Sonntag, 15. September 2019

CUJO (1983)














CUJO

USA 1983
Regie: Lewis Teague
DarstellerInnen: Dee Wallace, Danny Pintauro, Daniel Hugh Kelly, Christopher Stone, Ed Lauter u.a.

Inhalt:
Donna Trenton fährt mit ihrem 6 Jahre alten Sohn Tad zu einer abgelegenen Farm, um dort ihr Auto reparieren zu lassen. Dummerweise verreckt die Karre auf dem Hof, zu allem Übel ist auch noch der Tank leer und der gutmütige Bernhardiner Cujo, der auf der Farm lebt, hat sich in eine geifernde Bestie verwandelt. Papa Trenton ist verreist, im Auto herrscht brütende Hitze und es ist weit und breit keine Rettung in Sicht...


Vic Trenton (Kelly) und Donna (Wallace) haben Probleme


Dramatische Belagerungssituation


"Cujo" gehört zu den besten Roman-Umsetzungen des unvergleichlichen nimmermüden Autors Stephen King und soll laut Regisseur Lewis Teague sogar den für gewöhnlich in Bezug auf Verfilmungen seiner Texte besonders kritischen "Meister des Grauens" zufrieden gestellt haben.
Obwohl im Gegensatz zum Gros der in den Anfängen des Schriftstellers entstandenen Geschichten hier keine übernatürlichen Kräfte oder Monster Ursache des Grauens sind, ist die Story über den tollwütigen Bernhardiner eine der fiesesten und düstersten aus Castle Rock.
Dies hat einerseits mit dem heftigen Ende zu tun (das man mit Einverständnis von King für den Film abänderte, weil man es dem Publikum nicht zumuten wollte) und andererseits mit Cujo selbst.


Wahrlich bemitleidenswert - Cujo (Darsteller unbekannt)


Jeder, der ein Herz für Hunde hat, muss einfach Mitleid empfinden mit diesem armen Tier, das einst ein treuherziger und liebenswürdiger Familienhund war und bei vollem Bewusstsein mitbekommt, wie er sich verändert. Er leidet unter seiner Erkrankung. Nach dem Biss der Fledermaus verkriecht er sich und versucht, den Kontakt mit Menschen zu vermeiden. Man sieht ihm regelrecht an, wie er mit sich ringt und wie ihm der Lärm, den seine Besitzer verursachen, an die Nieren geht. So kämpft er zuerst mit sich selbst, bevor er gegen alle anderen kämpft.
Bei der letzten Gelegenheit, in der er noch etwas Herr über sich zu sein scheint, wendet er sich traurig von dem kleinen Jungen, den er besonders gern hatte, ab, und trottet in den Nebel.
Diese Szene finde ich besonders berührend, weil sie im übertragenen Sinn auch irgendwie für das steht, was mit Cujos Bewusstsein passiert.
Im Buch finden sich auch einige herzerweichende Beschreibungen, in denen manche Vorgänge aus Cujos Sicht dargestellt werden wie zum Beispiel diese Zeilen:

"Vielleicht sollte man an dieser Stelle erwähnen, dass er immer versucht hatte, ein guter Hund zu sein. Er hatte versucht, alle Dinge zu tun, die sein MANN und seine FRAU und besonders sein JUNGE wünschten oder von ihm erwarteten. Er wäre für sie gestorben, wenn sie es verlangt hätten. Er hatte nie jemanden töten wollen..."

Tierhorrorfilme, bei denen die Bedrohung nicht von ohnedies eher negativ konnotierten Exemplaren wie beispielsweise Alligatoren, Haien, ekligen Insekten oder sonstigen Kreaturen ausgeht, sondern an sich niedliche und nette Affen ("Link, der Butler" oder "King Kong") oder knuddlige Bernhardiner ("Cujo") aus nachvollziehbaren Gründen (Link weiß, dass man ihn töten will, King Kong will die Frau beschützen, Cujo ist krank) morden, sind meist besonders dramatisch.
Sie sind komplexer und facettenreicher, bauen weniger auf simple Schwarz-Weiß-Malerei, Effekte und Action, sondern setzen bewusst auf Mitgefühl und emotionale Ambivalenz des Publikums in Bezug auf das bedauernswerte Tier.

Was den Film zu einem kleinen Juwel macht, sind neben der intelligent aufgebauten Story und den hervorragenden Ekel-Effekten (Cujos Fell mit farblich undefinierbarem zähflüssigen Schleim) die hervorragenden SchauspielerInnen.
Allen voran natürlich Dee Wallace als Donna Trenton ("E.T. – Der Außerirdische", "Critters – Sie sind da", "Lords of Salem") und Danny Pintauro in der Rolle des Sohnemanns Tad.
Danny dürfte jedem, der in den 90ern ab und zu ferngesehen hat, aus der Serie "Wer ist hier der Boss?" bekannt sein. Wenn er im Auto vor lauter Angst schreit und weint oder Krampfanfälle bekommt, ist das wirklich ganz großes Kino.
Daniel Hugh Kelly, den man vor allem aus der 80er Jahre Serie "Hardcastle und McCormick" kennt, ist nicht unbedingt der große Sympathieträger, aber immerhin ist dadurch auch irgendwie nachvollziehbar, dass Donna eine Außenbeziehung führt. Zwar nicht unbedingt mit dem etwas verwahrlosten und zu Gewaltausbrüchen neigenden Steve (Christopher Stone, der leider viel zu früh verstorbene Ehemann von Dee Wallace), aber es hat sich wohl den Umständen entsprechend so entwickelt.
Donna ist eine Frau, die den Zugang zu sich selbst zwischen Haushalt und Kindererziehung verloren hat. Reduziert auf ein überholtes Hausfrauenklischee wirkt sie im Trott des Alltags irgendwie unglücklich und melancholisch. Auch die Affäre mit Steve scheint ihr keine Freude zu bereiten, sondern sie eher noch weiter in Richtung Apathie und Depression zu drängen, weshalb Donna vermutlich auch den Entschluss fasst, Steve nicht mehr zu treffen.
Doch um ihre Ehe zu retten, ist es vielleicht schon zu spät. Denn Ehemann Vic hat durch einen unglücklichen Zufall schon selbst herausgefunden, warum seine Angetraute manchmal so abwesend wirkt.
Erst als Donna um das Leben ihres Sohns Tad kämpft, befreit sie sich aus ihrer Lethargie und Emotionslosigkeit und wird zur Löwenmutter und kampfbereiten Amazone.

