Sonntag, 9. Februar 2014

I GUAPPI (1974)














DIE RACHE DER CAMORRA
Italien 1974
Regie: Pasquale Squitieri
DarstellerInnen: Franco Nero, Claudia Cardinale, Fabio Testi, Lina Polito, Raymond Pellegrin u.a.

Inhalt
Der Neapolitaner Nicola Bellizi zieht nach einem Aufenthalt im Zuchthaus zurück in seine Heimatstadt.
Das ärmliche Stadtviertel, in dem er ein Zimmer mietet, wird beherrscht von Camorra-Mitglied Don Gaetano. Er bestimmt über das Schicksal der Menschen, darüber wer mit wem Handel treibt, ob jemand ein Geschäft aufmacht und erteilt sogar unter Vorgabe klarer Rahmenbedingungen Rachegenehmigungen für gehörnte Ehemänner.
Zwischen Nicola und Gaetano entwickelt sich eine Freundschaft. Nicola, der im Sinn hat, Anwalt zu werden und gesetzestreu zu sein, tritt auf Empfehlung von Gaetano der Vereinigung der Camorra bei.
Dass deren Freundschaft sowie die Mitgliedschaft in den eigenen Reihen zu Problemen führen könnte und sie bald um ihr Leben fürchten müssen, ahnen die Männer zu diesem Zeitpunkt noch nicht...


Gaetano


Nicola beim Messerkampf


Der eher wenig bekannte, 1938 in Neapel geborene Pasquale Squitieri, versuchte sich nach seiner journalistischen Tätigkeit bei einer Tageszeitung als Regisseur sozialkritischer Filme.
Er erlangte nie den Erfolg seiner zur Blütezeit des italienischen Kinos zu Ruhm gekommenen Kollegen, schuf aber ein paar sehenswerte Leinwandleckerbissen.
Einen davon möchte ich euch speziell nahelegen, nämlich "Die Rache der Camorra".

Franco Nero (in der Rolle des aufstrebenden Rechtsanwalts Bellizi), Fabio Testi (als Camorra-Anhänger Don Gaetano) und Claudia Cardinale (Freundin von Gaetano) in einem Film! Sind diese klingenden Namen nicht schon Anlass genug, sich den Streifen genauer anzusehen?
Wem tönt beim Klang von Franco Neros Namen nicht die Titelmelodie von "Keoma" in den Ohren, wer denkt nicht gleich an den zornigen Nero, wie er in "Ein Bürger setzt sich zur Wehr" den Weg des Rebellen einschlägt?
Wem kommen bei Fabio Testi nicht der geniale Poliziottesco "Revolver" oder der actionreiche Exploitationer "Racket" in den Sinn?
Und wer gerät beim Anblick der großen italienischen Filmdiva Claudia Cardinale nicht ins Schwärmen?

Genau diese drei Darsteller sind es auch, von denen der Film über weite Strecken lebt. Durch ihr ausdrucksstarkes Schauspiel und ihre Leinwandpräsenz tragen sie die Handlung von einer Szene zur nächsten, ohne dass bei dem immerhin mehr als zweistündigen Historiendrama Langeweile aufkommt.

"Die Rache der Camorra" spielt um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Zu der Zeit, als sich die Camorra im südlichen Italien stärker formierte, um ihre eigenen Gesetze und Machtstrukturen als Gegenentwurf zum nicht wirksamen staatlichen Gefüge zu implementieren.
Die Menschen im ländlichen Neapel waren arm, die Kinder ständig hungrig und ohne Zukunftsperspektive.
Für sie gab es nur eine einzige Schule: das Leben. Viele begannen schon früh, sich mit kleinen Diebstählen und Trickbetrügereien über Wasser zu halten. In diesem Milieu ist auch Nicola aufgewachsen. Er möchte allerdings ausbrechen, hat lesen und schreiben gelernt und mit dem Jura-Studium begonnen. Eines Tages wird ihm bewusst, dass er es mit seiner Herkunft und seinem chronischen Geldmangel nicht so einfach schaffen wird, sein Berufsziel zu verwirklichen.
Da kommt ihm Don Gaetano mit seinen Kontakten zu den obersten Rängen der Camorra gerade recht.

