Sonntag, 29. August 2021

MILANO TREMA: LA POLIZIA VUOLE GIUSTIZIA (1973)


VIOLENT PROFESSIONALS

Italien 1973
Regie: Sergio Martino
DarstellerInnen: Luc Merenda, Richard Conte, Silvano Tranquilli, Carlo Alighiero, Martine Brochard, Bruno Corazzari, Luciano Rossi, Carla Mancini, Antonio Casale, Chris Avram u.a.

Inhalt:
Kommissar Giorgio Caneparo macht sich auf die langwierige und gefährliche Suche nach den mächtigen Drahtziehern und kleinen Handlangern, die mutmaßlich für die Ermordung seines Vorgesetzten Del Buono verantwortlich waren. Dabei scheinen ihm die Verbrecher immer einen Schritt voraus zu sein. Gibt es einen Maulwurf in den eigenen Reihen?


Kommissar Giorgio Caneparo (Luc Merenda)



Ein ehrenwerter Mann? (Richard Conte)


Mit Das Syndikat fiel im Jahr 1972 quasi der offizielle Startschuss für das italienische Polizeifilmgenre. "Violent professionals" war, wie viele der bald darauf erscheinenden Polizei-Filme aus Cinecittà, nicht nur von der Struktur des Drehbuchs her vergleichbar, sondern auch deutlich an die damaligen politischen und sozialen Verhältnisse in Italien angelehnt.
Wie der Originaltitel "Milano trema: la polizia vuole giustizia" nahe legt, geht es um den angesichts der Verbrechensrate teils korrupten, desillusionierten und ohnmächtigen Polizeiapparat.
Kommissar Caneparo (Luc Merenda) strebt nach Gerechtigkeit. Einerseits tut er das im Zuge seines polizeilichen Auftrags für die Zivilbevölkerung, die unter den brutalen Verbrechen in Mailand zu leiden hat. Sein oberstes Bestreben ist, im Namen der unschuldigen Opfer und deren Familien, die Mörder und Diebe zur Strecke zu bringen. Koste es, was es wolle.
Andererseits wird es für ihn sehr bald schon zu einer ganz persönlichen Angelegenheit. Denn der Kommissar beabsichtigt, auch für seinen ermordeten Freund und Vorgesetzten Del Buono blutige Rache zu üben.

An genau diesem Punkt nimmt sozusagen die ganze Misere ihren Anfang. Denn Giorgio Caneparos Definition von Gerechtigkeit widerspricht offensichtlich nicht nur in Nuancen derjenigen des Gesetzgebers. Bei seinen Aktionen bleiben Unschuldige, die er eigentlich aufgrund seines Berufs schützen müsste, auf der Strecke.
Caneparo ist so heftig von seiner persönlichen Rachemission verblendet, dass er jegliche Skrupel in die Abgründe seiner Psyche verbannt und in der letzten Phase seines überhand nehmenden Vergeltungsdrangs nicht mehr nur anderen Menschen, sondern auch sich selbst massiven Schaden zufügt.

Der Film ist nicht nur – wie man es vielleicht auf den ersten Blick mutmaßen könnte – reines Exploitationkino. Er wirft beim philosophisch veranlagten und soziologisch interessierten Publikum durchaus interessante Fragen auf. "Milano trema" verdeutlicht, dass der Zweck nicht unbedingt die Wahl der Mittel heiligt und das Konzept der Rache ein Teufelskreis ist, bei dem die Abgrenzung zwischen Täter und Opfer mitunter gar nicht mehr so simpel ist.
Nachdem Regisseur Sergio Martino mit der Besetzung von Luc Merenda in seinem vielbeachteten Giallo Torso dem Schauspieler zu einer gewissen Popularität und weiteren Rollenangeboten verhalf, handelt es sich bei "Violent Professionals" um die zweite Zusammenarbeit der beiden.
Merenda, der auch in den Poliziotteschi Shoot first, die later oder Auge um Auge eine gute Figur (nicht nur sprichwörtlich) machte, war vielleicht etwas weniger wandelbar als manche seiner damaligen Berufskollegen, aber eine sichere Bank als Darsteller besonders ambivalenter Charaktere.
Ähnlich wie der korrupte Polizist, den er in Shoot first, die later spielt, zeigt er auch in "Milano trema" konträre Facetten einer Persönlichkeit. Denn Caneparo ist weder ein eindeutig guter noch durch und durch böser Bulle.
Sein persönliches Dilemma ist, dass er zu viel gesehen und erlebt hat. Er ist geblendet von seiner selbst auserkorenen Mission und lieber bereit, alles in seinem Leben aufzugeben, als die Mörder Del Buonos lebendig davon kommen zu lassen.


