Geisterdorf

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Italien März 17

Samstag, 23. September 2017

POLTERGEIST (1982)















POLTERGEIST


USA 1982
Regie: Tobe Hooper

DarstellerInnen: JoBeth Williams, Craig T. Nelson, Heather O'Rourke, Dominique Dunne, Oliver Robbins, Beatrice Straight, Zelda Rubinstein, Richard Lawson, James Karen u.a.


Inhalt:
Familie Freeling entdeckt, dass es in ihrem Haus spukt. Nach ersten, eher harmlosen Phänomenen wie von selbst zerspringende Gläser, sich selbständig bewegendes Mobiliar und dergleichen, verschwindet die fünf Jahre alte Freeling-Tochter Carol Anne in einer dramatischen Nacht spurlos. Sie scheint sich in einer Art Zwischenwelt zu befinden und die einzige Möglichkeit der Kommunikation mit ihr ist über den Fernseher. Steven und Diane Freeling holen Hilfe bei einer Parapsychologin. Wird sie Carol Anne aus der Geisterwelt befreien können?


Carol Anne beim "ersten Kontakt"


Tangina gibt den Freelings Anweisungen


Als ich erfuhr, dass Tobe Hooper Ende August von uns gegangen ist, war ich bestürzt. Dieser Regisseur war der Horror-Geschichtenerzähler meiner Kindheit und hat sich mit "Poltergeist" und dem von mir verehrten Fernsehfilm "Brennen muss Salem" für immer einen Platz in meinem Herzen gesichert.
"The Texas Chainsaw Massacre" habe ich erst in etwas fortgeschrittenerem Alter gesehen und er ist natürlich unbestritten ein strahlender Stern am Horrorfilm-Firmament.
Auf die Frage, wie groß Hoopers und wie groß Steven Spielbergs (offiziell der Produzent) Einfluss auf "Poltergeist" war, ranken sich viele Gerüchte. Nicht wenige (selbsternannte) Experten und diverse altkluge Wichtigtuer aus der allwissenden Internet-Community behaupten, eindeutig ausschließlich "die Handschrift Spielbergs" zu erkennen. Die, die es definitiv wissen müssen oder könnten, machen hierzu widersprüchliche Angaben.
Taucht man etwas tiefer in die Materie ein (empfehlenswerte Lektüre hierzu: "Der Zombie" Nr. 18), kommt man zu der Schlussfolgerung, dass es ein unbestreitbares Faktum gibt: "Poltergeist" wäre in der vorliegenden Form ohne die Mitwirkung von Tobe Hooper nicht zustande gekommen.

"Poltergeist" besitzt neben sehr guten Effekten (die Oscar Jury sah es wohl auch so), einem großartigen Soundtrack von Hollywoods Meister-Komponisten Jerry Goldsmith (lieferte u.a. den OST für "Das Omen") und absolut professionell agierenden sympathischen DarstellerInnen etwas, das man in vergleichbaren Produktionen neueren Datums vergeblich sucht: eine nachvollziehbare Geschichte. Eine Mythologie, die der Handlung zugrunde liegt.
Dieser Film hat eine Seele. Genau darum geht es auch in der Geschichte – um verlorene Seelen auf der Suche nach dem erlösenden Licht.
Allein gelassen im Sog einer finsteren Plot-Stupidität fühle ich mich manchmal ebenfalls wie auf der Suche nach dem erlösenden Licht, wenn ich in einem dunklen Kinosaal sitze, die vorhersehbaren Jumpscares über mich ergehen lasse und am Ende feststellen muss, dass der Film handwerklich zwar gut gemacht ist, aber zugunsten von Futter für das horroraffine Auge (und leider auch die Ohren) gänzlich auf ein erzählerisches Fundament verzichtet.
Durch seine gefühlvolle Charakterzeichnung und das durchdachte Story-Konstrukt, das dem Drehbuch zugrunde liegt und sein Publikum zum Mitdenken – und Mitfühlen einlädt, hebt sich "Poltergeist" deutlich von anderen Genre-Produktionen (seiner Zeit) ab.
Mithilfe fundierter Recherche auf dem Gebiet der Parapsychologie werden die Geschehnisse in und um das Haus der Familie Freeling dem Publikum nahe gebracht. (Natürlich gibt es auch in diesem Film Logiklöcher, aber wir haben es hier ja auch mit einem Horrorfilm zu tun.)
Auf der psychologischen Ebene geht es im Wesentlichen um den Verlust der Sicherheit. Die eigenen Vier Wände, der persönliche Ort des Rückzugs, sind die Wurzel allen Übels.
Die bemitleidenswerte Familie kann trotz geisterhaftem Psychoterror nicht von diesem Ort flüchten, denn irgendein fremdes Wesen hat die kleine Carol Anne als Geisel genommen und hält sie in einer Art Zwischenwelt im Haus fest. Die Freelings sind eine solch sympathische amerikanische Mittelstandsfamilie, dass einem ihr Schicksal einfach nicht egal sein kann. Neben Heather O' Rourke, JoBeth Williams und Craig T. Nelson war Zelda Rubinstein ( "Tangina", die man unbedingt in O-Ton erleben muss) ein Casting-Glücksgriff.