Die Entwicklung der Charaktere und alles, was nicht ausgesprochen wird, macht die erste Hälfte des Films (bevor Cujo so richtig am Rad dreht und die klaustrophobische Belagerungssituation im Mittelpunkt des Geschehens steht) aus.
Dabei beweist Regisseur Teague viel Feingefühl und ein gutes Gespür für die stimmige Umsetzung des Romans. Und neben den Maskenbildnern und dem Hundetrainer leisteten auch andere Crew-Mitglieder einen wichtigen Beitrag zu "Cujo".
Zum Beispiel Komponist Charles Bernstein, der uns auch den schönen Soundtrack von "Nightmare on Elm Street" bescherte und viele andere Filme aus dem Bereich Horror und Science Fiction musikalisch mitgestaltet hat.
Kameramann Jan de Bont gilt aus gutem Grund als einer der technisch brillantesten der Welt. Wem nicht nur ein interessantes Drehbuch und gute SchauspielerInnen, sondern auch kunstvolle Kamera Aufnahmen wichtig sind, wird nicht umhin kommen, "Cujo" als kleines Gesamtkunstwerk zu betrachten.

"Cujo", der nun endlich ungekürzt und in bester Qualität verfügbar ist, ist einer dieser großartigen Filme, der allerdings beim Publikum (zumindest im deutschsprachigen Raum) nie wirklich einen besonders hohen Stellenwert einnehmen konnte.
Eine Hypothese dazu ist, dass er für das Horror-Publikum zu wenig Effekte und Morde bietet und für manche auch etwas zu lange braucht, um in die Gänge zu kommen.
Ich kenne den Film und das Buch seit meiner frühen Kindheit und mochte "Cujo" seit Anbeginn meiner cineastischen Sozialisation.
Aber seitdem ich ihn nun auf der Leinwand im Schattenlichter Kino in gestochen scharfen Bildern erleben durfte, ist mir schlagartig klar geworden, wie groß dieser kleine Film in Wahrheit ist.




Foto: Eureka Blu Ray und die kanadische DVD von Maple Pictures




Foto: Der Roman von Stephen King



Montag, 2. September 2019

FACCIA A FACCIA (1967)














VON ANGESICHT ZU ANGESICHT
HALLELUJA - DER TEUFEL LÄSST EUCH GRÜSSEN (Kinotitel)

Italien, Spanien 1967
Regie: Sergio Sollima
DarstellerInnen: Tomas Milian, Gian Maria Volonté, William Berger, Jolanda Modio, Carole André, Nello Pazzafini, Gianni Rizzo u.a.


Inhalt:
Der Lehrer Brad Fletcher trifft auf den Verbrecher Solomon "Beauregard" Bennet und entwickelt sich vom Entführungsopfer zum skrupellosen Bandenführer. Als Beauregard erkennt, welchen schlafenden Hund er geweckt hat, ist es beinahe zu spät, um seine GefährtInnen und Freunde vor einem schlimmen Ende zu bewahren...


Beauregard Bennet (Milian)


Brad (oder Brett) Fletcher (Volonté)


Mit Tomas Milian in der Rolle des windigen "bauernschlauen" Bandenanführers Beauregard und Gian Maria Volonté als überheblicher und machthungriger Ex-Lehrer Brad (in den italienischen Credits "Brett") duellieren sich in diesem Western zwei der begabtesten und charismatischsten Darsteller, die Cinecittà zur Zeit seiner Hochblüte zur Verfügung standen.
Auch wenn Milians Perücke im Topfdeckel Look etwas befremdlich wirkt – so etwas auf dem Kopf herumzutragen und dennoch so ernsthaft und inbrünstig zu schauspielern, das muss ihm erst mal jemand nachmachen. Glücklicherweise hat man diesen maskenbildnerischen Faux-Pas nach ein paar Minuten schon akzeptiert. Beauregard sieht eben so aus.


Rinder Anni (André)


Immer noch besser als seine junge Freundin (Carole André) mit dem wohlklingenden Namen Rinder-Anni, deren Haupthaar an ein Monchhichi oder einen Kobold aus "Die Reise ins Labyrinth" erinnert.
Aber das ist Meckern auf hohem Niveau. Man könnte es auch so deuten, dass diese Haarteile der Kategorie Wischmop den einzig humorvollen Konterpart zu der tendenziell dramatischen und am Ende gar tragischen Erzählung bilden.

