Samstag, 27. Dezember 2014

LA NOCHE DEL TERROR CIEGO (1971)














DIE NACHT DER REITENDEN LEICHEN
Portugal, Spanien 1971
Regie: Amando de Ossorio
DarstellerInnen: Lone Fleming, César Burner, María Elena Arpón, Joseph Telman, Rufino Inglés u.a.


Inhalt:
Virginia, die mit ihrem Freund Roger eine Zugreise geplant hat, trifft bei einem Strand-Aufenthalt auf ihre alte Schulfreundin Bella, die (vom sabbernden Roger) prompt zur Mitreise eingeladen wird.
Roger ist so angetan von der schönen Bella (nomen est omen), dass er kaum seine Augen bzw. Finger von ihr lassen kann.
Bella ist allerdings aus einem anderen Grund mitgekommen: in Wirklichkeit ist sie seit der Schulzeit hinter Virginia her...
Genervt von Roger und Bella, deren kindischer Flirterei und Bellas Avancen beschließt Virginia kurzerhand vom Zug zu springen (bei einer Dampflok war sowas noch möglich) und mit ihrem Gepäck und Schlafsack alleine durchs Land zu ziehen. Inmitten einer verlassenen Burgruine sucht sie des Nächtens Schutz - nur um bald von untoten Mitgliedern des Templerordens, die in der Dunkelheit aus ihren Gräbern kriechen, über die Wiesen gejagt und schlussendlich zu Tode gebissen zu werden.
Auf der Suche nach ihrer Freundin stoßen Roger und Bella schließlich auf den im Fall ermittelnden Mordkommissar und werden von diesem informiert, dass Virginia von ihnen gegangen ist.
Naja, nicht ganz. Was sie nicht wissen: auch sie gehört jetzt zu den Untoten...
Auf eigene Faust beginnen die Freunde zu ermitteln. Sie wollen in Erfahrung bringen, was tatsächlich mit Virginia passiert ist und erfahren Schreckliches über die Legenden um Balzano (Ruine und Umgebung), die Geschichte der Templer und die Legenden über die nächtliche Wiederauferstehung der Ordensmitglieder.
Durch ihre Recherchen bringen sie sich selbst in die Nähe der Untoten und in unmittelbare Lebensgefahr...


In Scharen stolpern sie auf Virginias Unterschlupf zu


Bella und Roger erfahren vom Tod der Freundin


Ich kann mich noch deutlich erinnern an meine ambivalenten Gefühle für "Die Nacht der reitenden Leichen", als ich ihn in jungen Jahren (genauer gesagt mit 12) zu später Stunde zum ersten Mal im Rahmen von "Hildes wilde Horrorshow" (Sendung auf RTL plus) gesehen habe.
Einerseits fand ich die Geschichte ziemlich lächerlich und manche Effekte etwas amateurhaft, andererseits ging eine unbestreitbare Faszination von diesem Film aus, die ich (stark geprägt vom amerikanischen Horror wie "Nightmare on Elm Street" oder "Die Fliege") noch nicht in Worte fassen konnte.
Meine jugendliche Neugier hielt mich wach und ließ mich gebannt die Handlung dieses für mein damaliges Bewertungssystem schrägen Horrorfilms bis zum Abspann verfolgen.
Erst viele Jahre später ergab sich für mich die Gelegenheit, die Untaten der blinden Tempelritter in guter Qualität und mit gereiftem Bewusstsein für die Ästhetik von Horrorfilmen und einer aufkeimenden Affinität zu europäischem Kino in anderem Licht zu betrachten.
Heute zählt er zu einem meiner Genre-Favoriten.

Amando de Ossorios "Die Nacht der reitenden Leichen" wurde im Jahre 1971 veröffentlicht und sollte zumindest jedem wahren Eurohorror-Fan ein Begriff sein.
Trotz Minimalst-Budget hat de Ossorio eine kleine charmante Genreperle geschaffen - deren unheimliche Atmosphäre nicht einmal die deutsche Trash-Synchro zu zerstören imstande ist.
Die halb skelettierten und verwesten Templer mit ihren verdreckten Fetzen-Umhängen sind sowohl zu Fuß als auch zu Pferde eine imposante Erscheinung.
Deren Gewandung ist mit viel Liebe zum fetzenhaften Detail gestaltet und sucht in der Welt des Horrorfilms vergeblich seinesgleichen.