Maria (Martine Brochard) sieht...



... keine Zukunft für sich


Die talentierte französische Schauspielerin Martine Brochard, die man aus Betrachten wir die Angelegenheit als abgeschlossen oder Die Grausamen Drei kennt, spielt Maria. Caneparo begegnet der schönen jungen Frau mit der melancholischen Aura zum ersten Mal in einer Billard-Bar. Maria ist wegen ihrem Freund, der auch zu den von Caneparos beschatteten Gangstern gehört, dort.
Giorgio Caneparo gibt vor, sich für Maria zu interessieren. Er umgarnt sie, lädt sie zum Essen ein und Maria, für deren Geschichte sich wahrscheinlich nie jemand ernsthaft interessiert hat, erzählt ihm bereitwillig aus ihrem Leben. Sie war Model und sie war Studentin, doch hat beide Wege nicht weiterverfolgt.
Die Drogen kamen wohl dazwischen. Aus diesem Grund gibt Caneparo ihr einen ironischen Namen, nämlich "Maria Ex". Ob er sie damit ob ihrer Vertrauensseligkeit nur verhöhnt oder er Verständnis suggerieren möchte, bleibt unklar. Maria zeigt sich gegenüber ihrem neuen Namen ziemlich gleichgültig. So wie ihr auch egal ist, in einer Kommune für Junkies und Hippies zu übernachten. Sie hat trotz ihrer jungen Jahre mit ihrem Leben mehr oder weniger abgeschlossen, ihre einstigen Träume und Ziele längst zu Grabe getragen.
Caneparos und Marias Wege kreuzen sich zwangsläufig immer wieder. Auch sie bringt er wissentlich in Gefahr. Die Frau wird zum Spielball zwischen Gangster und Polizei, wofür sie teuer bezahlen wird.
Menschliche Kollateralschäden in diesem Spiel von Gewalt und Vergeltung gibt es in "Milano trema" mehrere zu beklagen. Maria ist nur eine(r) von Vielen.


Kann dieser Mann (Luciano Rossi) ein Kind erschießen?


Die Darsteller-Riege wartet mit den angesichts des Polizeifilmgenres und Entstehungsjahr üblichen Schurken vom Dienst wie Luciano Rossi (Death walks at midnight, Verdammte, heilige Stadt), Bruno Corazzari (Rätsel des silbernen Halbmonds, Der Mann ohne Gedächtnis) oder Antonio Casale (Das Verfahren ist eingestellt… Vergessen Sie’s!, Das Geheimnis der grünen Stecknadel) auf.
Richard Conte (Django - Unbarmherzig wie die SonneDer Teufel führt Regie), der als erfolgreicher amerikanischer Schauspieler mit italienischen Wurzeln zu dieser Zeit immer wieder Produktionen aus Cinecittà beehrte, mimt einen in der Unterwelt unter einem Decknamen dubios agierenden Mann, der in seinem offiziellen Leben in einflussreichen und angesehenen Kreisen verkehrt.

Auch wenn die Spannung der Geschichte nach einiger Zeit etwas abflaut und die für das Publikum undurchsichtigen Ermittlungen Caneparos etwas zu weitschweifig veranschaulicht werden, schmälert es das Filmerlebnis nur marginal, da im Gegenzug das Auge mit spektakulären Stunts (manche Szenen wurden sogar in Der Berserker und "Die Viper" wiederverwendet) und die Ohren mit einem wunderbaren, melodisch angemessenen Soundtrack der De Angelis Brüder besänftigt werden.


Zahlreiche Alfa Romeo Giulias wurden beschädigt


Merenda, der auch Rennfahrer war, benutzte seinen eigenen Porsche am Set und für die waghalsigen Verfolgungsjagden durch den Mailänder Stadtverkehr gab es, wie damals üblich, selbstverständlich keine offizielle Drehgenehmigung.

Der Film ist nie mit deutscher Synchronisation erschienen und bei der ersten Sichtung in englischer Sprache vor einigen Jahren fand ich ihn, um ehrlich zu sein, etwas mühsam.
Umso überraschender und erfreulicher war das Wiedersehen am vergangenen Wochenende in schönster HD Bildqualität und mit italienischem Originalton.
In dieser Fassung werde ich "Milano trema" sicherlich nicht zum letzten Mal gesehen haben.