Sergio Sollimas zweiter Western ist wie bereits "Der Gehetzte der Sierra Madre" stark gekennzeichnet durch sein gehaltvolles Drehbuch und die im Vordergrund stehende Persönlichkeits-Metamorphose der beiden Protagonisten.
Professor Brad Fletcher, der aus gesundheitlichen Gründen seinen Lehrberuf an den Nagel hängt, hat es auf der Karriereleiter trotz ausreichend vorhandenem geistigem Potential nie weit gebracht. Dies macht ihm bzw. uns sein (ehemaliger) Vorgesetzter bereits in der ersten Filmszene unmissverständlich klar. Brad hat nämlich ein Problem. Er war Zeit seines Lebens immer ein Duckmäuserich, es mangelt an Selbstbewusstsein und Durchsetzungsvermögen.
Dadurch, dass er von Beauregard zuerst als Opfer, dann als Helfer und schließlich als Freund auserkoren wird, wird Brads Ego gefüttert und enorm gestärkt.
Leider werden seine anerzogenen und erlernten moralischen Prinzipien durch Geltungsdrang und Allmachtsphantasien (vermutlich das Resultat zurückliegender unverarbeiteter Kränkungen) ersetzt.
Die Entwicklungsgeschichte Brads ist derer vieler mächtiger Männer bzw. Diktatoren gar nicht so unähnlich.
Vergangene persönliche Erfahrungen von Zurückweisung, Misserfolg und Kränkung werden leider allzu oft durch besondere Rücksichtslosigkeit, Grausamkeit und skrupellose Machtdemonstrationen kompensiert.

Während sich Professor Fletcher wichtige gesellschaftliche Werte wie Anstand, Freundschaft und Mitgefühl eher auf kognitiver Ebene angeeignet hat, dürfte Beauregard einen biographischen und emotionalen Zugang zu diesen Themen besitzen.
Das harte Leben und sein Umfeld haben ihn gelehrt, auf seinen Instinkt zu vertrauen. Die Gemeinschaft der Gesetzlosen, deren Anführer er ist, zollt ihm Respekt, weil er für sie nachvollziehbar handelt und immer authentisch ist.
Die kleine Rinder Anni bringt dies sehr pointiert zum Ausdruck als sie nach der Machtübernahme Brads den Vergleich zwischen ihm und Beauregard als Anführer zieht:
"Jetzt machst du die selben Dinge, die er gemacht hat. Aber es ekelt einen an, wenn du es tust!"

Sollima hat sich dieser Wandlung von Charakteren später in seinem grandiosen "Die perfekte Erpressung" abermals in sehr ähnlicher Form gewidmet. Die Protagonisten Vito Cipriani (Oliver Reed) und Milo Ruiz (Fabio Testi) sind ebenfalls sehr verschieden und ihr Verhältnis zueinander ähnlich gespalten wie das von Fletcher und Bennet.
Mein Fazit von "Die perfekte Erpressung" trifft daher haargenau auch auf "Von Angesicht zu Angesicht" zu: Sollima erzählt eine komplexe Geschichte, die das Schicksal zweier ganz unterschiedlicher Männer miteinander verwebt, ihre jeweilige Einstellung zum Leben aufgrund der Geschehnisse grundlegend verändert und die beiden Protagonisten am Ende auf brutale Art und Weise wieder auseinander dividiert.
Es gibt allerdings einen bedeutsamen und markanten Unterschied – Während Cipriani aus Verzweiflung und purer emotionalen Überforderung (seine Frau wird von Entführern festgehalten) Verbrechen begeht, sind Fletchers Beweggründe rein egozentrisch, seine Pläne durchzogen von (sadistischem) Kalkül.
Die Art von Sympathie und Mitgefühl, wie man sie für Vito Cipriani noch empfinden mag, wird bei Brad Fletcher durch sämtliche seiner Aktionen im Keim erstickt.

Interessant ist auch die eher wenig beachtete Rolle der Maria (Jolanda Modio, auch zu sehen in "Casanova 70"). Die Frau mit den schönen Augen und dem tiefgründigen Gesichtsausdruck, die mit dem Bandenmitglied Vance (Nello Pazzafini) liiert ist, nimmt sich Brad mit Gewalt.
Nach der Vergewaltigung zeigt sie sich an Fletchers Seite und schmiegt sich an ihn, während er mit Beaus Bande Pläne für den nächsten Überfall schmiedet.
Warum sie sich so verhält, wird nicht erklärt. Denkbar wäre, dass sie unter dem Stockholm Syndrom leidet bzw. dass sie ihm aus Angst vor weiterer Gewalt etwas vorspielt. Für Sollima bedurfte es augenscheinlich keiner näheren Beleuchtung des Dilemmas dieser Frau. Denn auch für Brad ist der Hintergrund für Marias Verhalten schließlich irrelevant. So lange alle seine Schachfiguren zu ihm aufsehen und Brad folgen, spielt es keine Rolle, was Maria und die anderen denken oder fühlen.
Wenn man sich mit Sergio Sollima etwas beschäftigt, kann man die chauvinistische Deutungs-Variante, die im Kino von damals keine Seltenheit darstellte (die Vergewaltigung hat ihr schlussendlich gefallen und dann hat sie sich eben verliebt), ausschließen.


