Sonntag, 21. Mai 2017

PHENOMENA (1985)















PHENOMENA

Italien 1985
Regie: Dario Argento
DarstellerInnen: Jennifer Conelly, Daria Nicolodi, Dalila Di Lazzaro, Patrick Bauchau, Donald Pleasance, Fiore Argento, Federica Mastroianni, Michele Soavi u.a.


Inhalt:
Jennifer, Tochter eines amerikanischen Filmstars, wird in ein Mädcheninternat nach Zürich geschickt. Kurz nach ihrer Ankunft in der Schweiz erfährt sie, dass ein besonders grausamer Mädchen-Mörder in der Umgebung sein Unwesen treibt. Als sie sich mit einem Insektenforscher anfreundet, der ihre übernatürliche Gabe erkennt (sie kann mit Insekten telepathisch in Verbindung treten), schmieden die beiden einen gefährlichen Plan, um den Killer ausfindig zu machen...


Jennifer (Conelly)


Der Insektenforscher (Pleasance)


Wenn man mit Filmfreundinnen bzw. Argento-Kennern ins Gespräch kommt oder Diskussionen in diversen Internetforen verfolgt, fällt auf, dass "Phenomena" von Vielen nicht besonders geschätzt wird. Als Favorit aus dem Œuvre des italienischen Kult-Regisseurs wird dieses Werk nur selten genannt. Dies hat diverse Gründe, auf die ich an dieser Stelle allerdings nicht näher eingehen möchte.
Für mich ist "Phenomena" nämlich ein kleines Meisterwerk. Meine Herangehensweise an diesen Film ist in erster Linie von Emotionen geprägt. Man möge mir meine kritiklose Lobhudelei an dieser Stelle nachsehen.

Ein stürmischer Tag in den Schweizer Bergen. Der Gipfel des Säntis wird von einer dichten Wolkenfront verdeckt. Der Wind rauscht hörbar durch Bäume und Wiesen. Die junge Touristin (gespielt von Argentos Tochter Fiore), die gerade den Bus verpasst hat und einsam und verzweifelt an der verlassenen Bergstraße steht, wirkt verloren. Nun setzt Wymans grandioser Soundtrack ("Valley") ein und der Zauber des Films beginnt sich zu entfalten. Man kann die kriechende Kälte förmlich spüren, die äußerlich und wohl auch innerlich Besitz ergreift von dem verzweifelten Mädchen. Die Kamera schwingt in die Lüfte bis hoch zu den sich im Wind beugenden Wipfeln der dunklen Tannen, um die unheilvolle Wetterstimmung einzufangen. Wer je mehr als zwei Genrefilme gesehen hat, erkennt das Unvermeidbare und weiß an dieser Stelle, dass das Haus, in dem das Mädchen Zuflucht sucht, ihr Verderben bedeuten wird.
Der Effekt mit den an der Wand befestigten Ketten, von denen sich jemand oder etwas durch ruckartige Bewegungen zu befreien versucht, ist einfach und zugleich verdammt effektiv. Wir sehen die Bedrohung nicht. Genau wie das Opfer. Nach einem ersten erfolglosen Angriff durch das unbekannte Böse jagen wir als ZuschauerInnen aufgrund der Kamera-Perspektive schließlich das erbarmungswürdige Mädchen selbst.
Diese Eingangssequenz ist ein künstlerischer Geniestreich.

Jennifer Corvino ist ein Charakter mit phänomenaler (!) Tiefgründigkeit. Ihre Unverdorbenheit, ihr Staunen über ihre eigene übersinnliche Fähigkeit und ihr Mut machen sie zu einem ganz besonderen Mädchen.
Die zum Zeitpunkt der Dreharbeiten 15 Jahre alte Jennifer Conelly war (kann man aus heutiger Sicht nach der Nasen-Korrektur jetzt so nicht mehr unterschreiben) von wahrer natürlicher Schönheit. Sie sieht in jeder Situation und aus jedem Winkel umwerfend hübsch aus.
Ihre Aura der kindlichen Reinheit wird von den zumeist weißen geschmackvollen Outfits (designt von niemand Geringerem als Giorgio Armani) hervorgehoben.
Jennifer strahlt von Außen und Innen. Ihr durchdringender intensiver Blick aus den großen Augen, der trotz aller Schrecklichkeiten, die sie erleben muss, immer wach und stolz bleibt, stehen im Zentrum vieler Szenen. Das zurückhaltende, doch präsente Schauspiel Conellys ließ damals schon erahnen, dass sie das Potential hat, zu den ganz Großen im Geschäft zu gehören.