Foto: DVD vom Label Alan Young



Foto: Blu Ray von 88 Films 






Sonntag, 8. August 2021

NICO, 1988 (2017)














NICO, 1988


Belgien, Italien 2017
Regie: Susanna Nicchiarielli
DarstellerInnen: Trine Dyrholm, John Gordon Sinclair, Anamaria Marinca, Sandor Funtek, Thomas Trabacchi, Karina Fernandez, Calvin Demba u.a.


Inhalt:
Christa Päffgen alias "Nico", berühmt als Model und Sängerin, Stilikone und Junkie. Der Film erzählt von ihren letzten Lebensjahren und begleitet sie auf ihrer Tournee durch Europa, zeigt einschneidende Erlebnisse der Künstlerin auf der Bühne und abseits der Kulissen.


Auf der Suche nach den gefallenen Sternen


 
Die Perseiden, auch als Laurentiustränen bezeichnet, sind ein im August auftretender Meteorstrom, bei dem jedes Jahr mit freiem Auge zahlreiche Sternschnuppen am Himmel beobachtet werden können.
Als wir vor ein paar Jahren wieder einmal auf der Flucht vor der Lichtverschmutzung in einer sternenklaren Nacht über kurvenreiche Straßen durch kleine Bergdörfer fuhren, hörten wir im Radio eine Spezialsendung über den britischen Musiker Kevin Ayers. Die Erzählungen über sein Leben und seine Karriere wurden mit Musikstücken des Sängers ergänzt. Während wir uns gerade auf einer stockfinsteren Straße irgendwo im Nirgendwo befanden, ging es in der Sendung schließlich um die Zusammenarbeit von Ayers mit der Sängerin Nico, die mir bis zu diesem Tag nur durch die kurze musikalische Liaison mit der Band The Velvet Underground ein Begriff war.
Als schließlich die Liveaufnahme des Songs "Genghis Khan" in seiner vollen ungeschliffenen Wucht und Intensität aus den Boxen des Autoradios in die dunkle Nacht hinein schepperte, wurde meine Aufmerksamkeit sofort völlig absorbiert von den dumpfen Klängen. Was für eine eindringliche Stimme, was für eine Verzweiflung und welch intensive Melancholie!
Im Nachhinein denke ich mir, dass man sich keine passendere Nacht für diese Radio Reportage hätte aussuchen können als eine, in der man Sterne vom Himmel fallen sieht. Immerhin waren sowohl Kevin Ayers als auch Nico im übertragenen Sinn gefallene Stars.
Spätestens, als ich dann Nicos "Janitor of Lunacy" zum ersten Mal hörte, wurde mir bewusst, dass diese Künstlerin noch viel mehr zu bieten hatte als gemeinhin bekannt und es bestätigte sich wieder einmal, dass es sich meistens lohnt, auch musikalisch abseits der ausgetrampelten Pfande der Popkultur zu schürfen.


Filme über MusikerInnen



Als jemand, für den die Band Joy Division schon seit der Teenagerzeit eine besondere Bedeutung hat und der sich mit Ian Curtis, seinen Texten und der Musik (die eng mit seiner Biographie verknüpft ist) eingehend befasst hat, war ich lange Zeit unsicher, ob ich den kommerziell breit vermarkteten und allgemein eher positiv bewerteten Film "Control" überhaupt sehen möchte.
Nach einigen Jahren der (Ver-) Weigerung kam ich eines Abends doch in Versuchung und war entsetzt – nicht einmal so sehr über die überschwänglich positiven Kritiken des Feuilletons und die Personen aus meinem Umfeld, die mir den Film naiverweise immer wieder einmal ans Herz legen wollten.
Sondern in erster Linie machte es mich betroffen, wie oberflächlich und verkürzt dargestellt Vieles war. Die Chance, den Bezug zu der großartigen, tiefgründigen Musik und deren wahren Zusammenhänge mit Curtis' Biographie darzustellen, wurde zugunsten der überaus kitschig und unnötigerweise völlig pathetisch dargestellten Dreiecksbeziehung des Protagonisten in den Hintergrund gerückt.
Immerhin scheint "Control" aber vielen Menschen zugesagt zu haben und hatte den Effekt, dass zumindest einige Songs der Band jetzt einer breiteren Masse bekannt sind und es wirklich an jeder Ecke und für jeden, der zeigen möchte, dass er/sie auch gerne mal ein bisschen alternativ unterwegs ist, Shirts mit den markanten Linien des "Unknown Pleasures" Albums zu kaufen gibt.

