Sonntag, 19. Oktober 2014

AMORE E MORTE NEL GIARDINO DEGLI DEI (1972)














LIEBE UND TOD IM GARTEN DER GÖTTER
Italien 1972
Regie: Sauro Scavolini
DarstellerInnen: Erika Blanc, Peter Lee Lawrence, Ezio Marano, Orchidea de Santis, Rosaria Borelli, Franz von Treuberg, Vittorio Duse u.a.


Inhalt:
Ein Ornithologe mietet sich in einer etwas abgelegenen Villa ein, um das Verhalten der dort ansässigen Vogelarten zu erkunden. Eines Tages findet er nahe einem Baum ein Tonband, das er nach sorgfältiger Reinigung in Betrieb nimmt.
Es handelt sich um eine Aufzeichnung psychoanalytischer Sitzungen einer gewissen Azzurra, die den Professor sichtlich faszinieren und Einblicke in tiefe menschliche Abgründe eröffnen.
Er beginnt nach den Besitzern der Villa zu forschen und bringt damit sein Leben in ernsthafte Gefahr...


Der Professor


Azzurra und Manfredi - Geschwisterliebe?


Ich habe "Liebe und Tod im Garten der Götter" heute zum zweiten Mal gesehen und bin überzeugt, dass ich beim nächsten Anschauen noch weitere, hier nicht erwähnte Aspekte, entdecken werde. Denn der Film ist vordergründig einfach, doch auf der Meta-Ebene komplex.
"Liebe und Tod im Garten der Götter" gehört wohl ähnlich wie "Das Haus der lachenden Fenster" (man beachte: auch hier ist das Tonband-Thema zentraler Bestandteil der Geschichte) in die Kategorie von Gialli, die einigen Fans des Genres als eher schwer zugänglich erscheinen.
Denn er weicht ganz klar von allseits beliebten Mustern (Killer mit schwarzen Handschuhen, Rasiermessermorde, Serienmorde, rote Heringe und kuriose Plot-Twists) ab.

Mich fasziniert er dennoch sehr. Kann man im Zusammenhang mit so einem Film überhaupt von "gefallen" sprechen? Ich bin mir nicht ganz sicher.
Die dargebotene Intensität von Tristesse, Morbidität und Hoffnungslosigkeit wurde nur selten in einem Genrefilm erreicht, am ehesten kann man diesbezüglich wohl einen Vergleich zu "Anima Persa" ziehen.
Von der Grundstimmung und Thematik sind sich "Liebe und Tod im Garten der Götter" und letztgenannter Giallo in der Tat ähnlich.
"Ein Giallo?" werden manche von euch zu Recht fragen. Auch an dieser Definition werden sich die Geister scheiden und es liefert sicherlich einigen Stoff für Diskussionen, auf die ich aber nicht näher eingehen möchte, weil ich sie für zweitrangig halte.
Innerhalb meines persönlichen Filmuniversums ist der Grundplot jedenfalls gialloesk genug: Ein deutscher Wissenschaftler reist nach Italien, um dort unfreiwilligerweise in einen Kriminalfall verwickelt zu werden, der bald lebensbedrohliche Ausmaße annimmt.

Der Film spielt sich auf unterschiedlichen Ebenen ab: Einerseits geht es um die Erlebnisse des Professors, der sich gerade mit dem Inhalt der Tonbänder und in weiterer Folge mit den früheren Bewohnern der Villa beschäftigt. Andererseits erzählt er die Geschichte der eigentlichen Protagonisten, nämlich der durchtriebenen Azzurra und ihrem Bruder Manfredi, die eine inzestuöse Beziehung verbindet.
Der Wissenschaftler, der in dem Haus lebt, in dem sich der Großteil des Erzählten abgespielt hat, wandert von Raum zu Raum. Dadurch wirkt er Azzurra in manchen Szenen beinahe auch körperlich nahe - er sitzt im Wohnzimmer in einem Sessel, der sich in der gegenüberliegenden Position von Azzurra (in der Vergangenheit) befindet.
Das Spiel mit Raum und Zeit hat in "Liebe und Tod..." seinen besonderen Reiz.


"Liebe (über mhd. liep, „Gutes, Angenehmes, Wertes“ von idg. *leubh- gern, lieb haben, begehren) ist im Allgemeinen die Bezeichnung für die stärkste Zuneigung und Wertschätzung, die ein Mensch einem anderen entgegenzubringen in der Lage ist."

entnommen aus Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Liebe in der Fassung vom 19. Oktober 2014


