Sonntag, 18. April 2021

BLOOD ON SATAN'S CLAW (1971)


IN DEN KRALLEN DES HEXENJÄGERS
SATAN’S SKIN
(Alternativtitel wie vom Regisseur intendiert)

Großbritannien 1971
Regie: Piers Haggard
DarstellerInnen: Linda Hayden, Patrick Wymark, Michelle Dotrice, Wendy Padbury, Anthony Ainley, Barry Andrews, Milton Reid u.a.

Inhalt:
In einem kleinen Dorf in Großbritannien des 17. Jahrhunderts macht Bauer Ralph beim Umgraben seines Ackers einen grausigen Fund. Die Egge fördert menschliche Überreste in Form eines wurmbedeckten Auges, umrahmt von tierähnlichem Fell zutage. Doch als er seine Entdeckung dem Richter des Orts zeigen möchte, ist nichts mehr davon auffindbar. Kurze Zeit später scheinen immer mehr Personen im Umkreis dem Wahnsinn zu verfallen und die Jugendlichen im Dorf, allen voran ein Mädchen namens Angel Blake, legen ein zunehmend merkwürdiges Benehmen an den Tag…


Angel Blake (Hayden) - Engel oder Teufel?


Die menschlichen Überreste sind verschwunden!?!


Bauer Ralph bemüht sich zu Beginn des Films noch, den gegenüber Hexenglauben und übernatürlichen Phänomenen kritisch eingestellten Richter zu überzeugen, dass er ein Biest auf dem Acker gefunden hat - oder zumindest merkwürdige menschliche Überreste. Als der Kopf mit dem bewurmten Glubschauge verschwunden ist und ihm Hochwürden keinen Glauben schenken will, kickt Ralph frustriert ein Stück einer Wirbelsäule zur Seite. Dies scheint originellerweise weder ihm selbst noch dem Richter aufzufallen.

Doch dieser Funke von Humor wird schon bald vom dichten Nebel, der sich schwer und bodennahe über den Feldern und Äckern ausbreitet, verhüllt.

Durch das Zutage fördern des seltsamen Wesens auf dem Acker wird eine Kette von unerklärlichen Ereignissen und Phänomenen in Gang gesetzt. Der Verfall von Sitte und christlicher Moral innerhalb der bigotten ländlichen Gemeinde schreitet unaufhaltsam voran.
Praktiziert wird alles, was einer christlichen Grundhaltung und den zehn Geboten widerspricht: es wird gelogen, vergewaltigt, gemordet.
Im Übertragenen Sinne könnte man das Geschehen auch sinnbildlich übersetzen. Das, was permanent unter der Oberfläche der Zivilisation lauert – der animalische, triebgesteuerte und gefährliche Teil der menschlichen Natur, wurde beim Umgraben ans Tageslicht befördert. Einmal aus dem Tabu bzw. der Dunkelheit (der Erde) geholt, verbreitet sich das Unmoralische ungehindert wie eine Seuche unter der Bevölkerung.

Die Auswüchse des dämonischen Treibens machen vor nichts und niemandem Halt.
Es beginnt mit der naiven Bauerstochter, die von ihrem Liebsten zuhause vorgestellt wird.
Während sie sich zu Beginn quasi als Inbegriff der "Unschuld vom Lande" präsentiert, so wird sie während ihres nächtlichen Aufenthalts auf dem Dachboden zu einer gefährlich und besessen wirkenden Irren transformiert. Durch die schauspielerische Qualität dieser Darstellerin hat man beinahe den Eindruck, dass sich über Nacht sowohl ihr Wesen als auch ihr gesamter Ausdruck, sogar ihre Gesichtszüge, komplett gewandelt haben.
Die genaue Ursache für den Ausbruch des Chaos bleibt ebenso wie die Verbreitungswege des Wahns unaufgeklärt, was der düsteren, beinahe apokalyptischen Atmosphäre des Films sehr zuträglich ist.
Die Grenzen zwischen Realität und Wahn verschieben sich und verschwimmen vor dem Auge des Filmpublikums bis nur noch die Umrisse der Handlung erkennbar sind.
Was von allen gezeigten Phänomenen und eigentümlichen Verhaltensweisen auf einfach erklärbare Sinnestäuschungen, was auf Massenhysterie und was tatsächlich auf dämonisches Treiben zurückzuführen ist, bleibt letztendlich unserer persönlichen Interpretation überlassen.


Nicht einmal mehr zwei Kreuze können noch helfen

Man könnte auch so weit gehen, das gesamte Treiben der Menschen im Film als Sittenspiegel des mittelalterlichen Aberglaubens oder lose Anspielung auf die vorherrschende Hysterie in der Zeit der Hexenprozesse zu deuten. Die Angst der christianisierten Bevölkerung vor dem Archaischen und den heidnischen Praktiken dominiert deren sichtbare Reaktionen und folgende Aktionen.
Gerade die Szene, in der einige Männer Margaret ins Wasser werfen und ihr interessiert und emotional distanziert beim Untergehen zusehen, zeigt, dass innerhalb der Dorfgemeinschaft etwas ganz fundamental aus dem Lot geraten ist.

