Dienstag, 14. August 2018

THE RETURN OF THE LIVING DEAD (1985)














VERDAMMT, DIE ZOMBIES KOMMEN

USA 1985
Regie: Dan O'Bannon
DarstellerInnen: Clu Gulager, James Karen, Don Calfa, Thom Mathews, Linnea Quigley, Mark Venturini, Jonathan Terry, Beverly Randolph u.a.


Inhalt:
An seinem ersten Tag im neuen Job hat Freddy einen verhängnisvollen Arbeitsunfall, bei dem er und sein Kollege Frank von einem mysteriösen Gas vergiftet werden und deren Boss Burt bei dem Versuch, dieses Malheur zu vertuschen, unwissentlich eine Zombie-Invasion in Gang setzt...


Trash (Linnea Quigley)


Mit Blut hat das Filmteam nicht gegeizt


Vor wenigen Tagen hieß es in unserem Heimkino "Do you wanna party? It's party time!"
Ich habe "The return of the living dead" aka "Verdammt, die Zombies kommen" zum ersten Mal in HD Qualität erleben dürfen. In der Tat, es war ein Fest!
Ich möchte heute etwas ausführlicher über meine Erstsichtung von "The return of the living dead" schreiben. Es folgt nun also ein eher privater Text anhand eines kleinen Ausflugs in meine cineastische Sozialisation.


Ein Schwank aus meiner Jugend
"The events portrayed in this film story are all true. The names are real names of real people and real organizations."


Ich war 12 oder 13 Jahre alt und durfte in den Sommerferien meine nur wenig jüngere Brieffreundin Eva besuchen, die gerade mit ihrem Vater in einer Ferienwohnung in der näheren Umgebung meines Wohnorts residierte. Vom besagten Erzeuger war weit und breit keine Spur. Wir freuten uns also über eine sturmfreie Bude.
Das Mädchen, das hauptsächlich Jungs im Kopf hatte, erzählte von einer nahe gelegenen WG, in der ein paar junge Typen wohnten, die im Gastgewerbe arbeiteten (ich glaube, sie befanden sich noch in der Ausbildung für die Berufe Koch und Kellner). Einen davon fand sie "soooo süß" und bildete sich ein, dass er ebenfalls ein Auge auf sie geworfen hatte.
Ich fand das ziemlich albern und konnte solchen Kleinmädchen-Schwärmereien generell nie viel abgewinnen, ließ die imaginierte Romanze aber aus Rücksicht auf ihre Gefühle unkommentiert. Da es ihr immens wichtig war, begleitete ich sie und stellte mich auf einen langweiligen Abend mit irgendwelchen langweiligen Kerlen ein.
Die Jungs entpuppten sich als ziemlich sympathisch, wussten aber nicht so wirklich etwas mit uns kleinen Gören anzufangen. Also beschlossen sie, uns ein paar Filme aus ihrer Videosammlung zu zeigen. Ich war sofort Feuer und Flamme. Was von mir unerwähnt blieb, war, dass ich trotz meines zarten Alters hinsichtlich Horrorfilmen schon recht versiert war.
Zuerst gab es eine Art "Test" mit der Szene aus "Terminator", in der Arnie bzw. der T800 die Hand-OP an sich selbst durchführt. Während meine Brieffreundin ihren Ekel lautstark kundtat, lächelte ich milde und erklärte großspurig, dass ich den gruseligsten und härtesten Film sehen möchte, den sie kennen.

Mir ist noch gut in Erinnerung, wie sie miteinander diskutierten, ob sie uns den Film wirklich zeigen sollen, ob wir das verkraften würden und ob es Ärger geben könnte. Es wurde etwas von "in Deutschland verboten" gemunkelt und wir mussten hoch und heilig versprechen, dass wir keiner Menschenseele jemals von diesem Abend erzählen.
Dann wurde "Verdammt, die Zombies kommen" in den Player geschoben.
Hinsichtlich Ekel Szenen hat er meine damaligen Erwartungen locker übertroffen und er sollte mir lange im Gedächtnis bleiben. Ein solches Feuerwerk an Effekten hatte ich bis dato noch nie gesehen.
Für mich war es Liebe auf den ersten Blick. Ich verguckte mich nicht in einen dieser netten Kellner, sondern hatte nur Augen für den Film.
Ich erinnere mich noch lebhaft daran, wie Eva fast die ganze Laufzeit über gequietscht und sich abwechselnd Augen und Ohren zugehalten hat und ich Mini-Gore-Bäuerin erfreut war über die vielen brutalen und blutigen Szenen.
Ich fand die Gang, die diese Party auf dem Friedhof veranstaltete, super. Ich war von Beginn an fasziniert von Ernie Kaltenbrunner und lernte an diesem Abend meine ersten interessanten lateinischen Vokabeln: Rigor Mortis!
Latein war zu dieser Zeit noch irgendwie spannend. Jedenfalls empfand ich es so, bevor ich schließlich von sadistischen Latein-Lehrern mit Übersetzungen von Cicero, Ovid und Seneca bis hin zum großen Latinum gequält wurde.

Als ich mich einige Zeit später auf die Suche nach dem Film machte, konnte ich mich partout nicht mehr an den Titel erinnern. Da es anno dazumal noch kein Internet gab und das World Wide Web in seiner kommerziellen Anfangszeit auch nicht vergleichbar war mit den heutigen Möglichkeiten, musste ich über Jahre hinweg andere Menschen danach fragen.
Bis zu meiner Volljährigkeit habe ich allen möglichen Leuten aus meinem Bekanntenkreis, die auch nur einen einzigen Horrorfilm gesehen hatten, die Geschichte von Fässern, Zombies, angeblich tollwütigen Tieren in schwarzen Säcken, dem Krematorium, einer Wolke, saurem Regen und dem Friedhof erzählt.
Einen Ruf hatte ich dabei nicht wirklich zu verlieren, vielleicht eher sogar zu festigen...


