Donnerstag, 12. Februar 2015

NON SI SEVIZIA UN PAPERINO (1972)














DON'T TORTURE A DUCKLING
QUÄLE NIE EIN KIND ZUM SCHERZ ... (Zusatz zum engl. Titel)
Italien 1972
Regie: Lucio Fulci
DarstellerInnen: Florinda Bolkan, Barbara Bouchet, Tomas Milian, Irene Papas, Marc Porel, Georges Wilson, Vito Passeri u.a.


Inhalt:
Ein abgelegenes Dorf im südlichen Italien Anfang der Siebziger Jahre. Das Verschwinden eines kleinen Jungens versetzt die BewohnerInnen in Unruhe. Als er kurze Zeit später tot aufgefunden wird, schlägt die Stimmung in Angst und Entsetzen um.
Ein Schuldiger ist schnell gefunden, doch ebenso schnell kommen Zweifel an seiner Täterschaft auf.
Auch nach der Festnahme werden weitere Kinderleichen gefunden. Die Polizei und ein zugereister Reporter ermitteln fieberhaft. Wer ist für die Morde verantwortlich und wie kann man den grausamen Killer stoppen?


Maciara (Bolkan) glaubt an Voodoo


Martelli (Milian) und Patrizia (Bouchet) suchen den Mörder


Der vom Label '84 unter dem gewöhnungsbedürftigen Titel "Don't torture a duckling - Quäle nie ein Kind zum Scherz..." erstmalig auf Deutsch veröffentlichte "Non si sevizia un paperino" zählt nicht nur unter Genre-Fans zu einem der besten Gialli, sondern wurde auch von Regisseur Lucio Fulci selbst wiederholt als sein Favorit unter seinen eigenen Werken genannt.
Auch für mich gehört er schon lange Zeit zu einem meiner persönlichen Lieblingsfilme im Giallo-Universum und die Vorfreude auf die Veröffentlichung ist dementsprechend groß. Das geht euch vermutlich nicht anders.
Wer allerdings einen "Killer mit schwarzen Handschuhen-Film" erwartet, wird enttäuscht sein.
Denn Maestro Fulci wollte sich im Jahr 1972 offenbar nicht einreihen in die Riege der Regisseure, die lediglich Adaptionen der stilistischen Vorlagen von Dario Argentos Genrefilmen ablieferten.
Er wendete sich ab von den Metropolen-Schauplätzen, der geschniegelten High Society, von schönen Frauen, die mit Rasiermessern aufgeschlitzt werden und drehte seinen dritten Giallo in der italienischen Provinz.

Die Rahmenhandlung


In "Non si sevizia un paperino" geht es ein bisschen bedächtiger zu als man es von den archetypischen Genrefilmen gemeinhin gewohnt ist.
Die Ermittlungen der Polizei und des aus Norditalien angereisten Reporters Andrea Martelli (Tomas Milian) führen immer wieder in rationale Sackgassen.
Ein minderbegabter Mann, die von der Dorfgemeinschaft geächtete Hexe Maciara (großartig: Florinda Bolkan) und eine junge Dame aus Mailand (Barbara Bouchet in einer provokanten Rolle), die ihre "Ferien" im Ort verbringt, verhalten sich verdächtig.
Doch auch der in schwarzer Magie bewanderte Einsiedler in seiner Berghütte, von allen nur Onkel Francesco genannt, erscheint suspekt.
Schlussendlich könnte es aber jeder x-beliebige Dörfler gewesen sein. (Eingefleischte Giallo-Fans wissen das natürlich genau!)

Besonders die Ereignisse rund um Maciara werden genaustens beleuchtet. Die Frau, die als Hexe gilt und um die viele Gerüchte ranken, fühlt sich offensichtlich von den Kindern, die sich immer wieder in der Nähe des Grabs ihres Babys herumtreiben, belästigt und malträtiert Voodoo-Puppen.
Jedes Mal wird kurze Zeit später ein Junge aus der Dorf aufgefunden. Todesursache: Strangulation. Ist die wirre Frau tatsächlich brutal genug, einen Mord mit ihren bloßen Händen zu verüben?
Maciara wird von der Polizei festgenommen und legt ein Geständnis ab. Doch dieses fällt anders aus als erwartet und verblüfft die Beamten. Sie ist nämlich der wahnwitzigen Überzeugung, dass sie die Kinder durch ihren Zauber getötet hat.
Einer der alteingesessenen Dorfpolizisten, der bestens mit den archaischen Riten und dem Irrglauben seiner Mitmenschen vertraut ist, versucht noch halbherzig, die Freilassung der "Hexe" zu verhindern. 
Als Maciara am hellichten Tag entlassen wird und durch die gespenstisch wirkenden beinahe leeren Gassen läuft, schlägt ihr unverhohlene Verachtung und abgrundtiefer Hass entgegen.
Ihr unvermeidliches Schicksal erfüllt sich.
Die darauffolgende Szene auf dem verwahrlosten Friedhof, auf den sich die verwirrte Frau zu retten versucht, gehört zu einer der brutalsten und verstörendsten, die je in einem Film dieser Art zu sehen war. Zugleich deutet sie an, wofür Fulci  ab dem Jahr 1979 (damals mit "Woodoo - Die Schreckensinsel der Zombies") berühmt werden sollte.

