Geisterdorf

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Italien März 17

Sonntag, 11. Mai 2014

IL DEMONIO (1963)














THE DEMON
Italien, Frankreich 1963
Regie: Brunello Rondi
DarstellerInnen: Daliah Lavi, Frank Wolff, Anna María Aveta, Tiziana Casetti u.a.


Inhalt
Wir befinden uns im südlichen Italien, in der Gegend um den Golf von Tarent.
Purificazione, genannt Purif, ist ein ungewöhnliches Mädchen. Sie ist nicht sehr schlau und auch ihr Sozialverhalten erscheint etwas eigen. Außerdem bekennt sie sich zu Praktiken der schwarzen Magie und der Beschwörung Satans und anderer Dämonen.
Und sie ist unglücklich verliebt, in Antonio, der sie als Liebhaberin fallen gelassen hat und nun im Begriff ist, eine andere zu heiraten.
Purif verflucht ihren Antó mehrfach, auch in der Öffentlichkeit. Als sich unheimliche und unerklärbare Ereignisse im Dorf mehren, ist für die Bevölkerung klar, dass die Hexe Purif die Ursache allen Übels ist. Die Lage spitzt sich immer mehr zu und bringt das naive Mädchen in Lebensgefahr...


Ein Omen?


Bitte um Aufmerksamkeit vom Ex


Ich schreibe heute - etwas ausführlicher - über einen meiner Lieblingsfilme, dessen Genre-Zugehörigkeit sich nicht ganz einfach kategorisieren lässt. Irgendetwas zwischen Dokumentation, Drama und Horrorfilm - oder doch ein Sozialdrama? Oder schlicht ein bisschen was von Allem? 
Vielleicht ist die nicht ganz klar eingrenzbare Klassifizierung auch ein Hinweis auf die inhaltliche und stilistische Qualität von "Il demonio", der seiner Zeit erstaunlich weit voraus war.

Der Film beginnt mit dem Hinweis, dass die dargestellten Riten in dieser Form tatsächlich in ländlichen Gegenden Italiens (aber auch anderer Länder dieser Welt) praktiziert werden und dass die Geschichte auf einem nicht lange zurückliegenden wahren Ereignis beruht.

"Il demonio" ist ein Film mit einer verstörenden Aura, der sich nicht nur auf die Grusel-Elemente und paranormale Ereignisse konzentriert, sondern auch (für die damalige Zeit heftige) Kritik an der katholischen Kirche und ihren Riten, dem Aberglauben und den Traditionen des gemeinen Volkes und der Gesellschaft im Allgemeinen übt.

Regisseur Brunello Rondi lässt - vermutlich bewusst - offen, welche Geschehnisse zufällig und welche tatsächlich durch Beschwörungen Purificaziones hervorgerufen sind.
Als ZuschauerIn findet man sich immer wieder in der zweifelnden Position und fragt sich, was man bereit und willens ist zu glauben und was auf Angst oder Einbildung der ProtagonistInnen zurückzuführen ist.
Es gibt heute noch genug unterschiedliche Theorien zum Thema Besessenheit und Teufelsaustreibung wie beispielsweise am Fall Anneliese Michel deutlich wird.
Welche Phänomene können psychologisch oder gar neuronal erklärt werden und welche nicht? Genau mit dieser Verunsicherung spielt Rondi.


Was ist mit dem Mädchen los?


Tochter und beunruhigte Mutter


Vielleicht würde man Purif heutzutage als Medium bezeichnen. Immerhin scheint sie einen besonderen Draht zum Totenreich zu haben, was deutlich wird, als sie mit einem kleinen Jungen am Fluss spricht, von dem sich kurze Zeit später herausstellt, dass er just an diesem Morgen in Wahrheit seiner schweren Erkrankung erlegen ist.

Lässt man die paranormalen Aspekte weg, ist Purif ein bemitleidenswertes Mädchen.
Sie wird vom Vater verprügelt (auch schon mal mit dem Gürtel), von den Dorfbewohnern beschimpft und ausgegrenzt und sexuell ausgebeutet. Zio Giuseppe, den die Familie Purifs um eine Teufelsaustreibung bittet, vergewaltigt das Mädchen. Ebenso ein Schäfer, der sie inmitten seiner Herde auffindet.
Für jemanden wie sie gelten keine Gesetze, sie ist der "Outlaw", an ihr können sich alle ungestraft abreagieren. So auch die Mutter des verstorbenen Jungen, die mit anderen Frauen über Purif herfällt, als diese auf dem Begräbnis auftaucht und erzählt, sie habe den Kleinen heute am Fluss getroffen.


