einem Überschuss an krimineller Energie, eine suizidale Schauspielerin und einen überengagierten Chemiker-Jungspund.
Mensch, das kann doch niemals gut gehen! Es liegt auf der Hand, wie fehleranfällig und daher gewagt Destils Vorhaben mit dieser Truppe ist. Noch dazu gefährdet er selbst den Erfolg des geplanten Überfalls durch einen Anflug von Sentimentalität. Entgegen den von ihm selbst als Alibi mittels akribischer Planung provozierten Medienberichten, er sei in einer Klinik in der Schweiz, lässt er sich bei seiner ehemaligen Geliebten in Rom blicken.

Diese flotte Gangstergeschichte, bei der Maestro Fernando DiLeo ("Milano Kaliber 9") als Drehbuchautor maßgeblich beteiligt war, erzeugt allein schon durch die interessante Konstellation der unterschiedlichen Charaktere Spannung.
Der mit großem Talent gesegnete Kameramann Franco Delli Colli (u.a. "Der Tod trägt schwarzes Leder", "La medaglione insanguinato" oder "Zeder – Denn Tote kehren wieder") verleiht der Handlung durch ungewöhnliche Kameraperspektiven und unkonventionelle Techniken das gewisse ästhetische Etwas.
Im letzten Drittel wird dann ohne Vorwarnung jegliches erzählerische Konstrukt und jeder Ansatz von Tiefgründigkeit für obsolet erklärt. Das Chaos regiert und alle überbieten sich gegenseitig in puncto Brutalität und Kompromisslosigkeit.

Dem einstigen Bühnenschauspieler und ehemals in Hollywood überaus erfolgreichen Joseph Cotten, der als Darsteller in namhaften Filmen wie "Citizen Kane" oder Alfred Hitchcocks "Im Schatten des Zwielichts" von sich Reden machte, blieb der ganz große Erfolg dennoch versagt. Er erhielt nie einen Oscar und irgendwann auch kaum mehr interessante Rollenangebote, weshalb er im fortgeschrittenen Alter scheinbar gezwungen war, in italienischen B- und C- Produktionen mitzuspielen. Dumm für ihn, gut für das Genrekino, das er mit seiner Mitwirkung beispielsweise in 
"Lady Frankenstein", "Baron Blood" oder "Insel der neuen Monster" bereicherte.
Etwas deplatziert wirkt er in seinen späteren Rollen zwar schon, da er seine eigene Ausstrahlung und das Erscheinungsbild eines noblen Sirs durch hemmungsloses Over-Acting und lustige Auftritte wie zum Beispiel am Anfang von "Gangster sterben zweimal" mit einem originellen Wind-Iro etwas schmälert. Aber vielleicht hatte der Mann ja auch wirklich viel Sinn für Humor. Oder schlichtweg nichts zu verlieren. Über seine Motive darf spekuliert werden.

Eingefleischte Fans des Italokinos können sich bei der Sichtung dieses äußerst kurzweiligen Films neben den üblichen schmierigen Gestalten und finsteren Verbrechern über die altbewährten Italokino-Veteranen Giampiero Albertini (auch bekannt aus dem thematisch ähnlichen "Sieben goldene Männer"), Parade-Gangster Bruno Corazzari (sollte später in "Der Mann ohne Gedächtnis" ebenfalls einen Bösewicht mit Erkältungssymptomen mimen) und Franco Ressel (legendär als gurselig-fies aussehender glubschäugiger Schurke namens "Stengel" in "Sabata") freuen.

Rasante und unorthodoxe Kameraufnahmen, manchmal versetzt mit einem ironischen Augenzwinkern, spritzige Dialoge und bleigeschwängerte Luft lassen garantiert schönste 60er Jahre Heist-Movie Stimmung aufkommen.




Die ersten Minuten von "Gangster sterben zweimal" wurden übrigens (wie auch "Il medaglione insanguinato" oder "Das Geheimnis des gelben Grabes") in der malerischen umbrischen Stadt Spoleto gedreht, deren antike Mauern und Bauwerke so markant sind, dass wir sie gleich wiedererkannt haben. Daher bietet sich noch ein kleiner Drehort-Vergleich an.


Blick auf die Festung, die tatsächlich einmal ein Gefängnis war...





... und heute ein Museum beherbergt



















Destils bescheidene Unterkunft der letzten 10 Jahre




















Über diese Brücke führt Destils Weg in die Freiheit

















Es handelt sich um die berühmte "Ponte delle torri"



Nochmal ein Foto von der Festung



Delli Collis Aufnahme der Brücke

















Meine Aufnahme der Brücke



Auch damals schon wild bewachsen




















Torbogen Richtung Gefängnis

















Destil sammelt seine sieben Sachen

















Wir standen auch dort



1968

















2012


Sonntag, 6. Januar 2019

LOST RIVER (2014)














LOST RIVER

USA 2014
Regie: Ryan Gosling
DarstellerInnen: Christina Hendricks, Saoirse Ronan, Eva Mendes, Matt Smith, Ian de Caestecker, Ben Mendelson, Barbara Steele u.a.

Inhalt:
Lost River ist ein verkommener Ort mit vielen leer stehenden Häusern, der Niemandem eine Zukunft zu bieten scheint. Wer kann, zieht weg. Nicht so Billy. Die attraktive allein erziehende Mutter eines Kleinkindes und eines Teenagers steckt in großen finanziellen Schwierigkeiten, möchte aber unbedingt den Abbruch ihres Hauses verhindern. Während sie von einem schmierigen Banker ein zwielichtiges Jobangebot annimmt, legt der ältere Sohn Bones sich mit dem gefährlichen Bully an. Sowohl der Mutter als auch dem Sohn drohen Gefahren, die sie sich in ihren schlimmsten Träumen nicht ausgemalt haben...