Der Natur wird in "Satan's Skin" eine essenzielle Bedeutung eingeräumt. Das Umpflügen des Ackers als Eingriff des Menschen in das Ökosystem (die Oberfläche) der Erde und die daraus resultierende Zerrüttung moralischer Werte und Verrohung der Menschen kann eine Bedeutung auf metaphorischer Ebene haben.
Offensichtlich ist jedenfalls, dass die Landschaft an sich in vielen Szenenbildern wie ein optischer Rahmen und zugleich wie ein Versuch der Ordnung des ausbrechenden Chaos' wirken.
Im Vergleich zu anderen Genrefilmen der Sechziger und frühen Siebziger wurden die Landschaft, das Firmament und die Vegetation nicht künstlich durch die Verwendung von Kulissen, Filtern und Matte Paintings erzeugt. Durch den Verzicht auf diese Instrumentarien und Techniken wirkt "Satan's Skin" besonders authentisch und zeitlos.

Der Soundtrack dieses frühen britischen Folk Horrorfilms verbreitet einen Hauch Melancholie und Tragik. An dieser Stelle bildet die musikalische Untermalung einen auffälligen Kontrast zu vergleichbaren zeitgenössischen Filmen (wie beispielsweise die vieler Produktionen der Hammer Studios) ab.
Das Hauptthema ist eine Melodie mit besonderem Wiedererkennungswert.
In diesem Bereich und auch was die mitunter radikalen Effekte und die Freizügigkeit der Darstellerinnen betrifft, war Haggards Werk seiner Zeit deutlich voraus.

Die Intensität des Films und das Unbehagen, das er hervorruft, sind in nicht zu unterschätzendem Ausmaß den talentierten jungen Schauspielerinnen zu verdanken. Besonders im Gedächtnis bleibt natürlich Linda Hayden in der Rolle der Angel Blake. Trotz ihrer passend zum Vornamen engelsähnlichen blonden Mähne und den strahlenden blauen Augen lässt ihre laszive Körpersprache und auch ihre undurchschaubare Mimik keinen Zweifel aufkommen, dass dieses Mädchen mit Teufel im Bunde ist.
Es kristallisiert sich schon bald heraus, dass sie so etwas wie die treibende Kraft und Anführerin der Menschen, die sich bei einer Ruine im Wald versammeln und auf die Wiederkehr des Satans hoffen, darstellt.

"Hail Behemoth, spirit of the dark, take thou my blood, my flesh, my skin and walk.
Holy Behemoth, father of my life, speak now, come now, rise now from the forest, from the furrows, from the fields and live."
(Margaret) 


Ebenso brilliert in diesem Film Michelle Dotrice als Margaret (auch zu sehen in dem im selben Jahr produzierten Thriller And soon the darkness). Sie erzeugt bei mir wahrlich Gänsehaut in der Szene, in der sie die Beschwörungsformeln voller Inbrunst intoniert und dabei sich und die Anwesenden in eine Art ekstatische Trance versetzt.


Auch sie warten auf die Wiederkehr Behemoths


An dieser Stelle sollte noch kurz erwähnt werden, dass entgegen der landläufig im Internet verbreiteten Meinung, dass es sich bei der Teufelsanbeter-Sekte ausschließlich um Jugendliche und junge Erwachsene handelt, auch ältere Menschen bei den Ritualen anwesend sind.
Über das Ende, bei dem der fellige faltige Beelzebub dann persönlich auftritt, kann man diskutieren. Die Maske ist leider nicht gerade überzeugend, weniger zu zeigen wäre wahrscheinlich besser gewesen. Dieser Kritikpunkt schmälert jedoch die zuvor über die gesamte Laufzeit aufgebaute und verdichtete unheimliche Atmosphäre nur geringfügig und ist daher verzeihlich.

Die tendenziell wenig bis gar nicht euphorischen Stimmen zu "In den Krallen des Hexenjägers", die man zumindest in deutschsprachigen Internet-Quellen findet, kann ich mir nur durch die Hypothese erklären, dass sich die Kritiken auf die deutsche Videofassung des Films beziehen.
In England wird "Satan's Claw" jedoch ein besonderer Stellenwert eingeräumt.
In seinem Herkunftsland wird er meist in einem Atemzug mit 
"Der Hexenjäger" und The Wicker Man genannt und gemeinhin, verweisend auf die Anfänge des Subgenres, als die "Unholy Trinity" des Folk Horror bezeichnet.
Meiner Meinung nach hat der Film diesen Stellenwert zu Recht. Richtet man das Augenmerk auf die Uneindeutigkeit, die Doppelbödigkeit und Ambiguität der Geschichte, erzeugen gerade die Unschärfen in der Erzählung einen ganz speziellen Reiz. 




Foto: DVD von Kochmedia und Blu Ray von Odeon




Sonntag, 21. März 2021

IT FOLLOWS (2014)









IT FOLLOWS

USA 2014
Regie: David Robert Mitchell
DarstellerInnen: Maika Monroe, Keir Gilchrist, Daniel Zovatto, Jake Weary, Olivia Luccardi, Lili Sepe, Bailey Spry u.a.

