Geisterdorf

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Italien März 17

Freitag, 24. Juni 2016

NO IL CASO È FELICEMENTE RISOLTO (1973)














BETRACHTEN WIR DIE ANGELEGENHEIT ALS ABGESCHLOSSEN

Italien 1973
Regie: Vittorio Salerno
DarstellerInnen: Enzo Cerusico, Riccardo Cucciolla, Enrico Maria Salerno, Martine Brochard, Umberto Raho, Loredana Martinez, Luigi Casellato, Claudio Nicastro, Michele Malaspina u.a.


Inhalt:
Der römische Bahnangestellte Fabio Santamaria flüchtet am Wochenende gerne vor seiner fordernden Frau (und Kind) aus der lauten Großstadt zum Angeln auf's Land. An einem See inmitten einer Schilflandschaft hört er eines Tages die panischen Schreie einer Frau. Als er zur Hilfe eilen möchte, wird er just Zeuge eines grausamen Mordes.
Auge in Auge steht er dem brutalen Killer gegenüber. In seiner kopflosen Panik und auf der Flucht vor dem Mörder, der ihn sogar mit dem Auto durch die Innenstadt verfolgt, scheitert er beim Versuch, die Tat einem Straßenpolizisten zu melden. Santamaria lässt immer mehr Zeit verstreichen, um sich mit dem Mord-Dezernat in Verbindung zu setzen. Währenddessen stattet der Täter, ein harmlos aussehender Lehrer namens Ranieri, der römischen Polizei einen Besuch ab und meldet das schreckliche Vergehen. Er dreht den Spieß geschickt um und liefert eine exakte Täterbeschreibung ab. Dadurch gerät der (noch) ahnungslose Santamaria ins Visier der Polizei.
Nur Journalist Don Peppino hat den Verdacht, dass an der Story des Professors etwas faul sein könnte.
Wird die Wahrheit am Ende ans Licht kommen?


Unschuldslamm Ranieri beim Begaffen einer Minderjährigen


Verzweifelt und überfordert: Durchschnittstyp Santamaria


Regisseur Vittorio Salerno ("Fango Bollente") hat mit "Betrachten wir die Angelegenheit als abgeschlossen" einen ganz bemerkenswerten hochpolitischen Thriller mit einem nach wie vor brisanten Sujet geschaffen.
Fabio Santamaria ist ein Mann, wie er durchschnittlicher nicht sein könnte: angefangen von seiner 0815-Frisur über seinen 0815-Bart bis hin zu seinen Interessen (Angeln und Fußball).
Santamaria fährt einen etwas in die Jahre gekommenen Mini und wohnt in einem für Rom typischen Arbeiterviertel. Er verdient seine Brötchen als Ticketverkäufer an einem Bahnschalter und hat – wie es sich für einen italienischen Mann seines Alters gehört – eine kleine Familie gegründet.
Leider gibt es in der Ehe Spannungen, denn Fabio weiß mit seiner attraktiven Frau (Martine Brochard) nicht besonders viel anzufangen und lässt in seiner Überforderung den Macho-Ehegatten raushängen.
Aber er ist kein schlechter Mensch und bemüht sich redlich, alles richtig zu machen.