Der fragwürdige Zio (Onkel) Giuseppe


Purifs Sicht auf die Trauergemeinde


Purif trägt nämlich für alles Schlechte die Verantwortung. Sie hat "die Luft vergiftet", wie der Dorfpfarrer sagt, und sie ist die Urheberin der eigenartigen Erkrankung Antonios.
Der Zorn gegen sie schaukelt sich bis zum Äußersten auf, als sie bei einem Wetter-Ritual in einem nahen Baum sitzend gesehen wird.
Natürlich hat sie das Ritual verdorben und die Wolke heraufbeschworen.
Das nach Hause flüchtende Mädchen wird nicht nur mit Steinen beworfen. Der wütende Mob unternimmt sogar den Versuch, das Haus der Familie anzuzünden.

Nachdenklich stimmt auch die Szene, in der sich alle nach einer Prozession auf dem Dorfplatz versammeln und um die Vergebung ihrer Sünden bitten.
Da werden unterschiedliche Verbrechen vorgebracht mit teils deutlich niedrigen Motiven (ein Vater gesteht beispielsweise, dass er seine minderjährige Tochter missbraucht hat).
Daneben erscheint das Geständnis von Purif, sie habe mit Dämonen gesprochen, beinahe als Bagatelle und macht die Doppelmoral der ehrbaren Bürger und Bürgerinnen des Dorfes umso deutlicher.

Purif, die Hexe


Purificazione ist ihren Mitmenschen nicht ganz zu Unrecht ein Dorn im Auge.
Das etwas zurückgebliebene Mädchen gibt sich recht widerspenstig und zelebriert ihre Unangepasstheit ohne auch nur ansatzweise davon abzuweichen. Sie hält an ihren satanischen Ritualen fest, auch in der Öffentlichkeit.
Wenn sie in der Hochzeitsnacht Antonios vor seinem Haus auftaucht und den Bewachern eine tote Katze mit den Worten "Das Kind, das aus dieser Verbindung entsteht, soll genau so geboren werden" entgegen schleudert oder sie Antó mehrfach erklärt, sie habe ihn verhext, ist das ihrem Ruf natürlich nicht förderlich.
Oder ist sie bereits willenloses Werkzeug satanischer Mächte?


Der "Katzen-Fluch"


Als Purif sich eines Nachts wild schreiend im Bett hin und her wirft und tiefe Kratzspuren an Händen und auf ihrer Schulter wie aus dem Nichts erscheinen, wird sie von ihrer Familie zum Pfarrer in die Kirche gebracht, der einen Exorzismus vornehmen soll.
Was während dieses Rituals passiert, nimmt bereits einige Szenen von Friedkins "Der Exorzist" vorweg.
Nicht nur, dass das augenscheinlich von Dämonen gepeinigte Mädchen den Pfarrer anspuckt, gegenüber dem Kreuz obszöne Gesten macht und in fremden Sprachen spricht - nein, Purif beginnt auch noch, sich auf allen vieren zu bewegen - mit dem Kopf nach unten.
Man erinnere sich an die "Spiderwalk-Szene" in "Der Exorzist".






Ich frage mich, wie das gedreht wurde bzw. wie trainiert und beweglich Daliah Lavi wohl gewesen sein muss. (Um ehrlich zu sein, ich habe mal testweise versucht, meinen Körper in eine ähnliche Position zu bringen, bin aber bereits im ersten Ansatz kläglich gescheitert.)
Jedenfalls ist diese Szene sehr beunruhigend und beängstigend.
Allein schon, dass sich Lavi minutenlang in dieser Körperhaltung bewegt und dabei auch noch ihre Mimik absolut kontrolliert und weiter schauspielert, lässt mich ehrfürchtig werden.







