Dienstag, 4. Oktober 2016

LA DAMA ROSSA UCCIDE SETTE VOLTE (1972)














DIE ROTE DAME
HORROR HOUSE (Videotitel)

Deutschland, Italien 1972
Regie: Emilio Miraglia
DarstellerInnen: Barbara Bouchet, Sybil Danning, Marina Malfatti, Ugo Pagliali, Nino Corda, Marino Masé, Fabrizio Moresco u.a. 


Inhalt:
Kitty Wildenbrück hat ein dunkles Geheimnis. Sie hat versehentlich ihre Schwester Evelyn getötet, deren Leiche seitdem in einem Schrank im Keller des Wildenbrück-Schlosses vor sich hinmodert.
Eines Tages geschehen Morde in Kittys nahem Umfeld. Diese rätselhaften Tötungsdelikte wurden anscheinend von einer Frau in einem roten Umhang begangen. Will man den Beschreibungen von Zeugen Glauben schenken, hat Evelyn Wildenbrück die Morde begangen. Aber kann das wirklich sein? Kitty macht sich zunehmend Sorgen um ihr eigenes Leben, da auf ihrer Familie ein uralter Fluch lastet, der besagt, dass sie das siebte Opfer der „roten Dame“ sein wird.
Ist Evelyn tatsächlich wieder auferstanden und will ihrer Schwester ans Leder?


Schöne Cousinen: Kitty und Franziska (v.l.n.r.)


Besondere Kulisse: Schloss Neuenstein


"Die rote Dame" ist nach "Die Grotte der vergessenen Leichen" der zweite und letzte Giallo des Regisseurs Emilio Miraglia. Miraglia muss wohl ein besonderes Faible für den Namen "Evelyn" und die Farbe Rot gehabt haben.
Im Gegensatz zu "Die Grotte der vergessenen Leichen", der auf kuriose aber vergnügliche Art etwas wirr erscheint, ist "Die rote Dame" ein Giallo von ernsterer Natur und verblüfft durch eine verschachtelte Geschichte.
Allein schon der Fluch, der auf der Familie Wildenbrück lastet, ist nicht mit einem simplen Einzeiler zu erklären.
Es geht darin nämlich um zwei Schwestern, von denen eine die andere umbringt. Die ermordete Schwester wird als "Rote Dame" wieder auferstehen und sechs Menschen (wie sie auf diese Zahl kommt und nach welchem Gesichtspunkt sie ihre Opfer erwählt, bleibt offen) töten. Das siebte Opfer soll dann die Schwester (die schwarze Dame) sein, die ihr einst das Leben nahm.
Laut dem gutmütigen, etwas ängstlichen Opa Wildenbrück ereilte dieses Schicksal bereits einige Generationen von Schwestern dieser Familie.
Dies erzählte er einst seinen minderjährigen Enkelinnen Kitty und Evelyn.
Einige Jahre später ist Kitty (Barbara Bouchet) erwachsen und Evelyn tot, offiziell allerdings nach Übersee verzogen. Als Opa Wildenbrück einen Herzinfarkt erleidet, lernen wir anlässlich der Testamentseröffnung Cousine Franziska (Marina Malfatti) kennen.
Franziska und ihr Mann Herbert sind die einzigen, die von dem Unfall Evelyns wissen und Kittys Geheimnis bewahren.

Kitty ist im Model Business als Fotografin tätig – ein Umfeld das – wie Fans von Bavas Ur-Giallo "Blutige Seide" wissen – geradezu prädestiniert ist für Lügen, Intrigen und Mord.
Genau in diesem Dunstkreis ermittelt nach dem ersten Mord der ehrgeizige Kommissar Toller (Marino Masé, u.a. "Der Teufel führt Regie", "Auge um Auge").
Kittys Vorgesetzter und Geliebter Martin wird dabei rasch zum Hauptverdächtigen des Ermittlers. Er hätte ein Motiv für den ersten Mord. Außerdem fragt man sich, warum seine (Noch-) Ehefrau in der geschlossenen Psychiatrie steckt und was der Gigolo Martin wohl damit zu tun hat.

Wie so oft bei Gialli gilt auch bei "Die rote Dame" das Prinzip "Alles ist möglich, nichts unwahrscheinlich." Jede und jeder könnte für die Morde verantwortlich sein und natürlich ist auch ein Komplott mehrerer Personen denkbar. Kein Story-Twist ist so verrückt, dass er nicht in einem Giallo-Drehbuch Platz finden könnte.
Das übernatürliche Element, der Fluch, wirft die Frage auf, ob der Geist Evelyns tatsächlich umtriebig und für das Ableben zahlreicher Charaktere verantwortlich ist. Dieses Story Element verleiht dem Drehbuch das gewisse Etwas und hebt "Die rote Dame" etwas von den klassischeren Kriminalgeschichten ab.

