Geisterdorf

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Italien März 17

Montag, 4. Mai 2015

LES RAISINS DE LA MORT (1977)














FOLTERMÜHLE DER GEFANGENEN FRAUEN
ZOMBIS GESCHÄNDETE FRAUEN (Alternativtitel, kein Tippfehler!)
PESTIZIDE - GRAPES OF DEATH
Frankreich 1977
Regie: Jean Rollin
DarstellerInnen: Marie-Georges Pascal, Félix Martin, Serge Marquand, Mirella Rancelot, Brigitte Lahaie u.a.


Inhalt:
Landarbeiter Kowalski fühlt sich gar nicht gut. Die Pestizide, die er auf den Weinfeldern mit dem Traktor versprüht, erschweren seine Atmung, er wirkt blass und krank.
Élisabeth möchte ihren Verlobten Michel auf dem Weingut besuchen. Im Zug begegnet sie dem kranken Kowalski, der sich ausgerechnet in ihr Abteil setzt (nachdem er zuvor hinterrücks ihre Freundin gemeuchelt hat). Als das Gesicht des Mannes vor sich hinzueitern und zu bluten beginnt, ergreift Élisabeth angewidert die Flucht. Der mittlerweile aggressiv wirkende Kowalski verfolgt sie durch die Zugabteile, bis ihr nach Betätigung der Notbremse die Flucht gelingt. Sie rennt über die Felder und sucht Zuflucht in einem kleinen, von der Zivilisation abgeschotteten Dorf.
Der Alptraum der jungen Frau hat gerade erst begonnen...


Traum(gleiche) Atmosphäre


Élisabeth in Angst


"Les raisins de la mort" (übersetzt: Die Trauben des Todes) wird gemeinhin als der erste französische Splatterfilm bezeichnet. Diese reduzierte Kategorisierung wird dem Film allerdings nicht gerecht, denn er ist viel mehr als das.
"Les raisins de la mort" verzaubert durch seine Angsttraum-artige Atmosphäre, die von Bildern kreiert wird, die ganz in der Tradition des europäischen Schauerkinos stehen.
Nebelverhangene raue Landschaften wechseln sich ab mit Aufnahmen uralter Dörfer mit maroden Steinfassaden, bei deren Anblick man jederzeit damit rechnet, dass gleich ein verwesender, blinder und rachsüchtiger Tempelritter um die Ecke taumelt.
Ein beachtlicher Teil des Films spielt in der Nacht, manche Szenen sind nur spärlich beleuchtet. Die zum Teil nur durch Fackeln und Feuer erhellten Kulissen der alten Dörfer wirken gespenstisch.
Die behutsam und effektvoll eingesetzten Unschärfen verdichten die traumartige Stimmung.
Erinnerungen an Filme wie "Das Leichenhaus der lebenden Toten" (in dem auf sehr ähnliche Weise der ausbeuterische Umgang mit der Natur thematisiert wird) oder Lucio Fulcis surreale Schreckensvisionen in dem später entstandenen "Über dem Jenseits" werden natürlich ebenfalls geweckt.

Die Odyssee von Élisabeth (musikalisch umrahmt von simplen, melodischen und intensiv melancholischen Synthie-Klängen) führt nicht nur von einem Dorf zum nächsten, sondern auch von einer unheimlichen und bedrohlichen Begegnung zur anderen.
Überall scheint diese Seuche, die Menschen zuerst verzweifeln, dann aggressiv und mordlustig werden lässt, zu grassieren.
Erste Hinweise auf die schnell fortschreitende Infektion sind häufig eigentümlich und äußerst ungesund aussehende Wunden, die sich rasch ausbreiten und schließlich eklige Haut-Geschwülste erzeugen, die ein Eigenleben zu entwickeln scheinen, bevor sie in mehreren Schichten eitrig und blutig aufbrechen.
Bei manchen Erkrankten rinnen dickflüssige Körpersekrete direkt aus dem Scheitel. Die Manifestationen der Epidemie sind mannigfaltig - je nachdem an welchem Körperteil sich die Geschwüre befinden.
Mit gelber und roter Sauce wurde definitiv nicht gegeizt, wobei viele Effekte mehr den Forderungen der Produzenten als der Phantasie des Regisseurs geschuldet waren. So erzählt zumindest Jean Rollin in einem Interview.

Die anfänglich fröhliche und lebenslustige Élisabeth wandelt sich durch die Vereinsamung und ihre traumatischen Erfahrungen zu einer verzweifelten Frau, deren hübsches Puppengesicht oft grimassenhaft verzerrt ist und die am Ende zu einer hohlen Karikatur ihres einstigen Ichs verkommt.
Die Aktrice Marie-Georges Pascal, die leider allzu früh von der Leinwand verschwand und ihrem Leben im Alter von 39 Jahren ein Ende setzte, spielte ihre Rolle auf eindringliche und überzeugende Weise. Ohne ihr engagiertes Schauspiel hätte "Les raisins de la mort" viel stärker in die Trash-Ecke abdriften können. Doch Pascal bewahrt den Film meines Erachtens vor allzu viel unfreiwilliger Komik.