Vom Regen in die Traufe -Billy (Hendricks)


Freundschaft - Bones (Smith) und Rat (Ronan)


Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Mein optimistischer Plan besagte, dass unser Heimkino um diese Zeit wieder in Betrieb sein wird und ich die Feiertage nutzen kann, um Reviews zu schreiben.
Doch aufgrund mehrerer unvorhersehbarer Ereignisse müssen wir uns nun wohl noch einige Zeit gedulden. Deshalb behelfen wir uns vorläufig mit unserem Fernseher und einem Streaming Dienst.
Doch auch hier gibt es Schönes zu entdecken.
Wie zum Beispiel "Lost River". Auf diesen Film war ich schon seit geraumer Zeit neugierig, aber ich wagte keinen Blindkauf, zumal die Kritiken äußerst mies ausfielen.
Ryan Goslings Regie Debut wurde bei den Filmfestspielen in Cannes ausgebuht, im internationalen Filmkritiker Feuilleton verspottet und gemeinhin als "künstlerisch wertlos" deklariert.
Doch darauf möchte ich an späterer Stelle näher eingehen.
Zuerst mein Eindruck:
"Lost River" ist bildgewaltiges Kino. Ein düsteres Märchen für Erwachsene voller Melancholie, Mysterien und Gewalt.
Vom Vorspann bis zum Ende verweben und ergänzen sich konsequent morbid-ästhetische Aufnahmen verwaister Bauwerke mit den Schicksalen der zahlenmäßig stark ausgedünnten Bevölkerung dieses (fiktiven) Ortes.
Alles in und um Lost River ist bedrückend und trostlos. Die Vegetation bahnt sich neue Wege quer durch die verlassenen Gebäude und erobert langsam aber konsequent den von Menschen frei gemachten Raum zurück. Die Drehorte befinden sich hauptsächlich in Detroit, das in die jüngere Geschichte Amerikas eingeht mit einer eklatant hohen Arbeitslosenrate, einer ebenfalls hohen Kriminalitätsrate und einer starken Abwanderung von großen Teilen der Bevölkerung. Viele Häuser dort stehen nach wie vor leer und wittern vor sich hin, dem endgültigen Verfall entgegen.

Doch nicht nur die Bauwerke in "Lost River", sondern auch die letzten BewohnerInnen der desolaten und maroden Behausungen sind Verlassene.
Der Film beginnt mit der Verabschiedung zwischen Bones (Ian De Caestecker) und einem Nachbarn, der ihm rät, ebenfalls wegzuziehen, da es in Lost River keine Zukunft gibt.
Bones' schöne Mutter Billy (Christina Hendricks) ist Alleinerzieherin, Väter sind kein Thema. Die Familie hat weder Geld noch Hilfe von Außen.
Der ältere Sohn Bones freundet sich mit einer Nachbarin an, die Rat (Saoirse Ronan) genannt wird.
Letztere lebt ohne Eltern mit ihrer lebensmüden Großmutter in einem bedrückend dunklen, unwirtlichen Haus voller Andenken an eine längst vergangene Zeit aus dem Leben ihrer Oma.
Besagte Großmutter wird übrigens von der großartigen Barbara Steele ("Die Stunde wenn Dracula kommt", "The long hair of death" ) gespielt, die immer noch über eine magische divenhafte Leinwandpräsenz verfügt.


Horrorikone Barbara Steele


Der Nachtclub, in dem Billy arbeitet, ist eine Art Grand Guignol Theater mit fragwürdigem Publikum, das es vielleicht etwas zu offensichtlich und zu sehr genießt, mit Kunstblut bespritzt zu werden. In diesem Etablissement werden Horror und sexuelle Ekstase auf eine besonders ungustiöse und gefährliche Weise verknüpft, wie Billy etwas später in den Kellerräumen des Hauses realisiert.

Stilistisch wirkt "Lost River" ähnlich wie manche Werke von Nicolas Winding Refn ("Only god forgives", "The Neon Demon"). Doch es offenbaren sich noch mehr Parallelen zu anderen Filmen. Der Synthie Soundtrack erinnert etwas an das Thema von "Phantasm".
Das Spiel mit kaltem Licht, Farbwechseln und indirekter Beleuchtung kennt man auch von Regisseuren wie Mario Bava oder Dario Argento. Es dürfte mehr als unwahrscheinlich sein, dass die Gotik Horror Ikone Barbara Steele ganz unbeabsichtigt gecastet wurde.
Ryan Gosling gibt unumwunden zu, dass er mit seiner Arbeit auch Regisseuren (insbesondere Refn), von denen er viel gelernt und denen er zum Teil seinen Ruhm als Schauspieler verdankt, huldigen wollte.
Doch genau hier sehen die KritikerInnen – wie bereits eingangs erwähnt – das große Manko von "Lost River".
Um es auf den Punkt zu bringen: Dieser Film gilt als eine schlechte Kopie von Refn oder Lynch Filmen, wobei die negativen Aspekte nicht näher definiert werden.
Gosling wird also für das verurteilt, wofür man Quentin Tarantino applaudiert. Was Letzterem zum Vorteil gereicht, ist vermutlich dem Umstand geschuldet, dass sich bei Tarantinos Filmen niemand aus der seriösen intellektuellen Kritiker-Kaste ernsthaft für die Originale interessiert, da sie zu alt und unter der (intellektuellen) Würde jedes anständigen Rezipienten sind.
Deshalb spricht man hier offiziell nicht von Plagiaten sondern im besten Fall von Reminiszenzen (wenn diese überhaupt als solche erkannt werden). Ich möchte mit diesen Zeilen nicht (unbedingt) Tarantino in schlechtem Licht dastehen lassen, sondern lediglich verdeutlichen, dass mir die unterschiedlich angelegten Messlatten seitens der Presse ungerecht erscheinen.