Ähnlich verstört war ich dann, als ich meinte, jetzt vielleicht doch einmal eine weitere (vermeintliche) cineastische Bildungslücke auffüllen zu müssen. Und zwar mit "Walk the line". Der Film über die Country-Legende Johnny Cash, den unvergesslichen "Man in black", bewegt sich für mein Empfinden so sehr im Sumpf von oberflächlichem Hochglanz-Hollywood-Kitsch, dass seine Musik zur Nebensächlichkeit gerät. Johnny Cash wird als durch und durch widerwärtiger und narzisstischer Drecksack charakterisiert. Ich fühlte mich plötzlich von ihm angewidert. Zumindest von der Person, die im Film unter dem Namen "Johnny Cash" auftrat.


Nico, 1988



Die italienische Regisseurin Susanna Nicchiarelli stellt mit "Nico, 1988" eindrucksvoll unter Beweis, dass es mittels kinematografischen Motiven möglich ist, die substanzielle Verbindung zwischen der Persönlichkeit der Künstlerin und ihrem musikalischen Opus erleb- und verstehbar zu machen.
Die Annäherung an die Person Christa Päffgen, ihre Rolle als Künstlerin Nico und die Bedeutung ihres musikalischen Schaffens funktioniert auch ohne den vom Hollywoodkino auferlegten Anspruch, möglichst alles in chronologischer Abfolge zeigen zu müssen.
In "Nico, 1988" werden anhand von Auftritten und Begegnungen der Musikerin mit anderen Menschen nur die beiden letzten Lebensjahre von Christa Päffgen gezeigt. Dies geschieht in einer komprimierten Form voller Eindringlichkeit und Schonungslosigkeit, die durch eine Überbetonung vergangener Erfolge und Höhepunkte wahrscheinlich verwässert worden wäre.

Auch einem unbedarften Publikum wird verdeutlicht, welche biographischen Einflüsse für die Songs von Nico relevant waren und wie ihr Erfolg und zuletzt vornehmlich ihr Scheitern auf beruflicher und privater Ebene die Protagonistin geformt und gezeichnet haben. Einen Teil davon lässt die Regisseurin die Künstlerin selbst in Gestalt von prägnanten Dialogen und messerscharf formulierten Aussagen veranschaulichen.
Ihr größter Misserfolg und ihr schlimmstes Unglück war wohl privater Natur und findet Ausdruck in der verkorksten und unbefriedigenden Beziehung zu ihrem Sohn Aaron, genannt Ari.
Christas Sehnsucht nach ihm und einer Familie ist omnipräsent. Doch sie scheint nicht in der Lage zu sein, ihrem Sohn angemessen zu begegnen ohne ihm dabei Schaden zuzufügen. Die Verehrung für ihren Sprössling, die eine inzestuöse Verbindung nicht ausklammert, wird jedoch ebenso wenig in den Focus gerückt oder plakativ dargestellt wie ihre Drogensucht, ihre Beziehungslosigkeit oder sonstige Eskapaden.

Durch bewusste Auslassungen und Zitate erweckt Nicchiarelli die Neugier auf Nico und auf die Frau hinter dem Künstlernamen. Aber vor allem vermittelt sie eine authentische und charakteristische Atmosphäre, in der Musik und Musikerin in beinahe symbiotischer Art und Weise verschmelzen.
Man erhält eine Ahnung davon, warum sie genau diese Art von Sound gemacht hat. Die Bilder und ihr künstlerisches Schaffen sind düster und wirken bisweilen symbolisch aufgeladen.

Die dänische Sängerin, Regisseurin und Schauspielerin Trine Dyrholm (u.a. bekannt aus Thomas Vinterbergs "Das Fest") spielt Nico in englischer Sprache mit deutschem Akzent und sang alle Songs für den Film selbst ein. Ihre volle, tiefe und dennoch leicht brüchig klingende Stimme ist ebenso wie ihr Erscheinungsbild und ihre gesamte Ausstrahlung in höchstem Maße beeindruckend.
Nicos Augen, die nicht nur von Heroin vernebelt, sondern auch zwischen den Giftspritzen wie ein verwundetes Tier und zugleich sehnsüchtig in eine andere Realität zu blicken scheinen, sprechen Bände.
Auch der restliche Cast besteht aus exquisit ausgewählten Charaktergesichtern, die ihre jeweiligen Rollen als in irgendeiner Form im Leben gescheiterte Individuen mit Leidenschaft und Ausdrucksstärke verkörpern.

