Geisterdorf

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Italien März 17

Sonntag, 8. Juni 2014

LA MORTE RISALE A IERI SERA (1970)














I MILANESI AMMAZZANO AL SABATO (ital. Alternativtitel)
DAS GRAUEN KAM AUS DEM NEBEL
Deutschland, Italien 1970
Regie: Duccio Tessari
DarstellerInnen: Frank Wolff, Raf Vallone, Gabriele Tinti, Gillian Bray, Eva Renzi, Marco Mariani u.a.


Inhalt
Donatella Berzaghi ist 25 Jahre alt, 185cm groß, hübsch und hat eine gute Figur. Doch sie ist auf dem geistigen Niveau eines Kleinkindes und kokettiert naiverweise gegenüber Fremden mit ihren Reizen.
Ihr Vater Amanzio kümmert sich rührend um seine zurückgebliebene Tochter, deren Mutter vor einigen Jahren verstarb. Tagsüber, wenn er seiner Arbeit nachgeht, sperrt er Donatella zu ihrem eigenen Schutz ein. Stündlich macht er einen Kontroll-Anruf bei seiner Tochter.
Eines Tages verschwindet die junge Frau spurlos aus der Wohnung.
Commissario Duca Lamberti nimmt sich des Falls an, der verzweifelte Berzaghi erweckt sein Mitleid.
Seine Ermittlungen führen ihn und seinen Untergebenen Mascaranti ins Rotlichtmilieu.
Als bald darauf die Leiche Donatellas gefunden wird und die Polizei immer noch keine heiße Spur zu haben scheint, beschließt der am Boden zerstörte Berzaghi, die Umstände des Verschwindens seiner Tochter auf eigene Faust zu klären.
Kann Lamberti den Vater, der offensichtlich nichts mehr zu verlieren hat, rechtzeitig stoppen?


Lamberti an seinem Schreibtisch


Vater und Tochter in guten Tagen


Die Kriminalromane des preisgekrönten italienischen Autors russischer Abstammung Sergio Scerbanenco wurden mehrfach verfilmt.
Scerbanencos Antiheld, der ehemalige Arzt Duca Lamberti, der aufgrund passiver Sterbehilfe inhaftiert war und seitdem keine Lizenz mehr besitzt, unterstützt trotz seiner Verurteilung ganz offiziell die Polizei bei ihren Ermittlungen in etwas spezielleren Fällen.
Die Figur des Dottore Lamberti spielt sowohl als Kommissar in Di Leos "Note 7 - Die Jungen der Gewalt", als auch in "Il caso: "venere privata" und in dem mit dem unsäglichen und irreführenden deutschen Titel versehenen "Das Grauen kam aus dem Nebel" eine tragende Rolle. Alle Drehbücher basieren auf den Romanen Sergio Scerbanencos.
Somit dürfte auch hinreichend erklärt sein, warum Lamberti dem kurz vor dem Nervenzusammenbruch stehenden Berzaghi eine Spritze verabreicht und später auch noch Beruhigungstabletten in die Hand drückt.
Im Film wird diese Begebenheit nämlich nicht näher erläutert und hat vielleicht bei so Manchem schon für Stirnrunzeln gesorgt.

Regisseur Duccio Tessari hat den Film wie die Romanvorlage inszeniert - nämlich dialoglastig. Die Dialoge und Monologe werden immer wieder von "auflockerenden" Szenen, die lediglich mit Musik unterlegt sind, unterbrochen.
In erster Linie lebt "Das Grauen kam aus dem Nebel" von den hervorragenden und gleichzeitig zurückhaltenden Darstellern, allen voran Frank Wolff.
Seine Mimik, insbesondere seine Augen, verdeutlichen die Emotionen Lambertis und machen sie für uns fast schon fühlbar: seine Abscheu gegenüber den Zuhältern, sein Mitleid mit Berzaghi oder die Liebe zu seiner Frau. Er ist keiner der alten, mit den Jahren und der Erfahrung zynisch gewordenen Kommissare. Er ist innerlich immer noch Arzt und bemüht, menschliches Leid zu lindern.
Der aus Filmen wie "Milano Kaliber 9" und durch seine Rollen bei der Crème de la Crème des Italowesterns "Spiel mir das Lied vom Tod" sowie "Leichenpflastern seinen Weg" bekannte Schauspieler war zur Zeit von "Das Grauen kam aus dem Nebel" in Höchstform.
Leider nur in beruflicher Hinsicht, da er sich kurze Zeit später, in den frühen Siebzigern, das Leben nahm.

