Geisterdorf

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Italien März 17

Freitag, 28. März 2014

LA CITTÀ SCONVOLTA: CACCIA SPIETATA AI RAPITORI (1975)














AUGE UM AUGE
Italien 1975
Regie: Fernando Di Leo
DarstellerInnen: Luc Merenda, James Mason, Irina Maleeva, Vittorio Caprioli, Salvatore Billa u.a.


Inhalt
Zweirad-Mechaniker Mario Colella hängt nach dem Tod seiner Frau seine Motocross-Karriere an den Nagel, um sich ganz der Erziehung des einzigen Sohns Fabrizio zu widmen.
Bauunternehmer Ingenieur Filippini ist ein macht- und geldgieriger Despot.
Die beiden Männer verbindet auf den ersten Blick rein gar nichts - bis der Sohn von Filippini von Lösegelderpressern direkt vom Schulhof weg entführt wird.
Fabrizio versucht seinem Freund zu helfen und wird von den Bösewichten im Eifer des Gefechts kurzerhand mit ins Auto gepackt.
Während Mario Colella sein gesamtes Hab und Gut ohne mit der Wimper zu zucken verkaufen würde, um Fabrizio wieder in seine Arme schließen zu können, findet Filippini die von ihm für seinen Sohn geforderte Lösegeldsumme zu hoch und beginnt einen makabren, nervenaufreibenden Handel mit den Entführern, der sich über mehrere Tage hinzieht.
Dieser endet mit dem Tod Fabrizios. Colella erkennt, dass er nichts mehr zu verlieren hat und heftet sich an die Fersen der Erpresser...






An den Filmen von Regisseur Fernando Di Leo kommt man als Liebhaber(in) des italienischen Kinos der Siebziger eigentlich nicht vorbei.
Seine Filmografie hat zwar lediglich 22 Titel zu verzeichnen (als Drehbuchautor war Di Leo bei doppelt so vielen Filmen involviert), dennoch sind seine Werke für das Genre von großer Bedeutung.

Di Leo, der sein künstlerisches Dasein tendenziell als eher unverstandener und als unter selbsternannten Moralaposteln verhasster Regisseur fristete, war schlechte Kritik gewohnt.
Wahrscheinlich überraschte es den promovierten Juristen und politisch links orientierten Filmemacher nicht besonders, als es für den 1975 entstandenen "Auge um Auge" nicht nur in Italien in erster Linie negative Kommentare hagelte.
"Billiger Actionfilm, der die scheinbare Ohnmacht des Staats ausstellt, um Selbstjustiz zu legitimieren" mokierten sich die Autoren des "Lexikon des Internationalen Films".
Auch eine Interpretationsmöglichkeit.

"Auge um Auge", der im Jahr 1975 entstand, ist nicht nur Poliziottesco, sondern auch ein Selbstjustiz-Drama, das in erster Linie von seinen authentischen SchauspielerInnen, allesamt einprägsame Charaktere, lebt.
Wer nach "Il poliziotto è marcio" dachte, Luc Merenda wäre nicht zu großen Emotionen fähig, irrt gewaltig.
Die Rolle des verzweifelten und desillusionierten Colella wird von ihm mehr als überzeugend verkörpert, während Parade-Bösewicht James Mason als abgebrühter Ingenieur Filippini brilliert.
Vittorio Caprioli (u.a. zu sehen in "Oben ohne, unten Jeans" als Kommunenoberhaupt Nazariota), so etwas wie ein italienischer Louis de Funès, mimt den exzentrischen Kommissar Magrini, der durch sein loses Mundwerk und seine oft unüberlegten Sprüche die Stimmung immer wieder auflockert.

Die Handlung ist denkbar einfach, aber wirkungsvoll inszeniert.
Besonders hervorzuheben sind dabei die wilden Verfolgungsjagden zwischen Auto und Motorrad durch schmale Gassen und über steile Treppen.
Wer "Der Mafiaboss" kennt, weiß, dass es die Actionszenen von Di Leo in sich haben.
Merenda, der nicht nur auf dem Motorrad eine gute Figur macht, rast sogar durch die Glasfront einer Imbissbude und vollführt weitaus mehr als einen formvollendeten Motorrad-Stunt.
Landschaftlich ist nicht nur durch den Ortswechsel von Rom nach Mailand für Abwechslung gesorgt.
Die Hütte, die die Entführer zum Rückzug nutzen, liegt hinter einer staubigen, sich den Hügel hinaufschlängelnden Bergstraße mitten im Hinterland der schönen Abruzzen. Da bekommt man direkt Fern- (oder Heim-)weh nach Bella Italia!

Nach der Sichtung aller verfügbaren Interviews mit Di Leo, der sich seiner Provokation immer bewusst war, und der Auseinandersetzung mit seiner Arbeit, bin ich der Meinung, dass sein Motiv für "Auge um Auge" keineswegs die platte Rechtfertigung von Selbstjustiz war.
Es ging ihm wohl mehr um die Veranschaulichung der Wert- und Moralvorstellungen der Protagonisten.
Und um die Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen, bei denen die gierigen Reichen von den Behörden bevorzugt werden (Kommissar Magrini ruft auf Weisung des Polizeipräsidenten den Immobilienhai-Vater höchst persönlich an, um ihn über die Entführung zu verständigen, während Colella aus den Medien davon erfahren muss).

Sorgfältig herausgearbeitet wurde auch die Machtlosigkeit des aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Colella auf der einen Seite und auf der anderen Seite die größenwahnsinnige Selbstüberschätzung von Filippini, der über den Geldwert des Lebens seines eigenen Sohns verhandelt.
Schlussendlich scheint die Rache des von der Polizei und Filippini im Stich gelassenen Colella nur konsequent. Ihn hat niemand unterstützt, er war nie in einer Position, in der er sich selbst als handlungsfähig erleben konnte und entwickelt sich dadurch zu einem Mann, der rein gar nichts mehr zu verlieren hat.

Der einfache italienische Bürger, der als Spielball zwischen Behörden und Vertretern einer höheren Gesellschaftsschicht fungiert und seine Gefühle der Ohnmacht und Verzweiflung durch einen Akt der Gewalt kompensiert, ist ein typisches Di Leo-Thema.
Und wenn das Ganze auch noch auf stilsichere Art von einem coolen Luc Merenda dargestellt wird, ist für spannende Unterhaltung gesorgt.

"And if in this great country of ours, there was no one who could find 10 billion from one day to the next, as if it was peanuts, there'd be no more kidnapping."
(Kommissar Magrini zu einem seiner Mitarbeiter)

"Auge um Auge" ist kein "Milano Kaliber 9" und zählt wohl nicht zu den herausragendsten Werken Di Leos, hat aber seinen ehrenwerten Platz in den Top 25 des italienischen Polizeifilms mehr als verdient.
(Als Blu Ray in der empfehlenswerten amerikanischen "Fernando Di Leo Italian Crime Box No. 2" erhältlich.) 




Foto: Blu Ray aus der Di Leo Crime Box (Raro), NEW DVD, italienische Raro Video VÖ