Wie konnte ich den Titel nur vergessen?


Auf der einen Seite ist es gut, dass es heutzutage jungen Genre-Interessierten ganz einfach gemacht wird, an den "guten Stoff" ranzukommen und man online oder auf Börsen alles auftreiben kann, was das horroraffine Herz begehrt.
Auf der anderen, der romantisch verklärten Seite der Medaille, können sich jene, die diese Zeit der Videokassetten nicht erlebt haben, gar nicht vorstellen, wie es damals war.
Die Leidenschaft für Horrorfilme hatte immer diesen gewissen Beigeschmack des Verbotenen, galt zum Teil als eine Art Geheimwissen. Es gab nicht viele Menschen, die wirklich Ahnung von der Materie hatten und nach denen musste man wirklich wie die berühmte Stecknadel im Heuhaufen suchen.
Um viele Filme rankten sich Gerüchte, die sich sich im Nachhinein als interessanter entpuppten als die nackte Realität.
Unter Fans des phantastischen Films wurden Legenden geschmiedet, man wähnte sich in einer Welt voller rätselhafter Ereignisse und Geheimnisse.
Ich gehöre zu einer Generation, die noch an sämtliche Verschwörungstheorien rund um den Tod von Brandon Lee glaubte und keine Ahnung hatte, was beim Dreh von "The Crow" wirklich passiert ist. Wir beschäftigten uns mit dem sogenannten "Poltergeist"-Fluch und diskutierten nächtelang darüber, welche Szenen aus "Gesichter des Todes" gestellt und welche real oder ob vielleicht sogar alles real war.
Wir fragten uns allen Ernstes, ob in "Sado – Stoss das Tor zur Hölle auf" eine echte Leiche auf dem Tisch von Frank liegt. Man malte sich in den schillerndsten Farben aus, was man bei Filmen, die nur gekürzt erhältlich waren (wie zum Beispiel "The Texas Chain Saw Massacre"), nun gerade nicht zu sehen bekommen hat.
Kein Wunder, immerhin existierte noch kein Bonusmaterial.

In muffigen, staubigen und schlecht beleuchteten Ecken von Videotheken galt es für mich als junges Mädchen, einen Bogen um die Pornokonsumenten zu machen und die verborgenen Schätze zu heben. Doch vorher musste ich zuerst natürlich tief in den Morast der B- und C-Horrorfilme tauchen. Manches verbreitete sich über Mundpropaganda, Literatur gab es nur wenig.
Es war eine schöne Zeit, die ich nicht missen möchte, wenngleich das Filmhobby heute viel einfacher zu verfolgen ist. Davon profitiere ich selbstverständlich auch und auf diesen Luxus von rascher Verfügbarkeit und Top Qualität möchte ich nicht mehr verzichten wollen.

Was meine persönliche Geschichte zu "The return of the living dead" betrifft - es dauerte sage und schreibe bis zum DVD Zeitalter, aber eines Tages fand ich jemanden, der mir sagte, er kenne den von mir gesuchten Film gut und er hat ihn auf ner Video Kassette zuhause.
Hallelujah! Ende gut, alles gut.


Warum "The return of the living dead" (immer noch) zu meinen Lieblingsfilmen zähle
Die folgenden Zeilen könnten Spoiler enthalten


Natürlich hat man zu Filmen, die man in jungen Jahren, zu einer Zeit, in der man Vieles mit einem naiven und noch relativ unkritischen Blick betrachtet, manchmal einen ganz speziellen Bezug.
Diese nostalgisch und biographisch gefärbte Sichtweise auf das Gesehene kann den eigenen Verstand schon etwas trüben.
Dieses Phänomen ist  bei vielen Menschen bezüglich der sogenannten "ersten großen (verflossenen) Liebe", die im Laufe der Jahrzehnte im Kopf immer noch bedeutsamer wird, zu beobachten.
Ich kenne eine vergleichbare emotionale Situation in Bezug auf Filme, die ich in meiner Kindheit und frühen Jugend zum ersten Mal gesehen habe.
Das spüre ich spätestens dann, wenn mein erwachsenes Ich Zweifel anmeldet, ob mir "Poltergeist" in der vorliegenden Form immer noch so uneingeschränkt gefallen würde, wenn ich ihn heute das erste Mal gesehen hätte und nicht als 9 Jahre altes Kind im gemütlichen Wohnzimmer meines geliebten Großvaters.

Das Besondere an "The return of the living dead" ist jedoch, dass er in meinen Augen gereift ist wie ein guter Wein, dessen besonderes Aroma ich im Laufe der Jahre immer noch mehr zu schmecken und zu genießen weiß.
Obwohl die Geschichte vor tiefschwarzem Humor nur so trieft, hat sie doch ihre sehr ernsthaften und regelrecht tragischen Momente. Die Verzweiflung von Freddy und Frank, als die Schmerzen immer schlimmer werden und sie schließlich erfahren, dass sie sich selbst in Zombies verwandeln, der Tod von Trash oder die fatale Entscheidung der Army eine Bombe zu zünden, bringen eine ernsthafte Komponente in das Drehbuch.


Don Calfa als schräger Leichenbestatter Ernie


Super gespielter "Verfall": Freddy (Mathews)


Die DarstellerInnen sind allesamt großartig. Man möchte jeden Einzelnen von ihnen dafür umarmen, mit welcher Leidenschaft und Enthusiasmus sie dazu beigetragen haben, den Film zu dem zu machen, was er ist.

