Geisterdorf

Geisterdorf
Italien März 17

Freitag, 10. April 2015

SEI DONNE PER L'ASSASSINO (1964)














BLUTIGE SEIDE
Italien 1964
Regie: Mario Bava
DarstellerInnen: Eva Bartok, Cameron Mitchell, Thomas Reiner, Ariana Gorini, Dante DiPaolo, Mary Arden, Franco Ressel, Claude Dantes, Lea Lander, Luciano Pigozzi u.a.


Inhalt:
Die junge, reiche Witwe Comtessa Cristina Como betreibt einen Modesalon. Eines Tages wird eines ihrer Models ermordet. Die Polizei tappt vorerst im Dunkeln über die Täterschaft und das Motiv.
Als sich die Zahl der Models durch weitere grausame Morde kontinuierlich dezimiert, gerät der ermittelnde Inspektor dezent unter Zeitdruck.
In einer verzweifelten Aktion lässt er alle Verdächtigen festnehmen. Dieser Schachzug kann eine weitere Bluttat jedoch nicht verhindern...


Die Farbe Rot sticht an vielen Stellen ins Auge


Der Mörder mit dem "Gesichtsverband"


Es gibt innerhalb der Fan-Gemeinde des italienischen Kinos der Sechziger und Siebziger Jahre eine beachtliche Anzahl von Menschen, die die Werke Mario Bavas frenetisch verehren.
Und es ist bezeichnend für den Kult um das Regietalent Bava, dass gerade über ihn das dickste und umfangreichste Buch, das je über einen Nischenfilm-Regisseur seiner Zeit geschrieben wurde, existiert.
Auf zahlreichen Veröffentlichungen finden sich etliche Stunden an Bonus-Material in Form von Texttafeln und Interviews zum Künstler respektive zur Person Mario Bava, seinem Werdegang und seinen Filmen. Nicht ohne Grund. Denn Bava hat die Filmwelt, zumindest in gewissen Sparten, in der Tat nachhaltig geprägt.
Besonders der Einfluss seiner frühen Werke ist von den Siebzigern bis in die heutige Zeit hinein erkennbar. Der fachmännische Einsatz von formvollendeten Licht-Schatten-Effekten, sowie außergewöhnlich dirigierten Kamerafahrten und Bildkompositionen spiegelt sich beispielsweise bei Dario Argento, Tim Burton oder Joe Dante in Form von künstlerischen Huldigungen in deren eigenen Werken wieder.
Und wenn man aufmerksam diversen Interviews aktueller Regisseure über Einflüsse und Vorbilder für ihre Arbeit lauscht, hört man mitunter ebenfalls den Namen Mario Bava.
Leider ward ihm zu Lebzeiten nur wenig positive Kritik, besonders in seinem Heimatland, vergönnt. Ein Schicksal, das er immerhin mit einigen anderen verkannten Genies und Kunstschaffenden teilt. 

Während Bava im Jahr zuvor mit dem wunderbaren "La ragazza che sapeva troppo" die narrative Schablone des italienischen Giallos umriss, schuf er mit "Blutige Seide" den stilistischen Prototypen für zahlreiche weitere Genre-Filme, insbesondere für die Dario Argentos (u.a. in "Profondo Rosso") und Luciano Ercolis ("La morte accarezza a mezzanotte").

Wenn man "Blutige Seide" zum ersten Mal erlebt, muss man sich dabei sowohl die Entstehungszeit als auch die Bedeutung des Films für später produzierte Gialli vor Augen halten.
Obwohl das Drehbuch etwas schwächelt und sich keine der agierenden Personen als Identifikationsfigur oder gar Sympathieträger anbietet, kommt man nicht umhin, die Handlung aufmerksam zu verfolgen.
Ich würde in diesem Zusammenhang nicht einmal von Spannung sprechen, sondern eher von einer unbändigen Neugier, die durch die Inszenierung und die rätselhaften Charaktere geweckt wird.
Man hat das Gefühl, dass alle etwas zu verbergen haben und da wir als ZuschauerInnen nur einen oberflächlichen Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt oder die Vorgeschichte der ProtagonistInnen erhalten, sind die Morde prinzipiell allen handelnden Personen zuzutrauen.
Das Motiv für die grausamen Untaten bleibt bis kurz vor dem tragischen Finale im Verborgenen, was der Geschichte einen besonderen Charme verleiht.