Der Titel des Films führt uns genau genommen in die Irre, denn absolut gar nichts dreht sich in diesem Film um Liebe. Vielmehr karikiert er das Thema.
Niemand in "Liebe und Tod..." liebt einen anderen Menschen. Azzurras Mann redet von dem (unerfüllten) Wunsch, seine Frau vollends zu besitzen, Manfredi pendelt mit seinen Gefühlen für seine Schwester irgendwo zwischen Ekel, Wut und Begehren und Azzurra selbst scheint generell nicht in der Lage zu sein, tiefere Gefühle für einen Mann zu empfinden.
Vielmehr geht es um psychologischen Machtmissbrauch, Hörigkeit, sexuellen Missbrauch und Abhängigkeit.
Dass dies krank macht und jemanden bis zum Mord treiben kann, leuchtet natürlich ein. Schnell wird klar: die Geschichte muss dramatisch enden.
Auch die vom Titel mit den Worten "... im Garten der Götter" suggerierte Leichtigkeit verkehrt sich in der filmischen Handlung ins Gegenteil. Alles ist schwer, krank (machend) und die Hauptcharaktere zeichnen sich durch eine gewisse Strenge und Humorlosigkeit aus.

Wir beobachten den zunehmenden psychischen Verfall und den inneren Druck, der Manfredi langsam aber sicher zermürbt. Er kämpft mit sich selbst, will sich loslösen von seiner einengenden Schwester, die ihn mit allen Mitteln zum Bleiben bewegen möchte.
Die Lebensgeschichte von Azzurra und Manfredi erfahren wir in der Form von Rückblenden auf einzelne Szenen ihrer gemeinsamen Vergangenheit. Das Besondere daran ist, dass Azzurra diese in den Sitzungen mit ihrem Psychoanalytiker selbst erzählt (dabei auch Dinge weglässt oder beschönigt) und ihre Schilderungen im letzten Drittel des Films durch Manfredis eigene subjektive Wahrnehmung ergänzt und verändert werden.
Manche Szene wird erst verstehbar und vollständig durch die Version von Manfredi, die unsere Perspektive plötzlich enorm erweitert.
Dies macht den Film besonders reizvoll. Er spielt mit unserer Wahrnehmung und mit unseren klischeehaften Vorstellungen von Täter und Opfer.
Paradox erscheint, dass gerade der Therapeut von Azzurra bis zum Ende nicht in der Lage ist, diese Mechanismen zu durchschauen. Aber böse gesagt halte ich ihn sowieso für einen "Kurpfuscher", der nämlich die ethischen Grenzen zwischen Therapeut und Patientin nicht einhält und außerdem befangen ist.
Vielleicht ist die Psychoanalyse auch nicht unbedingt das geeignete Instrument, seine etwas "spezielle" Patientin zu therapieren.
Wie war das nochmal mit Sigmund Freud, der die Existenz von sexuellem Missbrauch und dessen Folgen zuerst öffentlich thematisiert und nachdem er dafür verlacht wurde, sein restliches Leben vehement geleugnet hat?

Huch. Wo bin ich denn jetzt gelandet mit meinem Text? Ich will ja hier eigentlich keine Filme analysieren, das überlasse ich lieber Anderen. Es geht mir mehr darum zu veranschaulichen, was mich daran fasziniert und was vielleicht für euch, liebe Leserinnen und Leser, ebenfalls interessant sein könnte.

Also neben der Handlung, die (wie euch bestimmt aufgefallen ist) Vieles bietet, über das man sinnieren und vermutlich auch kontrovers diskutieren kann und der bereits erwähnten Atmosphäre, die durch die simple aber besonders dramatische Musik unterstrichen wird, bietet "Liebe und Tod im Garten der Götter": Ästhetische Landschaftsaufnahmen, ein wunderbar fotografiertes Spoleto und wirklich erstklassige SchauspielerInnen.
Ohne die ausgezeichnete Besetzung der ProtagonistInnen des Films wäre diese Art von Geschichte wohl zu sehr ins unfreiwillig Komische abgedriftet, was das ganze Drehbuch zunichte gemacht hätte.
Erika Blanc (u.a. bekannt aus "Die toten Augen des Dr. Dracula" oder "Die Grotte der vergessenen Leichen") als Azzurra und der aus Lindau am Bodensee stammende Peter Lee Lawrence ("Glut der Sonne" oder "Der lange Arm des Paten") ergänzen sich perfekt und erzeugen wahre Gänsehaut-Momente (vor allem im Finale!).
Der ebenfalls aus Deutschland stammende Franz von Treuberg ("Das Syndikat", "Blindman – Der Vollstrecker") mimt den Ornithologen, der unwillentlich durch den Tonband-Fund in das Geschwister-Drama hineingezogen wird. Er wirkt dabei authentisch und sympathisch. Man sieht ihm einfach gerne zu, wie er mit seiner Zigarette vor dem Tonband sitzt und gedanklich in die seelischen Abgründe von Azzurra eintaucht.

"Liebe und Tod im Garten der Götter" ist meine Empfehlung für all jene, die sich nicht ab der Hälfte meines Textes an den Kopf gegriffen haben und sich gefragt haben, worauf ich eigentlich hinaus will und die mit den eingangs genannten Gialli etwas anfangen können.


Foto: CineKult und FilmArt VÖ