Inhalt:
Während Kelly mit Vorliebe entspannt Zeit mit ihren Freunden Yara und Paul verbringt, trifft sich ihre ältere Schwester Jay mit ihrem neuen Freund Hugh. Ein Kinoabend mit ihm endet für Jay jedoch völlig anders als sie sich das vorgestellt hat. Nach einem Schäferstündchen auf dem Rücksitz von Hughs Auto wird sie von ihm betäubt, gefesselt und schließlich im Eiltempo auf ihr neues Leben vorbereitet. Hugh informiert Jay, dass ein Fluch, den er durch das sexuelle Abenteuer auf sie übertragen hat, auf ihr lastet. Sie wird fortan immer wieder unvermittelt von Personen unterschiedlicher Gestalt, die zielstrebig auf sie zugehen, verfolgt werden. Sollte sie nicht rechtzeitig fliehen können, wird sie sterben und in weiterer Folge geht der Fluch wieder auf Hugh über. Es gibt nur einen Ausweg. Jay muss den Fluch selbst weitergeben, indem sie mit einem Jungen schläft…


Jay sieht zum ersten Mal was sie fortan verfolgt


Nachbar und Vorstadt-Casanova: Greg


Ich bezweifle, dass ich nach der Lektüre dieser Inhaltsangabe große Lust hätte, mir diesen Film anzusehen. Um ehrlich zu sein, klingt diese Geschichte ziemlich trivial und schablonenhaft.
Wer regelmäßig auf dieser Seite vorbeischaut und vielleicht das Prinzip von "Schattenlichter" kennt, wird bestimmt schon erahnen, dass jetzt gleich das ganz große "aber" folgt.
In der Tat habe ich "It follows" nun bereits zum dritten Mal gesehen. Und zwar nicht wegen der (geringen) Komplexität der Geschichte, sondern weil es ein gut gemachter moderner Film ist, der den großen Klassikern des Horrorfilms respektvoll und stilsicher Tribut zollt. Er ist im Grunde genommen weder von der Idee noch von der Darstellung her besonders innovativ. Regisseur David Robert Mitchell versucht auch nicht den Anschein zu wecken, als wäre er das.
"It follows" kommt angenehmerweise ohne die im modernen Genrekino mittlerweile überstrapazierten Jump Scares oder Plot-Twists am Ende (ach ja, der Hauptdarsteller ist in Wirklichkeit tot/schizophren/was auch immer) aus.
Die Gruppe von Jugendlichen, die im Zentrum der Geschichte stehen, wirken authentisch und sympathisch. Allen voran natürlich Jay, die von der charismatischen Maika Monroe (The Guest) verkörpert wird. Den (visuellen) Rahmen liefert eine nicht real existierende (Kunst-)Welt, die eigens für den Film geschaffen wurde.


Man beachte die Position der Mutter und das Interieur

Die Umgebung, in der sich Jay, ihre Schwester Kelly und ihre Freunde bewegen, ist weder in einen zeitlichen Kontext mit unserer Gegenwart noch mit der Vergangenheit zu setzen.
Dies erkennt man an ihrer Kleidung, den Mobiltelefonen und anderen elektronischen Geräten, die verwendet werden, an Autos, die seltsam nostalgisch und dann doch wieder zeitgemäß wirken oder den Interessen der Jugendlichen. Kelly und ihre Freunde sehen sich zum Beispiel in ihrer Freizeit auf Röhrenfernsehern mit Vorliebe Schwarz-Weiß-Horrorfilme aus den 50er Jahren an. Auch die Inneneinrichtung von Jays und Kellys Haus wirkt retro, aber dennoch nicht der Stilrichtung einer bestimmten Zeit zuordenbar.
Es gibt noch weitere Beispiele dafür, aber ich möchte mich nicht in einer Aufzählung von offensichtlichen Details verlieren.
Die erzählerische Perspektive ist stark auf die jugendlichen Hauptcharaktere fokussiert. Eltern und andere Erwachsene werden, wenn überhaupt, nur kurz und schemenhaft (am Bildrand) gezeigt.
Sie haben keine Namen und spielen keine tragende Rolle. Die meisten Eltern glänzen durch Abwesenheit. Von Jays und Kellys Vater hängen einige Fotografien an der Wand. Wo er ist oder was mit ihm passiert ist, bleibt bewusst im Dunkeln.



