Geisterdorf

Geisterdorf
Italien März 17

Sonntag, 21. September 2014

L'UOMO SENZA MEMORIA (1974)














DER MANN OHNE GEDÄCHTNIS
Italien 1974
Regie: Duccio Tessari
DarstellerInnen: Luc Merenda, Senta Berger, Umberto Orsini, Anita Strindberg, Bruno Corazzari, Rosario Borelli, u.a.


Inhalt:
Der Engländer Ted arbeitet unter einem falschen Namen in einem Antiquitätengeschäft in London. Nicht absichtlich. Dummerweise fehlt ihm nämlich nach einem Unfall das Wissen um seine wahre Identität. Er hat jegliche Erinnerung an die Zeit vor seinem Krankenhausaufenthalt verloren.
Auch ein Psychiater kann seinem Gedächtnis nicht auf die Sprünge helfen. Doch plötzlich tauchen Leute aus seiner Vergangenheit auf, die vorgeben zu wissen wer er ist.
Weitere Hinweise zu seinem wahren Ich erhofft sich Ted in Portofino zu erhalten. Seine italienische Ehefrau Sara hat ihn nämlich dorthin eingeladen.
Erst einmal angekommen gestaltet sich nicht nur das Wiedersehen mit seiner Angetrauten etwas kompliziert. Das Ehepaar wird nämlich beobachtet und bedroht...


George (links) und Ted


Senta Berger - was für eine Frau!


Duccio Tessari hat nur bei wenigen Gialli Regie geführt, nämlich drei an der Zahl. Und alle zählen zu meinen Lieblings-Gialli. Sie heben sich durch ihre Handlung und ihren Stil deutlich aus dem qualitativen Mittelfeld des Genres hervor.
Das für viele Gialli charakteristische style-over-substance Prinzip fehlt hier weitestgehend.
Sowohl "Das Grauen kam aus dem Nebel" als auch "Blutspur im Park" und eben "Der Mann ohne Gedächtnis" sind dafür von herausragender erzählerischer Qualität und inszenatorischer Dichte, wie man sie bei den italienischen Kriminalfilmen der 60er und 70er Jahre nur selten antrifft.
"Der Mann ohne Gedächtnis" ist im direkten Vergleich sicher der schwächste der Tessari-Gialli, aber hebt sich dennoch in positiver Weise von anderen 0815-Genrefilmen ab.

Ernesto Gastaldi, der Geschichten für unzählige Genredrehbücher erdachte, hat für "Der Mann ohne Gedächtnis" eine nicht allzu komplexe, aber bestens funktionierende Handlung auf's Papier gezaubert.
Die Faszination geht in erster Linie davon aus, dass Ted weder weiß, wer er selbst ist, noch was er sich in seiner Vergangenheit vielleicht zu Schulden kommen lassen hat. Denn in einem Punkt sind sich die meisten seiner ehemaligen Freunde, Geschäftspartner und sogar seine Frau einig – er war ein Mistkerl.

"Es ist besser, einen wie ihn zu verlieren als zu finden."
Sara über Ted

"Ich bin froh, dass du meine Frau bist."
Ted zu Sara beim ersten Wiedersehen

Ted bemüht sich redlich um seine Frau (dieser Teil der Geschichte nimmt für meinen Geschmack fast etwas zu viel Raum ein), die er offenbar vor einem Jahr in Italien sitzen gelassen hat und erweckt sogar den Anschein, ein besserer Mensch werden zu wollen, als er einst gewesen ist.
Dieses Vorhaben wäre wahrscheinlich um Einiges einfacher, wenn da nicht noch sein anderes Problem wäre – einer, der sich als sein "Geschäftspartner" ausgibt, behauptet, dass Ted ihn über's Ohr hauen wollte. Es geht um irgendeine Beute, viel Geld und schmutzige Geschäfte.
Abwechselnd steht der geheimnisvolle George vor Sara und Ted und verspricht beiden den sicheren Tod innert weniger Tage, wenn Ted nicht das Versteck der Beute preisgibt.