Charley Siringo (Berger)


Als ausgleichendes Element zwischen Beau und Brad, die mit der Wandlung vom Schreibtischtäter zum Verbrecher und vom Verbrecher zum Helden von einem Extrem ins andere fallen, kann die Rolle des Charley Siringo verstanden werden.
Letzterer wird vom österreichischen Schauspieler William Berger (bekannt u.a. für die "Sabata" Western) verkörpert und darf getrost als eine seiner hervorragendsten schauspielerischen Leistungen bezeichnet werden.
Siringo ist Angestellter des Detektivbüros Pinkerton (der Vorläufer des F.B.I.) und versucht durch listenreiches Taktieren das Vertrauen von Beau zu gewinnen. Er hat den Auftrag, die Wilde Horde (Beaus Bande) zu zerschlagen. Er ist zwar ein Mann des Gesetzes, folgt jedoch eigenen Regeln und wägt am Ende gründlich ab, welcher der beiden Schurken für die Gesellschaft das geringere Übel darstellt.
Siringo weiß, wo er steht und bleibt seinen Überzeugungen und seinen Moralvorstellungen treu. Etwas, was man weder von Bennet noch von Fletcher behaupten kann.

Kurz und gut: Auch wenn ich "Der Gehetzte der Sierra Madre" noch mehr schätze, bereitet es mir immer wieder aufs Neue Freude, "Von Angesicht zu Angesicht" über die Leinwand flackern zu lassen, diesen grandiosen Darstellern bei ihren Duellen (die beileibe nicht nur mit Pistolen und Gewehren ausgetragen werden) zuzusehen, die Landschaftsaufnahmen zu bewundern und die für den Film komponierte Melodie von Ennio Morricone zu hören.
Wem dabei nicht irgendwie warm ums Herz wird, dem wird die Welt des Western all' italiana wahrscheinlich für immer verschlossen bleiben.




Foto: Sergio Sollima Box von Koch Media und Explosive Media DVD



Montag, 12. August 2019

DUST DEVIL (1992)














DUST DEVIL

Großbritannien, Südafrika 1992
Regie: Richard Stanley
DarstellerInnen: Robert John Burke, Chelsea Field, Zakes Mokae, Marianne Sägebrecht, John Matshikiza, Rufus Swart, William Hootkins u.a.

Inhalt:
Vom Regen in die Traufe: Wendy flüchtet vor ihrem gewalttätigen Ehemann in einem kleinen roten VW Käfer von Pretoria nach Namibia. In diesem Land ist Kommissar Mukurob gerade auf der Spur eines grausamen Serienmörders. Indes trifft Wendy auf einen attraktiven Anhalter, mit dem sie eine Affäre eingeht. Leider entpuppt sich ihr Lover als Fehlgriff. Denn er ist entweder der gesuchte irre Killer oder ein uralter Dämon, ein so genannter Dust Devil, der es auf ihre Seele abgesehen hat...


Dust Devil (Burke) - per Anhalter durch die Wüste


Wendy kämpft um ihr Leben


Horrorfilme im Western Look sind unter Genrefans eher weniger beliebt. Immer, wenn ich in Gesellschaft vermeintlich Gleichgesinnter erwähnt habe, dass ich John Carpenters "Vampires" schätze (das war sogar noch vor meiner Italowestern-Phase), wurde ich etwas verständnislos von der Seite angeschielt. So als ob ich gerade etwas besonders Einfältiges gesagt hätte und sich alle denken: "Ohje, das Mädel hat so keine Ahnung."
"Dust Devil" dürfte aus teilweise ähnlichen (und einigen anderen) Gründen wie "Vampires" in den Augen seines Zielpublikums ebenfalls wenig Gefallen finden.
Für mich, die ihn früher in den Videotheken schmählich liegen gelassen hat und die ihn nun zum ersten Mal im Heimkino erleben durfte, war/ist er eine absolut positive Überraschung.

Protagonistin Wendy (Chelsea Field) flieht nicht nur vor dem Widerling (Swart), den sie geheiratet hat, sondern auch vom Rest ihres Lebens. Sie dürfte noch aus einem anderen Grund seelische Probleme haben und tief verzweifelt sein. Ihren saufenden pausbäckigen Mann könnte sie doch auch ganz einfach verlassen ohne in der Badewanne mit der Rasierklinge an ihrem Handgelenk zu spielen...
Wie die Legende rund um den geheimnisvollen Dust Devil besagt (und was wir bereits zu Beginn vom zauberkundigen Joe, der auch als Erzähler aus dem Off fungiert, erfahren) wird diese Inkarnation eines bösen Geistes von verzweifelten menschlichen Seelen angezogen.
Es ist daher kaum verwunderlich, dass es nicht lange dauert, bis er sich an Wendy heranpirscht.
Doch auch er, obwohl nur zu wenigen menschlichen Gefühlen fähig, ist einsam und desperat.
Ein Gefangener zwischen zwei Welten, der weder im Diesseits noch im Jenseits vermag, seinen Frieden zu finden.
Wie Joe dem Kommissar (Mokae) geduldig erläutert, befindet sich der Dust Devil am Ende eines Zyklus. Er mordet, um Energie anzusammeln für den Übertritt in eine andere Dimension, die so etwas wie seine Heimat darstellt.


Kommissar Mukurob (Mokae) informiert sich bei Joe


Kommissar Mukurob selbst gehört ebenfalls zum Kreis der verlorenen Seelen. Er ist einsam und voller Verbitterung über das Schicksal, das ihm übel mitgespielt hat: Sein Sohn wurde erschossen, seine Frau hat ihn verlassen. An beidem gibt er sich die Schuld und beides konnte er nie verwinden.
Er hat es sich zu seiner letzten Aufgabe gemacht, die Mordserie zu stoppen. Doch dafür muss er eine persönliche Metamorphose vollziehen – von jemandem, der den Glauben an alles verloren hat zu jemandem, der die alten Legenden seiner Heimat für wahr hält.
Dieses Unterfangen gestaltet sich naturgemäß als schwierig, doch er erhält Hilfe von Joe, der ebenfalls zu den sehr interessanten und mysteriösen Charakteren zählt.