Für mein Empfinden hat Ryan Gosling sowohl auf ästhetischer als auch erzählerischer Ebene eine nicht perfekte, aber in weiten Teilen durchgängig stimmige und intensive Atmosphäre geschaffen. Besonders die starken Haupt-Charaktere sind klar skizziert und dennoch nicht eindimensional. Deren Emotionen pendeln zwischen Verzweiflung, Furcht, Resignation und Kampfgeist.
Die mächtigen Bösewichte, gegenüber denen sie sich behaupten müssen, sind einerseits ein wildes, unberechenbares Tier (Bully, gespielt von Matt Smith) und ein klassischer Wolf im Schafspelz (Der Banker, gespielt von Ben Mendelsohn).
Womit wir wieder beim Märchenhaften sind...

Nicht alles macht Sinn und wird aufgelöst. Manches vielleicht auf den zweiten Blick, Anderes bleibt nebulös. Gosling präsentiert uns eine faszinierende Geschichte, bei der nicht alles vorgegeben ist und das Publikum seine eigenen Schlüsse ziehen muss. Er zeichnet eine unheilvolle Utopie, die sich in direkter Nachbarschaft zur Realität befindet: Dunkel, geheimnisvoll, brutal, wunderschön. Voller Melancholie und Nostalgie. Widersprüchlich. Wie der titelgebende Ort selbst.



Sonntag, 16. Dezember 2018

AMITYVILLE II : THE POSSESSION (1982)



AMITYVILLE 2 – DER BESESSENE

Mexiko, USA 1982
Regie: Damiano Damiani
DarstellerInnen: Burt Young, Rutanya Alda, Jack Magner, Diane Franklin, James Olson, Andrew Prine u.a.


Inhalt:
Die sechsköpfige Familie Montelli zieht in ein Haus in Amityville. Schon bald gibt es Hinweise, dass es im neuen Heim nicht mit rechten Dingen zugeht und auch die Stimmung zwischen den Montellis kippt zunehmend ins Feindselige. Der älteste Sohn Sonny hört imperative Stimmen aus seinem Walkman Kopfhörer, die Böses im Schilde führen und verhält sich immer verrückter. Kann Pfarrer Adamsky der Familie helfen?


Nebel sorgt für eine schaurige Atmosphäre


Vater Montelli (Young) nervt Sohn Sonny (Magner)


Von den ersten drei Amityville Filmen, die ich irgendwann Ende der Achtziger oder Anfang der Neunziger Jahre gesehen habe, ist mir "Amityville 2" als einziger in positiver Erinnerung geblieben.
Es ist mir unerklärlich, warum der erste Teil, der für meine Begriffe vielfach auf besonders kreative Weise interpretiert wird, nicht in der Versenkung verschwunden ist, sondern sogar andere Regisseure zu weiteren Verfilmungen und sogar Remakes inspiriert hat.
In meinen Augen war und ist er sterbenslangweilig. Aber über Geschmack lässt sich tatsächlich nicht gut streiten und nur Wenige können vermutlich nachvollziehen, dass ich ein gewisses Faible für "Amityville 2 – Der Besessene" habe.
Vielleicht keimte in mir schon ganz früh die Leidenschaft für das italienische Kino, wenngleich mir natürlich erst Jahre später bewusst wurde, wer Damiano Damiani ("Das Verfahren ist eingestellt: Vergessen Sie's!" oder "Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert") war und dass kein Geringerer als Dardano Sacchetti ("Die Gewalt bin ich", "Woodoo - Schreckensinsel der Zombies") am Drehbuch kreativ beteiligt war.

"Amityville 2 – Der Besessene" basiert ebenfalls wie der erste Teil der Reihe auf wahren Begebenheiten, die sich in dem berühmten Haus in der gleichnamigen Stadt abgespielt haben sollen. Wobei die Hintergrundgeschichte vom zweiten Teil eigentlich zeitlich vor dem Einzug der Familie Lutz spielt und trotz der Betitelung "Teil 2" somit eher als Prequel zu sehen ist.
Ronald DeFeo, der im Jahre 1974 seine gesamte Familie erschoss und um den sich im darauf folgenden Gerichtsprozess Gerüchte um Geisteskrankheit und sogar einer möglichen Besessenheit rankten, wird im Film von Jack Magner dargestellt. Aus Ronny wurde Sonny, doch die Geschichte wurde so wenig verfremdet, dass die Familie DeFeo sogar eine Klage gegen Produzent De Laurentiis einreichte.

Was mich an "Amityville 2" damals besonders faszinierte und mir deutlich in Erinnerung geblieben ist, ist die Radikalität des Gezeigten. Ich hätte damit gerechnet, dass Sonny den Widerling und Haustyrannen von Vater (Burt Young, u.a. bekannt aus den "Rocky" Filmen) um die Ecke bringt und vielleicht noch seine Mutter, aber all seine Geschwister? So eine Kompromisslosigkeit kannte ich aus den vorwiegend amerikanischen Horrorfilmen, die ich als Kind üblicherweise konsumierte, nicht.
Und damit ist der Film noch lange nicht erzählt, denn ab diesem Zeitpunkt geht es effektmäßig erst so richtig zur Sache.