Die Geschichte um die mysteriösen Templer, die von ihren Kreuzzügen aus dem Orient zurückkehrten und neben materiellen Schätzen diverse okkulte Geheimrituale im Gepäck trugen, beflügelt die Phantasie.
Mit einem restriktiven und zensurfreudigen Franco-Regime im Nacken musste sich de Ossorio zwar in seinem künstlerischen Schaffen etwas zurückhalten, dennoch gibt es einige mit netten Splatter-Elementen garnierte Szenen und attraktive Frauen zu bewundern.
Auch andere liebgewonnene klassische Horror-Klischees wie sich von Geisterhand öffnende Grabsteine, nebelverhangene Wiesen, ein verrückter Professor und ein kauziger Leichenbestatter, Bösewichte und satanische Zeremonien werden in "Nacht der Reitenden Leichen" bedient.

Gedreht an Original-Schauplätzen, untermalt mit leicht psychedelisch wirkendem Soundtrack, der auch direkt aus einer Irrenanstalt stammen könnte und einem düsteren, beinahe apokalyptischen Ende, lässt der Film die (hoffentlich vorhandenen) Herzen von Fans des klassischen Horror-Films höher schlagen.

Um schließlich nicht das letzte Fünkchen Objektivität im Keim zu ersticken, sei an dieser Stelle noch erwähnt, dass heutzutage die negativen Kritiken in der Überzahl zu sein scheinen.
Dies mag wohl daran liegen, dass der Film bisweilen (zum Teil auch dank der deutschen Synchronisation) ziemlich trashig wirkt, die Sleaze-Szenen (Beispiel: Zug) unnötig sind und die Effekte nicht gerade aussehen, als wären sie von Stivaletti oder Savini gemacht worden.
Die Bewegungen der Templer wirken unkoordiniert, aber die Geschichte bietet immerhin eine plausible und zugleich entzückend simple Erklärung dafür, dass sie so herumstolpern. Böse Krähen haben ihnen nach ihrem Tod nämlich die Augen ausgepickt! Noch Fragen?

Wer über solche "Kleinigkeiten" hinwegsehen kann (manche von euch können diese Argumentation sicherlich bestens nachvollziehen), der freut sich über die Horror-Atmosphäre und einen nostalgischen Ausflug in die Zeit der Schlaghosen und ultra-kurzen Hotpants.
Und wer dazu noch handgemachte Effekte und wunderschön beleuchtete mittelalterliche Originalschauplätze zu schätzen weiß, der muss "Die Nacht der reitenden Leichen" lieben.

Dieser kleine spanische Low-Budget-Film war jedenfalls ein Hit an den europäischen Kinokassen und der Erfolg so groß, dass er immerhin drei offizielle Sequels (über deren Qualität sich wahrlich streiten lässt) nach sich gezogen hat.

Aus der Serie "Dialoge, die das Leben schrieb" aka "Wie überbrücke ich unangenehme Stille":
Bella und Roger bei den Ruinen, auf der Suche nach der verschollenen Freundin.
Bella: "Komm gehen wir! Mir ist das nicht geheuer und ich habe keine Lust, die Nacht hier zu verbringen!"
Roger: "Wir haben doch Zeit. (Mit erhobener Stimme, leicht energisch:) Und ich will wissen, wo Virginia ist!"
Sie gehen ein paar Meter weiter.
Bella: "Komm gehen wir! Mir ist das nicht geheuer!"
Roger (sich stirnrunzelnd mit ernstem Gesicht umschauend): "Ich will wissen, wo Virginia ist!"

"Die Nacht der reitenden Leichen" ist ein charmantes und atmosphärisch düsteres spanisches Horror-Märchen aus den frühen Siebzigern, das Filmfans, die über die im Review erwähnten Kritikpunkte hinwegsehen können, auf jeden Fall kennen sollten.

Vor dem Kauf sollte man sich jedoch mittels ofdb informieren. Es gibt zahlreiche Cut-Versionen, vor allem in Deutschland. Bei einer österreichischen Fassung oder der Sargbox von Blue Underground kann man jedoch ohne Bedenken zugreifen.




Foto: Sarg Box (The Blind Dead Collection) von Blue Underground und eine Österreich-Edition