Montag, 11. August 2014

LA MORTE ACCAREZZA A MEZZANOTTE (1972)














DEATH WALKS AT MIDNIGHT
Italien, Spanien 1972
Regie: Luciano Ercoli
DarstellerInnen: Nieves Navarro (aka Susan Scott), Simón Andreu, Pietro Martellanza (aka Peter Martell), Claudie Lange, Luciano Rossi u.a.


Inhalt
Die schöne Valentina ist Fotomodell. Ihrem Freund, dem Reporter Gio Baldi und dessen Karriere zuliebe, experimentiert sie mit einer neuen Droge. Gio hegt nämlich den Plan, eine Reportage über Valentinas Drogenrausch zu schreiben, selbstredend völlig anonymisiert. Während ihres Trips sieht sie einen grausamen Mord. Ein hässlicher Mann mit Sonnenbrille zerfetzt einer Frau mit einem stachelbesetzten Eisenhandschuh das Gesicht.
Als Valentina wieder nüchtern ist, hat sich ihr Leben verändert. Nicht nur, dass sie am nächsten Tag feststellen muss, dass Gio sie hintergangen hat und unter der Titelschlagzeile Valentina on  HDS: "I saw a woman being murdered." ihr Foto veröffentlicht hat. Seit Erscheinen des Artikels erhält sie seltsame anonyme Botschaften, wird von dubiosen Gestalten verfolgt und es dauert nicht lange, bis der Mörder aus ihrer Vision live und in Farbe vor ihr steht...


Die Mordwaffe


Keine Freunde - Valentina und die Polizei


Die Filmographie des Regisseurs Luciano Ercoli umfasst lediglich acht Arbeiten.
Dennoch sollte er eingefleischten Eurocult-Fans ein Begriff sein, denn seine Gialli "Frauen bis zum Wahnsinn gequält", "La morte cammina con i tacchi alti" und "La morte accarezza a mezzanotte" zählen zu den absolut sehenswerten Genre-Beiträgen.

Letzterer startet ohne langatmiges Vorgeschichten-Geplänkel mit dem Drogenexperiment Valentinas und ihrer Vision, in der ein Mann mit Sonnenbrille einer jungen Frau mit einer Art mittelalterlichem Folterinstrument das Gesicht zermatscht.
Das rasante Tempo, das bereits zu Beginn vorgelegt wird, hält mit kurzen Einbrüchen bis zum blutigen Finale an und macht "La morte accarezza a mezzanotte" zu einem bemerkenswert spannenden Giallo, der nicht ganz so bierernst und düster wie seine Genre-Kollegen ist und durchgängig Spaß macht.

In nicht unwesentlichem Maße trägt dazu die Leinwandpräsenz der spanischen Schönheit Nieves Navarro, die einfach in jeder Lebenslage bezaubernd aussieht, bei.
Valentina unterscheidet sich auf erfrischende Weise deutlich von den Frauencharakteren, die von Edwige Fenech ("Der Killer von Wien" oder "Die Farben der Nacht") und anderen Giallo-Königinnen dargestellt werden.
Sie ist eine reife Persönlichkeit, eine selbstbewusste und wehrhafte Frau, die Konflikte nicht scheut und sich kein X für ein U vormachen lässt. Lautstark flucht sie wie ein Kesselflicker vor dem Zeitungsstand drauf los, als sie den Artikel von Gio entdeckt und auch dem unfähigen Kommissar, der ihr keinen Glauben schenken will, sagt sie deutlich ihre Meinung, bevor sie ihn zum Teufel jagt:

"Wenn ich Ihnen sagen würde, was ich von Ihnen halte, würden Sie mich verhaften. Auf Wiedersehen, Commissario."

Ihrem verlogenen Reporter-Freund wirft sie Büroutensilien hinterher und einen Stein ins Fenster und von ihrem gelegentlich auftauchenden Liebhaber Stefano (Peter Martell) lässt sie sich auch nicht alles gefallen.
Valentina ist kein naives Opfer, das in gefährlichen Momenten in eine hysterische Starre verfällt, sondern ihre Fäuste, Ellbogen, Knie und nicht zuletzt ihre Handtasche gezielt gegen Angreifer einsetzt.

"La morte accarezza a mezzanotte" verführt uns mit einer herrlich verworrenen Story, die dem Giallo-Genre alle Ehre macht.
Nicht nur diverse trügerisch ausgelegte rote Heringe, die stylische Seventies-Atmosphäre und die exquisiten Drehorte (Mailand, eine Villa am Comer See, eine Disco, ein Friedhof und eine Irrenanstalt mit bröckelndem Verputz), sondern auch schräge Figuren beleben die Erzählung und sorgen für wahrhaft gediegene Unterhaltung.

Immer wieder tauchen einprägsame Gestalten wie der seltsame, auf Krücken laufende Arzt, der Valentina bei ihrem Ausflug in eine Irrenanstalt vordergründig freundlich doch zugleich subtil feindselig begegnet oder die undurchsichtige Schwester einer Deutschen, die vor sechs Monaten auf die selbe Art gemeuchelt wurde wie in Valentinas Vision auf und verschwinden wieder.
Allen voran ist allerdings Luciano Rossi zu erwähnen. Rossi, dem man in unzähligen Western, Poliziotteschi und Exploitation-Krachern begegnet, zählte zu seiner Zeit zu den begehrtesten Nebendarstellern des italienischen Genrekinos.


Hans Krutzer


Die Rollen des buckligen Schauspielers mit den schmierigen Frisuren waren größtenteils festgelegt auf (sadistisch veranlagte) Bösewichte wie in "Das Syndikat des Grauens" oder "Camorra – Ein Bulle räumt auf".
In "La morte accarezza..." mimt er einen psychopathischen Gangster namens Hans Krutzer (was für ein Name!), der permanent wie von Sinnen in irritierend hohen Tonlagen vor sich hin kichert und ausgestattet mit einer Sonnenbrille und einer Art Rücken-Korsett, das getrost als übrig gebliebene Requisite aus einem Endzeit-Film durchgehen könnte, so richtig die Sau rauslässt.
Meiner Meinung nach eine seiner besten und denkwürdigsten Rollen.


"La morte..." - Ein Beispiel für 70er Jahre Ästhetik


Neben Nervenkitzel, Erheiterndem und einer fabelhaften Film-Ästhetik, die den Regisseuren scheinbar in den Achtziger Jahren irgendwie abhanden gekommen ist und spätestens in den 90ern gänzlich verloren ging, rundet der stimmige Soundtrack aus der Feder des Komponisten Gianni Ferrio (u.a. verantwortlich für die Musik in "Blutspur im Park" , "Das Grauen kam aus dem Nebel" oder "Django, unbarmherzig wie die Sonne") das cineastische Erfolgsrezept von "La morte accarezza a mezzanotte" ab.

Allen, denen es bei Gialli in erster Linie um hohe Bodycounts, Nudity und Fetisch geht, rate ich ausdrücklich von diesem Film ab. Genauso wie den professionellen Logiklücken-Suchern.
Allen anderen wünsche ich bei diesem kurzweiligen Ausflug in die frühen Siebziger Jahre viel Vergnügen!




Foto: U.S.-DVD von NoShame und die britische Mondo Macabro-VÖ




Foto: Blu Ray Box von Arrow Video