Samstag, 13. Juni 2020

LO SQUARTATORE DI NEW YORK (1982)














DER NEW YORK RIPPER

Italien 1982
Regie: Lucio Fulci
DarstellerInnen: Jack Hedley, Almanta Suska, Howard Ross, Andrea Occhipinti, Alexandra Delli Colli, Paolo Malco, Cinzia de Ponti, Daniela Doria, Zora Kerova, Cosimo Cinieri, Lucio Fulci u.a.

Inhalt:
Polizist Williams ist in New York auf der Suche nach einem Serienmörder, der Frauen auf besonders grausame Weise quält und tötet. Zu seiner Unterstützung engagiert er den Psychiater Dr. Davis, der ein Täterprofil erstellen und ihm mit Rat und Tat zur Seite stehen soll. Der Killer meldet sich mittlerweile mehrmalig telefonisch bei Williams und spricht mit verfremdeter Stimme und Donald Duck Gequake. Kann Williams den Irren rechtzeitig stoppen?


Jane (Delli Colli) auf der Suche nach Abenteuer


Faye (Suska) fühlt sich bedroht


New York City am Abgrund


New York, der sogenannte Big Apple, ist eine sagenumwobene Stadt, die (sofern nicht gerade eine Pandemie grassiert) von vielen Menschen aus der ganzen Welt bereist wird.
Doch "die Stadt, die niemals schläft", bot in den Siebziger und Achtziger Jahren ein gänzlich anderes Bild als die hippe Metropole von heute: Hohe Mordraten, Bandenkriege, Armut, konstanter Verfall. Nicht nur der Zerfall von Bauwerken, sondern auch die zunehmende Zersetzung der Moral ihrer BewohnerInnen gaben Grund zur Besorgnis.


The deuce in "The New York Ripper"


Die Grindhouse Kinos am Times Square und in der 42nd Street, auch unter dem Begriff "The deuce" bekannt, befanden sich in unmittelbarer Nachbarschaft des Rotlichtviertels. An jeder Straßenecke konnte man Drogen erwerben, Prostituierte beiderlei Geschlechts aufgabeln oder lief Gefahr, überfallen zu werden.
Die überbordende Kriminalitätsrate in manchen Stadtteilen und zahlreiche alltägliche Gewaltdelikte, nicht zuletzt auch der Serienmörder David Berkowitz, der unter dem Namen "Son of Sam" für Verunsicherung unter den New Yorkern sorgte, malten in den Köpfen der Menschen ein düsteres Bild der Stadt in den dreckigsten Farben.
New York galt als Sündenpfuhl, als schmutziger Moloch, eine lebensfeindliche Stadt. Ein Ort, an dem die Zivilisation auf eine harte Probe gestellt wurde.
Geprägt von diesen Eindrücken sind in besagtem historischen Kontext bemerkenswerte Filme entstanden, die diese abgründige Atmosphäre eingefangen und zu einem wichtigen Rahmen der Handlung gemacht haben.
Im Angesicht der desolaten Großstadt und des omnipräsenten kriminellen Milieus entstanden beispielsweise zwischen 1971 und 1983 Filme wie "Brennpunkt Brooklyn" (1971), "Ein Mann sieht rot" (1974),  "Taxi Driver" (1976), The Driller Killer (1979), "Cruising" (1980), "Maniac" (1980), "Die Frau mit der 45er Magnum" (1981) und "Vigilante" (1983).

Ein Regisseur und sein Ruf


Anno 1981 reiste der Italiener Lucio Fulci in die große amerikanische Stadt, drehte dort einen Giallo in der besten Tradition Cinecittàs und sah sich bis zum heutigen Tag mit viel Verachtung und (wieder einmal) Vorwürfen von unverblümt zur Schau gestellter Frauenfeindlichkeit konfrontiert.
Warum eigentlich?
Ich kann und möchte nicht beurteilen, ob die Texte auf der Online-Filmdatenbank repräsentativ für das Publikum des Films sind, aber worüber ich in den seiteninternen Kommentaren mehrfach gestolpert bin, waren Andeutungen wie, dass ausnahmslos alle Frauencharaktere in "New York Ripper" Zicken oder eben Prostituierte waren, was in der Gesamtschau des Textes suggerieren sollte, dass es um "diese Frauen" ja nicht schade ist. Ein User ging sogar so weit, eine gewisse Form von "Genugtuung" über die Morde an diesen Zicken als naheliegend zu betrachten.
Ist dies tatsächlich die Aussage, die auch Lucio Fulci treffen wollte?