Als er durch seine unverhoffte Zeugenschaft in eine Extremsituation gerät, verliert er den Kopf. Er rast wild drauflos und manövriert sich von einer unangenehmen Situation in die nächste verzwickte Lage.
Manche Kritiker bezeichnen ihn bzw. sein Agieren schlichtweg als "dumm". Doch so hart möchte ich nicht über diesen armen Tropf urteilen.
In meinen Augen ist er ein schlichter Mann mit etwas limitierten Möglichkeiten, der durch eine Verkettung von besonders unglücklichen Umständen in eine Zwickmühle gerät. Und wohl instinktiv ahnt, dass er bei der Polizei schlechte Karten haben wird mit seiner Geschichte.
In manchen Milieus ist es sogar heute noch erstaunlicherweise weit verbreitet, dass der Kontakt zur Polizei eher gescheut und wenn möglich vermieden wird. Denn "man könnte ja Ärger mit denen bekommen". "Mit der Polizei hat man besser nichts zu tun" heißt es oft.
Und zwar nicht (nur) unter Kriminellen, sondern vor allem beim einfachen Bürger von nebenan, der sich noch nie etwas zu Schulden kommen lassen hat, aber dennoch bereitwillig weg schaut und im Zweifelsfall nichts gesehen haben will, um nicht die Aufmerksamkeit der Gesetzeshüter auf sich zu ziehen.
Egal, ob es darum geht, sich als Zeuge eines Diebstahls oder eines Autounfalls oder einer Körperverletzung zu deklarieren. Viele Menschen scheuen den Kontakt mit der Exekutive prinzipiell. Mit Zivilcourage ist es auch im Jahre 2016 bekanntlich nicht allzu weit her.
Auch, wenn die Delikte schwerwiegender sind, ist die Zahl derjenigen, die lieber keinen Ärger mit dem Täter und/oder der Polizei haben wollen und nur allzu gerne bereit sind, zu schweigen, hoch.

Vittorio Salerno hat mit dem Charakter des Fabio Santamaria einen solchen Mann quasi überspitzt dargestellt.
Santamaria hat schon zu viel Zeit verstreichen lassen, um sein Handeln gegenüber den Gesetzeshütern schlüssig erklären zu können. Dies wird ihm deutlich bewusst, als die Panik sich legt und der Adrenalinspiegel sinkt. Und er fängt an, die Sache mit seinen intellektuell begrenzten Möglichkeiten innerlich auszuhandeln. Schließlich hofft er, die Sache einfach aussitzen zu können. Vielleicht fasst man den Mörder ja auch ohne seine Hilfe? Vielleicht ist es sowieso besser, nichts mit alldem zu tun zu haben? Für das Opfer kommt sowieso jegliche Hilfe zu spät.
So denkt er und macht sich dadurch zu einem unfreiwilligen Helfer des Mörders. Bis er ein Phantombild von sich in der Zeitung findet.
Ein genialer Schachzug des wahren Täters.
Dieser wiederum ist ein berechnender Psychopath, jegliche seiner Handlungen sind Resultat von eiskaltem Kalkül. Ein Wolf im Schafspelz. Nach Außen hin jedoch ein angesehener ehrenhafter Bürger, als Lehrer sogar ein wichtiges Mitglied unserer Gesellschaft.
Ranieri ist ein glaubwürdiger Zeuge für die Polizei, die (im Gegensatz zum Journalisten) nicht auf die Idee kommt, seine Aussage zu hinterfragen, sondern voller Tatendrang einem Phantom hinterherjagt.
Immerhin ist alles, was der Professor erzählt, mehr als plausibel. So einem wie ihm glaubt man gern.

An dieser Stelle der Erzählung und der Kernbotschaft dieses Films stecken wir schon ganz tief in der Thematik der Sozialkritik und des Anprangerns von Justizirrtümern.
Der Text des wunderbaren Titelsongs "Mamma Guistizia" (von Komponist Riz Ortolani) mit seinem höchst zynischen und schmerzhaft deutlichen Text unterstreicht das Ausgeliefertsein Fabio Santamarias. Er findet klare Worte für die Tragödie des "kleinen Manns von nebenan", der in die Mühlen der Justiz gerät.
"La legge e uguale per tutti", also "Das Gesetz ist für alle gleich" steht an der Wand im Gerichtssaal, in dem Santamaria sich schließlich wiederfindet.
Ein paar Indizien passen zusammen. Was nicht perfekt ins Bild passt, wird bereitwillig übersehen und geringer gewertet. Sogar befragte Zeugen haben sich mittlerweile ihre eigene Wahrheit zusammen gesponnen und entfernen sich in ihrer Aussage immer mehr von den Tatsachen.
Ist ja bereits klar, wer der Mörder ist.
"Wer stiehlt wird dafür bezahlen. Wer viel raubt bleibt in Freiheit" erklärt uns der Songtext kurze Zeit nach der Szene.
Natürlich war die Dramatik dieser Darstellung der damaligen Situation in Italien geschuldet. Nach vielen Attentaten und Verbrechen, die nicht oder nur unzureichend aufgeklärt wurden, war das Vertrauen der italienischen Zivilbevölkerung in Exekutive und Justiz tiefgreifend erschüttert.
Nicht zufällig werden diese Missstände in vielen Poliziotteschi der Siebziger Jahre aufgegriffen und diverse Konsequenzen (Selbstjustiz, Bildung von Bürgerwehren, Machtlosigkeit der Beamten) aufgezeigt.
Das damalige Ausmaß wird heutzutage in den meisten modernen Gesellschaften nicht mehr erreicht. Dennoch: wer den Begriff "Justiz" mit "Gerechtigkeit" oder "Wahrheitsfindung" gleichsetzt und denkt, dass so etwas in der heutigen Zeit nicht (mehr) passiert, dem gratuliere ich zu seiner schön gefärbten Brille.