Der Soundtrack, der mir bei der Erstsichtung natürlich nicht so deutlich aufgefallen ist wie die meisterhaften Effekte, hat sich zu einem meiner persönlichen Lieblingssoundtracks entwickelt.
Lustigerweise hat er sich zum Zeitpunkt meiner Wiederentdeckung des Films als wie die Faust aufs Auge passend zu meinem Musikgeschmack herausgestellt. Nach meiner Grunge Phase Mitte der 90er Jahre entdeckte ich meine Leidenschaft für Punk, Post-Punk, Death Rock und ähnliche Musikrichtungen, denen ich bis heute treu geblieben bin.
Auch Roky Erickson Alben (steuerte dem OST den Titel "Burn the flames" bei) und meine 13th Floor Elevators Platten sind ein wichtiger Bestandteil meiner Musiksammlung.

Neben den auch aus heutiger Sicht teils noch sehr guten Effekten profitiert der Film vom intelligenten Drehbuch Dan O'Bannons. Wenige Horrorfilme sind tatsächlich auf logischer Ebene nachvollziehbar, doch O'Bannon hat das Kunstwerk vollbracht, der rasant und lustig erzählten Geschichte ein gut durchdachtes relativ schlüssiges Konstrukt zugrunde zu legen. Deshalb driftet "Return..." trotz der vielen Gags nicht zu stark ins Lächerliche ab.
Experimente der Army mit einem Gas namens Trioxin, das als Kampfstoff aus der Sicht der Verantwortlichen durchaus interessant erscheint, die Verbreitung des Gases über die Luft und den sauren Regen sind für unsere Generation, die in der Zeit des kalten Kriegs aufgewachsen ist, vermutlich etwas näher an der Realität angesiedelt als für Jugendliche der heutigen Zeit.

Wenn es um diesen Film geht, werde ich immer etwas sentimental und trotzdem oder gerade deswegen mach ich hier mal einen Punkt.
Jedem, der "Return..." etwas abgewinnen kann, möchte ich die sich auf der Blu Ray befindliche wirklich schön gemachte und aufschlussreiche Dokumentation "More brains" ans Herz legen, in der James Karen, Don Calfa, Clu Gulager, Linnea Quigley (die den schönsten Po hatte, der jemals vor einer Kamera getanzt hat) und Co. aus dem Nähkästchen plaudern.
Echte (fanatische) Fans gucken natürlich das gesamte Bonusmaterial und können aus dem Stegreif mindestens 3 Filmzitate zum Besten geben...

Suicide: "Do you think this is a fuckin' costume? This is a way of life!"

Zombie: "Send more paramedics!"

Ernie: "Why do you eat people?"
1/2 woman corpse: "Not people, brains!"




Foto: Blu Ray von NSM




Foto: OST von Enigma Records




Sonntag, 5. August 2018

UOMINI SI NASCE POLIZIOTTI SI MUORE (1976)















EISKALTE TYPEN AUF HEISSEN ÖFEN

Italien 1976
Regie: Ruggero Deodato
DarstellerInnen: Ray Lovelock, Marc Porel, Adolfo Celi, Claudio Nicastro, Bruno Corazzari, Franco Citti, Sofia Dionisio, Silvia Dionisio, Marino Masé, Renato Salvatori u.a.


Inhalt:
Fred und Tony gehören einer Undercover-Polizeieinheit an, die im Auftrag (oder der Duldung) ihres Vorgesetzten nicht nur Verbrecher eliminiert, sondern auch gerne Unruhe stiftet und oftmals über ihr eigentliches Ziel hinaus schießt. Mit Gangsterboss Pasquini verfolgen sie derzeit einen besonders gefährlichen Zeitgenossen...


Alfredo und Antonio auf der Jagd nach Verbrechern


Mit solchen Bösewichten machen sie kurzen Prozess


Fred (Alfredo) und Tony (Antonio) sind Bullen, wie man sie nur hassen kann. Sie haben es sich zur Faustregel gemacht, die Grenzen der Legalität weit zu überschreiten. Mit unglaublicher Arroganz und Gefühllosigkeit töten sie Verbrecher. Sogar wenn diese völlig am Ende sind und verletzt am Boden liegen, treten die beiden Rowdies nochmal ordentlich drauf. Folter gehört selbstverständlich zu ihren wichtigsten Verhör-Methoden und Frauen muss man einfach (verbal) belästigen.
Halbherzige Standpauken ihres Bosses (Adolfo Celi) "Also ich weiß nicht wie ich's euch klar machen soll... Wie wär's denn, wenn ihr mal verhaftet und nicht immer gleich losballert?" prallen völlig an ihnen ab und werden mit Sätzen wie "Die Burschen wollen halt nicht immer so wie wir" dreist gekontert.
Frauen mit großer Klappe wird erstmal mit großer Wucht ins Gesicht geschlagen und mit einem Spruch wie "Noch so 'n Scherz und du kannst dein Frühstück aus der Schnabeltasse lutschen" endgültig zum Schweigen gebracht. Schon in Ordnung so. Immerhin hat das vermaledeite Weibsstück gerade Antonios Mutter beleidigt!

Für diesen Spät-Poliziottesco benötigt man eine gewisse Toleranz gegenüber Gewalt auf dem Bildschirm, nicht vorhandener Political Correctness und wahrscheinlich auch einen etwas speziellen Humor.
"Eiskalte Typen..." ist eher als augenzwinkernde Karikatur des italienischen Polizeifilm-Genres zu verstehen.
Immer, wenn ich den Machos Fred (Marc Porel, "Non si sevizia un paperino") und Tony (Ray Lovelock, "Il delitto del diavolo", "Invasion der Zombies") beim Brandschatzen und Töten zusehe und mich amüsiere, wie die beiden Darsteller mit ihren adretten Bubi-Gesichtern die wilden Kerle mit den dicken Eiern raushängen lassen, versuche ich mir dazu Drehbuchautor Fernando DiLeo vorzustellen. Ich male mir dabei aus, wie er sich beim Schreiben wohl selbst amüsiert hat und vielleicht sogar kichernd mit seinen Co-Autoren bei einem Glas Vino Rosso am Tisch saß.
Dem politisch links orientierten und intellektuellen DiLeo ("Milano Kaliber 9", "Oben ohne, unten Jeans") wurde, wie vielen seiner Regisseur Kollegen, die sich unter Anderem italienischen Polizeifilmen widmeten, gerne von der Presse unterstellt, reaktionäre und politisch rechte Aussagen in seinen Filmen zu verbreiten.
Er steht sinnbildlich für viele italienische Filmschaffende der Siebziger Jahre, mit denen sich in ihrer Heimat niemand seriös auseinandersetzen wollte und die neben den großen Künstlern des italienischen Kinos, denen der Feuilleton bei jedem Schritt die Füße küsste (Visconti, Fellini etc.), für viele ihrer Filme gar keine oder nur negative Rezensionen erhielten.