In den meisten aufsehenerregenden Fällen, in der ein Serienmörder über Jahre oder Jahrzehnte hinweg unentdeckt gejagt, gefoltert, vergewaltigt und getötet hat, sind unbestritten Frauen das Objekt seiner krankhaften Leidenschaft.
Das, was man in vielen Filmen, die gesellschaftlich oder von der Zensur geächtet werden, zu sehen bekommt, ist somit näher an der Realität angesiedelt als manchen Menschen lieb ist.
Die Frage, die man sich selbst an dieser Stelle beantworten muss, ist, ob man so eine grauenvolle Geschichte zuhause sehen möchte. Und wie explizit ein Film in der Darstellung der Gewalt sein darf, dass er für einen selbst noch erträglich erscheint.
Oder sieht man sich doch lieber einen gesellschaftlich angesehenen, weil Oscar prämierten, Kriegsfilm an? Oder gar ein realitätsnahes Drama, bei dem man sich vielleicht auf psychologischer Ebene im Leid anderer Menschen suhlt bzw. sich daran ergötzt, aber für das man sich nicht rechtfertigen muss, weil man schließlich sozial engagiert ist?
Oder führt man sich mit Vorliebe Filme von Woody Allen zu Gemüte, weil man seinen intellektuellem Humor so schätzt?


Maestro Fulci als Polizeikommissar 


Doch zurück zu der vermeintlichen Intention Fulcis – darf/kann/soll man ihm unterstellen, dass er einen Film wie "New York Ripper" nur geschaffen hat, um seine misogyne Ader kreativ auszuleben?
Und wenn ja, warum wird dann diese Diskussion nicht bei unzähligen anderen Regisseuren mit vergleichbaren Filmen geführt?
Diese Fragen wären eine gute Ausgangsbasis für den Auftakt zu einer abendfüllenden Diskussion  und am Ende muss jeder reflektierte Mensch sich wohl ehrlich eingestehen, dass es in diesem Fall keine allgemeingültigen Antworten gibt. Abgesehen vielleicht von ein paar von sich selbst überzeugten KritikerInnen, die uns weismachen wollen, dass sie die absolute Definitionsmacht besitzen.
Die moralischen Fragen, die Kino aufwerfen kann, sind bisweilen vergleichbar mit der Schönheit, die bekanntlich im Auge der Betrachterin oder des Betrachters liegt. Und selbstverständlich abhängig vom jeweiligen gesellschaftlichen Konsens.
Dabei ist nicht selten die von manchen Männern empfundene "Zickigkeit" ein Indiz dafür, dass eine Frau einem konservativen, chauvininstischen Klischee nicht entsprechen will, sondern sagt, was sie denkt und sich nimmt, was sie will.
Bei genauerer Analyse der Art, wie Frauen in Fulcis Filmen charakterisiert werden, fallen mir seit jeher unangepasste, manchmal dominante und auf jeden Fall komplexe Frauenfiguren auf, die unter Berücksichtigung des Gesamtkontexts (Entstehungszeit, Genre, kulturelle und gesellschaftliche Gegebenheiten) im Vergleich zu anderen damals aktuellen Filmen, aus der Reihe tanzen.
Eine Aufzählung oder nähere Beschreibung würde aber nun endgültigen den Rahmen sprengen und wir landen damit wieder im Bereich der bereits erwähnten "abendfüllenden Diskussionsgrundlage".

Der leider im Jahr 1996 früh verstorbene Regisseur Lucio Fulci mutierte jedenfalls bis heute aufgrund diverser Gerüchte und (sich teils widersprechenden) Aussagen von Zeitzeugen zur Projektionsfläche von Menschen, die gerne die verbale "Misogynie" Keule schwingen.
Leider hat er die Gelegenheit, seriös und ehrlich dazu Stellung zu nehmen, zu Lebzeiten verpasst. Vielleicht war ihm die ganze Diskussion auch einfach zu banal und er hat in seinem Kämmerchen über die Mythen, die um ihn ranken, gelacht. Oder er hätte auf eine entsprechende Frage trotzig versucht, die Voreingenommenheit des Interviewers zu bestätigen.
Durch die eingehende Beschäftigung mit seinem Leben und seinen Filmen, gelingt interessierten Menschen bestenfalls eine vorsichtige Annäherung an eine Antwort auf manche Fragen.
Dennoch - die Bewertung und Einordnung eines Genre-Films ist meiner Meinung nach in den meisten Fällen mehr eine Selbstoffenbarung des Kritikers/der Kritikerin als eine Erkenntnis über die Weltanschauung des Regisseurs.

In der Tradition des Giallo Films


Der Fulci Experte Stephen Thrower (Autor von "Beyond Terror"), der übrigens in einem Interview auf der Blue Underground Veröffentlichung kurz auf die gemeinhin unterstellte Frauenfeindlichkeit Fulcis eingeht und mir wie so oft aus der Seele spricht, verwendet im Zusammenhang mit dem Genre Publikum die Umschreibung "Thrill-Seeker".
Was für ein passender Begriff! Ich kenne kein deutsches Pendant dazu, das so pointiert beschreibt, warum ich (und sicher viele andere Menschen) mir einen Film wie "New York Ripper" ansehe.


Spiegelung des Mörders? Oder roter Hering?