Joe, der sich als einer der letzten Einheimischen noch mit dem überlieferten Ahnenkult, schwarzer Magie und Zauberei auskennt, war einst Filmvorführer in einem Kino mit dem prächtigen Namen "Empire". Heute ist er auf einem Auge blind, ein Finger fehlt ihm und seine fetzenartige Kleidung und schwarzen Zähne deuten an, dass er seine besten Zeiten hinter sich hat.
Tag für Tag sitzt er mitten in der Wüste vor einer schäbigen Leinwand, träumt von der Vergangenheit und trauert um seinen einstigen Arbeitsort.
Selbst wenn man das Filmplakat, das in seiner Nähe steht, nicht auf Anhieb erkennen sollte, sind die Hommagen von Regisseur Richard Stanley deutlich:
Joe erinnert sich, wie er seinen Polizisten Freund kennen gelernt hat. Nämlich an dem Abend im "Empire", als er gerade das Double Feature von "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe" und "Die 7 goldenen Vampire" gezeigt hat. Die Erwähnung dieser Titel ist natürlich nicht zufällig.
Regisseur Stanley, bekennender Dario Argento und Lucio Fulci Fan, zeigt seine persönlichen Filmvorlieben anhand einiger weiterer Sequenzen mit gialloesken bzw. an den italienischen Gotik Film erinnernden Traumszenen und einer optisch perfekten "Ein Zombie hing am Glockenseil" Huldigung.
Das Interesse des Regisseurs für Aleister Crowley und die Auseinandersetzung mit Ritualen und (Runen-) Magie finden ebenso überdeutlich Eingang in diesen außergewöhnlichen Film.


Der Dust Devil richtig positioniert


In der Synopse mit den bisher erwähnten Faktoren erzeugt die Aufmachung des Dust Devil mit seinen Cowboy Klamotten vielleicht einen etwas deplatzierten Eindruck.
Doch das Erscheinungsbild des Bösewichts gemahnt nicht nur an Italowestern, sondern auch an den speziellen Look einer mir vertrauten Band (die ich in wenigen Tagen aus Nostalgiegründen wieder live sehen werde ...Und die im Übrigen Samples von "Für ein paar Dollar mehr" oder "Tanz der Teufel" verwendet...), für deren Musikvideos der Regisseur verantwortlich war: Fields of the Nephilim.
Wieder einmal schließt sich ein Kreis für mich.

Dialog zwischen Mukurob (nach grauenvollen Szenen schweißgebadet in seinem Bett sitzend) und Joe (im Schneidersitz auf der Türschwelle zu Mukorobs Schlafzimmer hockend):

"Bin ich wach?"

"Nein, nein, mein Freund. Jetzt träumst du."



"Dust Devil" ist ein Film gespickt mit (schwarzer) Magie und Symbolik, in dem weitaus mehr steckt, als man auf den ersten Blick vermuten würde.
Er hat eine einlullend-hypnotische Wirkung und ist so seltsam konstruiert, dass man sich in manchen Momenten die Frage stellen muss, ob man gerade einen Sekundenschlaf hatte oder die aktuelle Szene tatsächlich unvollständig bzw. nicht rational erklärbar ist.
Es wirkt am Ende vielmehr, als ob Richard Stanley versucht hat, sämtliche seiner Interessen lose in einem einzigen Drehbuch zu verbinden. Dabei darf man nicht das Augenmerk auf die Geschichte legen, denn die ergibt am Ende weniger Sinn als sie am Anfang vorgibt. Konzentriert man sich vielmehr auf die ästhetischen und mystisch-philosophischen Aspekte, fühlt man sich zur eigenen Interpretation und Recherche regelrecht herausgefordert.

Von jemandem, der seine Karriere mit Musikvideos begonnen hat, darf man sich natürlich zahlreiche visuelle Leckerbissen erwarten und wird in dieser Richtung nicht enttäuscht. Einzig die Szenen, in denen der Dust Devil seine Gestalt wandelt, stören das Gesamtbild etwas.
Die Maske erinnert an eine Mischung zwischen Ollie Reed als Werwolf in "Der Fluch von Siniestro" und den nicht gerade als Höhepunkt der SFX Kunst geltenden Gestaltwandlern aus dem im selben Jahr entstandenen "Stephen Kings Schlafwandler". So betrachtet schmälert dieser Anblick im Kontext des Gesamtwerks den Grad der Ästhetik leider etwas.


Wendy mit dem Gewehr über den Schultern 


Ansonsten fällt mir nichts ein, was ich an diesem Film aussetzen könnte. Er ist visuell ein Genuss und gespickt mit Mysterien und Mythologie, wodurch eine sehr eigentümliche Stimmung erzeugt wird. Besonders faszinierend ist die Einstellung, in der Wendy mit dem Gewehr über den Schultern die Straße entlang geht. Die Silhouette stellt die Rune Dagaz dar, deren Bedeutung wiederum perfekt zur Handlung passt.
Die den ProtagonistInnen innewohnende Einsamkeit und Trostlosigkeit spiegelt sich in der kargen Wüstenlandschaft Namibias wieder. Stanley erreicht nicht die Qualität seiner deklarierten Vorbilder, macht aber wahrlich niemandem eine Schande mit diesem Film.