Ein ganz kurzer Moment der Ruhe für Jay


Das Gefühl, potentiell ständig in Gefahr zu sein, weil "it" unkalkulierbar ist und zu verschiedenen Zeiten in unterschiedlicher Gestalt auftaucht, ist omnipräsent. Die Momente von Ruhe und Entspannung sind oft nur von kurzer Dauer für Jay. Die Versuche unserer kämpferischen Antiheldin und den anderen Jugendlichen, das Monster zu bekämpfen, sind naturgemäß nur kurzzeitig erfolgreich und in letzter Konsequenz zum Scheitern verurteilt. Unerbittlich, frei von Emotionen und ohne Hektik steuert das unheimliche Wesen zielgerichtet wie der T-800 ("Terminator") auf Jay zu.
Die Atmosphäre, die in beträchtlichem Ausmaß auf die zentrale Aussichts- und Hoffnungslosigkeit der Teenager baut, wird sowohl durch die Aufnahmen der desolaten Gebäude in Detroit (ähnlich effektiv wie in "Only lovers left alive")  als auch durch den ohrwurmverdächtigen Synthesizer Soundtrack verstärkt. Letzterer wiederum ist stark angelehnt an die Kompositionen, die man von John Carpenter (The Fog,
Die Fürsten der Dunkelheit) kennt.

Was mich als großer Fan von "Nightmare on Elm Street" besonders freut, sind die unverkennbaren thematischen Parallelen zu diesem Horror-Klassiker.
Wie in "Nightmare" geht es um eine Gruppe von Jugendlichen, die von einer nicht greifbaren und nicht real existierenden Entität heimgesucht werden. Sie kennen den Grund dafür nicht und da auf die durch Abwesenheit glänzenden Erwachsenen kein Verlass ist, müssen sie sich selbst aus der Misere helfen.
Die Vorstadthäuser, in denen sie leben, sehen aus, als lägen sie in unmittelbarer Nachbarschaft der berühmten Elm Street. Speziell in einer Szene, in der Jay in der Nacht aus dem Fenster blickt und versucht, ihren gegenüber wohnenden Nachbarn Greg vor der drohenden Gefahr per Telefon zu warnen, lässt sich die Hommage an Wes Cravens Kultfilm in aller Deutlichkeit erkennen.


Jays Blick aus dem Fenster


Ebenso augenscheinlich ist auch die Referenz an John Carpenters "Halloween" und auch an Wes Cravens "Nightmare on Elm Street" in der Schulszene, in der Jay ermüdet von dem eintönigen Vorlesen der Lehrerin aus dem Fenster direkt ins Auge der Gefahr blickt.

Die in manchen Texten zu "It Follows" als zentral hervorgehobene Sexualität der Teenager würde ich nicht zu stark gewichten wollen. Meiner Meinung nach dient der Sex in dieser Geschichte lediglich als narratives Vehikel für die Weitergabe des Fluchs. Er ist potenziell austauschbar gegen andere populäre wiederkehrende Motive im Horrorfilm wie versehentlich heraufbeschworene Geister oder ein durch einen tödlichen Fluch belasteten Gegenstand, der von Mensch zu Mensch wandert.

"It follows" besticht durch exquisit gecastete junge Darstellerinnen und Darsteller, kreatives Set-Design, morbid-ästhetische Aufnahmen Detroits und einen Soundtrack, den man sich gerne öfter zu Gemüte führen möchte.
Der einzigartige Stil, die permanente alptraumartige Atmosphäre und die freimütig zur Schau gestellten Parallelen zum Horrorkino der Achtziger Jahre machen "It follows" besonders für LiebhaberInnen des gepflegten Genrekinos vergangener Zeiten attraktiv.




Foto: Blu Ray von Weltkino Filmverleih/Universum (Limited Edition)



Sonntag, 14. März 2021

GANGSTERS '70 (1968)















GANGSTER STERBEN ZWEIMAL

Italien 1968
Regie: Mino Guerrini
DarstellerInnen: Joseph Cotten, Franca Polsello, Giampiero Albertini, Giulio Brogi, Bruno Corazzari, Franco Ressel

Inhalt:
Destil riecht nach einem Jahrzehnt Aufenthalt hinter schwedischen Gardinen endlich wieder Frischluft. Der etwas in die Jahre gekommene Gangster möchte sich nun in Griechenland zur Ruhe setzen. Natürlich nicht, ohne vorher noch den ganz großen Coup seines Lebens zu landen. In Windeseile stellt er sich eine Truppe von Spezialisten zusammen, die ihn dabei unterstützen sollen. Doch hat er bei seinem (vermeintlich) genialen Plan nicht etwas Wichtiges übersehen?


Noch zuversichtlich - Destil (Joseph Cotten)


