Geisterdorf

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Italien März 17

Sonntag, 26. Januar 2014

IL CITTADINO SI RIBELLA (1974)



EIN BÜRGER SETZT SICH ZUR WEHR
aka EIN MANN SCHLÄGT ZURÜCK
Italien 1974
Regie: Enzo G. Castellari
DarstellerInnen: Franco Nero, Giancarlo Prete, Barbara Bach, Renzo Palmer, Massimo Vanni, Romano Puppo u.a.


Inhalt:
Genua im Jahre 1974. Carlo Antonelli, ein einfacher ehrbarer Bürger, leidet wie viele andere brave Leute unter den Auswirkungen der enormen Kriminalitätsrate im Land und scheint gerade vom Pech verfolgt zu sein.
Zuerst wird seine Wohnung von Unbekannten ausgeraubt und völlig verwüstet.
Wenige Tage später gerät er mitten in einen Banküberfall, bei dem die Verbrecher sein mühsam erspartes Geld stehlen, das er dort eigentlich sicher verwahrt haben wollte.
Als er in dem Chaos des Banküberfalls versucht, wenigstens ein paar seiner Scheinchen zu retten, wird er dabei von den Gangstern auf frischer Tat ertappt, als Geisel genommen und während einer turbulenten Verfolgungsjagd durch die Straßen Genuas im Auto übel verprügelt.
Völlig desillusioniert muss er feststellen, dass die Polizei wieder einmal nicht adäquat reagiert und der harsche Umgang des Kommissars mit ihm als Zeugen schürt seine Wut noch mehr.
Er will nur noch eines: das Gesetz selbst in die Hand nehmen und sich an den Verbrechern, die ihn so schlimm malträtiert haben, rächen!


Etwas ramponiert und "incazzato nero"!


Autsch...


"Ein Bürger setzt sich zur Wehr" ist ein klassischer Poliziottesco und zugleich ein gutes Beispiel für die tolle Regiearbeit Enzo Castellaris und die von Erfolg gekrönte Kooperation zwischen ihm und dem Schauspieler Franco Nero.
Mit Castellaris Erfolgsfilm "Tote Zeugen singen nicht", ebenfalls mit Nero in der Hauptrolle, war offenbar im Jahr zuvor der Grundstein für deren weitere fruchtbare Zusammenarbeit gelegt worden, deren Höhepunkt 1976 mit dem Italowestern "Keoma" erreicht wurde.

Nero spielt Carlo Antonelli, einen angepassten und etwas naiv wirkenden selbständigen Fotografen.
Stets freundlich, offenbar monogam veranlagt, mit seiner Barbara (die schöne Barbara Bach) fest liiert, sich an das Gesetz haltend - schlichtweg das Paradebeispiel eines braven Zivilisten.

Doch als sich in seinem Leben die negativen Erlebnisse aufgrund der in Italien explodierenden Kriminalitätsrate häufen, erwächst eine unbändige Wut in seiner zarten bürgerlichen Seele.
Wut auf die Verbrecher, das System, die untätige Polizei, das Gesetz (das die Verbrecher mehr zu schützen scheint als die braven Bürger) und die Wut, dem nicht funktionierenden System ohnmächtig ausgeliefert zu sein.
Dieser unbändige Verdruss wird zu seinem einzigen Antriebsmotor und macht ihn schließlich blind für die Gefahr, in die er sich begibt.
Carlo gerät so tief in den Strudel seiner eigenen Rachsucht, dass er schlussendlich bereit ist, nicht nur seine Beziehung, sondern sogar seine finanzielle Existenz zu ruinieren...

Aber vorerst muss er erst einmal die Identität der Bankräuber herausfinden, was bis dato der Polizei mit ihrer laschen Ermittlungsarbeit nicht gelungen ist.
Doch wie kommt ein bis dato durch und durch anständiger Durchschnittsmensch an Namen und Adressen von "großen Nummern" in der Unterwelt?
Carlo muss feststellen, dass es nur wenig zielführend ist, einfach in zwielichtigen Spelunken suspekte Individuuen anzusprechen und bemüht sich vernünftigerweise bald um eine etwas weniger heikle Vorgangsweise.
Durch Erpressung des jungen Kleinkriminellen Tommy macht er sich dessen Kontakte zunutze und taucht mithilfe seines neuen Bekannten immer tiefer in das Verbrecher-Milieu Genuas ab.
Zeigt Tommy anfänglich noch wenig Kooperationsbereitschaft, so freunden sich die beiden Männer doch im Laufe ihrer Abenteuer in der Gangsterwelt an.

"Ein Bürger setzt sich zur Wehr" beginnt relativ gemächlich mit einigen humoristischen Szenen, entwickelt sich aber rasch zu dem, was er eigentlich ist: einer der actionreicheren und rasanteren Poliziotteschi, bei dem die Spannung kontinuierlich steigt.
Castellaris zweiter Poliziottesco ist einer dieser Filme, bei dem man nicht nur mit dem Protagonisten mitleidet, sondern auch wiederholt kopfschüttelnd dasitzt, weil man eigentlich immer wieder versucht ist anzunehmen "schlimmer kann die Situation nicht mehr werden" und prompt eines Besseren belehrt wird.

Franco Nero wird verfolgt, verprügelt, mit dem Auto angefahren, durch den Dreck geschleift und sieht nicht nur authentisch, sondern auch verdammt gut dabei aus.
Einige Szenen wecken Erinnerungen an den zeitlich später entstandenen grandiosen Italowestern "Keoma".
Nicht nur wegen der von Agonie gezeichneten Mimik Neros, sondern auch, weil Castellari in einigen Actionszenen wieder einmal seine berühmten Zeitlupen-Sequenzen ausreizt.

Kollegial unterstützt wurde Nero von einigen der charismatischsten und kultigsten Charaktergesichtern, die das italienische Kino zu bieten hatte: Romano Puppo (u.a. bekannt aus Castellaris "Racket"), Renzo Palmer ("Die Killer der Apokalypse") und Massimo Vanni ("Verdammte, heilige Stadt").

Die De Angelis-Brüder haben sich viel Mühe gegeben und einen Soundtrack für die Ewigkeit geschaffen.
Die einprägsamen Songs, der dezent melancholische "Goodbye my friend" und die Easy Listening-Komposition "Driving all around" sind Balsam für die Seele und eines der Highlights der damals so populären italienischen Filmmusik-Komponisten.

Wer Franco Nero als vielseitigen Darsteller und Castellaris Gespür für stylisches und temporeiches Kino schätzt, ist mit "Ein Bürger setzt sich zur Wehr" gut bedient.




Foto: DVD von Blue Underground