Wer einen ultrabrutalen Slasher erwartet, wird vielleicht etwas Probleme haben mit diesem Film. Einige deftige Szenen stellen zwar die Gore-Hounds mit Sicherheit zufrieden. Aber "Der New York Ripper" steht eindeutig in der Tradition des Giallo Genres, wodurch manchen doch der Zugang zu diesem Film verwehrt bleibt.
Wie im italienischen Thriller der damaligen Zeit üblich geht es um einen Killer, der aus irgendeinem absolut irrwitzigen Grund (den man wegen seiner vollkommenen Absurdität niemals im Vorhinein erraten kann und den man selbstverständlich erst ganz am Ende des Films erfährt) mordet, bis seine Identität gelüftet ist oder er selbst das Zeitliche gesegnet hat. Oder bis beide Varianten gleichzeitig eingetroffen sind.
Vor der Lüftung des Geheimnisses werden einige dubiose Charaktere eingeführt, die per se verdächtig erscheinen. Dies sind die obligatorischen roten Heringe, die das Kinopublikum auf die falsche Fährte locken oder einfach die Laufzeit über bei Laune halten sollen.
Allen, die keine an den Haaren herbeigezogene Auflösung nach dem Scooby-Doo-Prinzip wollen, muss von "Der New York Ripper" daher dringend abgeraten werden.

Die Charaktere und Parallelen zu anderen Werken


Bei Fulci-Filmen kommen neben katholischen Priestern die Psychiater bekanntlich eher nicht so gut weg. So auch Dr. Davis (Paolo Malco, ebenfalls zu sehen in Fulcis Das Haus an der Friedhofmauer). Der Mann ist zwar fachlich eine Koryphäe, aber ein unangenehmer Zeitgenosse, im Grunde genommen ein Narzisst. Beinahe jedem, so auch ihm, traut man die Täterschaft zu.


Unsympathisch - Dr. Davis (Malco)


Die männlichen Charaktere sind allesamt keine Sympathieträger. Auch nicht der Polizist Williams, dem es unverhohlenes Vergnügen bereitet, dem trauenden Ehegatten einer eben erst ermordeten Frau Tonbandaufnahmen von ihren sexuellen Abenteuern vorzuspielen.
Die offen ausgelebte oder verdrängte Sexualität von Frauen, die sie ins Verderben stürzt, ist ebenfalls ein wiederkehrendes Fulci-Giallo-Thema.
In A Lizard in a Woman's Skin ist es Carol Hammond. Eine Frau aus einer gut situierten, wohlhabenden Familie, deren dominante sexuellen Fantasien zu einer Belastung werden und sie sogar in Gefahr bringen.
In "The New York Ripper" lebt Jane (Alexandra Delli Colli), eine Dame aus der High Society ihren voyeuristischen Trieb ganz offenherzig aus und manövriert sich leidenschaftlich mit voller Absicht in Situationen, in denen sie ganz leicht zum Opfer (sexueller) Gewalt werden könnte.
Auch in Nackt über Leichen spielt das Ausleben weiblicher Sexualität und das Ausspielen weiblicher Reize eine bedeutende Rolle.
Fulci bleibt auch in einem weiteren Punkt seinem Giallo Universum treu. Eine interessante und wichtige Parallele zwischen "The New York Ripper" und Non si sevizia un paperino ist die Kinderspielzeug-Ente (Donald Duck) und das in beiden Gialli verwandte Motiv für die Tötungen, das in gewisser Weise mit der Adoleszenz und dem daraus resultierenden Erwachen der Sexualität verbunden ist.

Fazit


"The New York Ripper" ist von allen Gialli, bei denen Lucio Fulci Regie geführt hat, unzweifelhaft der Film, der am deutlichsten dem Exploitationkino zugeordnet werden kann.
Ultrabrutale Szenen, Gore-Effekte jenseits des Erwartbaren und die sleazigen Sexszenen deuten in diese Richtung.


Stilsichere Beleuchtung


Doch die Kameraarbeit von Luigi Kuveiller und das Arrangement der Sets zeigen einen, sich visuell und künstlerisch von anderen, zu dieser Zeit kursierenden Grindhousefilmen abhebenden Gegenpol.
Typisch Fulci - er war und ist ein Regisseur voller Widersprüche.

Als Thrill-Seeker, Liebhaberin des abseitigen Kinos und nicht zuletzt des Giallo Genres fasziniert mich diese ausgesprochen widerwärtige Atmosphäre des Films absolut.
Sowohl die skizzierten Persönlichkeiten als auch die zwielichtigen schmuddligen Schauplätze, die überdeutlich und drastisch dargestellten Schnitte ins (empfindlichste) Fleisch der Opfer, die Verstümmelungen und die schmierige sexuelle Komponente tragen zu einem die ganze Laufzeit über wahrzunehmenden Unbehagen bei.
Die Szene ganz am Ende ist aus emotionaler Sicht besonders grausam.
Daher ist "The New York Ripper" in meinen Augen Fulcis nihilistischster und deprimierendster Film.
Definitiv wird er nie zu den Fulci Werken, die ich beinahe auswendig kann und immer und immer wieder sehen möchte, gehören.




Foto: DVD von Astro, XT Hartbox, XT Blu Ray Mediabook und Blu Ray von Blue Underground




Foto: 4K Abtastung von Blue Underground