Kameramann Delli Colli mag Spiegelungen


Update zur Veröffentlichung (ab 19.03.2021 im Handel erhältlich)
Als ich "Gangster sterben zweimal" im Jahr 2017 auf dem Italocinema Festival Norimberga Violenta passend zum Filmtitel zum zweiten Mal gesehen habe, war ich der Meinung, dass ich diesen kurzweiligen Heist Movie nie in besserer Qualität zu Gesicht bekommen werde.
Diese Annahme entpuppte sich jedoch als Trugschluss.
Dank dem auf dem Festival ebenfalls anwesenden Labelbetreiber Konstantin Hockwin von Forgotten Film Entertainment ist "Gangster sterben zweimal" in Kürze im Handel erhältlich.
Und zwar in einer Bildqualität, die keine Wünsche offen lässt.
Im Gegensatz zu anderen Veröffentlichungen in diesem Segment lässt man bei "Forgotten" wie gewohnt das Filmkorn (hoch)leben. Das Bild wirkt ungefiltert und lebendig, sodass es eine wahre Freude für das Auge ist.
Wie von "Forgotten Film Entertainment" erwartbar, handelt es sich bei dem zweiten Film aus der Reihe Italocinema Collection um eine absolut hochwertige Veröffentlichung, was sich nicht nur äußerlich an der Stabilität und dem ansprechenden Design des Schubers bemerkbar macht, sondern auch durch die beträchtliche Menge an Bonusmaterial.
Es handelt sich dabei um die deutsche und italienische Schnittfassung, Deleted Scenes, ein umfangreiches Booklet mit Texten von Christian Keßler und Roberto Curti, zwei Audiokommentare, eine Bildergalerie mit zahlreichen Aushangfotos, Trailer zum Film und ein paar Fotos von einem der Drehorte.


Schuber und Wendecover


Eine Augenweide: Die Italocinema Collection 


Zum Film (Text aus dem Jahr 2017):
Sein kriminelles Projekt hat er jahrelang ausgeklügelt und sorgfältig durchdacht. Doch ein nicht unwesentliches Detail wird vom ambitionierten Destil (Joseph Cotten) schlichtweg übersehen: die Zuverlässigkeit seiner Helfer.
Er rekrutiert unter Anderem einen ehemaligen Olympiaschützen, der heute ein abgebrannter Junkie ist, einen ehemals guten Pokerspieler mit schwachem Nervenkostüm, einen arroganten Schachmeister mit einem Überschuss an krimineller Energie, eine suizidale Schauspielerin und einen überengagierten Chemiker-Jungspund.
Mensch, das kann doch niemals gut gehen! Es liegt auf der Hand, wie fehleranfällig und daher gewagt Destils Vorhaben mit dieser Truppe ist. Noch dazu gefährdet er selbst den Erfolg des geplanten Überfalls durch einen Anflug von Sentimentalität. Entgegen den von ihm selbst als Alibi mittels akribischer Planung provozierten Medienberichten, er sei in einer Klinik in der Schweiz, lässt er sich bei seiner ehemaligen Geliebten in Rom blicken.

Diese flotte Gangstergeschichte, bei der Maestro Fernando DiLeo (Milano Kaliber 9) als Drehbuchautor maßgeblich beteiligt war, erzeugt allein schon durch die interessante Konstellation der unterschiedlichen Charaktere Spannung.
Der mit großem Talent gesegnete Kameramann Franco Delli Colli (u.a. Der Tod trägt schwarzes Leder, La medaglione insanguinato oder Zeder – Denn Tote kehren wieder) verleiht der Handlung durch ungewöhnliche Kameraperspektiven und unkonventionelle Techniken das gewisse ästhetische Etwas.
Im letzten Drittel wird dann ohne Vorwarnung jegliches erzählerische Konstrukt und jeder Ansatz von Tiefgründigkeit für obsolet erklärt. Das Chaos regiert und alle überbieten sich gegenseitig in puncto Brutalität und Kompromisslosigkeit.

Dem einstigen Bühnenschauspieler und ehemals in Hollywood überaus erfolgreichen Joseph Cotten, der als Darsteller in namhaften Filmen wie "Citizen Kane" oder Alfred Hitchcocks "Im Schatten des Zwielichts" von sich Reden machte, blieb der ganz große Erfolg dennoch versagt. Er erhielt nie einen Oscar und irgendwann auch kaum mehr interessante Rollenangebote, weshalb er im fortgeschrittenen Alter scheinbar gezwungen war, in italienischen B- und C- Produktionen mitzuspielen. Dumm für ihn, gut für das Genrekino, das er mit seiner Mitwirkung beispielsweise in Lady Frankenstein, Baron Blood oder Insel der neuen Monster bereicherte.
Etwas deplatziert wirkt er in seinen späteren Rollen zwar schon, da er seine eigene Ausstrahlung und das Erscheinungsbild eines noblen Sirs durch hemmungsloses Over-Acting und lustige Auftritte wie zum Beispiel am Anfang von "Gangster sterben zweimal" mit einem originellen Wind-Iro etwas schmälert. Aber vielleicht hatte der Mann ja auch wirklich viel Sinn für Humor. Oder schlichtweg nichts zu verlieren. Über seine Motive darf spekuliert werden.

Eingefleischte Fans des Italokinos können sich bei der Sichtung dieses äußerst kurzweiligen Films neben den üblichen schmierigen Gestalten und finsteren Verbrechern über die altbewährten Italokino-Veteranen Giampiero Albertini (auch bekannt aus dem thematisch ähnlichen Sieben goldene Männer), Parade-Gangster Bruno Corazzari (sollte später in Der Mann ohne Gedächtnis ebenfalls einen Bösewicht mit Erkältungssymptomen mimen) und Franco Ressel (legendär als gruselig-fies aussehender glubschäugiger Schurke namens "Stengel" in "Sabata") freuen.