Doch all dies würde nicht auf so wunderbare Weise zusammenspielen, wenn nicht diese malerischen Drehorte wären.
Das Schloss der Wildenbrücks, das eine Aura von Erhabenheit, Stolz doch zugleich auch Verfall und Einsamkeit umgibt, ist der perfekte Schauplatz für das Mord-Drama, das sich zwischen den ungleichen Schwestern abspielt.
Die Modelagentur, die mit ihren sauberen gefliesten Gängen Modernität und Kälte suggeriert, ist eine ebenso stimmige Kulisse wie der Schlossgarten rund um die Würzburger Residenz, wo sich die mysteriöse rote Dame im Gebüsch versteckt.
Die Mörderin mit den langen dunklen Haaren im roten Kapuzenumhang, die nicht spricht, sondern ausschließlich schrill lacht, hat absolutes Kultpotential.


Das rote Telefon verkündet Unheil


Hot or not? Martin im Bademantel


Auch bei den Effekten wurde bei der Produktion nicht gespart. Sowohl was das eingesetzte Kunstblut (habe ich in manchen zeitgenössischen Filmen schon schlechter gesehen) als auch die stilecht ausgeleuchteten Kulissen betrifft.
Die Szene mit dem "Zaunsturz" erinnert sehr an "Die toten Augen des Dr. Dracula" und die Geschichte mit dem Fluch ist nicht besonders neu. Wie in die "Die Grotte der vergessenen Leichen" lässt sich auch hier eine gewisse stilistische Parallele Miraglias zu den Werken Mario Bavas nicht leugnen. Auch beim roten Telefon Kittys, das  in "Blutige Seide" ebenfalls eine wichtige Rolle spielt, können Bava KennerInnen einen gewissen Wiedererkennungswert nicht leugnen.

Barbara Bouchet und Sybil Danning sind eine Augenweide und jede für sich strahlt mehr Sex-Appeal und Persönlichkeit aus als Ugo Pagliali (in der Rolle des Frauenhelds Martin Hoffmann) es verdient hat. Immerhin ist er ein etwas selbstverliebter Fremdgänger.
Doch sowohl Kitty als auch Lulu werden von seinem Charakter und beruflichen Erfolg magisch angezogen und wohl eher nicht von seiner Figur im Bademantel oder seinen eigenartigen am Kopf pappenden strohigen Haaren. Doch gerade der untreue Martin ist es, der zum Held und Lebensretter wird, als er zufällig eine Information erhält, die zur Auflösung der Mordfälle führen könnte...

"Die rote Dame" ist ein Giallo von ganz bemerkenswerter Ästhetik, dessen Handlung kaum Leerlauf aufweist und uns deswegen keine Verschnaufpausen gönnt. Wer der Rahmenhandlung nach zahlreichen Plot-Twists und Zusammenhängen, die plötzlich aus dem Nichts herbeigeschafft werden, noch folgen kann, wird feststellen: Am Ende gibt (fast) alles wieder Sinn. Zumindest wenn man sich nicht zu sehr von der Fluch Geschichte verwirren lässt.
Die exquisit selektierten Drehorte in Deutschland heben diesen Film deutlich aus der Masse anderer italienischer Genrefilme hervor und die Killerin ist wie bereits erwähnt eine nachhaltig beeindruckende Erscheinung.

Bruno Nicolai hat für "Die rote Dame" ein musikalisches Thema kreiert, das meiner Meinung nach nicht nur perfekt auf den Film abgestimmt ist, sondern auch gemeinsam mit seiner Komposition für "Die Farben der Nacht" und einigen anderen berühmten Giallo Soundtracks (wie z.B. Morricones Musik zu "Una lucertola con la pelle di donna") mit zu den Besten gehört, die das Genre zu bieten hat.

Besonders in der seit Mai verfügbaren sehr guten Bildqualität der Arrow Veröffentlichung kommt die kunstvolle Szenengestaltung und Beleuchtung dieses unterschätzten Werks erst richtig zur Geltung. Für mich ist "Die rote Dame" eines der noch viel zu wenig gewürdigten Highlights des Genres.


Fotos der Drehorte findet ihr hier.




Foto: No Shame USA, Eyecatcher DVD




Foto: Arrow Video VÖ (England)




Foto: Dagored Locandina und Plattencover



Foto: Dagored OST