Sonntag, 6. Januar 2019

LOST RIVER (2014)














LOST RIVER

USA 2014
Regie: Ryan Gosling
DarstellerInnen: Christina Hendricks, Saoirse Ronan, Eva Mendes, Matt Smith, Ian de Caestecker, Ben Mendelson, Barbara Steele u.a.

Inhalt:
Lost River ist ein verkommener Ort mit vielen leer stehenden Häusern, der Niemandem eine Zukunft zu bieten scheint. Wer kann, zieht weg. Nicht so Billy. Die attraktive allein erziehende Mutter eines Kleinkindes und eines Teenagers steckt in großen finanziellen Schwierigkeiten, möchte aber unbedingt den Abbruch ihres Hauses verhindern. Während sie von einem schmierigen Banker ein zwielichtiges Jobangebot annimmt, legt der ältere Sohn Bones sich mit dem gefährlichen Bully an. Sowohl der Mutter als auch dem Sohn drohen Gefahren, die sie sich in ihren schlimmsten Träumen nicht ausgemalt haben...


Vom Regen in die Traufe -Billy (Hendricks)


Freundschaft - Bones (Smith) und Rat (Ronan)


Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Mein optimistischer Plan besagte, dass unser Heimkino um diese Zeit wieder in Betrieb sein wird und ich die Feiertage nutzen kann, um Reviews zu schreiben.
Doch aufgrund mehrerer unvorhersehbarer Ereignisse müssen wir uns nun wohl noch einige Zeit gedulden. Deshalb behelfen wir uns vorläufig mit unserem Fernseher und einem Streaming Dienst.
Doch auch hier gibt es Schönes zu entdecken.
Wie zum Beispiel "Lost River". Auf diesen Film war ich schon seit geraumer Zeit neugierig, aber ich wagte keinen Blindkauf, zumal die Kritiken äußerst mies ausfielen.
Ryan Goslings Regie Debut wurde bei den Filmfestspielen in Cannes ausgebuht, im internationalen Filmkritiker Feuilleton verspottet und gemeinhin als "künstlerisch wertlos" deklariert.
Doch darauf möchte ich an späterer Stelle näher eingehen.
Zuerst mein Eindruck:
"Lost River" ist bildgewaltiges Kino. Ein düsteres Märchen für Erwachsene voller Melancholie, Mysterien und Gewalt.
Vom Vorspann bis zum Ende verweben und ergänzen sich konsequent morbid-ästhetische Aufnahmen verwaister Bauwerke mit den Schicksalen der zahlenmäßig stark ausgedünnten Bevölkerung dieses (fiktiven) Ortes.
Alles in und um Lost River ist bedrückend und trostlos. Die Vegetation bahnt sich neue Wege quer durch die verlassenen Gebäude und erobert langsam aber konsequent den von Menschen frei gemachten Raum zurück. Die Drehorte befinden sich hauptsächlich in Detroit, das in die jüngere Geschichte Amerikas eingeht mit einer eklatant hohen Arbeitslosenrate, einer ebenfalls hohen Kriminalitätsrate und einer starken Abwanderung von großen Teilen der Bevölkerung. Viele Häuser dort stehen nach wie vor leer und wittern vor sich hin, dem endgültigen Verfall entgegen.

Doch nicht nur die Bauwerke in "Lost River", sondern auch die letzten BewohnerInnen der desolaten und maroden Behausungen sind Verlassene.
Der Film beginnt mit der Verabschiedung zwischen Bones (Ian De Caestecker) und einem Nachbarn, der ihm rät, ebenfalls wegzuziehen, da es in Lost River keine Zukunft gibt.
Bones' schöne Mutter Billy (Christina Hendricks) ist Alleinerzieherin, Väter sind kein Thema. Die Familie hat weder Geld noch Hilfe von Außen.
Der ältere Sohn Bones freundet sich mit einer Nachbarin an, die Rat (Saoirse Ronan) genannt wird.
Letztere lebt ohne Eltern mit ihrer lebensmüden Großmutter in einem bedrückend dunklen, unwirtlichen Haus voller Andenken an eine längst vergangene Zeit aus dem Leben ihrer Oma.
Besagte Großmutter wird übrigens von der großartigen Barbara Steele ("Die Stunde wenn Dracula kommt", "The long hair of death" ) gespielt, die immer noch über eine magische divenhafte Leinwandpräsenz verfügt.