Rasante und unorthodoxe Kameraufnahmen, manchmal versetzt mit einem ironischen Augenzwinkern, spritzige Dialoge und bleigeschwängerte Luft lassen garantiert schönste 60er Jahre Heist-Movie Stimmung aufkommen.




Die ersten Minuten von "Gangster sterben zweimal" wurden übrigens (wie auch Il medaglione insanguinato oder Das Geheimnis des gelben Grabes) in der malerischen umbrischen Stadt Spoleto gedreht, deren antike Mauern und Bauwerke so markant sind, dass wir sie gleich wiedererkannt haben. Daher bietet sich noch ein kleiner Drehort-Vergleich an.


Blick auf die Festung, die tatsächlich einmal ein Gefängnis war...





... und heute ein Museum beherbergt



















Destils bescheidene Unterkunft der letzten 10 Jahre




















Über diese Brücke führt Destils Weg in die Freiheit

















Es handelt sich um die berühmte "Ponte delle torri"



Nochmal ein Foto von der Festung



Delli Collis Aufnahme der Brücke

















Meine Aufnahme der Brücke



Auch damals schon wild bewachsen




















Torbogen Richtung Gefängnis

















Destil sammelt seine sieben Sachen

















Wir standen auch dort



1968

















2012


Samstag, 6. März 2021

THE FLY (1986)

 


DIE FLIEGE

USA 1986
Regie: David Cronenberg
DarstellerInnen: Jeff Goldblum, Geena Davis, John Getz, Joy Boushel, Leslie Carlson, George Chuvalo u.a.

Inhalt:
Der Wissenschaftler Seth Brundle lässt sich von der Reporterin Veronica Quaife bei seinem neusten Projekt begleiten. Er experimentiert auf dem Feld der Teleportation, Veronica dokumentiert seine Fortschritte. Als er in einem emotionalen Ausnahmezustand auf umfangreiche Sicherheitstests verzichtet und sich selbst teleportiert, passiert etwas Unvorhergesehenes und die Tragödie nimmt ihren Lauf…


Reporterin Veronica (Davis)


Seth (Goldblum) bereit für die Teleportation


Bereits im Jahr 1958 wurde die auf einer Kurzgeschichte von George Langelaan basierende Story für ein Drehbuch umgearbeitet. Der Originalfilm "Die Fliege", bei dem Grusel-Ikone Vincent Price eine der Hauptrollen verkörpert, orientierte sich stark an der literarischen Vorlage, deren filmische Umsetzung getrost und in schönster Doppeldeutigkeit als etwas haarig bezeichnet werden kann. Die Vorstellung, einen menschlichen Körper mit dem Kopf einer Fliege zu versehen, ist – milde ausgedrückt – dezent jenseits der magischen Grenze zur unfreiwilligen Komik angesiedelt.

Daher wurde dieses Grundkonzept für das Remake unter der Regie von David Cronenberg modifiziert und um einige weitere Aspekte ergänzt. Im Vordergrund steht dabei weniger das Horror-Genre, in dem "Die Fliege" aufgrund der ekelerregenden Effekte in erster Linie zu verorten ist, sondern vielmehr die desaströse physische und psychische Zersetzung von Seth und die dadurch hervorgerufene tiefe Verzweiflung von Seth und Veronica.
Der ehrgeizige Wissenschaftler und die ambitionierte Reporterin haben sich gerade erst gefunden und die Romanze zwischen den beiden scheint nicht nur flüchtig zu sein. Doch wie es das Schicksal so will, ist das Liebesglück von Veronica (Geena Davis) und Seth (Jeff Goldblum) nur von kurzer Dauer.
Ohne diese spezielle Verbindung zwischen den beiden wäre die qualvolle Verwandlung von Seth zur Fliege (oder in ein Fliegen-ähnliches Wesen, von ihm selbst Brundle-Fliege genannt) bestimmt deutlich weniger emotional mitreißend.
Goldblum und Davis waren zum Zeitpunkt der Dreharbeiten schon liiert und haben bald nach dem Film geheiratet. Beide sind ohne Frage großartige Schauspieler, doch vermutlich dürfte die private Verbindung zwischen dem Paar bei den Dreharbeiten in Bezug auf die Darstellung der Emotionalität doch sehr zuträglich gewesen sein.

