Montag, 1. Juni 2020

ANGUISH (1987)














IM AUGENBLICK DER ANGST
ANGUSTIA (Alternativtitel)

Spanien, USA 1987
Regie: Bigas Luna
DarstellerInnen: Zelda Rubinstein, Michael Lerner, Talia Paul, Àngel Jové, Clara Pastor, Isabel García Lorca, Nat Baker, Craig Hill, u.a.

Inhalt:
Die Teenagerinnen Patty und Linda sehen sich im Kino einen Horrorfilm an, in dem es um Hypnose geht. Der Film selbst scheint jedoch auch eine hypnotische Wirkung auf sein Publikum auszuüben. Patty geht es zusehends schlechter und schließlich geraten auch die Mädchen in eine Gefahrensituation. Was ist real, was entspringt deren Fantasie?


John (Lerner), laut seiner Mutter ein guter Chirurg


Patty (Talia Paul) im Augenblick der Angst


Der Film, den man am Anfang zu sehen bekommt, handelt von einem emotional verkümmerten, kognitiv eingeschränkten erwachsenen Muttersöhnchen namens John Pressman (Michael Lerner).
John arbeitet bei einem Augenarzt. Den Job hat er allerdings nur durch den Einfluss seiner gut betuchten Mutter Alice (Zelda Rubinstein) bekommen.

Mama hält sich zuhause Weinbergschnecken, der Sohn züchtet Tauben. Die beiden wirken schon auf den ersten Blick mehr als eigenbrötlerisch.
Ihr palastähnliches, düsteres Domizil ist vollgestopft mit seltsamen Einrichtungsgegenständen, die Decken prunkvoll verziert. Kitsch so weit das Auge reicht. (Das Haus, das für die Dreharbeiten gemietet wurde, ist übrigens das Casa Vicens, erbaut vom katalanischen Architekten Antoni Gaudí. Es steht in Barcelona und ist mittlerweile öffentlich zugänglich.)
Dass der finanziell und emotional von seiner Mutter abhängige Sohn sich ab und zu von Mami hypnotisieren lässt und ihr unter diesem Einfluss frische Augäpfel, die er bei seinen Opfern mit dem Skalpell vom Sehnerv trennt, nach Hause bringt, ist der Garant für einige deftige Gore-Effeke. Die Verstümmelung von Augen löst bei vielen Menschen Ekelgefühle aus und garantiert Szenen, die man nicht so schnell vergisst.

Doch auch im übertragenen Sinne haben Augen eine maßgebliche Bedeutung für die Handlung.
"Im Augenblick der Angst" ist einer der Filme über das Sehen schlechthin.
Denn nach einigen Szenen aus dem Leben des ungleichen ödipalen Zweiergespanns blendet der Film über zum Kinopublikum, das sich gerade den Film "Mommy" (von dem man selbst bislang geglaubt hat, ihn gerade zu sehen) ansieht.
"Mommy" ist ein für die Achtziger Jahre typischer Exploitationfilm, was die etwas simple Handlung und oberflächliche Darstellung mit einem Schlag erklärt.

In besagtem Kinosaal sitzen auch die oben erwähnten Teenagerinnen Patty und Linda.
Talia Paul spielt die vom Film verängstigte und hypnotisierte Patty mit einer solchen überzeugenden Intensität wie man es sich für einen solchen Film nur wünschen kann.
Ob das panische Mädchen sich schlussendlich nur einbildet, dass sie den Film namens "Mommy" sieht oder ob wirklich ein (ebenfalls vom Film beeinflusster) Killer im Kino sein Unwesen treibt, bleibt schemenhaft und mehrdeutig.
Seit dem Attentat von Aurora, dem Amoklauf eines Einzeltäters in einem voll besetzten Kinosaal während der Premiere von "The dark knight rises" wird mir immer ganz anders bei den Szenen mit dem wahnsinnigen Mörder im Kinosaal.

