Montag, 12. Februar 2018

DON'T LOOK NOW (1973)















WENN DIE GONDELN TRAUER TRAGEN

Großbritannien, Italien 1973
Regie: Nicolas Roeg
DarstellerInnen: Julie Christie, Donald Sutherland, Hilary Mason, Cleilia Matania, Massimo Serato, Renato Scarpa u.a.


Inhalt:
Bald nach dem Tod ihrer kleinen Tochter Christine reisen John und Laura Baxter nach Venedig. Hier soll John im Auftrag des Bischofs eine Kirche restaurieren. Bei einem Restaurant Besuch lernt das britische Paar zwei ältere Schwestern aus Schottland kennen. Eine der Frauen ist blind und besitzt hellseherische Fähigkeiten. Sie erzählt Laura, dass Christine immer noch bei ihr ist und spricht eine Warnung aus – John befindet sich hier in Venedig in Lebensgefahr. Lauras Mann kann nicht verstehen, warum seine Frau der blinden Lady Glauben schenkt, obwohl er selbst immer häufiger Dinge sieht und erlebt, die nicht mehr rational zu erklären sind...


Drama pur bereits in den ersten Minuten


Laura am Tisch mit der Seherin (links) und deren Schwester


Die ersten Minuten von "Wenn die Gondeln Trauer tragen" sind auf emotionaler Ebene wahrscheinlich die dramatischsten des gesamten Werks. Immer, wenn ich diese Szenen gesehen habe, hatte ich das Gefühl, dass da neben dem Offensichtlichen (Christines Tod, dem Schock ihres Bruders und der Verzweiflung der Eltern) zugleich etwas nicht Greifbares, nicht Beschreibbares ist. Etwas, was dicht unter der Oberfläche lauert und doch meisterlich getarnt ist.
Es scheint der Geschichte etwas Mysteriöses inne zu wohnen, das hinter den intensiven Rot-Tönen und Spiegelungen lauert.
Dass der Anfang des Films bereits auf mehreren Ebenen andeutet, was am Ende passieren wird, habe ich erst jetzt bei der dritten Sichtung verstanden.

Die wahre Großartigkeit von Roegs Regie-Glanzleistung wurde mir genau genommen erst vor wenigen Tagen offenbar, als ich andächtig in einem kleinen Kino, umgeben von ausschließlich grau- und weißhaarigen Menschen saß. Weder die Unkosten für einen Kinobesuch in der Schweiz noch die Stimme einer älteren Dame hinter mir, die sich beim ersten Zoom auf Sutherlands Gesicht paradoxerweise mit leicht abfälligem Unterton äußerte: "Däs isch abr an alta Film!" vermochten meine euphorische Stimmung zu trüben.

Das Spiel mit Schatten, Lichtbrechung, Farben und Spiegelungen setzt kontrastreiche Akzente in den an sich langsam und fast träge inszenierten Handlungsrahmen in Venedig. Die gezielten Schnitte und dadurch erzeugten Unterbrechungen der Kontinuität von Szenen vermitteln ein Gefühl von surrealem Erleben. Wie Sprünge in der Oberfläche, wie Risse, die sich durch die Banalität des menschlichen Daseins ziehen.
Ebenso beeindruckend arbeitet Roeg mit Wiederholungen und Verfremdungen in einer Art und Weise, wie ich sie noch in keinem anderen Film erkennen konnte.
Die starke Symbolik der Bildsprache fordert das Publikum und bereitet den Pfad für unterschiedliche Deutungsebenen – religiös, psychologisch, übernatürlich. Diese inspirierende Wirkung, das Verführen zur eigenen geistigen Kreativität und Interpretation, zählt zu einem der bemerkenswertesten Aspekte von "Wenn die Gondeln Trauer tragen".

