Sonntag, 24. Februar 2019

THE DRILLER KILLER (1979)














THE DRILLER KILLER

USA 1979
Regie: Abel Ferrara
DarstellerInnen: Abel Ferrara, Carolyn Marz, Baybi Day, Harry Schultz, James O'Hara, Alan Wynroth u.a.

Inhalt:
Reno versucht sich und seine WG Kolleginnen Carol und Pamela mit seiner Malerei finanziell über Wasser zu halten, was ihm mehr schlecht als recht gelingt. Das Haushaltsbudget des Trios reicht kaum, um die Miete zu bezahlen, der Strom soll demnächst abgeschaltet werden. Renos Kunst will sich gerade nicht verkaufen lassen und in der Wohnung unter ihm probt seit Neuestem eine Punkband Tag und Nacht. Wenn das mal kein Grund ist, mit einer Bohrmaschine bewaffnet loszuziehen und Leute zu killen...


Reno und sein Kunstwerk


Gute Laune sieht anders aus


"The driller killer" zählte bis in die späten Neunziger Jahre in Großbritannien zu den sogenannten "Video Nasties", also zu den ganz verwerflichen und daher verbotenen Filmen. Letztere wurden in den Achtzigern unter Einsatz von Polizeigewalt direkt aus Videotheken und sogar aus Privatwohnungen beschlagnahmt. Labels, die es gewagt hatten, diese verdammenswerten Filme zu veröffentlichen und auch Besitzer von entsprechenden Videofilmen wurden mitunter nicht nur zu drakonischen Geldstrafen, sondern auch zu Gefängnisstrafen verurteilt.
Diese Hexenjagd auf Horrorfilme hatte – wie man es aus dem gesetzlich ebenfalls ziemlich rigiden Deutschland kennt – nicht nur abschreckende Wirkung auf potentielle Konsumenten, sondern verhalf den nach Ansicht der Gesetzgeber verdammenswerten Filmen zu einem sagenumwobenen Ruf und machte sie für ein gewisses Publikum folglich umso attraktiver.
Bei diesem Genre-Exemplar war jedoch nicht vorrangig der Blutgehalt des Films, sondern eher das besonders explizite Video-Cover ausschlaggebend dafür, dass "The driller killer" auf dem Radar der zuständigen Zensurbehörde rot aufleuchtete.

Jedenfalls dachte ich mir eines schönen Abends: "Allein schon weil bei den Engländern so viel Wind darum gemacht wurde, muss ich diesen Film gesehen haben."
Außerdem schürte der Text auf der Website unseres Streaming Anbieters meine Neugier und versetzte mich in eine heitere Stimmung:
„Ein Künstler verliert langsam Verstand, weil er und seine zwei Freundinnen kratzen, um die Rechnungen zu bezahlen. Das Punkerband schüttelt ihn unten zunehmend, sein Kunsthändler ist anspruchsvoll, den er seine große Leinwand vollendet, wie versprochen, malend, und er in Kämpfe mit seinen Freundinnen kommt.“
Nachdem mir vor lauter Lachen ein paar Tränchen die Wangen runtergekullert sind, war ich sofort in der richtigen Gemütsverfassung für den Bohrmaschinen-Killer.
Und so wurde letztes Wochenende eine weitere meiner Gorebauern-Bildungslücken geschlossen.

