Geisterdorf

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Italien März 17

Donnerstag, 19. Juni 2014

IL POLIZIOTTO È MARCIO (1974)














SHOOT FIRST, DIE LATER
Italien, Mexiko 1974
Regie: Fernando Di Leo
DarstellerInnen: Luc Merenda, Richard Conte, Delia Boccardo, Raymond Pellegrin, Vittorio Caprioli, Monica Monet, Marisa Traversi u.a.


Inhalt
Comissario Domenico Malacarne, der ehrgeizige Vorzeige-Polizist der Mailänder Exekutive, führt ein Doppelleben. Denn er steht nicht nur im Dienst der Gesetzeshüter, sondern nimmt auch Aufträge von hochrangigen Mafia-Mitgliedern an.
Dass dies auf Dauer nicht gut gehen kann, erklärt sich von selbst.
(Muss natürlich auch so sein, sonst könnte man keinen interessanten Film aus der Geschichte machen.)
Und so kommt der Tag, an dem Domenico für seine unlauteren Machenschaften büßt und um alles fürchten muss, was ihm lieb ist...


Die Fassade bröckelt...


Vittorio Caprioli blödelt mit dem Kommissar


Eines gleich vorweg: "Il poliziotto è marcio" reiht sich nahtlos in die besten Vertreter des Poliziottesco Genres ein. Umso verwunderlicher ist, dass der Film nicht entsprechend vermarktet wurde und so nie die Aufmerksamkeit bekam, die er eigentlich verdient.
Deshalb möchte ich ihm mit diesem kleinen Review wenigstens den wohlverdienten Tribut zollen.

Regisseur Fernando Di Leo, bekannt für seine besonders realistische Mafia-Trilogie, auch "Milieu-Studie" genannt (vgl. "Milano Kaliber 9", "Der Mafiaboss" und "Der Teufel führt Regie"), wurde von seinen Zeitgenossen häufig als linksintellektueller Filmemacher charakterisiert.
So sah er sich auch selbst gerne.
Im Unterschied zu anderen Poliziotteschi waren seine Filme näher an der Realität angesiedelt.
So nahe, dass er nicht nur juristische Probleme mit namhaften Politikern, denen eine gewisse Nähe zur Mafia nachgesagt wurde, sondern auch mit hochrangigen Polizeibeamten bekommen sollte.
Letzteres hatte er laut eigener Aussage "Il poliziotto è marcio" zu verdanken.
Die Locandine (italienische Filmplakate bzw. Reklamezettel), auf denen der Originaltitel "Il poliziotto è marcio" (etwa: der Polizist ist korrupt) stand, lösten zudem auch einigen Unmut unter der Zivilbevölkerung aus.

Im Gegensatz zu den unschlagbaren Superbullen, wie sie in der Regel von Maurizio Merli (vgl. "Roma violenta") verkörpert wurden, dessen rechte Faust jedem Verbrecher sogleich ein Geständnis entlockt (und wenn nicht, hat das Draufhauen wenigstens Spaß gemacht) oder unbeugsamen und ernsthaften Kommissaren wie der Charakter des Mario Bertone (in "Das Syndikat") erfindet Di Leo keine stereotypen eindimensionalen Gesetzeshüter.
Eindrücklich zeigt er in "Il poliziotto è marcio" auf wenig kompromissvolle Art und Weise einen nicht sehr heldenhaften Vertreter der Berufsgruppe.

Dafür wählte er einen bis dato eher unbekannten Schauspieler, nämlich Luc Merenda (u.a. als Darsteller in "Torso", "Auge um Auge") mit seinem kantigen Charaktergesicht und seiner sportlich-muskulösen Figur.
Er wollte bewusst keinen ganz großen Namen als Zugpferd für seinen Film, weshalb er auf "Schnarchnase Franco Nero" (Zitat Di Leo) oder andere zur Blütezeit des italienischen Genre-Kinos erfolgreiche Mimen verzichtete.

Es gibt nur wenige Filme, die eine solche Magie besitzen, das Publikum bei Laune zu halten, obwohl der Hauptcharakter sich nicht gerade mit Ruhm bekleckert, sondern in erster Linie mit Adjektiven wie "gefühlsarm", "skrupellos" und "egoistisch" beschrieben werden kann.

Was auch immer es ist - die besonders tollen und spannenden Verfolgungsjagden oder die interessanten Wendungen in der Geschichte - oder vielleicht die Faszination, die trotz allem von der Figur des unberechenbaren Domenico ausgeht - es funktioniert fabelhaft. Zumindest bei mir.

Die Emotionen, die bei Domenicos stoischer Mimik nur erahnt werden können, werden auf jeden Fall auf der gegenüberliegenden Seite der Leinwand geweckt.
Während Domenico immer ein bisschen wie ferngesteuert wirkt, zeigt zumindest sein Vater (berückend: Salvo Randone) Emotionen.
Das Verhältnis zwischen den beiden ist zwar nicht besonders herzlich, aber der etwas ältere und kurz vor der Pensionierung stehende Polizist ist sichtbar stolz auf seinen erfolgreichen Sohn, der es in der Hierarchie der Mailänder Exekutive weiter nach oben geschafft hat als er selbst.
Umso größer ist die Verletzung seiner väterlichen Gefühle und seiner Polizisten-Ehre, als er realisiert, dass er von seinem Filius getäuscht wurde.

Nicht nur die Handlungsmuster der Vater-Sohn-Beziehung, sondern auch die komödiantischen Elemente in "Il poliziotto e´marcio" (Vittorio Caprioli als querulantischer und exzentrischer Neapolitaner) sind beseelt von einer unverkennbar italienischen Mentalität, die jedes italophile Herz einige Takte höher schlagen lässt.

Die Filmmusik von Luis Enríquez Bacalov wirkt - wenngleich ein Musikstück aus dem grandiosen Soundtrack aus "Milano Kaliber 9" verwendet wurde - im Unterschied zu dem anderer großer Poliziotteschi nicht so eingängig und zeitlos, fällt aber auch nicht negativ auf. Sonst gibt es bei "Il poliziotto è marcio" nicht wirklich etwas zu meckern.

Fernando Di Leo macht wie immer keine Gefangenen. Ein harter Film. Nicht nur wegen dem beinharten Ende und weil er die harte Realität der 70er in Italien zeigt, sondern auch, weil er das Di Leo-typisch auf eine schmerzvoll-ungeschönte Art und Weise tut.

Die Blu Ray von "Raro Video" verfügt zwar leider nur über englische Dub-Titles, ist aber jeden Cent wert.
Empfehlenswert ist natürlich auch der Kauf der Fernando Di Leo Crime Box, in der sich zusätzlich die sehr guten Di Leo Werke "Note 7 - Die Jungen der Gewalt" und "Auge um Auge" befinden.


Foto: Raro Video Blu Ray