Dienstag, 25. September 2018

THE HUNTING PARTY (1971)














LEISE WEHT DER WIND DES TODES

Großbritannien 1971
Regie: Don Medford
DarstellerInnen: Oliver Reed, Candice Bergen, Gene Hackman, Simon Oakland, Ronald Howard, L.Q. Jones, Mitchell Ryan, William Watson, G.D. Spradlin u.a.


Inhalt:
Der gesuchte Verbrecher Frank Calder zieht mit seiner Bande umher und entführt die junge Lehrerin Melissa, von der er Lesen lernen möchte. Als sich herausstellt, dass Melissa ausgerechnet die Angetraute des schwer reichen und sadistischen Brandt Ruger ist, ist es schon zu spät. Denn Letzterer macht gemeinsam mit ein paar Freunden, ausgerüstet mit Gewehren mit enormer Reichweite plus Zielfernrohr, bereits erbarmungslos Jagd auf Frank und seine Truppe...


Ein nachdenklicher Frank (Reed)


Die Frau des Schurken - Melissa (Bergen)


Als Oliver Reed Fan hatte ich diesen gemeinhin als extrem gewalttätig und blutrünstig kategorisierten und wahrscheinlich moralisch verwerflichen Western, an dem scheinbar niemand Gefallen finden kann (oder darf), schon länger auf meinem Radar.
Selbstverständlich gucke ich mir einen blutrünstigen (Filmblut geht immer), angeblich schlechten (ich kann auch Abstriche machen) Western an, wenn Ollie die Hauptrolle spielt.
"So mies kann der doch gar nicht sein" dachte ich mir, als ich den Trailer zu "The hunting party" auf youtube sah.
Glücklicherweise hat Explosive Media diesen bisher raren Film kürzlich in bester Qualität veröffentlicht.

Mit Rezensionen zu Oliver Reed Filmen ist das überhaupt so eine merkwürdige Sache.
Meist findet man in englischsprachigen Quellen die vorherrschende Meinung, dass der rüpelhafte Brite ein schlechter Schauspieler war oder dass er gar überhaupt nicht schauspielern konnte.
Jeder Rezipient scheint, wenn es um den tendenziell unterschätzten und wenig beliebten Engländer geht, plötzlich zum Sucht-Experten oder Fleisch gewordenen Alkomat zu werden und daher natürlich genau beurteilen zu können, ob und wann bzw. in welcher Szene Ollie gerade einen im Tee hatte.
Er wird reduziert auf sein exzessives Trinkverhalten und kaum als ernstzunehmender Schauspieler wahrgenommen.
Beschäftigt man sich etwas eingehender mit der Karriere von Reed, erfährt man beispielsweise durch die Lektüre seiner Biographie "What fresh lunacy is this?" unter anderem aus Interviews mit Zeitzeugen, dass Ollie am Set äußerst ehrgeizig war. Dass er trotz alkoholbedingten Exzessen und anderen Eskapaden pünktlichst zu den Dreharbeiten erschienen ist, immer seinen Text beherrschte und sich stets um Professionalität bemühte.

Ganz sicher darf man bei einer Aversion gegen Oliver Reed oder seine Art zu schauspielern "Leise weht der Wind des Todes" getrost links liegen lassen.
Auch jene, die kein Herz und kein Verständnis für Exploitation Filme haben, werden mit diesem Film garantiert nicht glücklich.
Das Magazin "The Variety" bildet mit dem Film Review in dessen Online Ausgabe hier keine Ausnahme. Der Brutalo-Western erhält eine negative Kurzkritik und es wird geurteilt, dass Reed und Publikumsliebling Gene Hackman eine eher schlechte Performance geliefert haben.
Im Unverständnis für Exploitationfilme an sich bringt der nicht namentlich genannte Autor des Textes seine Abscheu, doch auch den Kern des Genres und das Thema des Films für meine Begriffe ironischerweise schön auf den Punkt:

"Seldom has so much fake blood been splattered for so little reason." (The Variety online)

Ob man dieses Fazit zum Film nun als positiv oder negativ einordnet, liegt wie immer im Auge des Betrachters. Die Betrachterin, also in diesem Falle ich, findet die Formulierung jedenfalls interessant und angemessen.
"Leise weht der Wind des Todes", der getrost als typischer Eurowestern bezeichnet werden kann, macht wahrlich keine Gefangenen. Doch im Gegensatz zu manchen Italowestern, wo die Charakterzeichnung und -entwicklung differenzierter ist und sich auf subtilerer Ebene bewegt, wird bei "Leise weht der Wind des Todes" heftigste Schwarz-Weißmalerei betrieben.
Das gesamte Drehbuch basiert im Wesentlichen auf dem Krieg zwischen zwei Männern:
Auf der dunklen Seite der Menschlichkeit präsentiert sich der sadistische Ruger (Gene Hackman). Er ist ein angesehenes Mitglied der Gesellschaft, berühmt und steinreich.
Auf der anderen Seite steht der arme Schlucker von Bandenführer Calder (Oliver Reed), der doch so gerne ein guter Mensch geworden wäre, wenn er zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen wäre und mehr Ressourcen zur Verfügung gehabt hätte. Ihm sind Freundschaften und Gemeinschaft wichtig. Und er träumt als Analphabet davon, eines Tages ein Buch lesen zu können. Deshalb hatte er in seiner Verzweiflung wohl kaum eine andere Wahl, als Lehrerin Melissa zu kidnappen.
Dass Frank Calder im Grunde genommen ein netter Mensch ist, erkennt die schöne und mutige Melissa (Candice Bergen) spätestens nach der ersten Vergewaltigung. Sie, die eigentlich Rugers Frau ist, wendet sich nach ein paar bockigen Aktionen und etwas zur Schau gestellter Widerspenstigkeit sodann Calder zu.
ZynikerInnen könnten die These aufstellen, dass Frank sanfter vergewaltigt als Brandt, denn beide nehmen sich Melissa ohne deren offensichtlichen freien Willen.
Aber wir bewegen uns wie eingangs erwähnt in der Exploitation Ecke der ganz frühen 70er Jahre. In diesem Kontext kann man schon mal ein oder ganz kurz auch zwei Augen zudrücken.