"The driller killer" ist nicht der blutigste Film aus dieser Zeit und auch nicht der mit den besten Effekten und schon gar nicht der mit den professionellsten DarstellerInnen.
Aber er hat eine ganz spezielle bedrückende und abgründige Atmosphäre.
Er zeigt ein dreckiges New York und junge Menschen, die scheinbar ohne Pläne für die Zukunft vor sich hin vegetieren und in den Tag hinein leben.
Abel Ferrara hat nicht nur Regie geführt, sondern auch die Hauptrolle übernommen. Er spielt den verzweifelten Künstler Reno, der aufgrund von Existenzängsten, Schlafmangel, diversen Zurückweisungen und Lärmbelästigung seitens besagter Punk Band an den Rande eines Nervenzusammenbruchs getrieben wird.
Das im hyperrealen Stil gemalte Auge des Bullen, das den entnervten Reno von der riesigen Leinwand herab auf Schritt und Tritt zu beobachten scheint, wird von der Kamera immer wieder in den Focus gerückt. Die Mimik des Malers beim "Blickkontakt" mit seinem Werk bleibt zwar meist uneindeutig, aber das Ganze ist so in Szene gesetzt, dass es wirkt, als ob das Tier ihn verspottet oder auch anklagt.
Man bekommt als ZuschauerIn suggeriert, dass der gemalte Bulle unserem Protagonisten irgendetwas mitteilen will. Doch was Reno selbst für Botschaften empfängt oder fühlt, bleibt uns verborgen.
Etwas eindeutiger ist die Mittäterschaft der Punk-Band am Zusammenbruch Renos auszumachen.
Die Musik ist zu laut, zu monoton und aufdringlich und vor allem gibt es kaum Ruhepausen.
Seine Mitbewohnerinnen nehmen kaum Anteil am gesamten Geschehen, echten Kontakt oder tiefer gehende Kommunikation findet nicht statt.
Jeder scheint jedem auf die Nerven zu gehen und die Dauerbeschallung und Schlaflosigkeit verstärken diesen Effekt nur noch.

Renos Verstand zerfällt zusehends und seine Aggressionsausbrüche werden immer unkontrollierter und heftiger.
Dies alles gipfelt schließlich in Mord-Feldzügen, bei denen er scheinbar wahllos bemitleidenswerte Obdachlose (die für ihn vermutlich eine Art Vater-Figur symbolisieren, wie der Anfang des Films vermittelt) mit der Bohrmaschine malträtiert.
Es ist für einen Exploitationfilm erstaunlich und beachtlich, dass die Opfer so sympathisch, menschlich und bedauernswert portraitiert werden wie in "The driller killer".
Dadurch erscheinen die Morde an den Obdachlosen noch sinnloser und grausamer. Eine allzu grafische Inszenierung der Tötungen ist gar nicht notwendig, um die Grausamkeit Renos hervorzuheben.
Doch der sich gerade zum Serienmörder mausernde Künstler wirkt durch seine Taten weder erleichtert noch wird er durch die grausamen Morde milde gestimmt. Renos grundsätzliches Problem, das der Freud- und Glücklosigkeit, bleibt die einzige Konstante in seinem Leben.

Die Inszenierung des gesamten Films ist vergleichbar mit der Musik der Punkband – rau und ungeschliffen sowie schleppend monoton und ekstatisch im schnellen Wechsel.
Der Punk Slogan "No future" dominiert die Handlung. "The driller killer" ist durch und durch als Kind seiner Zeit zu bezeichnen. Die New York-Ära der Siebziger und Achtziger Jahre, im Besonderen die Umgebung des Times Square und die 42ste Straße, wurde im negativen Sinn berühmt. Die Stadt war heruntergekommen, lebensfeindlich und dominiert von randständigen Individuen, Gang-Gewalt, Drogenkriminalität und Sex-Spelunken.
In Filmen wie "Cruising", "Maniac" oder "Der New York Ripper" wurde die Atmosphäre des "Big Apple" auf ähnliche Weise eingefangen und in den Vordergrund gerückt.

Ferrara selbst äußerte sich übrigens dahingehend, dass er "The driller killer" im Jahr 1978 und 1979 gedreht hat, was die wechselnden Haarfarben und Frisuren der Mitbewohnerinnen und anderer Darsteller erklärt.
Ich würde "The driller killer" aufgrund der zum Teil amateurhaft und improvisiert wirkenden Szenen auf jeden Fall aus der Menge der Exploitationfilme herausragenden Film bezeichnen.
Er ist auf eine bemerkenswerte Weise widerwärtig, auch wenn gerade keine Morde passieren. Ferrara selbst sieht irgendwie abstoßend aus und seine Optik wird durch sein Schauspiel perfekt ergänzt und verstärkt.
Wahrscheinlich gibt es auch unter Genrefans nur vereinzelt Menschen, die mir zustimmen, aber ich halte "The driller killer" für ein absolut dreckiges Filmchen, das auf subtiler Ebene mehr zu bieten hat, als man auf den ersten Blick meinen würde.