Geisterdorf

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Italien März 17

Sonntag, 2. August 2015

LA POLIZIA HA LE MANI LEGATE (1974)














KILLER COP
Italien 1974
Regie: Luciano Ercoli
DarstellerInnen: Claudio Cassinelli, Arthur Kennedy, Franco Fabrizi, Sara Sperati, Bruno Zanin, Francesco D'Adda, Valeria D'Obici, Giovanni Cianfriglia u.a.


Inhalt:
Kommissar Matteo Rolandi ist Drogenfahnder in Mailand und durchsucht gerade das Hotelzimmer eines Verdächtigen, als im Foyer eine Kofferbombe explodiert. Das Hotel, das anlässlich eines Kunst-Kongresses von wichtigen internationalen Persönlichkeiten besucht ist, wird zum Massengrab.
Kurze Zeit später trifft Rolandis Freund und Kollege Balsamo bei einer Routinekontrolle zufällig auf einen verstört wirkenden jungen Mann, der mit dem Bombenattentat etwas zu tun zu haben scheint. Der Verdächtige entwischt ihm knapp. Vom Justizministerium beauftragt wird Oberstaatsanwalt Di Federico auf den Fall angesetzt, der die Ermittlungen Rolandis mehr oder weniger boykottiert.
Die für die Tat Verantwortlichen entsenden einen Auftragsmörder, der jeden, der in den Fall verwickelt ist und zu viel wissen könnte, ins Visier nimmt. Können die beiden ungleichen Männer, Polizist und Staatsanwalt, den Fall aufklären und die Auftraggeber des Anschlags entlarven?


Das sympathische Duo Balsamo (links) und Rolandi


Arthur Kennedy überzeugt als Oberstaatsanwalt


Der irreführende reißerische deutsche Titel "Killer Cop" passt so gar nicht zu dem nachdenklich stimmenden, düsteren Poliziottesco Luciano Ercolis.
Denn hier ist tatsächlich der Name, sprich der Originaltitel, Programm: "La polizia ha le mani legate" (also: "Der Polizei sind die Hände gebunden").
Sieht man vom doch recht plastisch dargestellten Bombenattentat zu Beginn des Films ab, verzichtet Ercoli weitestgehend auf die genre-üblichen Effekte und Actionszenen. Statt dessen taucht der Film tief ein in politische Inhalte.
Außerdem ist "Killer Cop" stark geprägt von einer intensiven Atmosphäre der Paranoia.
Die Schatten der Verschwörer und unsichtbaren Feinde scheinen Rolandi und Di Federico auf Schritt und Tritt zu verfolgen und beide müssen auf schmerzhafte Weise erfahren, dass sogar einstige Vertraute auf der anderen Seite stehen.

Dieser hochpolitische Poliziottesco mit seinem betrüblichen Originaltitel, der zugleich das Fazit des Films darstellt, lebt zu einem großen Teil von seinen authentischen und sympathischen Charakteren.
Allen voran Claudio Cassinelli ("Der Tod trägt schwarzes Leder"), der als Kommissar Rolandi einen sehr menschlichen Vertreter des Gesetzes spielt. Er ist kein jähzorniger Superbulle, der rund um die Uhr gesetzesuntreuen Buben die Zähne einschlägt, sondern ein angenehmer, relativ ausgeglichener Zeitgenosse, der auch von seinen Kollegen sehr geschätzt wird.
Sein Freund und Mitarbeiter Balsamo (Franco Fabrizi, der in "Das Syndikat" einen windigen Verbrecher mimte) ist ein sich oft selbst im Weg stehender herzensguter Chaot, was dem Unglückseligen nicht nur in Bezug auf seine Karrierepläne zum Nachteil gereichen soll...
Der amerikanische Schauspieler Arthur Kennedy, der gegen Ende seiner Karriere einige italienische Genrefilme (u.a. "Das Leichenhaus der lebenden Toten", "Die Viper") bereicherte, zeigt in der Rolle des Oberstaatsanwalts Di Federico, dass er zu den ganz Großen im Filmbusiness gehörte. Immerhin finden sich neben zahlreichen Engagements für Film und Theater fünf Oscar-Nominierungen in seinem Lebenslauf.
Den einzelgängerischen, sturen, sehr erfahrenen Vertreter der Anklage mimt er mit routinierter Eleganz.
Trotz der widrigen Umstände, unter denen Di Federico seine Arbeit aufnimmt, umgibt den in die Jahre gekommenen Staatsanwalt eine faszinierende Aura der stoischen Gelassenheit.
Zu seinem Leidwesen sitzt ihm bereits zu Beginn der Ermittlungen der Justizminister (ein wahrlich unangenehmer Zeitgenosse!) im Nacken, der über jeden noch so kleinen Fortschritt umgehend informiert werden will.
Di Federico ist es schließlich auch, der den berühmten Satz "La polizia ha le mani legate", aussprechen wird. Seine Maske der Unerschütterlichkeit zeigt kleine Risse als er erkennen muss, wie groß und übermächtig das kriminelle Netz hinter den kleinen Fischen, die das Attentat ausgeführt haben, in Wahrheit ist. Er entzieht sich der Geschichte.
Rolandi, eher ein Mann der Tat, sucht einen anderen Weg, das Gefühl der Ohnmacht loszuwerden.