Die Angst vor Kontrollverlust und vor geistiger Verwirrtheit sitzt tief in jedem gesunden, stabilen Menschen. Manchmal ist jedoch die Realität viel grausamer als es jeder in der Phantasie vorstellbare Horrortrip sein könnte und leidgeprüfte Personen flüchten sich in andere Realitäten – sei es durch Drogenkonsum, die Verstrickung in Verschwörungstheorien oder esoterische Glaubenskonstrukte. Manche erleiden psychische Erkrankungen.
Und so ist es im Endeffekt auch bei der Teenagerin Patty, bei der im Verlauf der Handlung an einem gewissen Punkt nicht mehr eruierbar ist, ob sie durch den Film hypnotisiert oder durch die Geschehnisse im Kino (so sie überhaupt real sein mögen) traumatisiert ist.
Es wäre theoretisch auch denkbar, dass sie überhaupt nie in einem Kino war, sondern von Anfang an aufgrund einer schweren psychischen Störung in der Klinik, in der wir sie am Ende des Films sehen.
Apropos Ende: das wirkliche Ende von "Im Augenblick der Angst" wartet noch einmal mit einem überraschenden und geschickt konstruierten Twist auf...


Die Wirkung von Hypnose macht Menschen Angst


Dass man durch Filme einem Publikum subliminale Botschaften übermitteln kann, beispielsweise durch Einblendung gewisser Bilder, die so kurz zu sehen sind, dass sie nur unterschwellig wahrgenommen werden können, wird seit den späten 50er Jahren diskutiert.
Fachpersonen aus der Werbepsychologie sagen, dass dies ein Mythos ist und diese Art von Manipulation des menschlichen Geistes in ihrer Branche nicht zum Einsatz kommt. Dennoch sind bis heute nicht Wenige vom Gegenteil überzeugt.
In dem spannenden Roman "Schattenlichter" von Theodore Roszak (der Inspiration für den Namen meines Blogs war) geht es um einen Regisseur, der subliminale Botschaften in seine Filme eingebaut hat, die so stark sind, dass sie sogar die Persönlichkeit des Ich-Erzählers nachhaltig verändern.
Aus der Traumaforschung weiß man, dass das Gehirn emotional nicht unterscheiden kann zwischen Bildern, die es nur gesehen hat und Situationen, die man tatsächlich erlebt hat.
Allerdings gehe ich davon aus, dass man als HorrorfilmkonsumentIn gelernt hat, sich von dem, was auf der Leinwand passiert, in einem gewissen Maß zu distanzieren.
Zumindest hoffe ich das für meine Zukunft.
Bigas Luna präsentiert uns keine eindeutigen Antworten. Das macht "Im Augenblick der Angst" definitiv interessant für ein aufgeschlossenes Publikum, das nicht gerne einen fixen Handlungsrahmen vorgegeben haben möchte, sondern Freude daran findet, eigene Überlegungen anzustellen und über das soeben Gesehene zu philosophieren.


Eine kleine Frau (Rubinstein) groß in Szene gesetzt


Als großer Fan der kleinwüchsigen Darstellerin Zelda Rubinstein (bekannt als das charismatische Medium Tangina Barrons aus Poltergeist) genieße ich besonders ihre Leinwandpräsenz. Unvergleichlich und absolut bemerkenswert ist auch Rubinsteins erstaunlich kräftige, sonore Stimme im Originalton.
Es ist bestimmt auch der Eindringlichkeit dieser Szenen und der Intensität ihrer Stimme geschuldet, dass eine meiner genre-affinen Lieblingsbands bei einem Song mehrere Samples aus einer der in "Im Augenblick der Angst" vorkommenden Hypnose Sitzungen verwendet.

Bigas Luna hat mit "Im Augenblick der Angst" nicht nur einen besonderen Genrefilm geschaffen, er zelebriert das Horror-Genre regelrecht.
Eine Kinoangestellte im Film liest ein Buch von Stephen King.
Ein italienisches Filmplakat von "Die Verfluchten" mit Vincent Price ist in einer Szene gut sichtbar, Lamberto Bavas "Demoni" könnte eine wichtige Inspiration für das Drehbuch gewesen sein.
Fans des italienischen Genrekinos dürfen sich über einen Kurzauftritt von Craig Hill (bekannt aus Blutiger Schatten oder Das Todeslied von Laramie) freuen.

"Im Augenblick der Angst" gehört aufgrund seines innovativen Drehbuchs eindeutig zu den qualitativ besseren Filmen der Achtziger Jahre. Er entstand in einer Zeit, in der viele (kommerzielle) Filmschaffende mit wenig professionellen DarstellerInnen lieblos 0815 Drehbücher abspulten oder einfach auf schnelles Geld, das sich vermeintlich mit dem Sequel eines bereits erfolgreichen Horrorfilms verdienen ließ, aus waren.
Obwohl sich Luna gängigen Klischees bedient und die Optik der Achtziger unverkennbar ist, hat er meiner Meinung nach einen zeitlosen Klassiker geschaffen.




Foto: DVD von Blue Underground