Jennifers sichtbare Verbindung zu Insekten - hier eine Biene


Durch Jennifers magische Verbindung zu Insekten wirkt sie auch in gefährlichen Situationen souverän, agiert überlegt und letztendlich sicher. Deshalb wirkt die Tatsache, dass sie den Vorschlag des Professors, sich auf Mördersuche zu begeben, annimmt, nicht unrealistisch.
Ihre Entscheidung steht im Einklang mit ihrer starken Persönlichkeit und dem Verhalten, das sie zuvor gezeigt hat.
Jennifer ist eine für einen Horrorfilm sehr eigenwillige und untypische Darstellerin. Während es eine ungeschriebene Genre-Regel zu sein scheint, Frauen in Gefahr als hysterische, häufig überforderte Opfer darzustellen, wirkt sie trotz allem wie die Herrin der Lage oder zumindest ihrer Sinne.
Sie lässt sich auch von der dominanten Schulleiterin und einem Arzt nicht verunsichern, als diese ihr aufgrund des Schlafwandelns eine psychische Erkrankung einreden möchten und verweigert resolut eine körperliche Untersuchung.
Bei manchen Horrorfilmen stört mich diese klischeehaft überspitzt zur Schau gestellte, kopflose und sinnlose Panik der Darstellerinnen (vgl. das Kendall-Panik-Drama in "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe" bzw. die Nicolodi-Show in Mario Bavas "Shock") besonders.
Im starken Kontrast zu den sogenannten "Scream-Queens", die zum Enstehungszeitpunkt von "Phenomena" das amerikanische Horror-Kino maßgeblich prägten, schreitet unsere Heldin Jennifer mit Überlegtheit und Sicherheit durch ihren schlimmsten Alptraum in den Schweizer Alpen.
Ihre innere Ruhe leistet neben der rational nicht fassbaren oder deutbaren Handlung des Films einen wesentlichen Beitrag zu dieser konsistent surrealen Alptraum-Atmosphäre, die durch zahlreiche Kamera-und Licht-Effekte kreiert wird.

Ich wage zu behaupten, dass Dario Argento nicht allzu oft dermaßen professionell agierende Frauen und Männer vor der Kamera hatte wie bei "Phenomena".
Neben Conelly ist auch der zum Zeitpunkt der Dreharbeiten 16 Jahre alten Federica Mastroianni, die Jennifers Zimmerkollegin Sophie spielt, Anerkennung zu zollen. Die Nichte des berühmten Marcello Mastroianni hätte vermutlich auch das Zeug für eine größere Karriere gehabt, aber ihr Ausflug ins Filmbusiness währte nur kurz.
Donald Pleasance in der Rolle des an den Rollstuhl gefesselten Insektenforschers trägt durch sein authentisches Schauspiel ungemein zur stimmigen Atmosphäre bei.
Daria Nicolodi stellt ihre Hyperaktivität in Gegenwart einer Filmkamera wieder einmal ungehemmt zur Schau. Ihr Wahnsinn kennt keine Grenzen. Durch die absolut schräge Wendung des Films, die er im letzten Drittel nimmt, wirkt das Schauspiel der damaligen Argento-Lebensgefährtin jedoch nicht zu aufgesetzt und passt zu dem nunmehr radikal beschleunigten Tempo der Handlung.

Neben der zeitlos schönen, etwas gespenstischen, doch auch träumisch-melancholischen Instrumentalmusik, Songs der Metal-Bands "Iron Maiden" und "Motörhead" auf die Tonspur zu legen, kann getrost als tollkühn bezeichnet werden. Verständnislose Reaktionen beim Publikum waren damit ebenso vorprogrammiert wie vernichtende Kritiken:
"Langatmiges, primitiv inszeniertes Horror-Spektakel, das mit blutrünstigen Schockeffekten und penetrant eingesetzter Heavy-Metal-Musik Spannung zu erzeugen versucht." (Lexikon des internationalen Films)

Auf dem OST Album sind des Weiteren Songs von Andi Sex Gang (Sänger von Sex Gang Children) vertreten. Ich persönlich mag die genannten Bands und freue mich über die Wahl der Filmmusik. Aber es ist nachvollziehbar, dass wenn man nichts mit dem Sound anfangen kann, dieser die Atmosphäre unterbricht und den Zugang zum Gesamtwerk erschwert.
In einigen Szenen sind die Songs dermaßen dominant, dass der Film für ein paar Minuten wie ein Musikvideo wirkt.
Eine geeignete musikalische Untermalung für ein potentiell (kommerziell) risikofreudiges Endprodukt. Applaus für diesen musikalisch anarchischen Regiestreich.


