Geisterdorf

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Italien März 17

Freitag, 16. Oktober 2015

DELLAMORTE DELLAMORE (1994)














DELLAMORTE DELLAMORE
Deutschland, Frankreich, Italien 1994
Regie: Michele Soavi
DarstellerInnen: Rupert Everett, François Hadji-Lazaro, Anna Falchi, Mickey Knox, Fabiana Formica, Clive Riche, Katja Anton, Barbara Cupisti u.a.


Inhalt:
In dem beschaulichen italienischen Örtchen Buffalore geht es nicht mit rechten Dingen zu. Doch außer dem Friedhofswärter Francesco Dellamorte und seinem einsilbigen Helfer Gnaghi scheint das niemand zu registrieren.
Dabei haben es die beiden Männer wirklich schwer. Nacht für Nacht kehren kürzlich Verstorbene auf der Suche nach Nahrung (Menschen) aus ihren Gräbern wider und müssen schleunigst dorthin zurückbefördert werden.
Francesco wird diese undankbare Aufgabe zuteil. Wie praktisch ist es da doch, dass sein Häuschen mitten auf dem Friedhofsgelände steht.
Und auch sonst gibt es nur Kummer für die beiden. Mit der Liebe, zumindest zu lebenden Personen, will es auch nicht so richtig klappen. Die Eintönigkeit seiner Existenz macht Francesco zunehmend zu schaffen und er beginnt den Verstand zu verlieren. Wir sind sowieso alle dem Tod geweiht, warum also nicht gleich schon die Lebenden eliminieren?


Unglücklich: Francesco (Everett) und die Namenlose (Falchi)


Verliebt: Gnaghi und die Tochter des Bürgermeisters


In den 90er Jahren schien die Horrorfilmwelle ziemlich abgeflaut zu sein und es fanden in jener Dekade nicht mehr allzu viele bemerkenswerte Genrewerke den Weg in die Videotheken.
Die Blütezeit des italienischen Kinos war bereits Geschichte, die Kulissen in Cinecittà angestaubt und nur ganz wenige Filme aus dem Stieffelland (meist von zweifelhafter Qualität) schwappten noch auf den internationalen Markt.
Michele Soavi, der sich sowohl als Schauspieler (u.a. in "Ein Zombie hing am Glockenseil") als auch als Regisseur verdingte, sorgte jedoch mit seinem ganz besonderen Beitrag zum Zombiefilm unter den Eurohorror-Fans für Aufsehen.
Nach dem wunderbaren "The Sect" war "Dellamorte Dellamore" Soavis erster eigenständig produzierter Film und zugleich der Beweis dafür, dass nicht allein sein bisheriger Förderer Dario Argento für die Atmosphäre und die besonders schöne morbide Ästhetik der vorangegangenen Filme verantwortlich war.

Dellamorte Dellamore. Der Titel ist zugleich Programm. Im Wesentlichen geht es um die großen Themen der Menschheit, denen sich niemand entziehen kann. Die Liebe, das Leben und der Tod.
Ein Zombiefilm mit Ansätzen von Poesie und Romantik. Eine vergnügliche Verquickung von Genres und Themen, wie man sie in dieser Kombination nur selten vorfindet.
Auf den ersten Blick kann und soll man nicht alles zu ernst nehmen und auf den zweiten Blick findet man doch wieder Tiefgründiges. Oder ist es umgekehrt? Wie immer liegt es im Auge der Betrachterin und des Betrachters.
"Dellamorte Dellamore" lädt mit seinen One-Linern über Eros und Thanatos zum (Schmalspur-) Philosophieren ein, findet aber aufgrund der originellen Effekte von Maskenbildner-Routinier Sergio Stivaletti (sorgte auch für Gruselszenen in "Phenomena" oder "Opera") auch sein Publikum unter den Horror-und Zombiefilm-Fans.