Ruggero Deodatos berühmteste Werke polarisieren aus nachvollziehbaren Gründen bis heute stark. "Eiskalte Typen auf heißen Öfen" wirkt im Vergleich zu seinen Filmen "Nackt und zerfleischt" oder "Der Schlitzer" sogar eher harmlos und dennoch geizt er nicht mit gewalttätigen Szenen heftigerer Natur.
Doch bevor es allzu derb und morbide wird, lässt Deodato Darsteller Ray Lovelock mit samtweicher Stimme seinen Song "Maggie" intonieren.
War es etwa pure Ironie des Zufalls oder doch eiskalte Kalkulation?
Ganz bestimmt jedenfalls ist die einlullende Musik mit Textzeilen wie "Violence wasn't so wild around the world..." im Zusammenhang mit den sadistisch veranlagten Polizisten, einfach eine unglaublich tollkühne Verquickung.

Der leider im letzten Jahr viel zu jung verstorbene Raymond Lovelock war meiner Meinung nach der sympathischste und bodenständigste Darsteller des italienischen Genrekinos und ich werde immer noch ganz wehmütig und melancholisch, wenn ich meine Lieblingszahnlücke in "Eiskalte Typen..." auf dem Motorrad mit der Nase im Wind sehe und seine Lieder höre. Und das, obwohl er hier einen wahren Ungustl spielt, wie er im (österreichischen Wörter-) Buche steht.

Die Verfolgungsjagden, die wie damals durchaus üblich im fließenden Verkehr ohne Drehgenehmigung gedreht wurden, gehören meiner Meinung nach zu den waghalsigsten und spannendsten, die man im Genre je gesehen hat.

Wer das Gezeigte allzu ernst nimmt, ist selbst schuld.
"Eiskalte Typen auf heißen Öfen" ist somit geeignet für alle, die tief ins Genre abgetaucht sind und die im Film aufgezeigten Mechanismen zu deuten wissen.




Foto:  DVD von Raro Video und Blu Ray von FilmArt



Sonntag, 22. Juli 2018

LAISSEZ BRONZER LES CADAVRES (2017)















LEICHEN UNTER BRENNENDER SONNE

Belgien, Frankreich 2017
Regie: Hélène Cattet, Bruno Forzani
DarstellerInnen: Elina Löwensohn, Stéphane Ferrara, Bernie Bonvoisin, Michelangelo Marchese, Marc Barbé, Hervé Sogne, Dorylia Calmel, Marilyn Jess u.a.


Inhalt:
Irgendwo an der Küste Korsikas lebt die Künstlerin Luce in einer kleinen Ruinenanlage.
Derzeit leisten ihr ein Autor und ein Anwalt Gesellschaft. Als drei Banditen, die gerade einen Goldtransport überfallen haben sowie zwei Frauen und ein Kind ebenfalls bei der exzentrischen Dame Zuflucht finden und kurz darauf die Polizei auftaucht, bricht an dem an sich idyllischen Ort ein wahres Chaos aus...


Die Künstlerin (Elina Löwensohn): ausdrucksstark


Ein Beispiel für die stilvolle Szenen-Beleuchtung


"Chaos" ist in Zusammenhang mit "Leichen unter brennender Sonne" ein gutes Stichwort für den Einstieg in meine Kritik.
Denn die – man mag es kaum glauben, aber es entspricht der Wahrheit – tatsächlich auf einem Roman von Jean-Patrick Manchette basierende Geschichte, die Cattet und Forzani (nicht) erzählen, wirkt bisweilen absurd und verwirrt alle, die den Versuch unternehmen, nach einer schlüssigen Interpretation des Films zu suchen.
Da ich den Vorgänger-Film des französischen Regie-Paares ("Der Tod weint rote Tränen") kenne und schätze, habe ich mich jedoch ganz entspannt ohne besondere Erwartungshaltung bezüglich Nachvollziehbarkeit der Handlung zurückgelehnt und die optische und akustische Orgie bewundert.

Wie "Der Tod weint rote Tränen" ist auch der neuste Film von Cattet und Forzani eine ehrfürchtige Verneigung vor dem italienischen Genrekino der Siebziger Jahre, im direkten Vergleich jedoch weitaus weniger düster und mysteriös. Dies ist nicht nur der Tatsache geschuldet, dass ein Großteil der Szenen in der gleißenden Sonne Korsikas gedreht wurde, sondern auch dem augenzwinkernden Humor, der in einigen Momenten durchblitzt.
Wenn der Polizist, der von schwer bewaffneten Gangstern umzingelt ist, völlig übermotiviert zwischen den Ruinen hin und her hüpft und den Schurken zuruft, sie sollen sich ergeben, wirkt es eher wie ein kindliches Räuber und Gendarm Spiel als mitten aus dem Leben gegriffen.
Auch die spärlich eingesetzten Dialoge sind zum Teil amüsant und doch sind sie das absolute Gegenteil von offensichtlichem oder gar plattem Humor. Manchmal fällt die Entscheidung, ob man eine Situation komisch oder eher tragisch finden soll, schwer.