Wir Zuschauer tappen genauso im Dunkeln bezüglich der Forderungen von George wie auch bezüglich der Unsicherheit darüber, wem Ted überhaupt trauen darf.
Und dann stellt sich natürlich noch die Frage, was Ted tun wird/würde, wenn er sein Gedächtnis zurückerlangt. Denn eines steht fest: er hat sich seine Hände bei irgendeiner krummen Sache ziemlich schmutzig gemacht und befindet sich nicht nur durch Zufall in dieser vertrackten Situation. Wird er wieder zu seinem alten Ego zurückkehren und sich zu einem skrupellosen Schurken wandeln?
Genau diese Aspekte machen den besonderen Reiz des Films aus.

"Vielleicht hab ich jemandem was angetan und er lässt mich jetzt dafür bezahlen."
Ted zu Sara

Ich muss es immer wieder betonen. Luc Merenda, der in diesem Film den Mann mit der bewegten Vergangenheit spielt, war einfach eine coole Socke!
Der französische Schauspieler, der gerne auch Rollen in italienischen Genrefilmen annahm (z.B. "Auge um Auge", "Il poliziotto è marcio" oder "Torso") hatte nicht nur immer die stylischsten Schlaghosen und Sonnenbrillen an, sondern überzeugt auch in jeder Actionszene.
Der Darsteller mit dem athletischen Körper, der sogar eine Kampfsportart beherrschte, zeigt natürlich auch in "Der Mann ohne Gedächtnis" was er so drauf hat. Auch wenn die Kampfszenen hier zugunsten des Rätsels um die Machenschaften von Ted eher in den Hintergrund rücken.

An seiner Seite: die österreichische Schauspielerin Senta Berger in der Rolle seiner mutigen Frau Sara.
Der Name war und ist mir selbstverständlich ein Begriff, aber ich kannte bis dato keinen Film mit ihr, da sie sich wohl als ernsthafte Mimin verstand und bestimmte Genres deshalb eher gemieden hat, stelle aber fest, sie war gar nicht mal so unberühmt.
Gemeinsam mit Marisa Mell besuchte Senta Berger das berühmte Rainhardt Seminar in Wien, verließ es aber vorzeitig, da sie ohne die vorherige Zustimmung des Direktors eine Rolle angenommen hatte. Dies tat ihrer Karriere aber augenscheinlich keinen Abbruch und ihr beruflicher Werdegang führte sogar bis nach Hollywood.


Ja sie ist es - Anita Strindberg

Anita Strindberg spielt auch eine kleine Rolle in "Der Mann ohne Gedächtnis". Ich hatte zwar etwas Mühe, aber ich hab sie doch an ihrer Nase erkannt. Kein Witz.
Während sie in "Una lucertola con la pelle di donna" die Femme fatale par excellence mimte und auch in "The Child – Die Stadt wird zum Alptraum" und "Der Berserker" umwerfend gut aussah, ähnelt sie in diesem Film eher einem zu groß geratenen Pudel.

Bruno Corazzari, einer der beliebtesten Nebendarsteller im italienischen Genrekino, wirkte in zahlreichen Western, Poliziotteschi und Gialli mit. Hier hat er ausnahmsweise mal eine etwas größere Rolle – Teds Ganovenkumpane George: undurchsichtig und eindeutig gefährlich. Bereit, über Leichen zu gehen. Seine Taschentuch-Marotte macht ihn zu einem wahrhaft kultigen Schurken.

Gegen Ende geht’s noch mal richtig rund und die Kettensägen-Szenen sind wirklich besonders originell. Das halb offene Ende erstaunt, aber ärgert nicht.

Als Hintergrund für die intelligent verwobene und verworrene Story rund um den "Mann ohne Gedächtnis" dient die Kulisse der romantischen Hafenstadt Portofino und die stimmige und unter die Haut gehende musikalische Soundtrack-Untermalung von Komponist Gianni Ferrio (u.a. "Blutspur im Park" oder "Django - unbarmherzig wie die Sonne").
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Foto: dänische DVD (Another World) und KOCH Media Digipack




Aushangfoto




Trailer (aus dem Archiv von Italo-Cinema)