Was mich persönlich seit meiner Kindheit an diesem Film immer am meisten in den Bann gezogen hat, ist (neben den hervorragenden Ekel-Effekten) die Idee der Teleportation. Nach allen bekannten physikalischen Gesetzen ist diese Technologie zwar eindeutig der Science Fiction zuzuordnen, aber der Gedanke, sich von einem Ort innerhalb von Sekunden an einem anderen Ort materialisieren zu können, ist schon interessant.
Etwas näher an der Realität als man es vielleicht wahrhaben möchte, ist bei dieser Geschichte auch das Verhältnis zwischen Mensch und technologischem Fortschritt. Seth Brundle erfindet eine völlig neuartige Maschine, die er (wie er gleich zu Beginn eingesteht) nach seinem Gutdünken zusammengesetzt hat und deren einzelne Komponenten er selbst nicht bis ins letzte Detail versteht. Auf wundersame Weise funktionieren die Teleport-Boxen. Wie Menschen so sind, siegt der Drang nach Fortschritt und Anerkennung über die Vernunft und Seth lernt auf sehr schmerzhafte Art und Weise, dass er diese Maschinen zwar erschaffen hat, aber nicht völlig beherrschen kann.
Der Computer, verwirrt durch die Tatsache, plötzlich DNA von zwei verschiedenen Spezies (eine menschliche und die einer Fliege) sequenzieren zu müssen, entscheidet nach einem nicht vorhergesehenen unbekannten Prinzip selbst, wie er in so einem Fall vorzugehen hat und entschließt sich für eine Fusion.
Durch ihre Allmachtsphantasien und den unbändigen Drang nach (vermeintlichem) Fortschritt wurde in der Geschichte der Menschheit schon öfter auf umfangreiche Tests oder eine seriöse Risikoeinschätzung verzichtet. Eingriffe in die Natur führen bekannterweise nicht selten zu nicht vorhersehbaren Komplikationen, weil oft eben nicht alles bis ins kleinste Detail kalkuliert werden kann. Bedenken und Warnungen werden im Eifer des Gefechts leider allzu schnell übergangen.


Lehrreich: die Nahrungsaufnahme einer Fliege


Die Spezialeffekte, die dem Film zwar keinen Preis, aber immerhin eine Oscar Prämierung einbrachten, gehören ohne Zweifel zu den besten, die je für einen Genrefilm der 80er Jahre kreiert wurden.
Mit einer Nahaufnahme eines offenen Bruchs, abfallenden Ohren, Fingernägeln, die sich über einer zähflüssigen gelben Schleimschicht vom Fleisch lösen, ausfallenden Zähnen und Haaren oder monströsen Abszessen dürfte jeder Horrorfilmfan etwas finden, was bei ihm besonderen Ekel hervorruft.
Vollendung erfährt dieser Meilenstein der Filmgeschichte schließlich durch die opulente musikalische Untermalung, die Komponist Howard Shore, auf dessen stimmungsvoll-effektive Arrangements David Cronenberg bereits bei früheren Filmen wie "Die Brut", "Scanners" oder "Videodrome" zählen konnte.

Im Gegensatz zu der Kurzgeschichten-Verfilmung aus den 50er Jahren ist David Cronenbergs "Die Fliege" ein ernsthafter, düsterer und pessimistischer Beitrag zum Horror-Genre, das je nach Deutungsart Themen wie Krankheit und Verfall, unglückliche Liebe und den manchmal bitteren Preis zugunsten von rapidem technologischem Fortschritt in den Mittelpunkt rückt.
Es ist wohl nicht überzogen, "Die Fliege" als zeitlosen Klassiker des Horrorfilms zu bezeichnen.



Foto: DVD vom Label 20th Century Fox



Sonntag, 25. Oktober 2020

IN NOME DEL POPOLO ITALIANO (1971)









ABEND OHNE ALIBI

Italien 1971
Regie: Dino Risi
DarstellerInnen: Ugo Tognazzi, Vittorio Gassman, Ely Galleani, Yvonne Furneaux, Francesco D’Adda, Simonetta Stefanelli u.a.

Inhalt:
Eine junge Frau, die sich ihr Luxusleben mit Prostitution verdingt, wird mit einer Kopfverletzung tot in ihrem Bett aufgefunden. Der gewissenhafte Richter Bonifazi geht anhand der Indizien aus der Gerichtsmedizin von einem Mord aus. Gleich zu Beginn der Untersuchung des Falls stößt er bereits auf seinen Hauptverdächtigen – den reichen Industriellen Lorenzo Santenocito. Letzterer möchte einen Skandal vermeiden und tut alles, um sich ein Alibi zu verschaffen. Kann Bonifazi dem Geschäftsmann den Mord nachweisen?


Richter Bonifazi (Tognazzi) in seinem Element


Santenocito (Gassman) verärgert einen Anhalter

Regisseur Dino Risi, der als einer der wichtigsten Vertreter des Genres "Commedia all’italiana" gilt, wandte sich erst nach Studium und umfangreicher Ausbildung dem Filmgeschäft zu.
Risi war promovierter Arzt und ausgebildeter Psychiater und verfasste Kolumnen für eine Tageszeitung.
Nicht nur aufgrund seiner Biographie, sondern auch wegen seiner absolut bemerkenswerten Filme zählt er zu einem der wichtigsten Filmschaffenden aus der Blütezeit von Cinecittà.
Den Bekanntheitsgrad eines Fellini, De Sica, Visconti oder Rossellini, die außerhalb Italiens gemeinhin mit dem italienischen Kino dieser Zeit verbunden werden, erlangte er im deutschsprachigen Raum nicht.
Wer in die (Un-)Tiefen der damaligen italienischen Filmindustrie abtaucht und etwas abseits des Mainstream und klassischen Arthaus Kino schnorchelt, weiß, dass man auch dort Gold schürfen kann.