Diese spezielle Situationskomik ist sicher nicht für ein breites (kommerzielles) Publikum geeignet, was selbstverständlich auch auf das Gesamtwerk zutrifft. Denn bei "Leichen unter brennender Sonne" gehen sogar unter Genre-KennerInnen die Meinungen eklatant weit auseinander.
Manche Kritikpunkte sind für mich durchaus nachvollziehbar. Besonders wenn sie dem persönlichen cineastischen Präferenzen geschuldet sind. Doch bei dem ein oder anderen Review im Netz entsteht leider der Eindruck, dass sich jemand mit einem unqualifizierten "Verriss" des Films auf dessen Kosten einfach ein bisschen wichtig machen will.

Als bekennende Verehrerin der Filme bzw. Genres, die quasi das künstlerische Fundament von "Leichen unter brennender Sonne" darstellen, beginnt mein Herz ab den ersten Minuten schon zu frohlocken.
Auf den Vorspann im Stil von manchen Italowestern Trailern folgen viele Reminiszenen an die italienischen Regisseure von damals und einige meiner Lieblingssoundtracks (z.B. "The Child – Die Stadt wird zum Alptraum", "Zombies unter Kannibalen", "Willkommen in der Hölle" oder "Von Angesicht zu Angesicht") heben die Stimmung noch weiter.
Manche der vom Regiepaar zitierten Filme sind für mich klar identifizierbar wie zum Beispiel "Der Killer von Wien", "Töte, Django", "Die Rache des Paten", "Für ein paar Dollar mehr" oder Mario Bavas "Wild dogs". Doch bei nicht wenigen Szenen entsteht einfach das seltsame Gefühl der Vertrautheit. Man nimmt etwas wahr, das man schon mehrfach ähnlich oder genau so in Heist-Movies, Poliziotteschi, Gialli oder Italowestern gesehen hat. Doch es lässt sich (noch) nicht eindeutig zuordnen.


Der zerbrochene Spiegel


Der weiße Lieferwagen (Goldtransport), der auf der Küstenstraße überfallen wird, das Entlangrasen an dieser kurvenreichen Strecke, die in Staub und Dreck eingegrabenen (unechten) Gliedmaßen, die prominent in Szene gesetzten schwarzen Lederhandschuhe (sind es vielleicht doch genau die Handschuhe aus "Torso"?) oder der zerbrochene Spiegel, in dem man das Antlitz des Polizisten sieht fallen mir spontan als Beispiele dafür ein.

Cattet und Forzani spielen wie gewohnt meisterhaft und exzessiv mit Farben, Formen, Techniken und Effekten. Close-Ups, kunstvolle Beleuchtung, das Hervorheben und Überbetonen von Farben und der Geräuschkulisse bilden bei "Leichen unter brennender Sonne" zusammen mit dem hervorragenden Soundtrack das Salz in der (drehbuchtechnischen) Suppe.

Obwohl "Leichen unter brennender Sonne" auf ProtagonistInnen mit eindeutigem Identifikationspotential verzichtet, bleibt der Film faszinierenderweise spannend. Man sieht schlichtweg zu wenig Zusammenhängendes von den einzelnen Personen, um eine genauere Charakterisierung vornehmen zu können.
Doch die SchauspielerInnen, allen voran Elina Löwensohn (Luce), sind so gut gecastet, dass die trotz einigen Rückblenden fehlende Tiefe der Figuren dem Sehvergnügen keinen Abbruch tut.
Denn sie alle haben Charaktergesichter, die wirken, als ob ihre Physiognomie selbst mit ihren Ecken und Kanten (bzw. Falten) bereits eine Geschichte erzählt. Man nimmt ihnen die Menschen mit (bewegter) Vergangenheit ohne mit der Wimper zu zucken einfach ab und mir hat es großes Vergnügen bereitet, jedem Einzelnen beim Spielen zuzusehen.

"Leichen unter brennender Sonne" entzieht sich in vielen Aspekten jeglicher Form von Eindeutigkeit. Wer damit umgehen kann, sollte dieses Seh-Experiment auf jeden Fall wagen.




Foto: Blu Ray von Koch Media




Noch eine kleine persönliche Nebenbemerkung in eigener Sache.
Wer sich ab und zu auf diesen Blog verirrt, hat wahrscheinlich schon den ein oder anderen unserer Drehort-Vergleiche gesehen. Die auf "Schattenlichter" veröffentlichten Fotos sind einige, doch noch längst nicht alle, die ich im Laufe der letzten Jahre von Film-Locations (eine vollständige Übersicht findet man hier) gemacht habe.
Während es früher meist so war, dass wir uns dachten "da will ich hin", kommt es in den letzten Jahren immer öfters vor, dass es heißt "da waren wir doch schon einmal" bzw. "davon hab ich doch irgendwo Fotos". Und jedes Mal, wenn dies der Fall ist, freuen wir uns wie kleine Kinder darüber. So auch heute. 
"Leichen unter brennender Sonne" wurde offenbar auf Korsika gedreht, was man überall im Netz nachlesen kann. Doch ich kann euch versichern, dass die verfallene Kirche, in der manche Szenen spielen, nicht auf der Insel steht.
Denn wir waren im Jahr 2016 anlässlich eines Geburtstags-Wochenendausflugs zufällig in einem kleinen verfallenen Dorf in den Bergen, wohin sich normalerweise keine bis wenig Touristen verirren und wo ich doch tatsächlich besagte Kirche bewundert und fotografiert habe...

Hier ein paar meiner Urlaubs-Impressionen und Screenshots (linksbündig) zum Vergleich:




















































Sonntag, 8. Juli 2018

L'ISTRUTTORIA E` CHIUSA: DIMENTICHI (1972)















DAS VERFAHREN IST EINGESTELLT: VERGESSEN SIE'S!