Horrorikone Barbara Steele


Der Nachtclub, in dem Billy arbeitet, ist eine Art Grand Guignol Theater mit fragwürdigem Publikum, das es vielleicht etwas zu offensichtlich und zu sehr genießt, mit Kunstblut bespritzt zu werden. In diesem Etablissement werden Horror und sexuelle Ekstase auf eine besonders ungustiöse und gefährliche Weise verknüpft, wie Billy etwas später in den Kellerräumen des Hauses realisiert.

Stilistisch wirkt "Lost River" ähnlich wie manche Werke von Nicolas Winding Refn ("Only god forgives", "The Neon Demon"). Doch es offenbaren sich noch mehr Parallelen zu anderen Filmen. Der Synthie Soundtrack erinnert etwas an das Thema von "Phantasm".
Das Spiel mit kaltem Licht, Farbwechseln und indirekter Beleuchtung kennt man auch von Regisseuren wie Mario Bava oder Dario Argento. Es dürfte mehr als unwahrscheinlich sein, dass die Gotik Horror Ikone Barbara Steele ganz unbeabsichtigt gecastet wurde.
Ryan Gosling gibt unumwunden zu, dass er mit seiner Arbeit auch Regisseuren (insbesondere Refn), von denen er viel gelernt und denen er zum Teil seinen Ruhm als Schauspieler verdankt, huldigen wollte.
Doch genau hier sehen die KritikerInnen – wie bereits eingangs erwähnt – das große Manko von "Lost River".
Um es auf den Punkt zu bringen: Dieser Film gilt als eine schlechte Kopie von Refn oder Lynch Filmen, wobei die negativen Aspekte nicht näher definiert werden.
Gosling wird also für das verurteilt, wofür man Quentin Tarantino applaudiert. Was Letzterem zum Vorteil gereicht, ist vermutlich dem Umstand geschuldet, dass sich bei Tarantinos Filmen niemand aus der seriösen intellektuellen Kritiker-Kaste ernsthaft für die Originale interessiert, da sie zu alt und unter der (intellektuellen) Würde jedes anständigen Rezipienten sind.
Deshalb spricht man hier offiziell nicht von Plagiaten sondern im besten Fall von Reminiszenzen (wenn diese überhaupt als solche erkannt werden). Ich möchte mit diesen Zeilen nicht (unbedingt) Tarantino in schlechtem Licht dastehen lassen, sondern lediglich verdeutlichen, dass mir die unterschiedlich angelegten Messlatten seitens der Presse ungerecht erscheinen.

Für mein Empfinden hat Ryan Gosling sowohl auf ästhetischer als auch erzählerischer Ebene eine nicht perfekte, aber in weiten Teilen durchgängig stimmige und intensive Atmosphäre geschaffen. Besonders die starken Haupt-Charaktere sind klar skizziert und dennoch nicht eindimensional. Deren Emotionen pendeln zwischen Verzweiflung, Furcht, Resignation und Kampfgeist.
Die mächtigen Bösewichte, gegenüber denen sie sich behaupten müssen, sind einerseits ein wildes, unberechenbares Tier (Bully, gespielt von Matt Smith) und ein klassischer Wolf im Schafspelz (Der Banker, gespielt von Ben Mendelsohn).
Womit wir wieder beim Märchenhaften sind...

Nicht alles macht Sinn und wird aufgelöst. Manches vielleicht auf den zweiten Blick, Anderes bleibt nebulös. Gosling präsentiert uns eine faszinierende Geschichte, bei der nicht alles vorgegeben ist und das Publikum seine eigenen Schlüsse ziehen muss. Er zeichnet eine unheilvolle Utopie, die sich in direkter Nachbarschaft zur Realität befindet: Dunkel, geheimnisvoll, brutal, wunderschön. Voller Melancholie und Nostalgie. Widersprüchlich. Wie der titelgebende Ort selbst.