Der Film lebt natürlich in besonderem Maße von seinen Darstellern. Allen voran Riccardo Cucciolla ("Nackt über Leichen", "Wild dogs"), der den psychopathischen Lehrer im wahrsten Sinne des Wortes mörderisch intensiv spielt.
Professor Ranieri ist ein Meister der Manipulation. Nicht nur, weil er es virtuos beherrscht, seine triebhafte abartige Seite vor seinem näheren Umfeld zu verbergen oder die Polizei zu täuschen. Es gelingt ihm sogar, in einer direkten Konfrontation den verblüfften Santamaria durch eine geschickte verbale Täter-Opfer Umkehr zu überzeugen, dass er selbst nicht weiß, was er getan hat und sämtliche Handlungen (auch die Falschbeschuldigung) pure Verzweiflungstaten sind. Eine Meisterleistung psychologischer Beeinflussung.

Der arme ungeschickte Tölpel Santamaria wird verkörpert von Enzo Cerusico. Er mimt den unglückseligen Ticketverkäufer Santamaria mit Bravour und holt das Bestmögliche für seine Figur heraus.

Enrico Maria Salerno, der Bruder des Regisseurs, veredelt den Film (ich bin ja fast versucht zu schreiben, das "Drama") durch sein wie immer tiefgründiges Schauspiel. Die Handlung profitiert deutlich von der Figur des "Don Peppino" genannten Journalisten und wird durch ihn um eine weitere wichtige Facette bereichert.
Als Reporter neapolitanischer Herkunft eckt dieser mit seiner Denkweise, seinen Hypothesen und Methoden in Rom an. Er ist der Einzige, dem Lehrer Ranieri ein Dorn im Auge ist und der gewisse (von der Polizei vernachlässigte) Zusammenhänge näher untersucht.

Umberto Raho ("Jonny Madoc", "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe") ist in einer äußerst kurzen Nebenrolle als Priester zu sehen.
Abgesehen davon ergänzen die übliche Italo-Schauspieler-Riege Luigi Casellato, der wie in "Der Todesengel" einen Kommissar spielt und Don Giuseppe D'Aniello ("Der Teufel führt Regie"), also der Schauspieler Claudio Nicastro.

Ein Orden gebührt dem Label "Camera Obscura", das diesen spannungsreichen Italofilm in Form einer qualitativ hochwertigen Veröffentlichung auf den Markt gebracht hat. Endlich kann man dieses Kunstwerk in exzellenter Bildqualität und mit dem richtigen, vom Regisseur intendierten Ende, genießen.
Ich habe "Betrachten wir die Angelegenheit als abgeschlossen" nun zum vierten oder fünften Mal gesehen und noch lange nicht genug von diesem Film, zumal er mit der Camera Obscura-Scheibe noch viel mehr Vergnügen als bisher bereitet.




Foto: Camera Obscura Blu Ray und Eagle Pictures DVD (aus Italien)




Trailer (aus dem Archiv von Italo-Cinema)