Wenn ich mir "Amityville 2" heute ansehe, betrachte ich ihn in der Tradition europäischen, vornehmlich des italienischen Horrorkinos. Einerseits sind da diese atmosphärischen Bilder und die düstere Stimmung, die andererseits durch nicht rational erklärbare Merkwürdigkeiten, Over-Acting und einen gewissen Sleaze Faktor radikal in Grund und Boden gestampft wird, um sich in der nächsten Szene dann wieder langsam aufzubauen.
So etwas kennt man beispielsweise auch von Lucio Fulci (z.B. "Das Haus an der Friedhofmauer") oder Michele Soavi ("The Church").
Natürlich würde ich nie so weit gehen die oben genannten Filme "Amityville 2 – Der Besessene" direkt gegenüber zu stellen, denn im Gegensatz zu den anderen ist er wirklich kein guter Film.
Aber ein durchaus sehenswerter. Vielleicht befindet er sich eher in einer ähnlichen obskuren Kategorie wie Ugo Liberatores "Die Wiege des Teufels", wobei Letzterer allein schon wegen der Venedig Schauplätze wieder etwas höher zu bewerten ist.


Der Gesichtsausdruck des Grauens (Alda)


Rutanya Alda, die Mama Montelli verkörpert, erhielt für "Amityville 2" wohlverdient die berühmte "Goldene Himbeere" als schlechteste Schauspielerin. Wenn man ihre Fratzen, die Schrecken zum Ausdruck bringen sollen, so sieht, muss man einfach schmunzeln. Sie mimt das Entsetzen meiner Meinung nach fast genauso hingebungsvoll wie Daria Nicolodi in Mario Bavas "Shock".

Was man dem Film meiner Meinung nach im Gegensatz zum ersten Teil der Reihe nur schwer vorwerfen kann, ist, dass er sich in Belanglosigkeiten verliert . Von der ersten Minute an passiert etwas. Die Montellis haben ein beachtliches, teilweise durchflutetes Tunnelsystem im Keller, in das sich wahrscheinlich nicht einmal der gutmütige Joe the Plumber ("Geisterstadt der Zombies") ohne Rückendeckung reinwagen würde. Die Fenster im Haus lassen sich nicht öffnen. Alles nicht der Rede wert! Kann man schon mal so hinnehmen. Spiegel zerbrechen von selbst.
Und solange es noch nicht viel Übernatürliches zu sehen gibt, sorgt Vater Montelli für Stunk. Er ist gegenüber seiner Familie verbal und physisch gewalttätig, er demütigt seine Frau in der Öffentlichkeit, er prügelt einfach drauflos wenn die Kinder nicht brav sind. Er fordert von seinen Sprösslingen ein, dass sie ihm mit "Ja, Sir!" antworten und es bereitet ihm Vergnügen, dem von seiner Frau zur Hilfe gerufenen Priester auf seine spezielle Art zu zeigen, wer hier der Herr im Haus ist und was er von dem Geistlichen hält.
Man ahnt bereits in der allerersten Szene, mit was für einem Menschen man es hier zu tun hat. Lustigerweise schiebt Mama Montellis dann das familiäre Chaos und die häusliche Gewalt auf das neue Domizil. Ihr Mann war vor dem Umzug bestimmt ein mustergültiger Ehegatte.
Als sich dann zwischen Sonny und seiner Schwester Patricia (Diane Franklin) eine inzestuöse Liaison entwickelt (ein bisschen Sleaze und Tabubruch sei dem amerikanischen Publikum auch gegönnt), ist in den Augen der Mutter natürlich einzig und allein die naive jüngere Schwester Schuld an der Misere. Logisch, oder?


Schauspieler Magner, trotz Latexschichten noch erkennbar


Total abgedreht wird es dann in der zweiten Hälfte des Films, in der es um den mittlerweile unzweifelhaft besessenen Sonny geht und Vater Adamsky, der versucht, den Dämon aus dem Körper des Jungen auszutreiben. Nur gut, dass Sonny Darsteller Jack Magner ein derart markantes Gesicht hat, dass er unter den vielen dicken Latexschichten noch zu erkennen ist. Die Maskenbildner hatten vermutlich ihren Spaß mit dem Make-Up und diversen bewährten Ekeleffekten (Blut, Erbrochenes), die natürlich in keinem Exorzismus Streifen fehlen dürfen.
Das Ganze gipfelt dann in einer besonders ungustiösen Szene, in der dem armen Jungen Haut, Fleisch und Muskelfasern aus dem Gesicht fallen, um darunter die böse Kreatur zu offenbaren, die von ihm Besitz ergriffen hat. Diese Szene erinnert mich immer sehr an das Schicksal von Brundle Fly ("Die Fliege").

Ich habe keinen Hinweis darauf gefunden, dass sich der Linksintellektuelle Damiano Damiani, der für seine politischen Filme mit ausgeklügelten Drehbüchern gefeiert wurde, jemals öffentlich zu "Amityville 2" geäußert hat. Warum er diesen Auftrag angenommen hat und ob er mit seinem Werk zufrieden war, entzieht sich ebenfalls meiner Kenntnis. (Böse Zungen im Schattenlichter-Haushalt melden sogar Zweifel an, ob Damiani überhaupt persönlich am Set zugegen war.)

"Amityville 2 – Der Besessene" ist ein herrlich obskurer Vertreter des Horror-Genres der Achtziger Jahre, den ich mir immer von Neuem gerne ansehe und der jedes Mal eine weitere kleine Entdeckung parat hat. Dieses Mal fiel mir das zur Story passende Doors Poster in Sonnys Zimmer zum ersten Mal auf...