Daliah Lavi (auch schön in Mario Bavas "Der Dämon und die Jungfrau") hat in einem Interview mit Tim Lucas einmal gesagt, dass "Il demonio" ihr Lieblingsfilm ist, weil sie findet, dass sie hier die stärkste schauspielerische Leistung ihrer Karriere dargeboten hat.
Ich kenne zwar nicht alle ihre Filme, aber das will ich ihr mal so glauben.
Ihr Ausdruck von Schmerz, Verzweiflung, aber auch Besessenheit ist von ungeheurer Intensität. Was die damals einundzwanzig Jahre alte israelische Schauspielerin und Musikerin in der Rolle als Purif geleistet hat, würde heute nicht nur Applaus und Bewunderung auslösen, sondern bestimmt auch durch entsprechende Auszeichnungen honoriert werden.

Frank Wolff, der uns als Darsteller immer wieder in Poliziotteschi (z.B. "Milano Kaliber 9") oder Gialli (z.B. "Das Grauen kam aus dem Nebel") begegnet, ist ebenfalls eine Erwähnung wert und überzeugt als misstrauischer und ängstlicher Antonio, dem Purif zwar für eine Affäre gut genug war, der aber lieber einen soliden Weg, nämlich die Familiengründung mit einer anständigen Frau, einschlägt.


Antonio und seine anständige Braut


Bemerkenswert sind auch die von Rondi eingesetzten Laiendarsteller, sprich: die Dorfbewohner aus Süditalien, die verhärmt und abgearbeitet aussehen. Die teilweise nahezu zahnlosen Gesichter sind von Wind und Wetter tief gefurcht.
Auch wenn Purif im Gegensatz zu den anderen Protagonisten deutlich größer und Antonio sogar hünenhaft erscheint, ist die Auswahl der Nebencharaktere in hohem Maß für die besondere Authentizität des Films verantwortlich. Allein mit professionellen SchauspielerInnen würde "Il demonio" bestimmt nicht so gut funktionieren.

Die Filmografie des Regisseurs Brunello Rondi beläuft sich auf nicht einmal ein Dutzend Filme.
"Il demonio" ist sein zweites Werk, im Anschluss drehte er den interessanten Gotik-Giallo "Piu tardi Claire, piu tardi" (in dem er wohl mit der Rolle der Außenseiterin Ruth eine Hommage an Purificazione beabsichtigt hatte) und schließlich widmete er sich in den Siebziger Jahren filmischen "Schweinereien" wie beispielsweise "Frauen im Zuchthaus".
Seine Karriere im Filmgeschäft begann er übrigens als Regieassistent und Artdirector, des Weiteren schrieb er Drehbücher, u.a. für Federico Fellini.

Die Martino-Brüder Luciano und Sergio waren ebenfalls an der Produktion beteiligt. Sergio als Regieassistent, Luciano als mitwirkender Produzent und als Drehbuchautoren (in Zusammenarbeit mit Rondi).

Die Grundthematik des Films wird übrigens in ähnlicher Weise in Lucio Fulcis herausragendem Giallo "Non si sevizia un paperino" verwendet. Die Charaktere und Handlungen der Außenseiterin im Dorf (dargestellt von Florinda Bolkan) erinnern stark an die ebenfalls zwiespältig dargestellte Purif.

"Il demonio" ist absolut ästhetisch fotografiert. Die Landschaftsaufnahmen (als Kulisse diente die Stadt Matera, die heute zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt), das Spiel zwischen Licht und Schatten und das altertümliche Dorf deuten auf einen Hang zur Perfektion des Regisseurs hin.


Purifs Blick auf die Stadt


Außerdem regt "Il demonio" zum Nachdenken an, stellt tradierte Rituale und Wertvorstellungen in Frage und deutet auf die Doppelmoral der Gesellschaft hin.

Warum diese Filmperle angesichts der grandiosen schauspielerischen Leistung Daliah Lavis und der Tatsache, dass Rondi im Entstehungsjahr des Films in Venedig für sein Werk prämiert wurde, ausschließlich auf dem italienischen Markt (DVD vom Label Medusa) erhältlich ist und nicht einem breiteren Publikum zugänglich gemacht wird, ist mir unverständlich.
Oder vielleicht auch nicht ganz. Denn so ein Film ist natürlich eher schlecht kommerziell vermarktbar.
Peccato!


Einen Bildvergleich der Locations aus dem Jahr 1963 und 2015 gibt es hier.


Foto: DVD vom Label Medusa