Der exquisite, einprägsame Soundtrack aus der Feder Stelvio Ciprianis besteht aus einem treibenden und stimmigen Grundthema (mit Ähnlichkeit zum Sound in "Der unerbittliche Vollstrecker"), dessen unterschiedliche Variationen sich wunderbar an die einzelnen Szenen anschmiegen. Durch den Einsatz verschiedener Instrumente und Anpassung der Tempi klingt er mal schlichter, mal opulent und eher dramatisch, jedenfalls immer beklemmend.

Bezüge zu realen Ereignissen und Politisches


"Killer Cop" ist einer der dunkelsten, trostlosesten Filme, der innerhalb des Genres des italienischen Polizeifilms je hervorgebracht wurde. Bemerkenswerterweise greift er brisante damals hochaktuelle politische Inhalte, die zu diesem Zeitpunkt in der breiten Öffentlichkeit noch stark tabuisiert waren, auf.
Er spiegelt die reale Bedrohung während der sogenannten "Bleiernen Jahre" (die von Anschlägen der Roten Brigaden und Faschisten geprägte Ära) wider.
Der Plot vermittelt uns dieses Gefühl der permanenten Bedrohung durch die ungreifbare Gefahr, die sowohl von linken Stadt-Guerilla-Truppen als auch von den vom CIA und der NATO unterstützten "Gladio-Geheimarmeen" ausging. Deren geheimes Ziel war es, um jeden Preis eine von Kommunisten dominierte italienische Regierung zu verhindern.
Geschickt wird die "Strategie der Spannung" (lohnend: Interessierte suchen auf wikipedia nach diesem Begriff) im Film eingearbeitet. Zu keinem Zeitpunkt wird für den Zuschauer deutlich, welches politische Lager für den Terror verantwortlich gemacht werden kann.


Diskussionen in der Straßenbahn


Ercoli lässt in einer Straßenbahn-Szene die einfachen Bürger darüber streiten, wer die Bombenleger waren. Schnell wird bei den hitzigen Debatten der Ruf nach einer harten restriktiven Regierung laut: "Unter den Faschisten gab es solche Zustände nicht!"
Beeindruckend, wie Luciano Ercoli zu einer Zeit, in der die Machenschaften der NATO und insbesondere Gladios noch Geheimsache war, die Mechanismen des Terrors von sogenannten "stay behind-Organisationen" aufdeckt.
Bereits in den Siebzigern gab es zwar erste Hinweise auf diese Art von politischem Terror (sogar die namhafte italienische Tageszeitung "Corriere della Sera" griff das Thema in einem Artikel auf), doch keine Beweise, keine Namen, nichts konkret Greifbares.
Im Film haben die wichtigen Männer aus den höchsten Reihen, die hinter den Anschlägen stecken, analog zum realen Hintergrund, keine feststellbare Identität. Es kann nur spekuliert werden, wer die Nutznießer einer aus den Fugen geratenen politischen Lage sein können.

Ercoli geht mit "Killer Cop" sogar noch einen Schritt weiter als andere italienische Regisseure seiner Zeit.
Er baut reale Ereignisse, unter anderem den Terroranschlag auf dem Piazza Fontana in Mailand (1969) in seinen Film ein. Bei dem verheerenden Bombenanschlag starben 16 Menschen, 88 wurden verletzt. Trotz offensichtlichem rechtsextremen Hintergrund fahndete die Polizei jahrelang nur unter den Linken.
Ercoli verwendet die Begräbnis-Szenen der Opfer dieses Anschlags als Bilder in einer Fernsehübertragung in seinem Film und nimmt so Bezug zur damaligen realen Situation Italiens.
Ebenso lässt Ercoli es sich nicht nehmen, eine sarkastische Anspielung auf die Tagung der extremen Rechten zum Thema "Konterrevolutionäre Kriegsführung und die Verteidigung Italiens gegen den Kommunismus mit allen Mitteln", die im Luxushotel "Parco dei Principe" stattfand, einzubauen.
Denn in seinem Poliziottesco tagt in zufälligerweise just in demselben Hotel ein internationales Publikum zum Thema "Naive Kunst"...

"Killer Cop" ist eine couragierte und herausragende Arbeit Luciano Ercolis, dessen leider nur acht Werke umfassende Filmografie die Welt des Kinos bis heute nachhaltig bereichert.




Foto: DVD von Cecchi Gori und Raro USA Blu Ray




Foto: Absolut empfehlenswerter OST von Chris' Soundtrack Corner