Geisterdorf

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Italien März 17

Samstag, 1. März 2014

REVOLVER (1973)














DIE PERFEKTE ERPRESSUNG
Deutschland, Frankreich, Italien 1973
Regie: Sergio Sollima
DarstellerInnen: Oliver Reed, Fabio Testi, Paola Pitagora, Agostina Belli, Salvatore Borghese u.a.


Inhalt
Der Gefängniswärter Vito Cipriani ist ein rechtschaffener Mann, der alles in seinem Leben fest im Griff zu haben scheint.
Dies ändert sich auf radikale Weise, als eines Tages seine frisch angetraute Frau Anna aus der ehelichen Wohnung in Mailand entführt wird. Cipriani wird hierauf von unbekannten Tätern erpresst - er soll einem ihm bis dato nicht bekannten inhaftieren Mann, namens Milo Ruiz zur Flucht verhelfen.
In der verzweifelten Hoffnung, dass seine geliebte Frau dann freigelassen wird, befolgt Cipriani die Anweisungen der Entführer.
Um auf Nummer sicher zu gehen, dass er Anna auch wirklich wieder zurückbekommt, quartiert er Ruiz erst einmal bei sich zu Hause ein und wartet auf weitere Anweisungen bzw. einen Austausch.
Außerdem erhofft er sich, aus Ruiz herausprügeln zu können, wem dieser seine indirekte Fluchthilfe zu verdanken hat.
Milo Ruiz entpuppt sich allerdings als etwas naiver einzelgängerischer Kleinkrimineller ohne wichtige Kontakte im Gangstermilieu.
Sprich: er scheint tatsächlich keine Ahnung zu haben, wer (außer seinem Anwalt) ihn unbedingt wieder auf freiem Fuß sehen will. Mit der Hilfe von Ruiz begibt Cipriani sich auf die Suche nach seiner Frau und hangelt sich mühsam von einem Hinweis zum nächsten.
Die Spur, die die beiden unterschiedlichen Männer gemeinsam verfolgen, führt schließlich bis nach Paris und zu einem Komplott, in das höchst einflussreiche Männer verwickelt zu sein scheinen.
Doch das Schicksal Ciprianis und das seiner Liebsten ist schon lange besiegelt...


Ungleiche Charaktere: Vito und Milo


Dieser fiebrige Blick... 


"Revolver", der den deutschen Titel "Die perfekte Erpressung" trägt, scheint unverständlicherweise ein nur wenig bekannter Film zu sein.
Obwohl Regisseur Sergio Sollima sich in Fankreisen mit Werken wie "Von Angesicht zu Angesicht" oder "Der Gehetzte der Sierra Madre" einen Namen gemacht hat, scheint "Revolver" im deutschsprachigen Raum (noch) nicht die dem Film gebührende Ehre zu erhalten.
Dabei ist er ein kleines fieses Meisterwerk.
Ein Thriller mit derselben Konstellation von Charakteren wie im Western "Von Angesicht zu Angesicht", diesmal verpackt im Gewand eines Poliziottesco.

Oliver Reed in der Rolle des Gefängniswärters Cipriani wirkt mit fortschreitender Handlung immer mehr wie ein Besessener.
Er spielt (nein, er verkörpert) einen Mann im emotionalen Ausnahmezustand zwischen Wut und Verzweiflung, im Kampf mit seinen niederen Instinkten.
Er ist hin- und her-gerissen zwischen Rachegelüsten und seinen ehemals zweifelsohne ehrbaren Motiven.
Er definiert sich selbst als ehrliches und wertvolles Mitglied der zivilisierten Gesellschaft während er in Milo, dem er ein eigenes Wertesystem und Moralvorstellungen abspricht, nur den verabscheuungswürdigen Verbrecher (und keinen Menschen) sieht.
Die Ciprianis Charakter innewohnende Brutalität bricht aufgrund der emotionalen Extremsituation, in der er sich befindet, immer häufiger durch.
Ist er vielleicht doch nur ein Wolf im Schafspelz? Eine bloße Karikatur eines zivilisierten Menschen?

Fabio Testi stellt sein Talent sowohl als Stuntman als auch als Schauspieler wieder einmal unter Beweis.
Er mimt den etwas naiven, freundlichen und im Grunde seines Herzens gutmütigen Ganoven Milo überzeugend und hält sich an den richtigen Stellen zurück, um die darstellerischen Eskapaden des eher zu over-acting neigenden Oliver Reed etwas auszugleichen.

Ähnlich wie in "Von Angesicht zu Angesicht" spielt Sollima gekonnt mit dem Thema "Gut/Böse", verwischt moralische Grenzen und zeigt facettenreiche Charaktere. Nichts ist so, wie es auf den ersten Blick scheint.
Der Film wirft philosophisch anmutende Fragen auf, wie beispielsweise die nach dem Wert von Freundschaft und Zuneigung in einer (vermeintlich) zivilisierten Welt, in der sich jede(r) selbst der/die Nächste zu sein scheint.
Die Quintessenz dessen, was Sollima in "Revolver" wohl zum Ausdruck bringen wollte, ist, dass die vermeintlich "Guten" manchmal mehr Schaden anrichten als die am Rande der Gesellschaft stehenden Individuen, auf die sie abschätzig herabsehen.
Wen diese Aspekte nicht interessieren, dem sei (abgesehen davon) noch gesagt: "Revolver" ist spannend und unterhaltsam!

Toll inszeniert ist vor allem auch die illegale und abenteuerliche Reise von Cipriani und Ruiz mithilfe der professionellen Schlepperin Carlotta (Paola Pitagora) über die italienisch-französische Grenze, mitten durch schöne Schneelandschaften, verfolgt von der Polizei.
Wieder einmal sorgte Maestro Ennio Morricone für stimmige musikalische Untermalung - Ähnlichkeiten mit dem Score von "Der Berserker" und "Angst über der Stadt" sind also nicht rein zufällig oder das Ergebnis eines gemeinen Plagiats.

Zitat (ein zwielichtiger Rechtsanwalt):
"Society has many ways of defending itself: red tape, prison bars... and the revolver."

Sollima erzählt eine komplexe Geschichte, die das Schicksal zweier ganz unterschiedlicher Männer miteinander verwebt, ihre jeweilige Einstellung zum Leben aufgrund der Geschehnisse grundlegend verändert und die beiden Protagonisten am Ende auf brutale Art und Weise wieder auseinander dividiert.




Foto: VÖ von Blue Underground und Colosseo Film




Trailer (aus dem Archiv von Italo-Cinema)