Sehr naheliegend erscheint es auch, dass Simon Boswell, der für Stanleys Idole Dario Argento und Alejandro Jodoroswky schon hochwertige Stücke komponiert hatte, für den Soundtrack von "Dust Devil" zu engagieren.
Doch wie zum Geier kam eigentlich Marianne Sägebrecht zur Rolle der Pathologin beziehungsweise der Regisseur zu Sägebrecht? Das lässt man sich am besten von ihm selbst auf dem informativen und umfangreichen Bonusmaterial zur würdigen Blu Ray Veröffentlichung aus dem Haus Koch Media erklären...




Foto: Digi von Koch Media - endlich kann man den Final Cut bewundern




Sonntag, 28. Juli 2019

L'ETRUSCO UCCIDE ANCORA (1972)














DAS GEHEIMNIS DES GELBEN GRABES

Deutschland, Italien, Jugoslawien 1972
Regie: Armando Crispino
DarstellerInnen: Alex Cord, Samantha Eggar, John Marley, Nadja Tiller, Horst Frank, Enzo Tarascio, Enzo Cerusico, Carlo De Mejo u.a.

Inhalt:
Archäologe Jason buddelt etruskische Gräber aus und versucht nebenbei seine Verflossene Myra wieder zu erobern. Die ist allerdings mit dem wesentlich älteren Komponisten Nikos liiert. Alsbald werden Menschen aus Jasons Bekanntenkreis grausam getötet. Die Auswirkung eines uralten Fluchs? Wer könnte ein Motiv für die Taten haben? Die Polizei verdächtigt Jason, der sich durch eigene Nachforschungen aus der Affäre zu ziehen versucht...


Oh nein, sie hat mich verlassen! Zum Glück ist meine Bottle
J&B noch da


Mit romantischen Gesten kann ich sie bestimmt
zurück erobern


Armando Crispino, dessen Name bei mir immer diesen unbändigen Appetit auf Mandel-Crisp-Schokolade oder andere Süßigkeiten weckt, war ein promovierter Jurist und Drehbuchautor, der sich ab Mitte der Sechziger Jahre auch als Regisseur betätigte.
Weshalb und wie ausgerechnet der nicht sonderlich populäre Crispino den Regieposten in dieser Deutsch-Italienisch-Jugoslawischen Co-Produktion ergattert hat, ist nicht überliefert.
"Das Geheimnis des gelben Grabes" zählt zwar nicht zu den berühmten stilsicheren und ikonischen Thrillern aus Italien, ist jedoch ungemein unterhaltsam.
Dass Alex Cord ("Mehr tot als lebendig") als athletisch gebauter Schwerstalkoholiker Jason in Hotpants und engen Hemdchen in Anbetracht seines angeblich schlechten Gesundheitszustands fidel und munter zwischen etruskischen Gräbern herumspringt und unter Einsatz von roher Gewalt seine Exfreundin Myra (Samantha Eggar, u.a. bekannt aus "Die Brut") zurück zu erobern versucht, wirkt im Gesamtkontext der Handlung gar nicht so grotesk wie man auf den ersten Blick vermuten würde.
Die gute Myra hat augenscheinlich einen gewissen Hang zu jähzornigen Kerlen, die verbal und physisch schnell grob und verletzend werden. Aber eigentlich logisch. Welche Frau in den Siebzigern stand etwa (insgeheim) nicht darauf, von einem richtigen Mann besonders hart angefasst zu werden? Zumindest suggerieren dies unzählige Filme aus vergangenen cineastischen Dekaden.
Myras aktuelle Liebschaft, der Komponist Nikos (John Marley, u.a. bekannt aus "Der Pate") ist ein besonders cholerisches Ekelpaket, unter dessen Stimmungsschwankungen und Wutausbrüchen nicht nur sie, sondern auch die ihm treu ergebene devote Hausangestellte und sein von ihm dirigiertes Orchester leiden.

Der erste Mord an einem jungen Liebespaar, das sich für ein Schäferstündchen ausgerechnet einen archäologischen Ausgrabungsort ausgesucht hat, ist äußerst brutal und grausam. Die beiden werden mit einem stumpfen Gegenstand aus Eisen durch Schläge ins Gesicht zu Tode geprügelt. Die Kamera hält erbarmungslos drauf und die Tat wirkt dadurch umso grauenvoller. Die Inszenierung weist unverkennbar eine gewisse Similarität zu späteren Splatter Szenen Lucio Fulcis auf.


Stammen die ersten "Fumetti neri" etwa von den Etruskern?


Jasons aktuell wichtigstes Fundstück, eine Art etruskisches Comic über einen mordenden Totengott in Form von Wandmalerei, zeichnet eine eindeutige Parallele zum aktuellen Tatgeschehen.
Die Mordserie reißt nicht ab und die zahlreichen exzentrischen Charaktere (allen voran Horst Frank, was soll man da noch ergänzen?) lassen ausreichend Spielraum zum munteren TäterInnen-Ratequiz entstehen.


Horst Frank (= suspekt) wird...


...nur übertroffen von einem schweißgebadeten Horst Frank
- noch suspekter!