"The killer awoke before dawn, he put his boots on. He took a face from the ancient gallery and he walked down the hall. He went into the room where his sister lived, and then he paid a visit to his brother, and then he walked down the hall and he came to a door.
And he looked inside.
"Father?“ "Yes, son?"
"I want to kill you.“ (...)"
The Doors, aus dem Song "The End"

Und alle, die den Film absolut grottenschlecht finden, werden es hoffentlich wenigstens nicht bestreiten, dass der Score von Lalo Schifrin ein absolut zeitloser Klassiker unter den Horrorfilm Soundtracks ist.



Donnerstag, 6. Dezember 2018

SPECIAL: FESTIVALBERICHT "IL MOSTRO DI NORIMBERGA"


IL MOSTRO DI NORIMBERGA

Festival des italienischen Giallo-Films
23.-25. November 2018 im KommKino Nürnberg

Etwas später als geplant komme ich nach Krankenstand und einem Wochenendausflug nun doch dazu, einen kleinen Festivalbericht zu schreiben. Wie immer verzichte ich dabei auf ausführliche Reviews zu den einzelnen Filmen, sondern beschränke mich auf meinen Eindruck beim Festival. Filmkritiken zu verfassen würde mir aufgrund des zeitlichen Abstands sowieso etwas schwer fallen. Dazu kommt noch, dass ich mir prinzipiell keine Notizen mache.
Ich lebe und schreibe nämlich ganz nach dem (sich immer und immer wieder bewahrheitenden) Motto "Das Wichtigste bleibt immer hängen!" Ja, es ist so!






FESTIVALBERICHT

Unser erster Tag in Nürnberg begann im Prinzip ähnlich wie ein Giallo. Genau genommen gibt es einige Parallelen zu der Handlung von "Malastrana":
...Ein ausländisches Paar macht eine Sightseeing Tour durch eine nebelverhangene Stadt (zugegebenermaßen ist Nürnberg leider nicht zu vergleichen mit Prag, aber wir wollen mal nicht kleinlich sein), klappert einige Sehenswürdigkeiten ab und trifft sich am Abend mit Freunden zum Essen in einem Restaurant. Während dem Essen fällt dann auf, dass in dem Lokal rundherum ausschließlich SeniorInnen zu sitzen scheinen... Ist das nicht irgendwie suspekt? Was planen sie? Jedem, der das Genre kennt, fällt bestimmt Einiges dazu ein...

Aber Mal Spaß beiseite, wir sind wohl in dem Gasthaus tatsächlich ein bisschen aus der Reihe getanzt. Unser Kellner kam irgendwann an unseren Tisch und fragte, ob wir eine Band sind, was alle sehr nett und auch ziemlich witzig fanden und später zu Spekulationen darüber führte, welche Musik wir denn so im Programm haben würden.
Irgendwann schlurften zufällig noch ein paar weitere Kollegen und FestivalbesucherInnen durch die Tür und plötzlich wurde aus der 9 köpfigen Gruppe eine mindestens doppelt so große Runde. Tische wurden kurzerhand zusammengerückt und schon kam wieder diese heimelige, familiäre und unkomplizierte Stimmung, wie wir sie von den bisherigen Italocinema Festivals kennen und schätzen, auf.


Andi am Mikro (Ja, es ist ein Foto, keine Zeichnung)


Nach Begrüßung und ein paar Worten zum ersten Film seitens "Signor Italocinema" alias Andi ging es direkt los mit


DER KILLER VON WIEN (IT, ES 1971; Sergio Martino)



Diesen Film, der wohl zu einem der großen Klassiker des Genres gezählt werden darf (siehe auch mein Text hier), im 35mm Format im Kino zu erleben, ist für jeden Giallo Fan natürlich etwas ganz Besonderes. Ein Fest für Augen und Ohren, zum Träumen und Genießen. Besonders, da sich die Kopie in einem erstaunlich guten Zustand befindet.
Nachdem ich "Der Killer von Wien" bereits in Wien (verbunden mit Drehort-Besuchen) auf dem Deliria Italiano Treffen sehen durfte, schätze ich mich glücklich, dass ich nun zum zweiten Mal die Möglichkeit hatte, diesen zeitlosen Klassiker in seiner ganzen Pracht auf großer Leinwand zu genießen.





Nach einer einleitenden Ansprache mit dezent provokativen Thesen (die im Nachhinein noch für Diskussionen sorgten) von Christoph Draxtra ("Terza Visione Festival") ging es direkt weiter mit Lamberto Bavas


DAS UNHEIMLICHE AUGE (IT 1987; Lamberto Bava)




Ein dickbusiges Fotomodell wird von einem voyeuristischen jungen Nachbarn, der im Rollstuhl sitzt, beobachtet und von einem mysteriösen Killer bedroht. Immer mehr Menschen aus ihrem beruflichen Umfeld fallen nacheinander einem ominösen Mörder zum Opfer.
Gepflegte Langweile bereitete uns Lamberto Bava mit diesem Endpunkt des Giallo-Genres, das zugleich auch das Ende des ersten Festivalabends, nicht jedoch das Ende der Nacht einläutete...





Unsere Tradition pflegend saßen wir im Anschluss noch mit Andi und Tobi in der Hotellobby... Und wenn ich nicht um zwanzig vor 4 entschlossen aufgestanden wäre und resolut gesagt hätte: "Ich muss jetzt schlafen"... dann würden wir vielleicht heute noch dort sitzen...

Wenige Stunden später trafen wir uns zwar nicht frisch und munter, aber durchaus fröhlich in gemütlicher Runde wieder zum Burger Essen, mampften andächtig unsere schmackhaften Süßkartoffel-Pommes und machten uns dann (fast) satt (danke, dass ihr alle auf mich gewartet habt, als ich unbedingt noch Macarons als Nachspeise kaufen musste!) auf den Weg zum KommKino.
Dort erwartete uns schon...