Italien 1971
Regie: Damiano Damiani
DarstellerInnen: Franco Nero, Riccardo Cucciolla, George Wilson, John Steiner, Patrizia Adiutori, Vincenzo Basile, Claudio Nicastro u.a.


Inhalt:
Architekt Vanzi wird wegen eines Verkehrsdelikts inhaftiert und wartet im Gefängnis auf seinen Prozess. Da er sowohl über ausreichend Geld als auch gute Kontakte verfügt, werden ihm zu Beginn seines Aufenthalts gewisse Gefälligkeiten zuteil. Doch diese Sonderbehandlung findet ein jähes Ende als er sich mit seinem vermeintlich paranoiden Zellengenossen Pesenti anfreundet. Vanzi gerät ins Visier mächtiger und gefährlicher Drahtzieher und an den Rande eines Nervenzusammenbruchs...


Vanzi (Nero) ist am Ende 


Sig. Rosa (Nicastro) hat die besten Verbindungen zur Unterwelt


Regisseur Damiano Damiani wird besonders geschätzt für seine erstklassigen politischen Filme.
"Das Verfahren ist eingestellt..." ist hervorragend strukturiert. Lange Zeit hat man den Eindruck, dass die Handlung etwas vor sich hin dümpelt zwischen der Darstellung des Gefängnisalltags mit all seinen (gemeinhin bekannten) Tücken wie korrupten Wachebeamten, gewaltbereiten Insassen und der Ungleichbehandlung der Gefangenen, die mit dem sozialen und natürlich finanziellen Status der jeweiligen Person zu tun hat.

Gemeinsam mit Architekt Vanzi (Franco Nero) lernt man nach und nach die gefängnisinternen Hierarchien und Tücken des Alltags kennen. Vanzi bemüht sich möglichst adäquat auf die schlechten Witze und Drohungen seiner Zellengenossen zu reagieren. Denn innerhalb dieser Mauern muss man sich natürlich anpassen und fügen, aber auch zum richtigen Zeitpunkt Respekt verschaffen, wenn man überleben will.
Dass dies eine gefährliche Gratwanderung ist, ist wohl Vanzis erste Lektion. Denn Mithäftling Biro (herrlich fies: John Steiner), den auch die schwedischen Gardinen nicht von (weiteren) Morden abhalten, ist unberechenbar und hat es innerhalb kurzer Zeit auf den Architekten abgesehen.
Franco Neros Darstellung des unbescholtenen Bürgers, der zwischen die Mühlen der Justiz geraten ist, pendelt zwischen Dramatik und Melodramatik. Wie in manch anderen Rollen dieses bewundernswert wandlungsfähigen Mimen sieht er auch in "Das Verfahren..." bisweilen wieder einmal aus, als hätte er sich Zwiebelringe über die Augen gewischt und trägt darstellerisch ganz dick auf. Doch dann nimmt er sich doch rechtzeitig wieder etwas zurück und wirkt dadurch gleich etwas authentischer und auch sympathischer.
Die anderen Häftlinge und natürlich auch die Wärter sind ebenfalls etwas klischeenahe charakterisiert, doch gerade deshalb dem Unterhaltungswert des Films äußerst zuträglich.

Mit einem leichten Augenzwinkern wird zum Beispiel der einflussreiche Mafiapate Salvatore Rosa (Claudio Nicastro, u.a. bekannt aus "Der Teufel führt Regie" oder "Warum musste Staatsanwalt Traini sterben?") als wichtige Figur in die Handlung eingebettet ohne dass die tatsächliche Tragweite seiner Verbindungen zur Mafia und Einflussnahme auf das Geschehen in den Vordergrund gerückt werden. Wenn er morgens in seiner Einzelzelle gut gelaunt im Bademantel den besten Kaffee zum fürstlichen Frühstück schlürft während die anderen Gefangenen leer ausgehen, wirkt er anfangs noch wie ein skurriler Nebencharakter.
Doch man darf sich in Wirklichkeit in diesem Film von Nichts und Niemandem täuschen lassen und vor allem keine voreiligen Schlüsse ziehen!
Das gilt selbstverständlich auch für den vermeintlich von paranoiden Wahnvorstellungen getriebenen Häftling Pesenti (Riccardo Cucciolla, u.a. bekannt aus dem Polit-Drama "Betrachten wir die Angelegenheit als abgeschlossen" oder Mario Bavas "Wild dogs").


Biro (Steiner) beim Fußballspiel


Der britische Schauspieler John Steiner ("Goodbye und Amen", "Schock"), der durch seine zwielichtigen Rollen in vielen italienischen Produktionen bekannt war, verkörpert den unberechenbaren Mörder Biro. Mit seinen schiefen Beißerchen und seiner hageren großgewachsenen Statur wirkt er dabei wie aus dem Leben gegriffen. Besonders das Hof-Fußballspiel, das Biro nutzt, um möglichst viele Mitspieler zu verletzen, ist eine der ganz großen und unvergesslichen Szenen in diesem Film.
Eine kleine Anekdote am Rande: John Steiner hat sich übrigens ein adrettes schneeweißes Hollywood Gebiss machen lassen und verdient seine Brötchen heutzutage als seriöser Makler von Luxus Immobilien in Amerika.

Dadurch, dass man als Zuschauer gemeinsam mit dem zunehmend verzweifelten Architekten Vanzi durch emotionale Höhen und Tiefen getrieben wird und gewisse Aktionen Einzelner über einen längeren Zeitraum nicht interpretierbar sind, ist man erst am Schluss des Films wirklich in der Lage, das Gesehene zu einem großen Ganzen zusammenzufügen.
Etwas geplättet muss man sich dann fragen, was in welcher Form schon von den Drahtziehern im Hintergrund geplant war und wann sie welche Gelegenheit erkannt und spontan für ihre Zwecke genutzt haben. Ich tendiere zu der Annahme, dass hier nichts, aber auch rein gar nichts dem Zufall überlassen wurde und sogar die Verhaftung Vanzis Teil eines perfiden geheimen Plans gewesen sein könnte.