Für mich ist und bleibt "Poltergeist" Teil meines (cineastischen) Lebens. "Poltergeist" und "Poltergeist 2" zählen zu den ersten Horrorfilmen, die ich im Grundschulalter gesehen habe und die mich auch Jahrzehnte später noch immer faszinieren.
Ich konnte "Poltergeist" schon in jungen Jahren auswendig, da ich ihn mir immer und immer wieder ansah. Manchmal mit meinem Opa, manchmal in Gesellschaft anderer (neugieriger) Kinder, oft auch allein.
Ich handelte mir Ärger mit meiner Tante ein, weil meine nur wenig jüngere Cousine davon schlimme Alpträume bekam und einige Zeit nur noch bei Licht schlafen konnte.
Ich handelte mir irritierte Blicke ein, weil ich im EDV Raum unserer Schule (in den Anfangs-Tagen des Internets) ständig auf dieser Geocities-Poltergeist-Fanpage verweilte, wo man etwas über den (angeblichen) Poltergeist-Fluch und paranormale Aktivitäten am Set sowie Interviews mit den SchauspielerInnen lesen konnte. Außerdem gab es dort Fotos vom Set und Zeichnungen von H.R. Giger zu Teil 2 zu bestaunen. Ich bestand den auf der Homepage eingebauten Test, ob man ein echter Poltergeist-Nerd ist, stolz mit der Höchstpunktezahl. Dazu musste man zum Beispiel wissen, dass der Hund der Freelings "E Buzz" heißt und diverse andere Fragen beantworten können.
Als eine liebe Freundin Ende der 90er Jahre nach Amerika flog, hatte ich nur eine Bitte an sie: dass sie mir aus Übersee den Poltergeist Soundtrack mitbringt. (Dieselbe verständnisvolle Freundin hat sich auch vor gut 15 Jahren in einem Londoner Hotel eine halbe Nacht lang einen Beinahe-Monolog über Zombiefilme angehört und wir sind heute noch befreundet.)
Überglücklich nahm ich damals die Poltergeist-CD und einen kleinen niedlichen Gargoyle als Bonusgeschenk in Empfang. Allerdings handelte ich mir Ärger mit meinem damaligen Freund ein, der an den Poltergeist-Fluch, von dem ich ihm erzählt hatte, glaubte und der "dieses schreckliche verfluchte Zeug" (gemeint war der OST) nicht in der Wohnung haben wollte. Da hat das Anhören doch gleich noch mehr Spaß gemacht!
Ich sammelte midi-Dateien (das war noch, bevor es das mp3 Format gab) mit Musik aus dem Film (es klang schrecklich) und seit meinem ersten Handy, bei dem es technisch möglich war, habe ich Carol Annes berühmte Ankündigung "They are he-ere" als SMS Ton.
Noch heute warte ich, wenn ich die amerikanische Nationalhymne höre, auf das (vertraute) Rauschen, das das Ende des Fernsehprogramms signalisiert.
Noch heute kommen mir gegenüber Gleichgesinnten manchmal Zitate aus dem Film über die Lippen. Ab und zu singe ich in heiteren Minuten im Reverend Kane-Stil "God is in his holy temple. Earthly thoughts be silent now..." oder mache eine Grimasse, deute auf meine Schläfe und sage "Because I'm smart." Manchmal gebe ich auch "Run to the light, run as fast as you can", "I am adressing the living!“ und "This house is clean." zum Besten.

Irgendein Teil meiner Seele ist immer das kleine Mädchen geblieben, das sich im "Poltergeist-Universum" auf merkwürdige Art zuhause fühlt.
Für die Aufzählung der DarstellerInnen in diesem Post musste ich selbstverständlich nirgendwo nachlesen.
Mein Pseudonym ist Mauritia. Ich bin Poltergeist-oholikerin.




Foto: DVD und BD von Warner




Foto: Mein OST