Vielleicht passt der Film auch gar nicht so gut in die Kategorie "Western", wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Obwohl Cowboys mit Hüten, Halsbändern und Pistolengurten die Optik prägen, ist die Handlung näher verwandt mit dem Manhuntfilm bzw. Slasher Genre. Die Gruppe um Frank wird nach und nach dezimiert.
Die Effekte sind drastisch, aus den Einschusslöchern spritzt in Zeitlupe Blut, Muskel- und manchmal auch Hirnmasse. Es wird dorthin geschossen, wo es richtig weh tut und nicht alle Opfer von Brandt Ruger sterben einen gnädigen schnellen Tod.
Im Gegensatz zu manchen italienischen Rache-Western wie beispielsweise "Satan der Rache", "Töte, Django" oder "Leichen pflastern seinen Weg" steht das Motiv für die grausamen Morde Rugers und seiner Männer nicht als Motiv für seine Taten im Vordergrund. Ruger erwähnt zwar, dass er sauer auf Calder ist, der sicherlich bereits seine Frau geschwängert hat und dass er keine Lust hat, einen Bastard von Calder aufziehen und durchfüttern zu müssen. Aber diese Erklärung ist mehr Alibi Funktion. Denn es ist ihm keine himmelschreiende Ungerechtigkeit widerfahren und es wurde ihm auch nicht alles genommen, was ihm lieb und teuer ist. Er hat schlicht und einfach Blut geleckt. Das Überlegenheitsgefühl beim Töten, zu bestimmen, wer wann und wie stirbt, bereitet ihm diabolisches Vergnügen. Er will alles und jeden vernichten.


Ruger (Hackman) hat Blut geleckt...


Ruger findet sichtlich immer mehr Gefallen an der Jagd und dem Nervenkitzel, dem Gefühl von Macht über Leben und Tod. Seine Gefährten äußern ab und an moralische Zweifel an der Menschenjagd, setzen sich jedoch gegenüber dem dominant und autoritär auftretenden Millionär nicht durch.
Dadurch, dass er und seine Begleiter über speziell angefertigte Gewehre mit hoher Reichweite verfügen, können sie sich an sicheren Orten verstecken und ihre Ziele in aller Ruhe ins Visier nehmen.
Ungläubig, doch sehr eindringlich, wiederholt ein Mann aus Franks Truppe fast schon trotzig den Satz "No gun shoots that far!" so lange, bis er selbst zum Opfer Rugers wird.
Verzweiflung macht sich unter den Männern Calders breit.

Candice Bergen, Oliver Reed und Gene Hackman tragen diesen Film und machen ihn zu einem spannenden und absolut intensiven Seh-Erlebnis. Das melancholische Soundtrack-Hauptthema aus der Feder eines meiner italienischen Lieblings-Komponisten, Riz Ortolani, betont und unterstreicht die Dramatik der Geschichte.
Sogar die Romanze zwischen Melissa und Frank entwickelt irgendwann eine gewisse Glaubwürdigkeit, was meiner Meinung nach dem hervorragenden Schauspiel Bergens und Reeds zu verdanken ist. Dennoch tut man gut daran, nicht alles allzu Ernst zu nehmen.

Als Ollie Fan muss man diesen Film gesehen haben! Seine Mimik, diese Blicke aus den blauen, tiefgründigen und doch manchmal getrübt wirkenden Augen sind von einer Intensität, der man sich kaum entziehen kann. Für seine Rolle als Cowboy eignete Reed sich extra einen amerikanischen Akzent an, den er bei einem New Yorker Hamburger Verkäufer öfters gehört hatte.
Es wird zwar manchmal etwas genuschelt und aufgrund der slang-gefärbten Sprache der Cowboys ist zumindest mir nicht immer jedes einzelne Wort verständlich, aber mit Unterstützung von Untertiteln überhaupt kein Problem. Oliver Reed hatte eine wunderbare markante Stimme und sollte unbedingt in Originalton genossen werden!

Trotz der ein oder anderen unnötigen Länge in der zweiten Filmhälfte ist "The hunting party" spannend, mitreißend und bewegend.
Definitiv Pflicht für alle, die mit nihilistischen Eurowestern und den HauptdarstellerInnen etwas anfangen können.





Foto: Blu Ray von Explosive Media