Die Begegnung unserer vom Schicksal gepeinigten Protagonistin mit der blinden Lucie intensiviert die apokalyptische Aura der Hoffnungslosigkeit des Films.
Lucie, die sich in einem desperaten und äußerst erbärmlichen Zustand befindet, ist nicht nur ihres Augenlichts, sondern auch ihres Verstandes beraubt. Sie kann ihre Umwelt nicht einschätzen, findet den Weg nach Hause nur mit Hilfe und verkennt die Gefahr, die von ihren einstigen Mitmenschen ausgeht. Élisabeth findet keine Worte, um ihrer neu gewonnen Gefährtin zu erklären, was rund um sie vorgeht und lässt die arme Frau somit im wahrsten Sinne des Wortes im Dunkeln (was in diesem Zusammenhang der Redewendung eine neue, tiefere Bedeutung gibt).
Élisabeths Verhalten entpuppt sich als fataler Fehler. Lucies Naivität und Sehnsucht nach vertrauten Personen führt sie direkt in ihr Verderben.

"Ich traue Ihnen nicht. Warum laufen Sie hier im Nachthemd rum? Sie wollen uns eine Falle stellen!"



Brigitte Lahaies Auftritt


Die Pornodarstellerin Brigitte Lahaie, deren Karriere wohl mit "Lustschreie im Urwald" (und nicht mit "Lutscherei im Urwald", wie ich gerade fälschlicherweise gelesen habe) begann, spielt ein Zimmermädchen, das sich im Haus des ehemaligen Bürgermeisters verschanzt hat und dem dort vorhandenen Luxus frönt. Sie nimmt Élisabeth bei sich auf, führt aber eindeutig Böses im Schilde. Wie fast alle Frauen im Film zeigt auch sie sich freizügig, sogar im Eva-Kostüm.
Doch im Unterschied zu den anderen, deren Nacktheit ein Resultat von Gewalt ist, entblättert sie sich aus freien Stücken, um zwei schießwütigen Bauarbeitern zu beweisen, dass sie nicht von der mysteriösen Krankheit befallen ist.
Ihr Auftritt im hauchdünnen transparenten weißen Seidenkleid, flankiert von zwei Doggen, dürfte eine (schlüpfrige) Hommage an "Die Stunde wenn Dracula kommt" darstellen.

Der Film lehrt uns nicht nur, warum man Blinde nicht anlügen und nie einem Fremden trauen sollte, sondern auch warum man kein Dynamit im Auto transportieren und besser Bier statt Wein trinken sollte.
Letzteres ist in der Tat ein Punkt, der mir jedes Mal zu denken gibt. Dem damaligen Publikum vermutlich ebenfalls.
Im Jahr 1975 gab es in Frankreich, ausgerechnet im renommierten Anbaugebiet Bordeaux, einen Weinskandal, der die Bevölkerung erschütterte. Damals wurde von findigen Betrügern Wein aus der Region mit giftigem Natriumnitrit versetzt, um ihn haltbarer zu machen.
Wie wir wissen, sind solche Vorkommnisse kein Einzelfall und die Skandale rund um den beliebten Rebensaft haben sich im Lauf der Geschichte in diversen europäischen Ländern wiederholt.
Was wieder zum eigentlichen Thema des Films, nämlich der Profitgier des Menschen und der Schädigung der Umwelt und der eigenen Spezies als Konsequenz davon führt...

Trotz (oder vielleicht wegen?) des verzweifelten Vermarktungsversuchs mit den absonderlichen deutschen Titeln hat "Les raisins de la mort" sein Publikum offenbar nicht gefunden.
Die eingefleischten Rollin-Fans schätzen die Gore-Szenen nicht und die meisten FreundInnen des Splatterkinos kommen mit der speziellen Atmosphäre nicht so gut zurecht.
Ähnlich wie bei Fulcis "Gates of Hell-Trilogie" verhält es sich auch bei diesem Film – entweder man kann sich einlassen und lässt sich gedankenverloren auf die düstere Seite der Phantasie ziehen oder man mokiert sich über Logiklöcher und rüde Gewaltexzesse.
"Les raisins de la mort" ist ein Werk, dessen Besonderheit sich nicht unbedingt auf Anhieb erschließt und das sein Publikum spaltet. Es gibt nicht wenige Menschen, die ihn sogar für totalen Schrott halten.
Für mich hat er im Laufe der Jahre an Bedeutung gewonnen und ich wage es sogar, im Zusammenhang mit diesem Film von einer besonders stimmigen düsteren Poesie zu sprechen.

Jeder Fan des Films über den monströse Anomalien erzeugenden Traubensaft sollte die Blu Ray des amerikanischen Labels Redemption sein Eigen nennen. Die Bildqualität ist gestochen scharf und bringt die exquisit ausgewählten Landschaftsaufnahmen perfekt zur Geltung.




Foto: DVD von Cine Club und Blu Ray von Redemption