Die sadistischen Verbrechen werden von einer etwas unförmig wirkenden, in schwarze Gewänder gehüllten Person mit schwarzen Handschuhen begangen, die einen Hut trägt und eine Art Gesichtsverband, der keinen Millimeter Haut freigibt.
Bereits in "Die Stunde wenn Dracula kommt" geht es in Anbetracht seiner Entstehungszeit und der Darstellung von Brutalität nicht gerade zu wie bei einem Kindergeburtstag. Doch in "Blutige Seide" wird die Gewalt noch viel drastischer (und in berückend schönen Farben) gezeigt.
Der Rohling mit dem Hut würgt seine Opfer nicht nur, er drückt einer Frau sogar eine Eisenklaue ins Gesicht oder verbrutzelt das Antlitz eines schönen Models an einem heißen Ofen. Mit dem eigenwilligen Auftürmen von zwei seiner Opfer zu einer Art Skulptur beweist der umtriebige Kapitalverbrecher auch Sinn für makaberen Humor oder - je nach Interpretation- schlicht und einfach Wahnsinn.

Die Sets (gedreht wurde ausschließlich an Original-Schauplätzen) sind ähnlich perfektionistisch und ästhetisch ausgeleuchtet wie bei "Die drei Gesichter der Furcht" oder "Der Dämon und die Jungfrau".
Als ZuschauerIn zerfließt man förmlich in einem Rausch aus Farben – die Kulissen und Requisiten glimmen mal grün, mal violett, rot oder blau und das auch manches Mal alles zur selben Zeit.
Die Farbe Rot sticht an allen Ecken und Enden ins Auge. Eine Schaufensterpuppe, deren Körper mit rotem Samt überzogen ist, erregt genauso Aufmerksamkeit wie das rote Schild des Modesalons oder der tiefrote Telefonhörer, der zum Ende des Films leinwandfüllend beinahe hypnotisierend hin und her pendelt.
"Blutige Seide" ist bunt und psychedelisch, nützt Licht-Schatten-Effekte und erzeugt nicht nur durch die drastisch und lebhaft dargestellten Morde ein Gefühl der Beklemmung. Auch durch Kamera-Perspektiven und geschickt eingesetzte Kamerafahrten entsteht eine mysteriöse Atmosphäre, die das Drehbuch stellenweise zu einer Nebensächlichkeit degradiert.


Ist sie nicht toll? - Eva Bartok

Die aus Ungarn stammende Schönheit Eva Bartok war eine exquisite Besetzung für die Rolle der Comtesse. Sie strahlt Eleganz, Dekadenz und zugleich eine gewisse Dominanz aus. Sie wirkt verführerisch und geheimnisvoll.
Schade, dass sie nicht in mehreren Genrefilmen mitgewirkt hat.
Claude Dantes (ein eigenwilliger Name für eine Frau, aber er passt zu ihr) als Tao-Li ist ebenfalls eine interessante und einprägsame Erscheinung. Ein Gesicht, das man sich gut merkt.
Apropos Gesichter merken: Lea Lander, die ich bereits wiederholt in Mario Bavas "Wild Dogs" bewundert habe und von der ich behauptet hätte, sie jederzeit und überall wieder zu erkennen, spielt eines der Models. Da sie in den Credits als Lea Krüger geführt wird, konnte ich keinen Zusammenhang herstellen und bin immer noch irritiert, sie nicht identifiziert zu haben.
Der beliebte Nebendarsteller Luciano Pigozzi gehört ebenfalls zum Ensemble und selbstverständlich auch zum Kreis der Verdächtigen. Genau so wie der unverkennbare Herr Stengel aka Franco Ressel (oder umgekehrt?).
Der trompetenlastige Soundtrack verfügt über Ohrwurm-Qualität und scheint wie  geschaffen für den High Society-Dunstkreis aus Lug, Betrug, Skandalen und Drogenexzessen.

"Blutige Seide" ist auf visueller Ebene ein Kunstwerk, das zur mehrmaligen Sichtung einlädt und eine Aura der zeitlosen Eleganz verströmt, die ihresgleichen sucht.

Die eben erst (unter der Mitwirkung von Bava-Koryphäe Tim Lucas) erschienene Blu Ray von Arrow verfügt über umfangreiches und wirklich informatives Bonus-Material, das zum Einen italienische Filmschaffende als auch Experten aus dem Stiefelland zum Thema "Charakteristika des Giallo Genres", zum Anderen natürlich über Mario Bava himself zu Wort kommen lässt.




Foto: Anolis/Buio Omega "Hände weg" Edition




Foto: Blu Ray im Steelbook von Arrow Video





Foto: Soundtrack CD (im Doppelpack mit "Der Dämon und die Jungfrau")





Trailer (aus dem Archiv von Italo-Cinema)