"Grüezi" und Willkommen in der Schweiz

Zürich und Umgebung bieten die perfekte Kulisse für diesen Film. (Meine Drehortfotos findet ihr hier)
Das reaktionäre, streng geführte Eliteinternat ausgerechnet in der Schweiz anzusiedeln, ist per se schon sehr nahe an der Realität.
Den Föhnwind, der sich auf die psychische Verfassung der Menschen auswirkt, für besonders abartige und grausame Verbrechen ursächlich zu machen, ist ebenfalls ein sehr interessanter Ansatz. Tatsächlich gilt es als erwiesen, dass der Alpenföhn auf die Gesundheit und das Wohlbefinden von Menschen einen wesentlichen Einfluss haben kann.
Die Missbildung des Killers ist laut Argentos eigener Aussage angelehnt an das Pätau Syndrom (auch genannt Trisomie 13), einem durch Mutation ausgelösten Chromosomendefekt.
Die wichtige Rolle von Insekten bei der Aufklärung von Mordfällen basiert auf einer tatsächlich existenten wissenschaftlichen Forschung.
Argento hat all diese reellen Grundlagen in sein Drehbuch eingearbeitet und phantasievoll weiterentwickelt.

Die klaustrophobische Atmosphäre, in der die junge Amerikanerin gefangen ist, entsteht zum Teil durch den Umstand, dass Jennifer sich gegen ihren Willen abgeschottet von der Außenwelt in einer quasi geschlossenen Gesellschaft (Internat) und fremden Kultur befindet. Sie sitzt fest an einem für sie fremden Ort. Rundum menschenleere abgelegene Wälder und Wiesen, eingekesselt von hohen Bergen. Eine unwirtliche Gegend, in der ein Mörder sein Unwesen treibt. 

Da sich beinahe alle Menschen Jennifer gegenüber feindselig verhalten, stellt die unerwartete und selbstlose Unterstützung des Mädchens aus dem Tierreich einen Lichtblick in einem von Bedrohung und Düsternis beherrschten Umfeld dar. Gänsehaut-Potential besitzt die Szene, in der Jennifer von ihren Mitschülerinnen verspottet und drangsaliert wird und dann mit Tränen in den Augen auf der Türschwelle innehält. Plötzlich verändert sich ihre Mimik, die zuvor sichtbare Anspannung löst sich. Wenn das Mädchen gelassen nach rechts und links blickt und mit Wind in den Haaren den zur Hilfe eilenden Insekten "I love you! I love you all!" zuraunt, ist das schlichtweg bewegend.

Auch wenn man die gialloesken Ansätze der Geschichte nicht verleugnen kann, hält Argento sich bei "Phenomena" weder an klare Konventionen noch ungeschriebene Regeln des Genrekinos.
Er entsendet sein Publikum gemeinsam mit seiner Protagonistin auf einen schlafwandlerischen, dunklen Trip in die Hölle. Das Grauen wird nur zum Teil durch heftige Gore-Effekte und Ekel-Szenen erzeugt. Es lauert über einen längeren Zeitraum latent im nicht sichtbaren Bereich. Es entzieht sich unserer Wahrnehmung sowie unserem Vorstellungsvermögen.
"Phenomena" schlägt nicht die selbe Richtung ein wie der für die 80er Jahre archetypische Horrorfilm, sondern hält sich an das Vorbild aller guten Märchen, in denen Kinder oder Heranwachsende gegen das Böse kämpfen.

Noch eine Anmerkung zur jüngsten Veröffentlichung von Arrow: Es handelt sich hierbei um eine Abtastung in 4K vom Original Kamera-Negativ. Das Besondere daran ist neben dem ausgezeichneten Bild die Anpassung des englischen Tons an die italienische Langfassung.
Für alle, die wie ich den Film in englischer Sprache bevorzugen, stellt diese die Krönung aller "Phenomena" Editionen dar.




Foto: NostalgikerInnen können sich nicht einmal  von der JPV Austria (Bootleg-)Videokassette trennen




Foto: Digipak von Dragon




Foto: Italienische DVD von Medusa und Blu Ray von XT im Mediabook





Foto: Arrow Video Box mit allen drei Fassungen - für alle "Phenomena" Freaks




Foto: OST von Goblin (Instrumental)






Foto - aufgenommen 2006 im Profondo Rosso Museum (Rom)