Ein wortreiches Psychoduell der Spitzenklasse

Im Mittelpunkt der Handlung stehen die Psychospielchen und das Macht-Duell zwischen dem gewissenhaften Richter Bonifazi (Ugo Tognazzi) und dem neureichen Lebemann Lorenzo "Renzo" Santenocito (der grandiose Vittorio Gassman, u.a. bekannt aus Anima Persa).
Was die beiden Männer respektive diese hochtalentierten Schauspieler in "Abend ohne Alibi" an Charme, Exzentrik und Durchtriebenheit aufbringen, lässt jedes italophile Herz einige Takte höher schlagen.
Bis zum Ende tappt man trotz zahlreicher Indizienbeweise und höchst suspektem Verhalten von Großkotz Santenocito als ZuschauerIn im Dunkeln, ob der Industrielle tatsächlich einen Mord begangen hat oder ob er sich aufgrund der Voreingenommenheit des Richters tatsächlich so kopflos und suspekt verhält, dass er gar nicht aus dem Focus der Ermittlungen geraten kann.
Fakt ist: er lügt, wenn es ihm vermeintlich nützt und immer wieder werden seine Ausflüchte und Alibi-Konstrukte vom Richter oder zumindest vom aufmerksamen Publikum als solche enttarnt.
Komik und Tragik wechseln sich im Verlauf der Erzählung ab oder liegen so nahe beieinander, dass man Schwierigkeiten hat, die Situationen einzuordnen.


Santenocitos greiser Vater

Der Übergang ist in der Tat oft fließend wie zum Beispiel in der Szene, in der Santenocito seinen leicht geistig verwirrten Vater (er hört eben manchmal Trompetenklänge), der trotz allem für den Geschmack des Sohnemanns zu viel mitbekommt und sich standhaft weigert, eine Falschaussage zu machen, trotz Protest und wehrhaftem Verhalten des Senioren in eine Nervenklinik einweisen lässt. Immerhin könnte der Alte sein Alibi zunichte machen.
Diese Sequenz zeigt die unbarmherzige und eiskalte Seite von Santenocito, der auch im Umgang mit seiner Ehefrau hauptsächlich herabwürdigende, chauvinistische und sexistische Sprüche findet.
Dieser Mann hat einen starken Geltungsdrang und zeigt ganz klar narzisstische Wesensmerkmale.


Santenocito will Überlegenheit demonstrieren

Sein sinnbildlich bester Auftritt ist der als er in der Verkleidung im Stil eines römischen Imperators direkt von seiner Pool-Kostüm-Party von der Polizei abgeholt wird. Er wird als Verdächtiger vor den Richter zitiert und muss ihm Rede und Antwort stehen. Trotz seinem an sich lächerlichen Aufzug gebärdet er sich streitlustig, siegessicher und präsentiert seine (vermeintliche) verbale Überlegenheit während der Befragung.

"Abend ohne Alibi" ist ein satirisches Zeitdokument über die italienische Bevölkerung in den frühen Siebzigern. Die Charaktere sind pointiert dargestellt, die Dialoge und Wortgefechte steigern sich fast bis zur Polemik. Die überspitzte Darstellung und die Komik mancher Begebenheiten sind durch die äußert kurzweilige Inszenierung bravourös verflochten mit nachdenklich stimmenden Passagen.


Immer wieder wird der Richter sehr nachdenklich

Ungeschönt und realistisch fotografiert bewegt sich Richter Bonifazi durch den Müll, den die Menschen an Ort und Stelle fallen lassen. Doch nicht nur das Umweltbewusstsein der Italiener ließ damals zu wünschen übrig.
Durch die Perspektive des Richters Bonifazi bröckelt die marode Fassade der korrupten Gesellschaft. Bonifazis analytischer Blick seziert nicht nur die psychische Konstitution seines Hauptverdächtigen, sondern wirft auch einen kritischen Seitenblick auf die einfache Bevölkerung. Diejenigen nämlich, die er als Vertreter des Gesetzes schützen soll. Was er dabei immer wieder wahrnimmt, lässt augenscheinlich Zweifel bei ihm aufkommen, warum und vor allem für wen er seinen Beruf eigentlich ausübt. Er ist sich bewusst, dass er offiziell, wie der Originaltitel impliziert, im Namen des italienischen Volkes handelt. Doch genau dieses Volk scheint eben auch für sein Dilemma verantwortlich zu sein.

Das Ende ist hinreißend konsequent und ebenso doppelbödig wie die gesamte Geschichte.
Dino Risi zeigt uns mit "Abend ohne Alibi" den Bodensatz der Moral der Italiener zu dieser Zeit auf eine so bekömmliche und genussvolle Weise, dass man voller Ehrfurcht den Abspann sieht und das Gefühl hat, diesen Film gleich noch einmal sehen zu wollen.
Der große Wehrmutstropfen ist wie bei dem von mir hoch verehrten Dino Risi Werk Anima Persa, dass dieser Film bislang seinem potentiell breiteren Publikum nicht in einer angemessenen Form zugänglich ist.

Che peccato!