Irgendwie traut man es jedem Einzelnen zu, sonderlich sympathisch wirken weder Jason noch Myra noch der verwöhnte Sohnemann des Komponisten oder gar der Maestro selbst. Abermals muss an dieser Stelle Horst Frank als potentiell geistig abnormer Täter Erwähnung finden. 
Durch das plötzliche Auftauchen einer mysteriösen Dame, die ebenfalls über ein mit gesundem Menschenverstand nachvollziehbares Motiv verfügt, wird dem Rätsel ein weiteres Puzzleteil hinzugefügt. Doch keine Bange: ganz Genre-getreu wird erst am Ende des Films klar, an welche Stelle es hingehört.


Eine markante und bedeutende Rolle im Film spielt auch der pittoreske umbrische Ort Spoleto, wo sich die Villa des cholerischen Komponisten befinden dürfte und natürlich die Bühne beheimatet ist, auf der Nikos sein Orchester peinigt. Habe dem Text ein paar Screenshots und Urlaubsfotos beigefügt.
Was lässt sich zusammenfassend über "Das Geheimnis des gelben Grabes" festhalten?
Die Inszenierung ist im Großen und Ganzen (be)lustig(end) und actionreich. Besonders die peinlichen Zeitlupen Szenen sorgen für Erheiterung. Die Riege an (teils internationalen) Stars kann sich sehen lassen.
Der Soundtrack zu "Das Geheimnis des gelben Grabes" stammt von Riz Ortolani und darf als einer der fettesten und angenehm schmeichelndsten Ohrwürmer, der je in meinen Gehörgängen festgesessen ist, kategorisiert werden.
Bereitet immer wieder aufs Neue herrliches Vergnügen und ist einer der kultigsten und kurzweiligsten B-Gialli, prädestiniert für die heiße Jahreszeit.
Leider nach wie vor nicht in angemessener Bildqualität erhältlich.




Foto: DVD vom Label Universum Film




Ein paar Fotos von Spoleto und aus dem Film

























Sonntag, 14. Juli 2019

LINK (1986)














LINK, DER BUTLER

GB, USA 1986
Regie: Richard Franklin
DarstellerInnen: Elisabeth Shue, Terence Stamp, Steven Pinner, Richard Garnett, David O'Hara, Joe Belcher, Linus Roache u.a.

Inhalt:
Die amerikanische Zoologiestudentin Jane macht fernab der Zivilisation ein Praktikum bei Professor Dr. Phillip, der auf seinem schottischen Landsitz Studien über Affen betreibt. Als der gute Professor von einem Moment auf den anderen spurlos verschwindet und der sich gerne als Hausbutler und Familienmitglied präsentierende Affe Link zunehmend bedrohlich verhält, gerät Jane in Panik...


Link, wenn er nicht gut drauf ist


Exzentrischer Prof (Stamp) und naive Studentin (Shue)


Es gibt einige Filme, die seit meiner frühen Kindheit zu treuen cineastischen Begleitern durch mein Leben geworden sind und bei denen meine Texte unweigerlich autobiographische Züge annehmen.
Wenn ich "Link, der Butler" ansehe, fühle ich mich manchmal wieder wie das kleine Mädchen von damals, das mit seinem Großvater auf der Couch sitzt und den Nervenkitzel, den der Film hervorruft, genießt.
Mein lieber Opa, der mich einige Zeit auch bei meiner cineastischen Sozialisation begleitete, handhabte es immer so, dass er einen Film für seine gruselfanatische Enkelin aussuchte und auf Video aufnahm. Dann schaute er ihn zuerst allein an, um zu entscheiden, ob er mir gewisse Szenen zumuten wollte oder konnte.
Diese Praxis führte unter Anderem dazu, dass ich eine Aufnahme von "American Werewolf" auf Kassette hatte, in der man sowohl bei der Dusch-Sex-Szene von David und der Krankenschwester Alex als auch bei der Szene im Pornokino nur den Ton (Stöhnen und Musik) hörte, aber kein Bild sehen konnte. Alles mit Blut, die Zerfleischungsszenen oder wie der Werwolf dem Kommissar den Kopf abbeißt, war aber ungekürzt. Diese Absurdität amüsiert mich heute noch manchmal.
"Link" war zusammen mit Hitchcocks "Die Vögel" mein etwa zeitgleich stattfindender erster Ausflug in die Welt des Tier-Horrors, bei dem ich irgendwas zwischen 8 und 10 Jahre alt gewesen sein dürfte.
Wie ich heute weiß, gibt es sogar eine Verbindung zwischen den beiden Filmen. Denn sowohl beim Affen-Thriller als auch beim Vogel-Horror war Ray Berwick, einer der herausragendsten Dresseure Hollywoods, für die bzw. mit den animalischen ProtagonistInnen im Einsatz.

Nachdem mein Großvater nun also entschieden hatte, ob der Film für mich geeignet ist (glücklicherweise traute er mir immer viel Abstraktionsvermögen zu), folgte eine gemeinsame Sichtung, bei der er (wie ich erst später verstanden habe) meine Reaktion auf das Gezeigte genau beobachtete. Dabei erläuterte er mir ab und an auch interessante (lebenspraktische) Dinge, von denen ich damals nebst vielen banalen Infos am spannendsten fand wie man einen Molotow Cocktail baut und woher der Name stammt (anhand "Critters – sie sind da") oder dass man mit einer Schrotflinte tatsächlich durch eine Holztür schießen kann (in "Link, der Butler" zu sehen). Praxiswissen eines ehemaligen Fremdenlegionärs eben.