"Das Verfahren ist eingestellt: Vergessen Sie's!" ist in seiner Kernaussage durch und durch politisch. Damiani zeigt den naiven unbescholtenen Bürger, der in den Fängen der mächtigen Drahtzieher aus Politik und Mafia zum Spielball wird. Selten wurde in vergleichbaren Filmen aus dieser Zeit Korruption und Machtmissbrauch in kleinen (innerhalb der Mauern) und großen Zusammenhängen so pointiert und dabei gleichzeitig doch ungemein unterhaltsam dargestellt.




Foto: Blu Ray von Koch Media



Sonntag, 24. Juni 2018

ZEDER (1983)



ZEDER – DENN TOTE KEHREN WIEDER

Italien 1983
Regie: Pupi Avati
DarstellerInnen: Gabriele Lavia, Anne Canovas, Paola Tanziani, Cesare Barbetti, Bob Tonelli, Ferdinando Orlandi u.a.


Inhalt:
Schriftsteller Stefano entdeckt auf dem Farbband einer alten Schreibmaschine einen rätselhaften Text, der andeutet, dass ein Ort gefunden wurde, an dem Tote wieder auferweckt werden können. Ab diesem Zeitpunkt hat Stefano, zum Leidwesen seiner Frau Alessandra, nichts Anderes mehr im Sinn, als diesem Rätsel auf die Spur zu kommen. Seine Nachforschungen führen ihn nach Rimini und je mehr Geheimnisse er lüftet, umso gefährlicher wird es für das junge Paar...


Liebespaar Alessandra und Stefano


Unheimliche Bilder aus einem Sarg


"Zeder" ist als ein in Anbetracht seiner Entstehungszeit eher ungewöhnlicher Genre-Film zu bezeichnen. Nach der ersten großen Zombie-Welle, deren Initialzündung wohl George Romeros "Nacht der lebenden Toten" war, wurden üblicherweise Blut und Gedärme in rauen Mengen vor der Kamera drapiert. Doch Giuseppe "Pupi" Avati schuf dem Genre Trend zum Trotz einen äußerst ruhigen und gediegenen Film über Untote.
Während in den allseits bekannten gorelastigen Menschenfresser-Streifen auf Erklärungen für die Existenz der Zombies bewusst verzichtet wurde, nimmt sich Drehbuchautor und Regisseur Avati fast den ganzen Film lang Zeit, um genau diesen Teil der Geschichte näher zu beleuchten.
Avatis Interesse an Forschungen auf dem Gebiet der Alchemie haben wohl einen wesentlichen Einfluss auf den Film. Ebenso interessant ist die Darstellung von verschwörerischen Elementen bzw. Individuen. Hinter allem steht nämlich eine elitäre Vereinigung, die für wissenschaftliche Erkenntnisse nicht nur buchstäblich über Leichen geht. (Dies ist meines Erachtens kein Spoiler, da bereits in den ersten Szenen deutlich darauf hingewiesen wird.)
Wem das alles etwas zu langweilig klingt und wer lieber einen "richtigen" Zombiefilm sehen will, wird mit "Zeder" eher nicht glücklich werden.
Vielleicht ist dies auch Grund dafür, dass der für seine Entstehungszeit fast schon etwas angestaubt wirkende Film nie so ganz seinen Weg in die Herzen der GenreliebhaberInnen gefunden hat.

Neben der gelungenen Arbeit von Kameramann Franco Delli Colli ("Töte, Django" oder "Der Tod trägt schwarzes Leder") ist es der unweigerlich aufkommenden Sympathie für das junge Ehepaar Francesca (Anne Canovas) und Stefano (Gabriele Lavia, u.a. bekannt aus "Profondo Rosso") zu verdanken, dass man auch über gewisse Längen hinwegsehen kann.
Die beiden zoffen sich zwar hin und wieder, sind aber im Grunde genommen ein gutes Team und unterstützen sich gegenseitig bei den Nachforschungen zu dem mysteriösen K-Gebiet.
Dabei wird ihnen immer wieder vor Augen geführt, dass sie leider völlig auf sich gestellt sind und niemandem trauen dürfen, nicht einmal ihren Freunden.
Dadurch entsteht eine hervorragend inszenierte, stimmige und paranoide Atmosphäre, wie man sie auch von anderen Werken Avatis ("Das Haus der lachenden Fenster" oder "L'arcano incantatore") kennt.

Wie bei Stephen Kings großartigem und thematisch nah verwandtem Roman "Friedhof der Kuscheltiere" wirft die Erzählung die Frage auf, ob einer der größten Träume der Menschheit, nämlich der Sieg über die Sterblichkeit, wirklich so erstrebenswert ist, wie es auf den ersten Blick den Anschein haben mag.
Ob man für den Eingriff in den Kreislauf des Lebens nicht einen zu hohen Preis zahlt und was denn mögliche negative Auswirkungen auf die Menschheit sein könnten.
Was macht uns Menschen aus? Was bleibt vom Diesseits beim Übertritt ins Jenseits vorhanden?
Und noch viel wichtiger: was fehlt womöglich jenen, die die Schwelle zwischen Leben und Tod überschritten haben und wieder zurückkehren? Vielleicht sind deren tote Körper auch nur ein Gefäß für etwas, was sie von der "anderen Seite" mit in unsere Welt bringen?
Wenn man es so formulieren will, könnte man sagen, Avati widmet sich etwas mehr dem philosophischen Aspekt des Zombie-Daseins.

Man benötigt für "Zeder" die richtige Erwartungshaltung und ein grundsätzliches Interesse an der oben beschriebenen Thematik. Dafür wird man am Ende mit einigen überraschenden und sogar rasanten Wendungen und einer doch noch in ordentlichem Ausmaß aufkommenden Spannung belohnt.