DIE MÖRDERKLINIK (FR, IT 1966; Elio Scardamaglia)


Für mich eine Erstsichtung und sicher nicht meine letzte Begegnung mit Dr. Vance (William Berger). Letzterer leitet eine etwas abgelegene psychiatrische Klinik, in der ab und zu Angestellte oder Patientinnen über den Jordan gehen, was der gute Doktor jedes Mal etwas stümperhaft zu vertuschen versucht. Doch nicht nur er selbst, sondern auch seine Frau oder manche Angestellten der Klinik erscheinen bisweilen fragwürdiger als die psychiatrischen Patienten.
Ein höchst amüsanter Giallo, bei dem viel gerätselt werden darf, da erst ganz zum Ende der Geschichte Täter und Motiv erklärt werden und alles so weit hergeholt ist, dass man mithilfe von gesundem Menschenverstand niemals auf die Lösung des Rätsels kommen würde. "Die Mörderklinik" kann, ähnlich wie "Das Schloss des Grauens" als Mischung zwischen Gothicfilm und Giallo betrachtet werden, begeistert mit schönen Set-Designs, kreativen Wendungen und herrlich (w)irrer Hintergrundgeschichte.


Leider konnte der Filmgelehrte Pelle Felsch für seine Ansprache zum folgenden Film nicht persönlich anwesend sein, aber er war so nett und hat uns eine informative, gut recherchierte und mit seinem oft augenzwinkernden Humor gespickte Einleitungsrede zu "Der Tod trägt schwarzes Leder" per Video zukommen lassen. Das Ganze wurde ergänzt mit Ausschnitten aus anderen Filmen zur Veranschaulichung des Gesagten oder einfach auch zum reinen Unterhaltungszweck. Es war jedenfalls ein kurzweiliges Vergnügen. Mille grazie!


DER TOD TRÄGT SCHWARZES LEDER (IT 1974; Massimo Dallamano)



Diesen Poliziottesco mit Giallo Elementen zähle ich schon seit langer Zeit zu einem meiner Lieblingsfilme, der mit jeder Sichtung in meiner Gunst gestiegen ist (siehe auch Text hier). Und trotzdem war er für mich DIE Überraschung des Festivals, da er mich nun im Kino dermaßen in den Bann gezogen hat, dass er sich direkt in den Olymp des Genres katapultiert hat.








Nach diesem wahrlich berauschenden Filmerlebnis ging es mit einer größeren Gruppe zu einem Lokal namens "Spießgesellen", in dem von den Festivalveranstaltern Plätze für bis zu 40 Personen reserviert worden waren.
Wir hatten einen ganzen Saal für uns allein und es gab sogar eine eigene Speisekarte für das "KommKino und Gefolge". Essen ist natürlich immer Geschmackssache und die Bewertung der Qualität liegt wohl auch meist am Gaumen des Betrachters...  Sollte ich jemals wieder in dieses Restaurant kommen, würde ich auf jeden Fall wieder ein frisch gezapftes Zirndorfer Kellerbier aus dem Tonkrug trinken. Vielleicht auch zwei. Sehr lecker! Wie hieß es nochmal immer in meiner Jugend? Ein Bier entspricht zwei Semmeln? 
In bester Gesellschaft führten wir Gespräche zu Themen, wie sie gewöhnlicherweise in Nerd-Kreisen gepflegt werden. Es ging unter Anderem um gute Remakes, das TV Programm Anfang der Neunziger Jahre und italienische Söldnerfilme.
Nach einer ausreichend langen und angenehmen Pause ging es weiter mit...


UNTER DEN AUGEN DES MÖRDERS (IT 1982; Dario Argento)


Ein Schriftsteller gerät aufgrund der Ähnlichkeit einer Mordserie zu seinem aktuellen Kriminalroman "Tenebre" selbst unter Verdacht und versucht deshalb, den Mörder auf eigene Faust zu stellen...
Geht es um die Filme Dario Argentos, muss ich bekennen, dass ich nicht zu denjenigen gehöre, die seine (Früh-)Werke uneingeschränkt verehren. Deshalb war Tenebre für mich eine Erstsichtung. Der Film ist in der deutschen Kinofassung gekürzt und mein desinteressiertes Hirn und meine übermüdeten Augen nahmen leider noch weitere willkürliche Kürzungen an der generell etwas wirren Geschichte vor, weshalb ich mich hüten werde, einen abschließenden Kommentar dazu abzugeben. Wobei mich das Gesehene ehrlich gesagt nicht sonderlich motiviert für eine Zweitsichtung. Aber sag niemals nie...



Mit einem großen Fragezeichen im Kopf verließ ich nach der Vorstellung den Saal und machte mich mithilfe einer Mate-Cola wieder halbwegs munter für den nächsten Film, nämlich...


DIE GROTTE DER VERGESSENEN LEICHEN (IT 1971; Emilio Miraglia)



Ich habe ein Herz für diesen herrlich verworrenen Unfug, was ich in einem etwas ausführlicheren Text an dieser Stelle bereits zum Ausdruck gebracht habe.
Wenn Anthony Steffen als Lord Cumberland wirr mit den Augen rollt und Erika Blanc lustige Striptease Vorführungen zum besten gibt, hebt das meine Stimmung immer ungemein. Die farbenprächtige Projektion trug ihr Übriges zu einem unvergesslichen Kinoerlebnis bei.