Der Friedhof, auf dem Francesco (Rupert Everett) und Gnaghi leben (und lieben) ist nach dem in "Nightbreed" einer der mystischsten und romantischsten, den ich je in einem Film gesehen habe.
Die ästhetische Anordnung der teils verwitterten und bemoosten Grabsteine und Gruften, die beeindruckenden Engelsstatuen mit ihren ausgebreiteten Flügeln und die umher wehenden Herbstblätter lassen jedes morbid angehauchte Herz vor Verzücken ein paar Takte höher schlagen.


Kuss im Gebeinhaus


Francesco und Gnaghi

Inspiration



Dylan Dog Comics, frisch importiert


Interessant ist außerdem der Aspekt, dass es sich bei "Dellamorte Dellamore" um eine Adaption bzw. Verfilmung einer Comic-Geschichte handelt. Die vor allem in Italien bekannten und beliebten "Fumetti neri" des Zeichners Tiziano Sclavi rund um den in London lebenden Privatdetektiv Dylan Dog erfreuen sich auch im europäischen Ausland einiger Beliebtheit.
Francesco Dellamorte ist ein Doppelgänger von Dylan Dog, der mit seinem Kumpel und Helfer Gnaghi auf dem Friedhof von Buffalore sein Dasein fristet.
Die Inspiration für den Film "Dellamorte Dellamore" stammt aus einer Geschichte namens "Orrore nero".
Es wurden Monologe, Dialoge und sogar Kameraeinstellungen direkt daraus übernommen. Dies merkt man dem Film natürlich an und auch Figuren, die in der gedruckten Vorlage nicht vorkommen (beispielsweise die Tochter des Bürgermeisters oder die Freundin von Claudio) verhalten sich wie man es sich von Charakteren in einem Comic erwarten würde und wirken nicht authentisch. Aber trotz einer gewissen Eindimensionalität sind sie in ihrer Überdrehtheit sehr lustig und passen zum Gesamt-Szenario.
Der Schauspieler Rupert Everett sieht Dylan Dog übrigens nicht nur verblüffend ähnlich, sondern war tatsächlich das Dylan Dog-Vorbild für den Zeichner Sclavi.

Ist es Liebe?


Oft fallen im Zusammenhang mit "Dellamorte Dellamore" Worte wie "Romantik" und "Liebe".
Doch geht es wirklich darum?
Francesco verguckt sich in eine schöne Witwe (Anna Falchi). Die Unbekannte, von der er beim ersten Hinsehen scheinbar schon weiß, dass er sie liebt, hat nicht viel zu erzählen, aber das spielt auch keine Rolle.
Sie hat keinen Namen, keine Persönlichkeit und keine Vorgeschichte (außer dass sie mit einem älteren Mann verheiratet war) und das spielt auch alles keine Rolle. Er will sie haben und sie ist willig. Das ist das Einzige, was zu zählen scheint.
Diese Frau ist austauschbar und begegnet Francesco nach ihrem (endgültigen) Tod immer wieder aufs Neue, nur in leicht veränderten Rollen (Sekretärin des neuen Bürgermeisters und eine Prostituierte). Er ist fixiert auf sie, er begehrt ihren Körper, die seelenlose Hülle. Es geht nicht um eine bestimmte Person, sondern das Abbild, das Francesco sich von ihr macht. Um seine (zynische) Idealvorstellung von einer Frau.
Die Ironie an seiner Liebes-Misere ist, dass ihm nicht bewusst ist, dass er den Bezug zur Welt der Lebenden schon lange verloren hat und eigentlich alle (Menschen und Zombies) verabscheut.
Mit den Worten "Die erste Liebe zählt nicht, nur die Letzte" versucht Francesco seinen Kumpel Gnaghi zu trösten und verkennt dabei, dass Gnaghi seiner wahren Liebe (die Tochter des Bürgermeisters) viel näher ist als Francesco es jemals war.

"Dellamorte Dellamore" hat sich über die Jahre zu einem beliebten Klassiker des Horrorfilms gemausert und nimmt durch seine besondere Optik und seinen kultigen Soundtrack einen besonderen Stellenwert innerhalb des Genres ein.
Für mich ist es mein zweit-liebster Soavi Film nach dem verkannten und wenig beachteten "The Sect".




Foto: Laser Paradise, Medusa und CMV-Retro Edition




Foto: Soundtrack