Foto: VÖ von X-Rated



Sonntag, 27. Mai 2018

SPECIAL: LADY M. ZU BESUCH BEI LADY FRANKENSTEIN



Unsere Fahrt nach Balsorano


Als wir im Sommer 2012 zwei Wochen in den Abruzzen verbrachten und an einem Tag rund 400 Kilometer zurücklegten, um von unserem Urlaubsort am Meer einen Ausflug zum Schloss Piccolomini in Balsorano zu machen, wussten wir noch nicht, ob dieses überhaupt für die Öffentlichkeit zugänglich ist.
Und anfangs sah es auch ganz danach aus, als gäbe es keine Möglichkeit, mehr als ein paar Fotos aus der Ferne von dem beeindruckenden Bauwerk zu knipsen. Das Eingangstor war zu und niemand da. Also drehten wir ein paar Runden entlang der Außenmauern, wurden von einem kleinen orange farbenen Hund unfreundlich angebellt und wollten schon wieder zurück fahren.
Durch eine glückliche Fügung des Schicksals und weil wir vermutlich ziemlich bemitleidenswert gewirkt haben müssen, als wir vor den verschlossenen Toren herumgeschlichen sind, wurde ein Bekannter des Schloss-Verwalters auf uns aufmerksam. Dieser war mittlerweile gerade mit ein paar Arbeitern im Garten beschäftigt und wurde von seinem Amico herbei gewunken.
Und so wurden wir von einem netten und nach einem kleinen "Trinkgeld" bestens gelaunten Signore begrüßt, der uns eine Privatführung zuteil werden ließ. Ein bisschen im kühlen Schloss herumlaufen und Geschichten erzählen macht doch auch viel mehr Spaß als in der Sommerhitze im Garten mitzuhelfen...
Eigentlich war das folgende Foto nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, aber was soll's?


Absolut glücklich und stolz posierten wir wie die Irren vor den Zinnen


Wir waren im Vergleich zu aktuelleren Drehort-Besuchen nicht besonders gut vorbereitet. Das heißt, wir haben, entgegen unserer sonstigen Gewohnheit, vor unserem Urlaub keine Filme, die im Schloss gedreht wurden, angesehen.
Doch wer konnte im Jahre 2012 schon ahnen, dass ich jemals einen Blog betreiben und darauf auch noch Fotos unserer verrückten Location Touren veröffentlichen würde?

Bei "Lady Frankenstein" waren wir uns nie ganz sicher, ob er tatsächlich in diesem Schloss gedreht wurde. Einerseits, weil wir keine Quellen dazu gefunden haben und andererseits, weil die Qualität der uns damals vorliegenden TV Ausstrahlung nicht gut genug war, um alles klar zu erkennen.
Vor Kurzem hat der Geheimnisvolle Filmclub Buio Omega in Kooperation mit Anolis eine qualitativ hochwertige Veröffentlichung von "Lady Frankenstein" herausgegeben.
Entstanden ist aus diesem lange gehegten Projekt ein unglaublich umfangreiches Bundle aus Film und sonstigen Extras, das von Fans für Fans gemacht wurde und LiebhaberInnen des italienischen Kinos vergangener Zeiten garantiert begeistert.
Weil wir gerade frei haben (und wegen eines fiesen Muskelkaters) verbrachten wir nun die vergangenen Tage mit "Lady Frankenstein", diversen Interviews, unzähligen Filmtrailern und anderem unterhaltsamen Bonusmaterial größtenteils auf der Couch.
Manche Szenen und einige wichtige Details sind nun aufgrund der schönen Bildqualität der Edition "Hände weg!" besser erkennbar und ein Vergleich mit unseren Urlaubsfotos hat uns endgültig Gewissheit über den Drehort verschafft.

Wir dürfen nun mit Fug und Recht behaupten, dass "Lady Frankenstein" auf Schloss Balsorano gefilmt wurde und freuen uns wie die Schneekönige, dass wir damals die weite Fahrt auf uns genommen haben und euch heute hier in gewohnter Manier einen kleinen Drehort-Vergleich (wie immer Screenshots linksbündig) präsentieren können.


Das Schloss bei Nacht



Die Architektur ist unverkennbar


Mit einer Kutsche durch ein so schmales Tor?!



Das ist (wie man im Film sieht) kein einfaches Unterfangen



Um nicht zu sagen ein fast verrückter Plan, wie man
auf meinem Foto erkennt


Ankunft im Innenhof



Foto aus einem ähnlichen Winkel


Frankenstein und seine Tochter in den Gängen des Schlosses



Der Stil des Interieurs ist unverkennbar


Die Berglandschaft im Hintergrund dieser Szene...



... war ebenfalls ein wichtiger Hinweis auf den Drehort


Fast dieselbe Aufnahme im Film...



... wie auf dem Foto (siehe kleiner Balkon als Orientierungshilfe)


Für die Dreharbeiten wurden vermutlich im Innenhof zwei der drei Torbögen
mit Holzbrettern verkleidet





Kritischer Blick auf den Stall von Thomas (klingt das jetzt zweideutig?!?)



Wie man sieht, gibt es den "Stall" nämlich gar nicht


Sogar diese Szene wurde tatsächlich im Inneren des Schlosses aufgenommen



Man beachte das markante Ornament oben und den Sockel.
Das Größenverhältnis ist an den Sesseln erkennbar.


Auch im Verlies wurde gefilmt



Der Heizkörper wirkt etwas fehl am Platz





Die schweren eisernen Ketten stammen aus dem Mittelalter



... und befinden sich selbstverständlich immer noch dort


Die Kreatur "stürmt" das Schloss



.. und zwar genau durch diesen Torbogen, erkennbar
u.a. an den Zinnen im Hintergrund