Sonntag, 16. Dezember 2018

AMITYVILLE II : THE POSSESSION (1982)



AMITYVILLE 2 – DER BESESSENE

Mexiko, USA 1982
Regie: Damiano Damiani
DarstellerInnen: Burt Young, Rutanya Alda, Jack Magner, Diane Franklin, James Olson, Andrew Prine u.a.


Inhalt:
Die sechsköpfige Familie Montelli zieht in ein Haus in Amityville. Schon bald gibt es Hinweise, dass es im neuen Heim nicht mit rechten Dingen zugeht und auch die Stimmung zwischen den Montellis kippt zunehmend ins Feindselige. Der älteste Sohn Sonny hört imperative Stimmen aus seinem Walkman Kopfhörer, die Böses im Schilde führen und verhält sich immer verrückter. Kann Pfarrer Adamsky der Familie helfen?


Nebel sorgt für eine schaurige Atmosphäre


Vater Montelli (Young) nervt Sohn Sonny (Magner)


Von den ersten drei Amityville Filmen, die ich irgendwann Ende der Achtziger oder Anfang der Neunziger Jahre gesehen habe, ist mir "Amityville 2" als einziger in positiver Erinnerung geblieben.
Es ist mir unerklärlich, warum der erste Teil, der für meine Begriffe vielfach auf besonders kreative Weise interpretiert wird, nicht in der Versenkung verschwunden ist, sondern sogar andere Regisseure zu weiteren Verfilmungen und sogar Remakes inspiriert hat.
In meinen Augen war und ist er sterbenslangweilig. Aber über Geschmack lässt sich tatsächlich nicht gut streiten und nur Wenige können vermutlich nachvollziehen, dass ich ein gewisses Faible für "Amityville 2 – Der Besessene" habe.
Vielleicht keimte in mir schon ganz früh die Leidenschaft für das italienische Kino, wenngleich mir natürlich erst Jahre später bewusst wurde, wer Damiano Damiani ("Das Verfahren ist eingestellt: Vergessen Sie's!" oder "Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert") war und dass kein Geringerer als Dardano Sacchetti ("Die Gewalt bin ich", "Woodoo - Schreckensinsel der Zombies") am Drehbuch kreativ beteiligt war.

"Amityville 2 – Der Besessene" basiert ebenfalls wie der erste Teil der Reihe auf wahren Begebenheiten, die sich in dem berühmten Haus in der gleichnamigen Stadt abgespielt haben sollen. Wobei die Hintergrundgeschichte vom zweiten Teil eigentlich zeitlich vor dem Einzug der Familie Lutz spielt und trotz der Betitelung "Teil 2" somit eher als Prequel zu sehen ist.
Ronald DeFeo, der im Jahre 1974 seine gesamte Familie erschoss und um den sich im darauf folgenden Gerichtsprozess Gerüchte um Geisteskrankheit und sogar einer möglichen Besessenheit rankten, wird im Film von Jack Magner dargestellt. Aus Ronny wurde Sonny, doch die Geschichte wurde so wenig verfremdet, dass die Familie DeFeo sogar eine Klage gegen Produzent De Laurentiis einreichte.

Was mich an "Amityville 2" damals besonders faszinierte und mir deutlich in Erinnerung geblieben ist, ist die Radikalität des Gezeigten. Ich hätte damit gerechnet, dass Sonny den Widerling und Haustyrannen von Vater (Burt Young, u.a. bekannt aus den "Rocky" Filmen) um die Ecke bringt und vielleicht noch seine Mutter, aber all seine Geschwister? So eine Kompromisslosigkeit kannte ich aus den vorwiegend amerikanischen Horrorfilmen, die ich als Kind üblicherweise konsumierte, nicht.
Und damit ist der Film noch lange nicht erzählt, denn ab diesem Zeitpunkt geht es effektmäßig erst so richtig zur Sache.

Wenn ich mir "Amityville 2" heute ansehe, betrachte ich ihn in der Tradition europäischen, vornehmlich des italienischen Horrorkinos. Einerseits sind da diese atmosphärischen Bilder und die düstere Stimmung, die andererseits durch nicht rational erklärbare Merkwürdigkeiten, Over-Acting und einen gewissen Sleaze Faktor radikal in Grund und Boden gestampft wird, um sich in der nächsten Szene dann wieder langsam aufzubauen.
So etwas kennt man beispielsweise auch von Lucio Fulci (z.B. "Das Haus an der Friedhofmauer") oder Michele Soavi ("The Church").
Natürlich würde ich nie so weit gehen die oben genannten Filme "Amityville 2 – Der Besessene" direkt gegenüber zu stellen, denn im Gegensatz zu den anderen ist er wirklich kein guter Film.
Aber ein durchaus sehenswerter. Vielleicht befindet er sich eher in einer ähnlichen obskuren Kategorie wie Ugo Liberatores "Die Wiege des Teufels", wobei Letzterer allein schon wegen der Venedig Schauplätze wieder etwas höher zu bewerten ist.