Das 4:3 Bildformat wurde laut der Regisseurin bewusst gewählt, weil es dem Fernseh- und VHS-Format der Achtzigerjahre entspricht. Ob dies für die Atmosphäre des Werks wirklich eine, wie von ihr angenommen, so bedeutende Rolle spielt, muss jeder für sich selbst entscheiden.
In der Gesamtschau wirkt der Film jedenfalls ähnlich melancholisch, sperrig, ungeschönt und abseits des Mainstreams wie die Musik der portraitierten Künstlerin.
Es gäbe noch viel zu sagen und ausreichend Raum für Interpretationen. Manches fällt vielleicht auch erst bei einer nochmaligen Sichtung stärker ins Gewicht.
"Nico, 1988" ist für mich nach anfänglicher Skepsis und Voreingenommenheit gegenüber dem Genre eine der schönsten Entdeckungen in dieser Filmsparte.




Sonntag, 1. August 2021

UN POSTO IDEALE PER UCCIDERE (1971)


 







DEADLY TRAP - DER PERFEKTE MORD
OASIS OF FEAR
(Alternativtitel)

Italien, Frankreich 1971
Regie: Umberto Lenzi
DarstellerInnen: Ornella Muti, Raymond Lovelock, Irene Papas, Umberto Raho, Franco Ressel, Sal Borgese, Carla Mancini u.a.

Inhalt:
Dick und Ingrid sind jung, attraktiv und unternehmungslustig. Ihre Reisen durch Europa finanzieren sie sich mit dem (in Italien verbotenem) Verkauf von pornografischem Material, das zur Not auch mal von den beiden selbst hergestellt wird. Als dem Paar vor einer Villa das Benzin ausgeht und die dort wohnende Barbara den beiden Kost und Logis anbietet, tut sie dies jedoch nicht aus altruistischen Gründen. Ingrid und Dick bemerken erst viel zu spät, worauf bzw. auf wen sie sich eingelassen haben…


Da hatten sie noch Spaß


Ingrid (Muti) auf dem Tennisplatz


Ein Jahr nachdem er als Hippie David in Il delitto del diavolo seine Seele an den Teufel verloren hat, gerät Ray Lovelock 1971 in Umberto Lenzis (Der Berserker, Spasmo) "Un posto ideale per uccidere" als Hippie Dick in die Fänge einer diabolisch agierenden Frau der Oberschicht.
Man könnte es als ausgleichende Gerechtigkeit betrachten, dass er immerhin 3 Jahre später in Das Leichenhaus der lebenden Toten einen wehrhaften und kämpferischen Vertreter der Flower Power-Generation spielen durfte, der sich nicht (mehr) alles gefallen lässt. Im Jahr 1978 jedoch lungerte er schließlich als Blumenkind und Drogenkonsument Rico in Oben ohne, unten Jeans nur noch völlig lethargisch in einer Hippiekommune herum.
Gemeinhin fällt jedoch auf, dass in den italienischen Produktionen dieser Zeit Hippies tendenziell negativ konnotiert dargestellt wurden – entweder als klassische Opfer ihrer Naivität gegenüber Fremden (vgl. Il delitto del diavolo oder Oben ohne, unten Jeans) oder als zwielichtige Gestalten, denen man nicht über den Weg trauen kann (vgl. A lizard in a woman’s skin oder "Knife of ice").

Die italienischen Regisseure schienen ihrem Publikum auf alle erdenklichen Arten hartnäckig suggerieren zu wollen, dass das Hippietum in der Gesellschaft nicht von Bestand sein kann.
Dick (Ray Lovelock) und Ingrid (Ornella Muti) geben vor, offen(herzig) und frei(zügig) zu sein, wollen keinen Besitz, sondern einfach nur die Welt erkunden und frönen dem Hedonismus.


Ärger im Paradies - Ingrid wird eifersüchtig


Ihre sexuellen Reize benutzen sie als Mittel zum Zweck und natürlich stehen sie für das Prinzip der freien Liebe ein. Zumindest theoretisch und bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie auf Barbara treffen, von der Dick sich nur allzu gerne verführen lässt. Ingrid macht folglich die ernüchternde Erfahrung, dass das Gefühl von Eifersucht sich doch nicht durch das Propagieren und Idealisieren eines moralischen Konstrukts wie "Freie Liebe" problemlos verhindern lässt.

"Un posto ideale…" zeichnet summa summarum ein fragwürdiges Zukunftsbild der jungen, vermeintlich modernen Generation von Blumenkindern. Wie in den anderen bereits erwähnten Filmen werden sie als Prototypen einer neumodischen Zeiterscheinung, die zum Scheitern verurteilt ist, skizziert.
Dick und Ingrid bezahlen am Ende einen hohen Preis für ihre Lebensweise.

