Sonntag, 14. September 2014

LA SETTA (1991)














THE SECT
Italien 1991
Regie: Michele Soavi
DarstellerInnen: Kelly Curtis, Herbert Lom, Mariangela Giordano, Michel Adatte, Giovanni Lombardo Radice (aka John Morghen), Donald O'Brien u.a.


Inhalt:
Amerika in den 70ern. Eine Hippie Kommune erhält Besuch von einem mysteriösen Fremden namens "Damon". Nach gemütlichem Beisammensein erleben sie in der Nacht eine unliebsame Überraschung.
Frankfurt in den 90ern - ein unscheinbarer Familienvater begeht Selbstmord, nachdem er von Polizisten wegen eines bestialischen Mords an einer jungen Frau gefasst wird - das "corpus delicti" (in dem Fall das Herz seines Opfers) noch in der Hand.
Nur wenige Tage später, in der Nähe von Offenbach. Die junge Lehrerin Miriam nimmt einen alten Mann, den sie versehentlich mit dem Auto angefahren hat, zu sich nach Hause mit und gerät dabei in die Fänge einer satanischen Sekte...


Charismatisch - Herbert Lom


Kelly Curtis - das Grauen steht ihr ins Gesicht geschrieben


Es erscheint mir eine schwierige Aufgabe, über einen Film zu schreiben, von dem ich einerseits das Gefühl habe, dass es wichtig ist, nicht zu viel von der Handlung zu verraten und dem man andererseits mit bloßen Beschreibungen und der Aneinanderreihung von Attributen nur schwer gerecht wird.
Es wäre aber auch jammerschade, nicht dezidiert auf dieses Kleinod des 90-er Jahre Horrorfilms hinzuweisen.

Bei dem nur wenig bekannten "La Setta" handelt es sich nach "Aquarius" und "The Church" um den dritten Spielfilm des talentierten italienischen Regisseurs Michele Soavi.

Ähnlich wie bei "The Church" wurde der Film hierzulande ausschließlich unter dem Namen Dario Argento, der in großen Lettern auf dem VHS-Cover prangte und wohl suggerieren sollte, es mit einem "reinrassigen" Argento-Film zu tun zu haben, vermarktet.
Seine Rolle war jedoch (lediglich) die des Produzenten und des -laut Soavi- Kontrolle ausübenden "väterlichen" Regiekollegen, der versuchte, Soavi zu beeinflussen und in seiner künstlerischen Freiheit etwas zu begrenzen.

"La Setta" ist ein herausragendes Glanzstück des italienischen Horrorfilms und einer der schaurigsten und alptraumhaftesten Filme nach dem "Mario-Bava-Zeitalter", der je in Bella Italia entstanden ist.
Kaum ein Film weist eine derartige Dichte an verstörenden und doch lyrisch anmutenden Alptraum-Sequenzen voller Symbolik auf wie "La Setta".


Wo die Leiter wohl hinführt?


Miriam (Kelly Curtis, die hübsche Schwester von Scream-Queen Jamie Lee Curtis) lebt zusammen mit ihrem Hasen in einem alten Haus am Waldrand, recht abgelegen von der Zivilisation.
Sie ist eine unsichere, aber hilfsbereite Frau und fühlt sich in der Gegenwart des alten Mannes (Charaktergesicht Herbert Lom!) unwohl.
Auch dem Hasen scheint der neue Gast nicht zu behagen.
Für Miriam wird die Begegnung mit dem mysteriösen alten Mann zu einem einschneidenden Erlebnis. Der Beginn eines nicht enden wollenden Höllentrips und einer von Paranoia getränkten Atmosphäre.

Der Kontakt mit dem alten Mann ist für Miriam zugleich die Einleitung einer unaufhaltsam voranschreitenden Entfremdung: vom eigenen Heim, sogar von ihrem Haustier und schließlich ihrem Arbeitsplatz und Menschen, die ihr einst nahe standen.
Sie kann niemandem mehr trauen, sich an keinem Ort mehr sicher fühlen, weder in der Realität noch in ihren nächtlichen Träumen.

Ähnlich wie das nachfolgende Soavi-Meisterwerk "Dellamorte Dellamore" fasziniert "La Setta" durch ästhetische Bildkompositionen, einen einprägsamen Soundtrack (Pino Donaggio!) und einer obskuren Handlung, in der Realität und Traum stark ineinander verwoben und nicht immer eindeutig zu unterscheiden sind.

Will man die beiden Filme direkt vergleichen, so könnte man "La Setta" als die düstere und etwas ernsthaftere Schwester des etwas bekannteren, bunteren und schwarzhumorigen Bruders "Dellamorte Dellamore" bezeichnen.

Das Problem von "La Setta",wenn man es als dies bezeichnen möchte, ist wohl, dass der Film zwar vielen Anforderungen an einen guten Horrorfilm entspricht, die Wünsche des potentiellen Zielpublikums aber nur bedingt zu erfüllen imstande ist:
Auf der einen Seite hätten wir da die Fans von eher subtilem und bavaeskem Gotik-Horror, deren Sehvergnügen durch allzu harte Gore-Szenen bzw. der vielfach gerügten und gerne zitierten "selbstzweckhaften Gewaltdarstellung" getrübt wird.
Auf der anderen Seite wären da die Kollegen aus der Gore-Bauern-Szene, für die "La Setta" zu langsam erzählt ist, zu viel Wert auf Atmosphäre legt und eindeutig zu wenige explizite Blut und Eingeweide-Szenen bietet.
Und zu guter Letzt hätten wir da noch Filmfreunde, die große Ansprüche an eine nachvollziehbare Story ohne von ihnen genauestens definierten "Logik-Lücken" wünschen.
Auch die werden mit diesem Okkultfilm nicht glücklich.

"The Sect" ist also der perfekte Film für ein aufgeschlossenes Publikum, das bereit ist, sich auf einen dunklen Horror-Trip einzulassen, sich nicht vor Gore-Szenen scheut und zugunsten von Optik auch auf ein durch und durch stringentes Erzählkino verzichten kann.

Empfehlenswert ist die italienische DVD von Cecchi Gori, durch deren Veröffentlichung dankenswerterweise der Film ungekürzt mit englischer Tonspur erhältlich wurde.


Das oben erwähnte VHS-Cover

Foto: DVD von Cecchi Gori




Foto: Blu Ray Mediabook von Koch Media