Wenn mir etwas gefällt, werde ich zur Wiederholungstäterin, weswegen ich einige meiner Lieblings-Genrefilme aus dieser Zeit heute noch zu weiten Teilen auswendig kann.
Durch die nostalgisch getönte Brille betrachtet, ist "Link, der Butler" immer noch ein bemerkenswert guter Thriller.
Terence Stamp mimt den kauzigen Professor, der von seiner Familie verlassen wurde und seine Zeit in erster Linie in der abgelegenen Wildnis Schottlands mit dressierten Affen verbringt, ebenso enthusiastisch und authentisch wie Elizabeth Shue die etwas einfach gestrickte Amerikanerin Jane Chase.
Unsere liebe Janie, die zwar Zoologie studiert, doch Dr. Phillip auf seine Frage, ob sie kochen und putzen kann allen Ernstes und mit ehrlicher Entrüstung antwortet, das sei ihr als Frau doch in die Wiege gelegt und die der Meinung ist, dass man den Schimpansen Imp (trotz klaren Anweisungen und Verhaltensregeln des Profs) wie ihre Babysitting-Schützlinge behandeln muss, ist für meinen Geschmack das größte Manko an der Geschichte.


Das Anwesen Dr. Phillips


Das Grundgerüst des Thrillers baut auf die Abgeschiedenheit von der menschlichen Zivilisation, das Zusammenleben mit unberechenbaren und potentiell gefährlichen Tieren und einem ebenso unberechenbaren verrückten Akademiker.
Alle Aufnahmen mit den nicht menschlichen Stars dieses Films mussten im Studio nachgedreht werden und zum Leidwesen von Regisseur Franklin bis zum Erbrechen wiederholt werden, damit schlussendlich ausreichend gutes Material für die Schnitte zur Verfügung stand. Der Dreh selbst soll einigen Zitaten von Mitwirkenden zufolge niemandem besonders Spaß gemacht haben, wobei ich von den Affen nirgendwo ein Statement finden konnte. Und wenn die sich äußern könnten, würden sie bestimmt auch kundtun, dass sie nicht besonders erpicht auf ihre Rollen waren.
Der Orang-Utan Locke, der Link spielte, musste bestimmt Einiges über sich ergehen lassen, damit man ihm mit seinem rasierten und gefärbten Fell und den Ohr-Prothesen ein schimpansenartiges Aussehen verleihen konnte.


Janie denkt, Affen behandelt man am besten wie Babies


Die Gefahren von Verniedlichung und Vermenschlichung von Tieren, auch wenn sie uns in manchen Dingen ähnlich sind und unsere Verhaltensweisen imitieren sowie die Frage von artgerechter Tierhaltung und Tierversuchen werden leider nur oberflächlich angekratzt.
Das kritische und philosophische Potential des Films rückt zugunsten der Actionszenen deutlich in den Hintergrund. Auch der chronologische Ablauf mancher Sequenzen erweckt bisweilen den Anschein, als hätten sich die Verantwortlichen ab und an irgendwie verzettelt.

Dennoch ist "Link, der Butler" ungemein kurzweilig und unterhaltsam. Natürlich wegen des titelgebenden Orang-Utans Link. Link, der Meister des Feuers, ist ein ehemaliger Zirkusaffe, der schon lange beim Professor lebt, angeblich gerne Butler Kleidung trägt und gelernt hat, wie man Streichhölzer anzündet und Zigarren raucht.
Er, der jüngere Schimpanse Imp ("Er liebt Katzen." "Warum kaufen Sie ihm keine?" "Weil er sie frisst."), der sein Kindchen Schema sehr gut zu nutzen weiß, es in Wirklichkeit aber faustdick hinter den Ohren hat und die schwer kontrollierbare Schimpansin Voodoo sind die eigentlichen Attraktionen und Stars des Films.
Doch ohne den fulminanten Soundtrack des Oscar prämierten Meisterkomponisten Jerry Goldsmith ("Das Omen", "Poltergeist") wäre "Link, der Butler" nur halb so effektiv. Meiner Meinung nach gehören auch die Stücke für diesen Film zu dem Besten, was Goldsmith je komponiert hat.
Da "Link, der Butler" jedoch nie einen höheren Bekanntheitsgrad erlangte, wurde seine Leistung auch nicht entsprechend honoriert.


Schöne schottische Landschaft


Die für mich untrennbar mit dem Film verknüpfte deutsche Synchronisation ist im direkten Vergleich mit dem Original äußerst lebendig und stimmig und sogar etwas humorvoller und dramatischer als der Originalton. Doch leider existiert bis dato keine deutschsprachige Veröffentlichung in guter Qualität, weshalb ich nun auf die Blu Ray von Kino Lorber zurückgreifen musste.
Mit der schönen Bildqualität kommen nicht nur die ästhetischen Landschaftsaufnahmen, sondern auch die kunstvollen Kamerafahrten und nicht zuletzt die Linsen, die für die Aufnahmen aus "Affen-Perspektive" gewählt wurden, hervorragend zur Geltung.
Und auch die allerletzte Einstellung des Films, die dem vermeintlichen Happy End eine zynische und zugleich augenzwinkernde Nuance verleiht, ist endlich ganz deutlich erkennbar.

"Link, der Butler" ist meiner Meinung nach ein zeitloser und immer noch zu wenig gewürdigter Klassiker des sich tendenziell in B- und C-Movie Gefielden dümpelnden Tierhorror Genres, von dem er sich aufgrund seiner hervorragenden stilistischen Qualität und Ästhetik und dem virtuosen Soundtrack deutlich abhebt.




Foto: Blu Ray von Kino Lorber