SUSPIRIA (IT, USA 2018; Luca Guadagnino)


Wir befinden uns in einem fiktiven Berlin der Siebziger Jahre. Die Amerikanerin Suzy feiert gerade den größten Erfolg ihres Lebens – sie wird in die berühmte Tanzakademie aufgenommen. Ihr Traum beginnt. Doch bald findet sie heraus, dass hier Einiges im Argen liegt und Schülerinnen spurlos verschwinden. Wird es doch ein Alptraum?
Ich habe mir noch keine abschließende Meinung zu diesem Film gebildet, werde ihn aber in Bälde ein zweites Mal im Kino ansehen. In etlichen Rezensionen wird das lose auf dem Original basierende Remake entweder über alle Maßen gelobt oder – wie in letzter Zeit häufig – mit Schmähkritiken überzogen. Letztere sind in ihrer Wortwahl zwar wohl überlegt und schön ausformuliert. Dennoch kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass manche Reaktionen etwas überzogen sind. Auf der geschichtlich-politischen Interpretationsebene scheint er jedenfalls ein Tabubrecher zu sein und beim Publikum bisweilen intensive emotionale Reaktionen hervorzurufen.
Ich würde dem Regisseur gewisse historische Ungenauigkeiten auf keinen Fall vorwerfen wollen, immerhin haben wir es mit einem Hexenfilm zu tun und wahrscheinlich steht einfach das Transportieren einer gewissen Stimmung im Vordergrund. Bezüge zum Nationalsozialismus wurden ja bereits von Argento angerissen, wenn auch nicht in dieser Deutlichkeit wie sie von Guadagnino nun ausformuliert wurden. Besonders spannend erscheint mir in diesem Zusammenhang die Parallele zwischen den skizzierten Machtstrukturen. Die streng hierarchischen und menschenverachtenden politischen Strukturen und der Personenkult spiegeln sich im Mikrokosmos "Tanzschule" wider.
Und abgesehen davon sollte man nie das berühmte Zitat aus einem legendären Filmtrailer vergessen: "It's only a movie, it's only a movie..."
Das Set Design und die konsequent kalte, graue, triste 70er Jahre Atmosphäre sowie die vielen herausragenden Schauspielerinnen, die rund um die faszinierende Tilda Swinton herumtanzen, hat mich die Geschichte jedenfalls gebannt verfolgen lassen.
Ein paar Spezialeffekte waren mir leider ein fieser Dorn im Auge, ich reagiere allergisch gegen CGI Blut und ähnliche computergenerierte Effekte, deren Einsatz leider in vielen Genre-Produktionen der letzten Jahre für mein Empfinden überstrapaziert wird.
Und dass Elena Markos am Ende des Films aussieht wie eine Mischung aus Jabba the Hut und Butterball ("Hellraiser") fand ich jetzt dem Gesamtbild des Films nicht besonders zuträglich.
Etwas weniger (Effekte, Laufzeit) hätte dem neuen "Suspiria" wohl nicht geschadet.


Jedenfalls bietet Guadagninos "Suspiria" ausreichend Grundlage für kontroverse Diskussionen und er inspirierte auch viele Festivalbesucher (einschließlich mich), im Anschluss an die Vorstellung ihren persönlichen Assoziationen und Analysen freien Lauf zu lassen. In einer kleinen Runde tauschten wir noch ein paar erste Gedanken aus. Doch leider blieb uns nicht ausreichend Zeit, da es zügig weiterging mit...


EXZESS – MORD IM SCHWARZEN CADILLAC (IT 1969; Alberto De Martino)


Journalist Michael trifft zufällig seinen alten Kumpel Dieter Lambert wieder. Dieter ist reich und erfolgreich, immerhin ist er das (überaus schmierige) Werbegesicht eines Großkonzerns. Als er kurz darauf mit seinem Auto tödlich verunglückt, entdeckt Michael Hinweise, dass ein Mordkomplott hinter dem Ableben seines Freunds stecken könnte und beginnt mit eigenen Nachforschungen...
Ja, zu viel Erfolg und Geld kann den Charakter ganz übel verderben. Zumindest wird dies bei unserem Schmalzbubi in diversen Einblendungen über seine vergangenen Exzesse und Taten ersichtlich. Und seinem Kumpel Michael soll es im Laufe seiner Recherchen im Umfeld des Verblichenen ähnlich ergehen. Reiche Frauen, jung und alt, ständig bereit für ein Schäferstündchen, lauern den beiden Charmebolzen quasi an jeder Ecke auf, um sogleich ihre weiblichen Verführungskünste unter Beweis zu stellen.
Ich werde mit nichts und niemandem so richtig warm im Film, mir fehlt das Interesse an den eindimensionalen Charakteren. Ihre Interaktion und ihr Handeln wirken beliebig und oft nicht nachvollziehbar. Wenigstens ist die deutsche Synchronisation ab und zu für einen Lacher gut.
Italienischen Genrefilmen, die in Amerika spielen, fehlt für meinen Geschmack meistens (Ausnahmen gibt es natürlich) das italienische Flair. Bei "Exzess..." geht es mir leider auch so.
Für mich wirkt das Gesamtkonzept ähnlich daneben, wie wenn man seinen Aperol zum Dessert trinken oder Spaghetti mit Messer und Gabel essen würde...