Der Gesichtsausdruck des Grauens (Alda)


Rutanya Alda, die Mama Montelli verkörpert, erhielt für "Amityville 2" wohlverdient die berühmte "Goldene Himbeere" als schlechteste Schauspielerin. Wenn man ihre Fratzen, die Schrecken zum Ausdruck bringen sollen, so sieht, muss man einfach schmunzeln. Sie mimt das Entsetzen meiner Meinung nach fast genauso hingebungsvoll wie Daria Nicolodi in Mario Bavas "Shock".

Was man dem Film meiner Meinung nach im Gegensatz zum ersten Teil der Reihe nur schwer vorwerfen kann, ist, dass er sich in Belanglosigkeiten verliert . Von der ersten Minute an passiert etwas. Die Montellis haben ein beachtliches, teilweise durchflutetes Tunnelsystem im Keller, in das sich wahrscheinlich nicht einmal der gutmütige Joe the Plumber ("Geisterstadt der Zombies") ohne Rückendeckung reinwagen würde. Die Fenster im Haus lassen sich nicht öffnen. Alles nicht der Rede wert! Kann man schon mal so hinnehmen. Spiegel zerbrechen von selbst.
Und solange es noch nicht viel Übernatürliches zu sehen gibt, sorgt Vater Montelli für Stunk. Er ist gegenüber seiner Familie verbal und physisch gewalttätig, er demütigt seine Frau in der Öffentlichkeit, er prügelt einfach drauflos wenn die Kinder nicht brav sind. Er fordert von seinen Sprösslingen ein, dass sie ihm mit "Ja, Sir!" antworten und es bereitet ihm Vergnügen, dem von seiner Frau zur Hilfe gerufenen Priester auf seine spezielle Art zu zeigen, wer hier der Herr im Haus ist und was er von dem Geistlichen hält.
Man ahnt bereits in der allerersten Szene, mit was für einem Menschen man es hier zu tun hat. Lustigerweise schiebt Mama Montellis dann das familiäre Chaos und die häusliche Gewalt auf das neue Domizil. Ihr Mann war vor dem Umzug bestimmt ein mustergültiger Ehegatte.
Als sich dann zwischen Sonny und seiner Schwester Patricia (Diane Franklin) eine inzestuöse Liaison entwickelt (ein bisschen Sleaze und Tabubruch sei dem amerikanischen Publikum auch gegönnt), ist in den Augen der Mutter natürlich einzig und allein die naive jüngere Schwester Schuld an der Misere. Logisch, oder?


Schauspieler Magner, trotz Latexschichten noch erkennbar


Total abgedreht wird es dann in der zweiten Hälfte des Films, in der es um den mittlerweile unzweifelhaft besessenen Sonny geht und Vater Adamsky, der versucht, den Dämon aus dem Körper des Jungen auszutreiben. Nur gut, dass Sonny Darsteller Jack Magner ein derart markantes Gesicht hat, dass er unter den vielen dicken Latexschichten noch zu erkennen ist. Die Maskenbildner hatten vermutlich ihren Spaß mit dem Make-Up und diversen bewährten Ekeleffekten (Blut, Erbrochenes), die natürlich in keinem Exorzismus Streifen fehlen dürfen.
Das Ganze gipfelt dann in einer besonders ungustiösen Szene, in der dem armen Jungen Haut, Fleisch und Muskelfasern aus dem Gesicht fallen, um darunter die böse Kreatur zu offenbaren, die von ihm Besitz ergriffen hat. Diese Szene erinnert mich immer sehr an das Schicksal von Brundle Fly ("Die Fliege").

Ich habe keinen Hinweis darauf gefunden, dass sich der Linksintellektuelle Damiano Damiani, der für seine politischen Filme mit ausgeklügelten Drehbüchern gefeiert wurde, jemals öffentlich zu "Amityville 2" geäußert hat. Warum er diesen Auftrag angenommen hat und ob er mit seinem Werk zufrieden war, entzieht sich ebenfalls meiner Kenntnis. (Böse Zungen im Schattenlichter-Haushalt melden sogar Zweifel an, ob Damiani überhaupt persönlich am Set zugegen war.)

"Amityville 2 – Der Besessene" ist ein herrlich obskurer Vertreter des Horror-Genres der Achtziger Jahre, den ich mir immer von Neuem gerne ansehe und der jedes Mal eine weitere kleine Entdeckung parat hat. Dieses Mal fiel mir das zur Story passende Doors Poster in Sonnys Zimmer zum ersten Mal auf...

"The killer awoke before dawn, he put his boots on. He took a face from the ancient gallery and he walked down the hall. He went into the room where his sister lived, and then he paid a visit to his brother, and then he walked down the hall and he came to a door.
And he looked inside.
"Father?“ "Yes, son?"
"I want to kill you.“ (...)"
The Doors, aus dem Song "The End"

Und alle, die den Film absolut grottenschlecht finden, werden es hoffentlich wenigstens nicht bestreiten, dass der Score von Lalo Schifrin ein absolut zeitloser Klassiker unter den Horrorfilm Soundtracks ist.