Im Vergleich zu anderen Gialli, bei denen Umberto Lenzi Regie führte, ist dieser Film fast schon absolut geradlinig erzählt. Es gibt eine klar nachvollziehbare Handlung. Das leitende Motive für Barbaras Intrigen und den Mord sind auch nicht völlig aus der Luft gegriffen.
Das Erzähltempo dieses italienischen Thrillers ist aber eher gemächlich. Dafür hat man über den Großteil der Laufzeit viele Gelegenheiten, sich mit den beiden attraktiven zahnlückigen Hippies zu amüsieren und ihren lockeren Lebensstil zu bewundern.
Ornella Muti war zum Zeitpunkt der Dreharbeiten bereits anbetungswürdig schön, jedoch noch nicht volljährig, weshalb für ihre Nacktszenen Körperdoubles eingesetzt wurden. Auch die griechische Schauspielerin Irene Papas (u.a. bekannt aus Non si sevizia un paperino) wollte sich vor der Kamera nicht hüllenlos zeigen, weswegen für sie ebenfalls andere Schauspielerinnen einsprangen.


Barbara (Papas) hat ne Leiche versteckt



Barbara (Irene Papas), die Dame aus gutem Hause, ist der lebende Beweis dafür, dass reiche und gesellschaftlich angesehene Menschen es grundsätzlich leichter haben, Andere auszubeuten und Verbrechen zu begehen, ohne dafür belangt zu werden.
Sie hat die sprichwörtlich berühmte Leiche im Keller, tatsächlich im Kofferraum. Für sie kommt das junge Paar gerade zum richtigen Zeitpunkt um die Ecke. Wem würde die Polizei bei einer Gegenüberstellung eher Glauben schenken? Der gut betuchten Dame oder den vorbestraften herumstreunenden Hippies?
Als Ingrid und Dick den Plan ihrer Gastgeberin durchschauen, ist dies der Auftakt für ein Katz- und Mausspiel bzw. ein psychologisches Kammerspiel, das das Tempo der Erzählung doch noch etwas an Fahrt aufnehmen lässt.
Nachdem viel getanzt, gelacht und geliebt wurde, schlägt "Un posto ideale per uccidere" im letzten Drittel ernsthafte bis dramatische Töne an. Auch wenn das Ende nicht so ein Brachialakt wie in Oben ohne, unten Jeans ist, dürfte man es doch als überraschend konsequent und eher unangenehm empfinden.

"Un posto…" entwickelt sich vom sonnig-heiteren Roadmovie zum Kriminalfall und schließlich zu einer Tragödie. Aufgrund der fabelhaften Besetzung der HauptdarstellerInnen bescheren auch die Sequenzen, die die Handlung nicht unbedingt vorantreiben, angenehme Zerstreuung. 




Foto: Shameless und Mondo Macabro VÖ



Sonntag, 18. Juli 2021

COSI' DOLCE... COSI' PERVERSA (1969)









SO SWEET… SO PERVERSE

Italien, Deutschland, Frankreich 1969
Regie: Umberto Lenzi
DarstellerInnen: Carroll Baker, Erika Blanc, Jean-Louis Trintignant, Horst Frank, Helga Liné, Ermeldina De Felice, Dario Michaelis u.a.

Inhalt:
Jean und Danielle sind unglücklich verheiratet. Danielle hält ihren Mann zwar auf Distanz, leidet jedoch unter seinen Affären, die er nicht vor ihr verbirgt. Als Jean sich in die Nachbarin Nicole verliebt und sich ihretwegen sogar scheiden lassen will, verliert sich das Ehepaar in einem Netz von Lügen und Intrigen, aus dem nicht alle Beteiligten wieder lebendig herauskommen…


Macho Jean (Trintignant)


Nicole (Baker) hat ein Händchen für Männer (?)

Regisseur Umberto Lenzi war ein Multitalent auf dem Gebiet der Regie, dessen künstlerische Ambitionen in vielen verschiedenen Filmgattungen ihren Ausdruck gefunden haben. Zur Blütezeit des italienischen Genrekinos kam man nicht an ihm vorbei. Immerhin bewegte er sich auf dem Gebiet der Abenteuer-, Historien-, Kriminal- und Horrorfilme und führte je nach vorherrschendem cineastischem Trend auch bei Italowestern oder Kriegsfilmen Regie. Dabei war Lenzi sich auch nie zu schade, sein Publikum in Terza visione-Manier zu unterhalten und setzte sich dadurch bis in die heutigen Tage sogar in eingefleischten (was für ein passender Begriff) Fankreisen mit "Großangriff der Zombies" und "Die Rache der Kannibalen" ein Denkmal. Lenzis Œuvre beinhaltet immerhin über sechzig Spielfilme.