Don Gaetano hält sich streng an die Vorgaben und Kodizes der Camorra. Für ihn gab es nie eine gedankliche Alternative zum Leben als Krimineller. Insgeheim bewundert er Nicola für seine ehrgeizigen Pläne.
Seine alte Feindschaft mit dem ehrgeizigen Kommissar Aiossa wird nicht nur ihm, sondern auch seiner Geliebten Lucia Esposito zum Verhängnis. Beide haben in erster Linie nur eines zu verlieren, nämlich ihre Ehre, ihr Ansehen. Und Aiossa ist bereit, alles daran zu setzen, den beiden zu schaden.

Die Handlung des Films ist etwas komplexer und melodramatischer als man es von den sonst eher actionlastigen Poliziottesci gewohnt ist.
Statt wilden Schießereien bekommt man denkwürdige, einprägsam choreographierte Szenen mit Rasiermesserkämpfen, Peitschen und Fäusten von unvergleichlicher Eleganz geboten.
Für mich ist der Film in erster Linie die Geschichte über eine Freundschaft zwischen zwei Männern und die Liebe zwischen Gaetano und Lucia. Dabei geht es primär um die ganz basalen Themen wie Treue und Verrat.
Zudem ist er ein politischer Film. Über die machtlose Regierung, die überforderten "Männer des Gesetzes" (Polizei, Richter und Anwälte) und die Strukturen der Mafia. Über die Beweggründe und Motive, die Schicksale hinter den vermeintlichen "Verbrechern", den Werdegang vom Straßenkind zum Handlanger des organisierten Verbrechens.

"Vor dem Gesetz sind alle gleich" steht an der Wand im Gerichtssaal hinter dem Sessel des Richters. Doch stimmt das wirklich? Hat ein Kind, das in diesem Milieu aufwächst, eine realistische Chance abseits des Lebens als guappo (Bandit)?
Die überaus authentische Darstellung des Lebens in Neapel ist Squitieri mehr als gelungen.
Sowohl die Drehorte als auch die übrigen Mimen und deren Kostüme wirken lebensnah. Wer einen Faible für Kostümfilme hat und sich dafür interessiert, wie die Mafia in Neapel entstanden ist sowie welche Denkmuster und gesellschaftlichen Verhältnisse Nährboden für den Ausbau der Camorra geboten haben, ist mit diesem Film bestens bedient.

In einer selten gesehenen Tiefgründigkeit bekommt man einen Blick hinter die Kulissen der onorata società (die ehrenwerte Gesellschaft, also die Mafia) und lernt die Bedeutung der omertà (das Gesetz des Schweigens) kennen.
Nach dem überaus tragischen Ende der Geschichte rund um Gaetano, Lucia und Nicola schwenkt die Kamera von der Schlussszene im Gericht und dem Gang zum Gefängnis in die (damalige) Gegenwart, sprich: in ein neapolitanisches Gefängnis zur Zeit der Siebziger Jahre.
Und man hat nach diesem Film beinahe das Gefühl, die dort inhaftierten jungen Männer zu kennen.
Es hat sich nur ihre Kleidung etwas verändert, aber mit dem neu gewonnen geschulten Blick ist klar erkennbar, was Squitieri uns damit sagen wollte.

"Die Rache der Camorra" ist ein besonders gelungener Film über die Anfänge des organisierten Verbrechens in Neapel mit drei der besten Schauspieler, die Italien in den Siebzigern zu bieten hatte, einem wiederkehrenden berührenden Score und Originalschauplätzen in Neapel.
Aufgrund der gemächlichen Erzählweise ist "Die Rache der Camorra" wohl auch bei Genrefans eher unbekannt, aber ganz bestimmt einen Blick wert.




Foto: schönes Digipack von Koch Media