Samstag, 14. März 2015

UN BIANCO VESTITO PER MARIALE' (1972)














UN BIANCO VESTITO PER MARIALE' - SPIRITS OF DEATH
Italien 1972
Regie: Romano Scavolini
DarstellerInnen: Ida Galli, Luigi Pistilli, Ivan Rassimov, Pilar Velázquez, Ezio Marano, Giancarlo Bonuglia, Shawn Robinson, Gengher Gatti, Gianni Dei u.a.


Inhalt:
Die in ihrer Kindheit traumatisierte Marialé lädt hinter dem Rücken ihres Mannes Paolo einige alte Freunde in das Schloss des zurückgezogen lebenden Ehepaars.
Der gute Paolo scheint über die Anwesenheit der Bekannten nicht sonderlich erpicht und zieht sich, während die anderen eine Orgie feiern, zurück. Als einer der Gäste ermordet vorgefunden wird, scheint sich die Villa für die Anwesenden zu einer Todesfalle zu wandeln...


Marialés Trauma: Mord an der Mutter


Der smarte Massimo bekommt es mit der Angst zu tun


Nicht jeder Giallo gefällt mir auf Anhieb und nicht bei jedem Film habe ich das Bedürfnis, ihn in Kürze nochmal und nochmal sehen zu wollen.
"Un bianco vestito per Marialé" hat aber dieses ganz "spezielle Etwas", das genau dieses Gefühl aufkommen lässt.
Nicht nur, weil er auf visueller Ebene Vieles bietet, sondern auch weil er vielschichtig und trotz der an sich einfachen Geschichte psychologisch komplex aufgebaut ist.

Ähnlich wie bei "Liebe und Tod im Garten der Götter" (Regie Sauro Scavolini, sein Bruder Romano war der Produzent) scheint sich der Film erst bei mehrmaliger Sichtung vollends zu entfalten bzw. zu erschließen.
Beide Filme haben gemein, dass sie keine archetypischen Gialli sind. Sie enthalten zwar elementare und obligatorische Genrebausteine, entsprechen aber nicht unbedingt dem, was sich Fans der mehr am Slasher orientierten Werke erwarten würden.

„Un bianco vestito per Marialé“ beginnt mit einem Rückblick in die Vergangenheit der titelgebenden Dame, die als Kind Zeugin wurde, wie ihr eifersüchtiger alter Vater ihre schöne junge Mutter (Ida Galli, u.a. bekannt aus "Il medaglione insanguinato") und deren jungen Liebhaber inflagranti auf einer Wiese erwischt und beide mit gezielten Schüssen niederstreckt. Nun ja. Im Falle des Liebhabers trifft die Formulierung "durch die Luft katapultiert" wohl eher zu. Zuguter Letzt richtet der gehörte Ehemann die Waffe gegen sich selbst.
Somit wissen wir von Beginn an, dass wir es bei Marialé (ebenfalls Ida Galli) mit einer seelisch zutiefst verletzten jungen Frau zu tun haben.
Kein Wunder, dass ihr deutlich älterer Angetrauter, ein missmutig wirkender Mann namens Paolo (begnadet gespielt vom unvergleichlichen Luigi Pistilli), ihr vom finster dreinblickenden Butler (Gengher Gatti) Beruhigungsmittel einflößen lässt und sie von der Außenwelt fern hält.
Auf der anderen Seite verhindert er so, vielleicht ganz bewusst und absichtlich, ihre Genesung?

Apropos Gengher Gatti... Nie gehört? Hier lohnt sich ein kleiner Exkurs:
Dieser Mime mit dem sonderbaren Namen und der einprägsamen Physiognomie verfügt zwar nicht über eine besonders umfangreiche Filmographie, hat aber doch das ein oder andere wichtige Genrewerk bereichert.
Nicht nur als durchtriebener, Schlangen aussetzender Butler in "Un bianco vestito per Marialé", sondern auch als Zombie in "Das Leichenhaus der lebenden Toten" hinterlässt er einen bleibenden Eindruck:


Gatti als Butler
Gatti als Zombie


Und weil ich so fasziniert von diesem Darsteller bin, hier noch eine kleine Zugabe:


Als Mafia-Capo in "Die Rache der Camorra"


Doch zurück zum Film.
Zwischen Marialé und Paolo herrscht eine Art permanent subtil schwelendes Psychoduell. Und man ist versucht, sich zwischendurch tatsächlich zu fragen, wer von beiden verrückter und gefährlicher ist.
Das dürfen wir natürlich alsbald herausfinden.
Aber zuerst wird die Spannungsschraube noch eine Stufe stärker angezogen und zwar durch das Auftauchen der illustren Gäste: der adrette und smarte Massimo (hier beinahe noch cooler als in "Der Killer von Wien": Ivan Rassimov) und zwei Paare (wovon eines aus drei Personen besteht, da zwei Männer und eine Frau offenbar eine Dreiecksbeziehung führen).

"Un bianco vestito per Marialé" funktioniert über den Großteil der Laufzeit prächtig als perfides psychologisches Kammerspiel, in dem gegen Ende Manches deutlich, aber Manches auch unaufgelöst erscheint.
Die Kostüme, die die ProtagonistInnen für ihre Orgie auswählen, demaskieren sie in Wahrheit und bringen ihre seelischen Abgründe und Unbewusstes ans Licht. Der Einzige, der dies erkennt und verbalisiert, ist der zugeknöpfte Paolo.

Die Stimmung des Films lebt aber nicht ausschließlich von der Interaktion zwischen den faszinierenden DarstellerInnen, sondern auch durch die exquisite Wahl der (gotischen) Kulissen, der Requisiten und der Technik, mit der gefilmt wurde.
Die ästhetische Ausleuchtung der Innenräume des Schlosses wecken Assoziationen zu den Gotik-Filmen von Mario Bava und die Szene, in der Marialé und ihre Gäste mit Kerzenständern ausgerüstet eine geschwungene Treppe hinunterwandeln, ist mit großer Sorgfalt und Liebe zu ästhetischen Bildern fotografiert.
Das Spiel mit den Farben, mit Licht und Schatten sowie die wechselnden Perspektiven entführen uns in die visuell trippige Siebzigerjahre Atmosphäre, die wir Genrefans verehren.

Die spät aber doch folgenden obligatorischen Morde, die die Zahl der Schloss-Gäste kontinuierlich dezimieren, sind grausam und schockierend.
Doch auch die Inszenierung dieser Gräueltaten entbehrt nicht einer gewissen morbiden Ästhetik.
Dieser optische Augenschmaus von einem Film bietet nicht nur Bilder, die von zeitloser Schönheit sind, sondern ist auch mit einem unverwechselbaren Soundtrack unterlegt, der mal anmutig und traumartig, mal hart und treibend ist.

Camera Obscura hat bei dem bis zur Veröffentlichung nur bei wenigen fanatischen Italofans bekannten Film viel Mut bewiesen.
Das Bild und die Ausstattung der VÖ lassen wie auch bei anderen Veröffentlichungen dieses Labels keine Wünsche offen.
"Un bianco vestito per Marialé" ist ein Leckerbissen für alle aufgeschlossenen LiebhaberInnen des italienischen Kinos und sollte in keiner gut sortierten Italo-Filmsammlung fehlen.

Das belgische Plakatmotiv und der Titel schrammen zwar dezent am Thema vorbei, aber das Artwork sieht hier besonders cool aus:




Foto: Blu Ray VÖ von Camera Obscura




Foto: Original Soundtrack