NACHT DER ROLLENDEN KÖPFE (IT, ES 1972; Maurizio Pradeaux)


Kitty (Nieves Navarro aka Susan Scott) wird durch ein Münzfernrohr zufällig Zeugin eines grausamen Mords, bei dem eine Frau in einer Wohnung von einer schwarz gekleideten Gestalt mit einem Rasiermesser getötet wird. Bald darauf gibt es plötzlich Hinweise darauf, dass Kittys Freund Alberto der Mörder sein könnte und das Paar sieht sich plötzlich in der Situation, die Polizei zu unterstützen und auch auf eigene Faust zu ermitteln...
Auch dieser Film war eine Erstsichtung für mich und ich habe ihn direkt in die gelbe Schatzschatulle meines schwarzen Herzens geschlossen! Warum? Weil der Film in Rom spielt, weil er spannend und witzig ist, weil Susan Scott (wie in "Death walks at Midnight") in ihrer Rolle wieder mal so herrlich eigensinnig und zu Allem entschlossen ist, weil "Hans Krutzer" immer wieder mal irgendwo durchs Bild schleicht, weil die Drehbuchautoren mit roten Heringen nur so um sich geworfen haben und der Film neben einem Rasiermessermörder alles beinhaltet, was traditionell zum Giallo-Genre gehört.
Ich nehme mir mal vor, bei einer wiederholten Sichtung etwas ausführlicher darüber zu schreiben, weil ich finde, das hat der Film verdient.


DER TODESENGEL (IT 1971; Maurizio Lucidi)


Einer meiner Lieblingsfilme (ausführlicher dazu hier)! Im Vorfeld bleibt mir schon fast ein großes Stück meines Flammkuchens im Hals stecken als mir Konni beim Abendessen berichtete, dass mehrere Minuten fehlen. Etwas beruhigt wurde ich von der Erklärung, dass das fehlende Material identifiziert werden konnte und es sich angeblich nur um eine einzelne Szene handelt, die nun extra von der (kommenden) Koch Blu Ray reingebeamt wird.
Neben einigen kleinen, aber doch störenden Sprüngen bei Dialogen und Musik konnte ich schließlich noch mehr Szenen(-fragmente) ausmachen, die gefehlt haben.
Daher konnte die fein gesponnene Intrigengeschichte und die emotionale Komponente, speziell die sich langsam steigernde Verzweiflung von Stefano, nicht so deutlich zur Geltung kommen und nicht annähernd die Spannung und Dramatik erzeugen, die dem Film normalerweise innewohnt.
Doch was ich von der Koch-VÖ gesehen habe, versöhnt mich und steigert meine Vorfreude auf die Blu Ray. Auch wenn der Film atmosphärisch aufgrund der sich in eher schlechtem Zustand befindlichen Kopie beraubt wurde, war es ein schöner Festival-Abschluss. Und ich wurde bei dieser Gelegenheit wieder mal daran erinnert, endlich mal mein ultimatives Todesengel Drehort-Special (mit Fotos von Mailand und Venedig) hochzuladen...


FAZIT


Organisatorisch und atmosphärisch war das Italocinema Festival 2018 sogar noch eine Steigerung zu den bisherigen Veranstaltungen. Selbstverständlich hingen wieder einige Filmplakate im Foyer, aber diesmal gab es noch eine ganz besondere Deko: der Schaukasten wurde mit schwarzen Lederhandschuhen, einer Rasierklinge und der Roten Dame Figur bestückt, eine große Flasche J&B daneben platziert. Zu den wie immer schön designten Dauerkarten bekam man einen Mini- J&B als Zugabe. Vor den Filmen wurden die passenden Dias auf die Leinwand projiziert. Natürlich musikalisch untermalt mit vertrauten Klängen aus dem O.S.T..
Dadurch kam schon vor der jeweiligen Vorstellung das richtige Giallo-Feeling im Kinosaal auf.


Es war außerdem erfreulich, dass dieses Mal die Anzahl von KinobesucherInnen deutlich höher als bei den vorangegangenen Italocinema Events (siehe auch Bericht "10 Jahre Jubiläums-Festival" und Bericht "Norimberga Violenta") war. Ob es an der zunehmenden Popularität von Italocinema generell liegt oder ob es dem allseits beliebten Giallo Genre geschuldet war, kann ich natürlich nicht beurteilen. Ich hoffe, dass Ersteres mehr zutrifft und bin jetzt schon wieder voller Vorfreude auf das kommende Ereignis im Jahr 2019 wenn es dann heißen wird

"TERRORE A NORIMBERGA"!


Andi, Konni, Tobi, den Filmvorführern vom KommKino und alle, die in irgendeiner Form zum Gelingen dieses Festivals beigetragen haben, möchte ich meinen Dank aussprechen und nochmals imaginär applaudieren.
Danke für eure einleitenden Worte, die Trailershows, Verlosungen (mit Preisen der Labels Colosseo, SubKultur, CMV und X-Rated), das schöne Programmheft (besonders lesenswert ist auch der humorvolle und gleichzeitig gehaltvolle Einleitungstext von Christian Keßler über das Genre), die hübsch anzusehenden Dauerkarten, die Diaprojektionen, die liebevoll zusammengestellte Musik und natürlich an Koch Media für die Unterstützung bei "Der Todesengel".

Das Wochenende mit dem "Mostro di Norimberga" war ein unvergessliches Erlebnis.
Die gezeigten Filme (und deren Bildqualität) waren allererste Sahne, die Projektionen ziemlich reibungslos und die gesamte Atmosphäre einladend und absolut festival-würdig.
Ein Event, von dem ich noch lange zehren werde und bei dem trotz größtenteils straffem Zeitplan doch noch ausreichend Zeit für Begegnungen auf persönlicher Ebene mit lieb gewonnenen Freunden, Bekannten und neuen Festival-Gästen blieb.

Und so streiften wir uns unsere schwarzen Lederhandschuhe über die Hände und tauchten mit einem lachenden und einem weinenden Auge ein ins Dunkel der Nacht...