Bei "Così dolce... così perversa" handelt es sich um ein ganz frühes Exemplar in der Ära des Giallo, dessen erzählerische Quintessenz in die Unterkategorie "Verwirrspiele und Mord in der dekadenten High Society" passt.
Da der Film eine italienisch-deutsch-französische Koproduktion war, wurde der Hauptcast natürlich aus den entsprechenden Ländern zusammengewürfelt und in englischer Sprache zu einem großen Teil in Paris gedreht.


Danielle (Blanc) sinniert über ihre Ehe


Jean-Louis Trintignant (Leichen pflastern seinen Weg) mimt den reichen Geschäftsmann Jean Reynaud, der mit seiner Frau Danielle (Erika Blanc, u.a. bekannt aus Die toten Augen des Dr. Dracula oder Amore e morte nel giardino degli dei) eine ziemlich verkorkste Ehe führt. Dazu steuern offensichtlich beide Beteiligten ihren Anteil bei und schieben dafür dem jeweils anderen die Schuld dafür zu. Würde man das österreichische Scheidungsrecht zitieren, müsste man zu dem Schluss kommen, dass nicht feststellbar ist, wer die überwiegende Schuld an der Zerrüttung der Ehe trägt. Die beiden schenken sich nichts.
Dass Jean sich gerne ungeniert mit Geliebten in fremden Betten wälzt, ist jedenfalls der Gesamtsituation wenig zuträglich. Aber auch wenn Danielle sich gegenüber ihrem Gatten emotional in Gefrierfach-Temperatur präsentiert, weckt das selbstverständlich ebenfalls erhebliche Zweifel an der Zukunft des Paares.
Selbst wenn manche unverbesserlichen RomantikerInnen unter uns am Anfang noch denken mögen, die Reynauds könnten ihre Ehekrise überwinden, wird spätestens mit dem Auftauchen der neuen Nachbarin Nicole (Carroll Baker) alle Hoffnung auf ein glückliches Ende zunichte gemacht.


Klaus (Frank) will Nicole nicht hergeben



Jean verfällt beim ersten Anblick der blonden Schönheit bereits in den Jagdmodus und kann Nicole schließlich durch "romantisches Stalking", grobe Macho-Allüren und etwas barsch bekundete Besitzansprüche klar machen, dass sie zu ihm gehört. Zum Glück schenkt sie ihm schnell bereitwillig Glauben. Außerdem möchte sie sich angeblich nur zu gerne aus der gewalttätigen Beziehung zu Klaus (Horst Frank) lösen. Einer Frau mit einem solchen Händchen für Männer kann man nur gratulieren.
Doch das junge Glück der beiden hält nicht lange an. Jemand treibt ein falsches Spiel und Jean wird ermordet. War es irgendein Komplott? Oder ist er etwa gar nicht tot und will nur die eifersüchtige Danielle in den Wahnsinn treiben? Es wird rätselhafter und rätselhafter.

"Why do we run in circles, not knowing which way to go?"


Wenn der britische Musical-Sänger J. Vincent Edwards mit seiner ausdrucksvollen, leicht rauchigen Schnulzenstimme aus voller Inbrunst die ersten Zeilen des Titelsongs anstimmt, ist diese Frage zwar in Übereinstimmung mit dem restlichen Text in einem Kontext von unglücklicher Liebe zu verstehen, kann aber auch als geheimes Leitmotiv für den Drehbuchautor Ernesto Gastaldi verstanden werden.
Die Handlung von "Così dolce,…" ist nicht nur verwirrend und verworren, sondern auch – wie man es von einem Giallo erwartet – am Ende schlicht nicht schlüssig.
Ein tieferer Sinn oder eine Nachvollziehbarkeit der Handlung wird jedoch vom geneigten Publikum bei einem Film dieser Sparte (hoffentlich) auch nicht erwartet.

In Anbetracht des Entstehungsjahrs ist es auch verzeihlich, dass weder die Anzahl der Morde noch die Effekte irgendjemanden vom Hocker reißen. Wenn man sich (wie ich) nicht satt sehen kann an dem Mobiliar der opulent ausgestatteten 60er und 70er Jahre Wohnungen, ein Faible für Autos aus dieser Zeit hat, dekadente und zügellose Parties der Reichen und Schönen unterhaltsam und Gefallen an der extravaganten Ausstrahlung und Schönheit Erika Blancs und Carroll Bakers findet, kommt man an diesem gemächlich vor sich hin plätscherndem Film nicht vorbei.