Wie der Originaltitel impliziert, kommt dem Sehen und dem Zeitpunkt des Sehens eine zentrale Bedeutung zu. Die tatsächliche Blindheit der Seherin wird der im übertragenen Sinne zu verstehenden Blindheit des Sehenden gegenüber gestellt. Die ältere Dame ohne Augenlicht versteht, was sie gerade wahrnimmt und vermag es in den richtigen Kontext zu bringen. John hingegen verwechselt fatalerweise das, was er sieht, mit der Realität und ignoriert infolgedessen jegliche Warnungen. Er kann nicht zwischen Sehen und Hellsehen unterscheiden. John verlässt sich nur auf einen seiner Sinne. Er nimmt keinen Unterschied zwischen Gegenwart und Zukunft wahr.

Donald Sutherland (John Baxter) und Julie Christie (Laura Baxter) wurden nicht nur von Roeg zu schauspielerischen Höchstleistungen motiviert, sondern auch zu vollem Körpereinsatz. Die damals für einen kleinen Skandal sorgende Sex Szene zwischen dem Paar heizte Spekulationen darüber an, ob diese Sequenz tatsächlich nur gespielt war. Wie wir heute wissen, wurde sie minutiös mithilfe von genauen Regieanweisungen inszeniert.
Sutherland, der laut eigener Aussage unter Höhenschwindel litt, vollführte den waghalsigen und lebensgefährlichen Stunt in der Szene, in der er nur noch an einem Seil in halsbrecherischer Höhe über dem Marmorboden der Kirche hängt, höchstpersönlich. Die Arbeit an diesem Film hat den Schauspieler nachhaltig beeinflusst. Aus großem Respekt vor dem Regisseur benannte Donald sogar einen seiner Söhne nach ihm – Roeg Sutherland.

Venedig, die im Verfall begriffene Stadt, die nicht nur durch das seine Grundmauern abtragende Wasser, sondern auch vom Massentourismus allmählich ausgehöhlt wird, war und ist faszinierend. Besonders in der kalten Jahreszeit und in Abwesenheit von Tagestouristen verströmt es nach wie vor einen unwirklich morbiden Charme und regt mit seinen dunklen Gassen und spärlich beleuchteten Ecken die Phantasie an.
Dass Daphne du Mauriers Geschichte, auf der das Drehbuch basiert, in Venedig ihren Lauf nimmt und den Ort zu einem Schauplatz von Mysteriösem und menschlicher Tragödien wird, verwundert nicht. Diese Umgebung wirkt an sich wie eine Phantasie und fungiert als perfekter psychologischer Nährboden für Visionen. Für die ästhetischen Aufnahmen der Lagunenstadt und die faszinierende Bildsprache wurde Kameramann Anthony B. Richmond 1974 mit dem Britischen Filmpreis honoriert. 

Doch was wäre "Wenn die Gondeln Trauer tragen" ohne die elegische Musik von Pino Donaggio, die zwischen Naivität, Melancholie und Dramatik changiert. Für mich zählt dieser Soundtrack zu den schönsten und tragendsten Kompositionen in der Geschichte der Filmmusik.
Er bildet einen essentiellen Bestandteil des Gesamtkunstwerks "Don't look now", das sich am Ende wie die Mosaiksteine in der Kirche, die John restauriert, zu einem großen formvollendeten Ganzen zusammenfügt.




Wie bei "Die Wiege des Satans" und "Parapsycho - Spektrum der Angst" fiel mir auf, dass ich einen kleinen Drehortvergleich (noch mehr Bilder in meinem Venedig-Drehort-Special hier) mit meinen Urlaubsfotos machen könnte et voilà:


Hier die Szene aus dem Film
















Es ist fast schon unheimlich, ich staune selbst... Mein Foto aus dem Jahr 2009


Die Kirche, die John restauriert



Mein Foto von der Kirche 2014


Hier stehen die älteren Damen neben der Säule...



... die man auf meinem Foto ebenfalls sieht


John als dunkle Gestalt zwischen den Bögen



Wieder ein merkwürdiger Zufall? Auf meinem Foto
befindet sich ebenfalls eine dunkle Gestalt an diesem Punkt


Screenshot von der Anlegestelle


Auch an dieser Stelle war ich auch schon. Wie man sieht...
















... das Haus hat heute eine andere Farbe, das Wasser steht höher


Foto: DVD vom Label Kinowelt