Die Schauspielerriege


Obwohl Tomas Milian ("Der Berserker", "Der Todesengel") und Barbara Bouchet ("Milano Kaliber 9") begabte, optisch ansprechende und im italienischen Kino populäre Darsteller waren, erhielten sie verhältnismäßig wenig Screen-Time.
Einerseits ist die Handlung etwas komplex und es besteht die Notwendigkeit, viele verschiedene Charaktere zu beleuchten. Andererseits liegt es vermutlich auch daran, dass keiner der im Film vorkommenden ProtagonistInnen besonders sympathisch erscheinen soll.
Nicht einmal die Kinder wirken nett und schon gar nicht unschuldig. Im Gegenteil. Sie quälen Tiere, rauchen, spannen und schikanieren vergnüglich die ohnehin schon unglückseligen Außenseiter des Dorfes.
Die perfekt gecasteten erwachsenen Dörfler erscheinen aufgrund ihres rohen äußeren Erscheinungsbilds ebenfalls authentisch. Ihre Handlungen sind offensichtlich geprägt von ihrem verschrobenen, rückständigen Weltbild und den darin zugrunde liegenden Wertvorstellungen. Die Charakterzeichnung dieser Menschen ist schonungslos nahe an der (vorstellbaren) Realität angesiedelt.
Weitere darstellerische Bonuspunkte gewinnt "Non si sevizia un paperino" durch eine intensiv spielende Florinda Bolkan ("Una lucertola con la pelle di donna", "Spuren auf dem Mond"), eine wie immer charismatische Irene Papas ("Deadly Trap") und einen sich gut in seine Rolle einfügenden Marc Porel ("Die sieben schwarzen Noten", "Eiskalte Typen auf heißen Öfen).


Homo homini lupus.


Im Gegensatz zu vielen Gialli, die das Leben von (Geld-)Adeligen bzw. der High Society abbilden, verlagerte Lucio Fulci den Schauplatz seines Films in eine fiktive süditalienische Gemeinde, die nicht nur durch ihre geographische Lage abgeschieden vom Rest der modernen Zivilisation zu sein scheint.
Auch die Weltanschauungen und der trotz des katholischen Glaubens unter der Bevölkerung verbreitete Aberglaube grenzen die Bewohner des kleinen Orts vom nördlichen Italien ab.
Fulci zeichnet in "Non si sevizia un paperino" auf eindringliche Art und Weise ein misanthropes und nihilistisches Bild einer in sich geschlossenen Gesellschaft. Aus dieser Perspektive rührt ein beachtlicher Teil der morbiden Faszination, die der Film verströmt.
Der gialloeske Plot um die Suche nach dem Killer tritt zugunsten der Gesellschaftsanalyse und der dargestellten psychologischen Dynamik im Dorf in den Hintergrund.
Fulci, der an der Entstehung des Drehbuchs beteiligt war (wenn man den Credits Glauben schenken darf), analysiert messerscharf, was Vorurteile, Aberglauben und (katholische) Moralvorstellungen in der Lage sind anzurichten.
Was Menschen im Namen von Gerechtigkeit und im Glauben, das Richtige zu tun, imstande sind, anderen an physischer und psychischer Gewalt zuzufügen. Wie schnell jemand zum Sündenbock wird und wie grausam und menschenverachtend mit Individuen, die am Rande der Gesellschaft stehen, umgegangen wird.

Das Vorbild?


Die inhaltliche bzw. thematische Ähnlichkeit zu Brunello Rondis 1963 entstandenen "Il Demonio" erscheint mir frappierend.
In beiden Geschichten geht es um eine psychisch instabile Außenseiterin, sesshaft in einem kleinen süditalienischen Provinznest, in dem die BewohnerInnen trotz Christianisierung an diversen abergläubischen Riten und Überzeugungen festhalten.
In beiden Fällen gilt die Hauptprotagonistin als Hexe und wird von der Dorfgemeinschaft verstoßen. Und sowohl Maciara als auch Puri praktizieren schwarze Magie und glauben fest an deren Wirksamkeit.
Beide Frauen erleiden ein tragisches Schicksal.
"Non si sevizia un paperino" wurde sogar in der selben Gegend, an den selben Orten, wie "Il Demonio" gedreht. Ich vermute, dass Rondis grandioser, für die damalige Zeit provokanter und bahnbrechender Film eine wichtige Inspirationsquelle für Fulci gewesen sein muss.

Fulci, der Provokateur


Wie bereits anlässlich des Erscheinens von Fulcis "Una lucertola con la pelle di donna" (1971) verschaffte "Non si sevizia un paperino" (1972) dem exzentrischen Regie-Talent wieder einmal das zweifelhafte Vergnügen, vor Gericht erscheinen zu müssen und dem Kadi Rede und Antwort zu stehen.
Während im Jahr zuvor noch der Verdacht der Tierquälerei (die realistisch aussehende "Hunde-Szene" in "Una lucertola...") Anlass zu einer offiziellen Untersuchung gab, war der Verdacht dieses Mal deutlich pikanter und schwerwiegender.
Die Szene, in der Patrizia nackt in ihrer Wohnung sitzt und einen kleinen Jungen sexuell zu reizen bzw. vielleicht auch zu verführen versucht, war nämlich der Stein des Anstoßes. Der Regisseur musste erklären, auf welche Weise diese Szene zustande gekommen ist und ob das Kind tatsächlich vor der splitternackten Schauspielerin stehen musste (was offenbar nicht der Fall war).

Das Fazit


Lucio Fulci ergänzt in seinem dritten Giallo bekannte und bewährte Elemente des Genres durch Tabuthemen sowie einen sozial- bzw. gesellschaftskritischem Subtext und setzt die Geschichte in einer schonungslosen visuellen Radikalität um.
"Non si sevizia un paperino" ist ein Ausnahme-Giallo, der eine Atmosphäre der Trostlosigkeit und Feindseligkeit kreiert wie nur wenige Exemplare dieser Filmgattung.


Einen Bildvergleich der Locations aus dem Jahr 1972 und 2015 gibt es hier.




Foto: DVD von Anchor Bay und Shameless




Foto: OST auf Vinyl