Sonntag, 8. Juli 2018

L'ISTRUTTORIA E` CHIUSA: DIMENTICHI (1972)















DAS VERFAHREN IST EINGESTELLT: VERGESSEN SIE'S!

Italien 1971
Regie: Damiano Damiani
DarstellerInnen: Franco Nero, Riccardo Cucciolla, George Wilson, John Steiner, Patrizia Adiutori, Vincenzo Basile, Claudio Nicastro u.a.


Inhalt:
Architekt Vanzi wird wegen eines Verkehrsdelikts inhaftiert und wartet im Gefängnis auf seinen Prozess. Da er sowohl über ausreichend Geld als auch gute Kontakte verfügt, werden ihm zu Beginn seines Aufenthalts gewisse Gefälligkeiten zuteil. Doch diese Sonderbehandlung findet ein jähes Ende als er sich mit seinem vermeintlich paranoiden Zellengenossen Pesenti anfreundet. Vanzi gerät ins Visier mächtiger und gefährlicher Drahtzieher und an den Rande eines Nervenzusammenbruchs...


Vanzi (Nero) ist am Ende 


Sig. Rosa (Nicastro) hat die besten Verbindungen zur Unterwelt


Regisseur Damiano Damiani wird besonders geschätzt für seine erstklassigen politischen Filme.
"Das Verfahren ist eingestellt..." ist hervorragend strukturiert. Lange Zeit hat man den Eindruck, dass die Handlung etwas vor sich hin dümpelt zwischen der Darstellung des Gefängnisalltags mit all seinen (gemeinhin bekannten) Tücken wie korrupten Wachebeamten, gewaltbereiten Insassen und der Ungleichbehandlung der Gefangenen, die mit dem sozialen und natürlich finanziellen Status der jeweiligen Person zu tun hat.

Gemeinsam mit Architekt Vanzi (Franco Nero) lernt man nach und nach die gefängnisinternen Hierarchien und Tücken des Alltags kennen. Vanzi bemüht sich möglichst adäquat auf die schlechten Witze und Drohungen seiner Zellengenossen zu reagieren. Denn innerhalb dieser Mauern muss man sich natürlich anpassen und fügen, aber auch zum richtigen Zeitpunkt Respekt verschaffen, wenn man überleben will.
Dass dies eine gefährliche Gratwanderung ist, ist wohl Vanzis erste Lektion. Denn Mithäftling Biro (herrlich fies: John Steiner), den auch die schwedischen Gardinen nicht von (weiteren) Morden abhalten, ist unberechenbar und hat es innerhalb kurzer Zeit auf den Architekten abgesehen.
Franco Neros Darstellung des unbescholtenen Bürgers, der zwischen die Mühlen der Justiz geraten ist, pendelt zwischen Dramatik und Melodramatik. Wie in manch anderen Rollen dieses bewundernswert wandlungsfähigen Mimen sieht er auch in "Das Verfahren..." bisweilen wieder einmal aus, als hätte er sich Zwiebelringe über die Augen gewischt und trägt darstellerisch ganz dick auf. Doch dann nimmt er sich doch rechtzeitig wieder etwas zurück und wirkt dadurch gleich etwas authentischer und auch sympathischer.
Die anderen Häftlinge und natürlich auch die Wärter sind ebenfalls etwas klischeenahe charakterisiert, doch gerade deshalb dem Unterhaltungswert des Films äußerst zuträglich.

Mit einem leichten Augenzwinkern wird zum Beispiel der einflussreiche Mafiapate Salvatore Rosa (Claudio Nicastro, u.a. bekannt aus "Der Teufel führt Regie" oder "Warum musste Staatsanwalt Traini sterben?") als wichtige Figur in die Handlung eingebettet ohne dass die tatsächliche Tragweite seiner Verbindungen zur Mafia und Einflussnahme auf das Geschehen in den Vordergrund gerückt werden. Wenn er morgens in seiner Einzelzelle gut gelaunt im Bademantel den besten Kaffee zum fürstlichen Frühstück schlürft während die anderen Gefangenen leer ausgehen, wirkt er anfangs noch wie ein skurriler Nebencharakter.
Doch man darf sich in Wirklichkeit in diesem Film von Nichts und Niemandem täuschen lassen und vor allem keine voreiligen Schlüsse ziehen!
Das gilt selbstverständlich auch für den vermeintlich von paranoiden Wahnvorstellungen getriebenen Häftling Pesenti (Riccardo Cucciolla, u.a. bekannt aus dem Polit-Drama "Betrachten wir die Angelegenheit als abgeschlossen" oder Mario Bavas "Wild dogs").


Biro (Steiner) beim Fußballspiel


Der britische Schauspieler John Steiner ("Goodbye und Amen", "Schock"), der durch seine zwielichtigen Rollen in vielen italienischen Produktionen bekannt war, verkörpert den unberechenbaren Mörder Biro. Mit seinen schiefen Beißerchen und seiner hageren großgewachsenen Statur wirkt er dabei wie aus dem Leben gegriffen. Besonders das Hof-Fußballspiel, das Biro nutzt, um möglichst viele Mitspieler zu verletzen, ist eine der ganz großen und unvergesslichen Szenen in diesem Film.
Eine kleine Anekdote am Rande: John Steiner hat sich übrigens ein adrettes schneeweißes Hollywood Gebiss machen lassen und verdient seine Brötchen heutzutage als seriöser Makler von Luxus Immobilien in Amerika.

Dadurch, dass man als Zuschauer gemeinsam mit dem zunehmend verzweifelten Architekten Vanzi durch emotionale Höhen und Tiefen getrieben wird und gewisse Aktionen Einzelner über einen längeren Zeitraum nicht interpretierbar sind, ist man erst am Schluss des Films wirklich in der Lage, das Gesehene zu einem großen Ganzen zusammenzufügen.
Etwas geplättet muss man sich dann fragen, was in welcher Form schon von den Drahtziehern im Hintergrund geplant war und wann sie welche Gelegenheit erkannt und spontan für ihre Zwecke genutzt haben. Ich tendiere zu der Annahme, dass hier nichts, aber auch rein gar nichts dem Zufall überlassen wurde und sogar die Verhaftung Vanzis Teil eines perfiden geheimen Plans gewesen sein könnte.

"Das Verfahren ist eingestellt: Vergessen Sie's!" ist in seiner Kernaussage durch und durch politisch. Damiani zeigt den naiven unbescholtenen Bürger, der in den Fängen der mächtigen Drahtzieher aus Politik und Mafia zum Spielball wird. Selten wurde in vergleichbaren Filmen aus dieser Zeit Korruption und Machtmissbrauch in kleinen (innerhalb der Mauern) und großen Zusammenhängen so pointiert und dabei gleichzeitig doch ungemein unterhaltsam dargestellt.




Foto: Blu Ray von Koch Media