Die Story ist so undurchsichtig wie eine Flasche J&B Whisky und wenn sich der hochprozentige Inhalt dem Ende neigt, sieht man nur noch verschwommen. Wen das nicht abschreckt, der kann sich entspannt zurücklehnen und die Show genießen.
"Cosi dolce…" ist ein stilvolles Zeitdokument des europäischen Kinos, das man gemeinsam mit den thematisch vergleichbaren und im selben Zeitraum entstandenen Filmen wie Yellow: le cugine, Umberto Lenzis Paranoia, oder Frauen bis zum Wahnsinn gequält in die gelbe Wundertüte stecken darf.




Foto: DVD von Aegida (Italien)




Foto: 88 Films Veröffentlichung (England)



Sonntag, 13. Juni 2021

SPECIAL: AUF DEN SPUREN DER MATER SUSPIRIORUM

Als wir im Jahr 2008 einen Tag im schönen Freiburg im Breisgau verbrachten und einige Fotos von der "Tanzschule" machten, gab es weder "Schattenlichter" noch die Idee, dass wir jemals so eine Rubrik wie die Drehort-Specials haben werden.

Um ehrlich zu sein ging ich an jenem heißen Tag im Mai in der prallen Sonne etwas unmotiviert an die ganze Sache ran und schoss, ohne viel nachzudenken, als Andenken an den Ausflug mehr schlecht als recht ein paar Bilder. 

Immerhin ist das Gebäude, das in "Suspiria" die Tanzakademie beherbergt und das im De Paolis Studio in Rom als Kulisse nachgebaut wurde, deutlich zu erkennen. Aber ja, man hätte mit dem Drücken des Auslösers auch warten können, bis keine Menschen mehr davor rumlungern...
Als wir jedoch bei späteren München Besuchen (unter Anderem beim Ennio Morricone Konzert und beim Deliria Italiano Treffen, beides im Jahr 2017) unsere Drehort Fotos nach und nach vervollständigten, war schon klar, dass die Bilder in Form eines Drehort Vergleichs eines Tages veröffentlicht werden sollten.

So viel zum "Making-of". An dieser Stelle nun ergänzend einige Erläuterungen in chronologischer Reihenfolge analog zu den Bildern:

Die Praterwehrbrücke wird für die Stromerzeugung mit dem Wasser der Isar im gleichnamigen Prater-Kraftwerk genutzt. 
Das über 500 Jahre alte "Haus Zum Walfisch" wurde im spätgotischen Stil erbaut und befindet sich im Zentrum der Universitätsstadt Freiburg im Breisgau. Der berühmte Humanist Erasmus von Rotterdam soll dort einst gewohnt haben. Im zweiten Weltkrieg wurde es durch einen Bombenangriff komplett zerstört, lediglich die Fassade ist teilweise erhalten geblieben. Von 1947 bis 1948 konnte es jedoch wieder völlig hergestellt werden. Heute ist es der Sitz einer Sparkassen-Filiale.

Das Haus, in dem der erste Mord im Film passiert, steht in der Münchner Innenstadt und ist die Adresse des Kulturreferats. Die Fassadengestaltung geht zurück auf einen Entwurf von Hermann Kaspar, einem zur Zeit des NS Regimes wohl angesehenen Künstler. Der Architekt Roderich Fick, ebenfalls von den Nazis gefördert, war schließlich mitverantwortlich für den Bau des Gebäudes.

Die Buntglasfenster bzw. Innenräume des berühmten "Münchner Hofbräuhaus" dienten Dario Argento und seinem Team ebenso als Drehort wie der sich in Gehweite dazu befindliche Königsplatz.
Der Platz, der im Auftrag von König Ludwig I. nach dem Vorbild der Akropolis in Athen ursprünglich als Teil einer Prachtstraße gebaut wurde, wurde von Argento mutmaßlich jedoch nicht aus diesem Grund als Schauplatz für den Tod des blinden Klavierspielers auserkoren.
Nach der Machtübernahme der NSDAP im Jahr 1934 wurden auf diesem Platz alle Grünflächen entfernt und eine Gedenk- bzw. Totenkultstätte errichtet. Dort fanden schließlich Aufmärsche, Kundgebungen und nicht zuletzt Bücherverbrennungen statt.

Das Hochhaus, das auch BMW-Vierzylinder genannt wird, ist mit seinen 22 Stockwerken rund 101 Meter hoch. Es wurde im Zeitraum von 1968 bis 1973 erbaut und pünktlich zur Eröffnung der Olympischen Sommerspiele fertiggestellt. Es steht mittlerweile seit 1999 unter Denkmalschutz.

Hier nun die Bilder zum Text -  abwechselnd die Screenshots aus Dario Argentos "Suspiria", erkennbar an den schwarzen Balken. Darunter zum Vergleich meine Fotos.