Montag, 2. September 2019

FACCIA A FACCIA (1967)














VON ANGESICHT ZU ANGESICHT
HALLELUJA - DER TEUFEL LÄSST EUCH GRÜSSEN (Kinotitel)

Italien, Spanien 1967
Regie: Sergio Sollima
DarstellerInnen: Tomas Milian, Gian Maria Volonté, William Berger, Jolanda Modio, Carole André, Nello Pazzafini, Gianni Rizzo u.a.


Inhalt:
Der Lehrer Brad Fletcher trifft auf den Verbrecher Solomon "Beauregard" Bennet und entwickelt sich vom Entführungsopfer zum skrupellosen Bandenführer. Als Beauregard erkennt, welchen schlafenden Hund er geweckt hat, ist es beinahe zu spät, um seine GefährtInnen und Freunde vor einem schlimmen Ende zu bewahren...


Beauregard Bennet (Milian)


Brad (oder Brett) Fletcher (Volonté)


Mit Tomas Milian in der Rolle des windigen "bauernschlauen" Bandenanführers Beauregard und Gian Maria Volonté als überheblicher und machthungriger Ex-Lehrer Brad (in den italienischen Credits "Brett") duellieren sich in diesem Western zwei der begabtesten und charismatischsten Darsteller, die Cinecittà zur Zeit seiner Hochblüte zur Verfügung standen.
Auch wenn Milians Perücke im Topfdeckel Look etwas befremdlich wirkt – so etwas auf dem Kopf herumzutragen und dennoch so ernsthaft und inbrünstig zu schauspielern, das muss ihm erst mal jemand nachmachen. Glücklicherweise hat man diesen maskenbildnerischen Faux-Pas nach ein paar Minuten schon akzeptiert. Beauregard sieht eben so aus.


Rinder Anni (André)


Immer noch besser als seine junge Freundin (Carole André) mit dem wohlklingenden Namen Rinder-Anni, deren Haupthaar an ein Monchhichi oder einen Kobold aus "Die Reise ins Labyrinth" erinnert.
Aber das ist Meckern auf hohem Niveau. Man könnte es auch so deuten, dass diese Haarteile der Kategorie Wischmop den einzig humorvollen Konterpart zu der tendenziell dramatischen und am Ende gar tragischen Erzählung bilden.

Sergio Sollimas zweiter Western ist wie bereits "Der Gehetzte der Sierra Madre" stark gekennzeichnet durch sein gehaltvolles Drehbuch und die im Vordergrund stehende Persönlichkeits-Metamorphose der beiden Protagonisten.
Professor Brad Fletcher, der aus gesundheitlichen Gründen seinen Lehrberuf an den Nagel hängt, hat es auf der Karriereleiter trotz ausreichend vorhandenem geistigem Potential nie weit gebracht. Dies macht ihm bzw. uns sein (ehemaliger) Vorgesetzter bereits in der ersten Filmszene unmissverständlich klar. Brad hat nämlich ein Problem. Er war Zeit seines Lebens immer ein Duckmäuserich, es mangelt an Selbstbewusstsein und Durchsetzungsvermögen.
Dadurch, dass er von Beauregard zuerst als Opfer, dann als Helfer und schließlich als Freund auserkoren wird, wird Brads Ego gefüttert und enorm gestärkt.
Leider werden seine anerzogenen und erlernten moralischen Prinzipien durch Geltungsdrang und Allmachtsphantasien (vermutlich das Resultat zurückliegender unverarbeiteter Kränkungen) ersetzt.
Die Entwicklungsgeschichte Brads ist derer vieler mächtiger Männer bzw. Diktatoren gar nicht so unähnlich.
Vergangene persönliche Erfahrungen von Zurückweisung, Misserfolg und Kränkung werden leider allzu oft durch besondere Rücksichtslosigkeit, Grausamkeit und skrupellose Machtdemonstrationen kompensiert.

Während sich Professor Fletcher wichtige gesellschaftliche Werte wie Anstand, Freundschaft und Mitgefühl eher auf kognitiver Ebene angeeignet hat, dürfte Beauregard einen biographischen und emotionalen Zugang zu diesen Themen besitzen.
Das harte Leben und sein Umfeld haben ihn gelehrt, auf seinen Instinkt zu vertrauen. Die Gemeinschaft der Gesetzlosen, deren Anführer er ist, zollt ihm Respekt, weil er für sie nachvollziehbar handelt und immer authentisch ist.
Die kleine Rinder Anni bringt dies sehr pointiert zum Ausdruck als sie nach der Machtübernahme Brads den Vergleich zwischen ihm und Beauregard als Anführer zieht:
"Jetzt machst du die selben Dinge, die er gemacht hat. Aber es ekelt einen an, wenn du es tust!"