Ihm und Raf Vallone (der Donatellas Vater spielt) ist es zu verdanken, dass der Film nie zu sehr ins Exploitative abdriftet, obwohl die Handlung und Darstellungsweise zu Beginn solche Ansätze bietet - wenn Berzaghi etwa seiner 25 jährigen Tochter den BH anziehen muss oder Donatella auf dem Balkon ihr Röckchen vor einem Mann lüftet, um ihm ihre Strapse zu zeigen, bewegt sich Tessari gefährlich nahe an der Grenze zur - hier unangebrachten - Schlüpfrigkeit.
Aber er kratzt glücklicherweise doch rechtzeitig die Kurve und der eingeschlagene Weg führt fortan emotional unaufhaltsam in Richtung Verzweiflung, Einsamkeit und Destruktivität. Nicht nur bei Berzaghi. Sogar dem philanthropen und optimistisch eingestellten Lamberti werden zusehends die Illusionen geraubt.

Das Thema (Zwangs-) Prostitution wird eher oberflächlich behandelt und nur dezent problematisiert, das Hauptaugenmerk der Geschichte liegt eindeutig auf den Protagonisten Lamberti und Berzaghi.
"Das Grauen kam aus dem Nebel" zeigt in erster Linie zwei, teils parallel laufende, teils miteinander verwobene Ebenen: auf der einen Seite die minutiöse und oft mühsame Ermittlungsarbeit der Polizei, deren Methoden nicht immer ganz gesetzeskonform (aber wirksam) waren.
Auf der anderen Seite steht der einsame Mensch Berzaghi, der trauernde und am Boden zerstörte Vater, der nicht in der Lage ist, seiner Emotionen Herr zu werden und nichts mit seiner Freizeit anzufangen weiß, außer die Mörder seiner Tochter zu suchen.
Für die Polizei, auch für den engagierten Lamberti, ist er schlussendlich nur ein Fall.
Dies wird besonders in der Szene deutlich, in der Lamberti ihn zu trösten versucht mit den Worten, dass es anderen noch viel schlechter geht.
Berzaghi erklärt ihm, dass man nur an Andere denken kann, wenn man selbst nicht von so einer privaten Tragödie betroffen ist und dass es ihn herzlich wenig interessiert, was mit anderen Menschen ist.
Man kann es ihm nicht verdenken. Überhaupt wirkt sein tiefer Schmerz über den Verlust des Einzigen, was ihm in seinem Leben Freude bereitet hat, erschreckend nachvollziehbar, was wiederum der schauspielerischen Glanzleistung von Raf Vallone geschuldet ist.

Der Film wird häufig in das Giallo-Genre eingeordnet, was mir nicht ganz logisch erscheint. Er ist aufgebaut wie ein Poliziottesco, der zwar Ähnlichkeit mit einem Giallo hat, aber in erster Linie eben ein Polizeifilm ist.
Es geht mir nicht darum, Recht zu haben und ich will auch nicht behaupten, die ultimative "Wahrheit" zu verkünden. Ich erwähne dies nur, um keine falschen Erwartungen bei eingefleischten Giallo-LiebhaberInnen zu wecken.

"Raro Video" hat diesen unverzichtbaren Klassiker des italienischen Kinos endlich auf Blu Ray gebannt und so kann man "Das Grauen kam aus dem Nebel" in bester Qualität und italienischer Sprache mit englischen Untertiteln genießen.


Die deutsche Vermarktung
- ohne Kommentar


Foto: Blu Ray mit Schuber




Foto: Roman von Scerbanenco (Vorlage)