Sollima hat sich dieser Wandlung von Charakteren später in seinem grandiosen "Die perfekte Erpressung" abermals in sehr ähnlicher Form gewidmet. Die Protagonisten Vito Cipriani (Oliver Reed) und Milo Ruiz (Fabio Testi) sind ebenfalls sehr verschieden und ihr Verhältnis zueinander ähnlich gespalten wie das von Fletcher und Bennet.
Mein Fazit von "Die perfekte Erpressung" trifft daher haargenau auch auf "Von Angesicht zu Angesicht" zu: Sollima erzählt eine komplexe Geschichte, die das Schicksal zweier ganz unterschiedlicher Männer miteinander verwebt, ihre jeweilige Einstellung zum Leben aufgrund der Geschehnisse grundlegend verändert und die beiden Protagonisten am Ende auf brutale Art und Weise wieder auseinander dividiert.
Es gibt allerdings einen bedeutsamen und markanten Unterschied – Während Cipriani aus Verzweiflung und purer emotionalen Überforderung (seine Frau wird von Entführern festgehalten) Verbrechen begeht, sind Fletchers Beweggründe rein egozentrisch, seine Pläne durchzogen von (sadistischem) Kalkül.
Die Art von Sympathie und Mitgefühl, wie man sie für Vito Cipriani noch empfinden mag, wird bei Brad Fletcher durch sämtliche seiner Aktionen im Keim erstickt.

Interessant ist auch die eher wenig beachtete Rolle der Maria (Jolanda Modio, auch zu sehen in "Casanova 70"). Die Frau mit den schönen Augen und dem tiefgründigen Gesichtsausdruck, die mit dem Bandenmitglied Vance (Nello Pazzafini) liiert ist, nimmt sich Brad mit Gewalt.
Nach der Vergewaltigung zeigt sie sich an Fletchers Seite und schmiegt sich an ihn, während er mit Beaus Bande Pläne für den nächsten Überfall schmiedet.
Warum sie sich so verhält, wird nicht erklärt. Denkbar wäre, dass sie unter dem Stockholm Syndrom leidet bzw. dass sie ihm aus Angst vor weiterer Gewalt etwas vorspielt. Für Sollima bedurfte es augenscheinlich keiner näheren Beleuchtung des Dilemmas dieser Frau. Denn auch für Brad ist der Hintergrund für Marias Verhalten schließlich irrelevant. So lange alle seine Schachfiguren zu ihm aufsehen und Brad folgen, spielt es keine Rolle, was Maria und die anderen denken oder fühlen.
Wenn man sich mit Sergio Sollima etwas beschäftigt, kann man die chauvinistische Deutungs-Variante, die im Kino von damals keine Seltenheit darstellte (die Vergewaltigung hat ihr schlussendlich gefallen und dann hat sie sich eben verliebt), ausschließen.


Charley Siringo (Berger)


Als ausgleichendes Element zwischen Beau und Brad, die mit der Wandlung vom Schreibtischtäter zum Verbrecher und vom Verbrecher zum Helden von einem Extrem ins andere fallen, kann die Rolle des Charley Siringo verstanden werden.
Letzterer wird vom österreichischen Schauspieler William Berger (bekannt u.a. für die "Sabata" Western) verkörpert und darf getrost als eine seiner hervorragendsten schauspielerischen Leistungen bezeichnet werden.
Siringo ist Angestellter des Detektivbüros Pinkerton (der Vorläufer des F.B.I.) und versucht durch listenreiches Taktieren das Vertrauen von Beau zu gewinnen. Er hat den Auftrag, die Wilde Horde (Beaus Bande) zu zerschlagen. Er ist zwar ein Mann des Gesetzes, folgt jedoch eigenen Regeln und wägt am Ende gründlich ab, welcher der beiden Schurken für die Gesellschaft das geringere Übel darstellt.
Siringo weiß, wo er steht und bleibt seinen Überzeugungen und seinen Moralvorstellungen treu. Etwas, was man weder von Bennet noch von Fletcher behaupten kann.

Kurz und gut: Auch wenn ich "Der Gehetzte der Sierra Madre" noch mehr schätze, bereitet es mir immer wieder aufs Neue Freude, "Von Angesicht zu Angesicht" über die Leinwand flackern zu lassen, diesen grandiosen Darstellern bei ihren Duellen (die beileibe nicht nur mit Pistolen und Gewehren ausgetragen werden) zuzusehen, die Landschaftsaufnahmen zu bewundern und die für den Film komponierte Melodie von Ennio Morricone zu hören.
Wem dabei nicht irgendwie warm ums Herz wird, dem wird die Welt des Western all' italiana wahrscheinlich für immer verschlossen bleiben.




Foto: Sergio Sollima Box von Koch Media und Explosive Media DVD