Freitag, 23. Januar 2015

LA RAGAZZA CHE SAPEVA TROPPO (1963)














THE GIRL WHO KNEW TOO MUCH
Italien 1963
Regie: Mario Bava
DarstellerInnen: Letícia Román, John Saxon, Valentina Cortese, Titti Tomaino, Robert Buchanan, Luigi Bonos, Milo Quesada u.a.


Inhalt:
Die Amerikanerin Nora Davis reist zu einer Bekannten nach Rom. Doch die schöne junge Dame wird von einer unglaublichen Pechsträhne verfolgt. Zuerst wird ihr im Flugzeug eine Packung mit Marihuana versetzten Zigaretten angedreht, die sie am Flughafen vor dem Zoll vergeblich versucht loszuwerden. In ihrem Feriendomizil angekommen, muss sie erfahren, dass ihre Gastgeberin ernstlich krank ist. Kurz darauf stirbt die sympathische ältere Frau in einer Unwetter-Nacht quasi unter Noras Augen weg, das Telefon versagt seinen Dienst und Nora rennt panisch auf die Straße, um Hilfe zu holen.
Nur wenige Schritte vom Haus entfernt wird sie von einem Taschendieb überfallen, niedergeschlagen und verliert das Bewusstsein. Als sie wieder zu sich kommt, findet gerade vor ihren Augen ein Mord statt.
Nora wird abermals schwarz vor Augen und als sie erwacht, findet sie sich im Krankenhaus wieder, wo sie wie eine Verrückte behandelt wird und ihr niemand Glauben schenken will, dass sie Zeugin eines Mordes ist.
Also ermittelt sie auf eigene Faust und gerät dabei ins Visier eines psychopathischen Serien-Killers...


Nora verwirrt im Krankenhaus


Nora und Marcello bei ihren Ermittlungen


Mario Bavas eindrucksvoll ästhetisch fotografierter Ur-Giallo hat im deutschsprachigen Raum offenbar nicht viele Bewunderer. Ob es daran liegt, dass der Film nie synchronisiert wurde oder daran, dass Interessierte sich lange Zeit mit einer französischen DVD begnügen mussten?
Im November letzten Jahres ist jedenfalls endlich die langersehnte Blu Ray vom Label Arrow erschienen und für alle Bava-Aficionados und FreundInnen des Giallo Genres lohnt sich der Kauf definitiv.

"La ragazza che sapeva troppo" nimmt bereits wichtige Elemente des Genres vorweg und war nicht nur wegweisend für die Werke Argentos (vgl. "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe" oder "Inferno"), sondern auch anderer wichtiger italienischer Populärkino-Regisseure der 60er und 70er Jahre.

Der Filmtitel kann als Hommage an Alfred Hitchcocks "The Man who knew too much" verstanden und in zweifacher Weise interpretiert werden. Einerseits weiß Nora zu viel, weil sie einen Mord beobachtet hat. Andererseits weiß sie (vielleicht) auch zu viel, weil sie eine begeisterte Leserin der Giallo Literatur (die gelb eingebundenen Kriminalromane, die in Italien vom Verlagshaus "Mondadori" erscheinen) ist.


Noras Flugzeug-Lektüre


Gialli aus meinem Bücherregal


Es ist über eine lange Zeitspanne nicht klar, ob Nora, beeinflusst von den vielen Romanen und beeinträchtigt von der gerauchten Droge, halluziniert oder ob sie den Mord tatsächlich gesehen hat. Geschickt spielt Bava mit dieser Unsicherheit und der Option des "unzuverlässigen Erzählers", da wir den Mord ausschließlich aus der Perspektive Noras sehen (und das auch noch leicht verschwommen).

Die umtriebige neugierige Amerikanerin macht gleich nach ihrer Ankunft Bekanntschaft mit dem adretten jungen Arzt Marcello Bassi (John Saxon), der ihr bei den weiteren Ermittlungen helfend und beschützend zur Seite stehen möchte, von ihr aber immer wieder zurückgewiesen wird.
John Saxon, der gebürtige Amerikaner mit italienischen Wurzeln, wurde als Carmine Orrico in Brooklyn geboren und dürfte sowohl Eurocult-Fans als auch KennerInnen des amerikanischen Horrorfilms ein Begriff sein.
Mich beeindruckte er bereits in meiner Jugendzeit als Vater von Nancy in "Nightmare on Elm Street". Seine sportliche Statur (er ist übrigens Träger eines schwarzen Gürtels in Karate), sein südländisches Aussehen und sein Charisma lassen ihn besonders glänzen, wenn er einen Polizisten (vgl. "Die Killer der Apokalypse", "Jessy - Die Treppe in den Tod") oder einen Uniformträger (wie in "Asphalt Kannibalen") mimt.
Seinem für "La ragazza che sapeva troppo" ersten Ausflug nach Cinecittà sollten noch viele weitere folgen.

Unheimliches und Unerklärliches


Ähnlich wie in Pupi Avatis "Haus der lachenden Fenster" sind die Grenzlinien zwischen Giallo und Horrorfilm leicht unscharf, die Geschichte enthält Elemente aus beiden Genres.
Bereits der Tod der Gastgeberin ist dramatisch und unheimlich inszeniert - sie stirbt qualvoll in einer Gewitternacht und ihre Leiche wird vom flackernden Licht gespenstisch beleuchtet.
Besonders deutlich erscheint mir der Grusel-Aspekt in der Szene, in der Nora von einem anonymen Anrufer in ein verlassenes Gebäude gelockt wird, in dem in mehreren Räumen an langen Kabeln von der Decke herabhängende Glühbirnen wie von Geisterhand geführt hin- und her schwingen und eine gespenstische Stimme zu ihr spricht.
Der Themenkomplex "Parapsychologie" und "Außersinnliche Wahrnehmung" ist ebenfalls kunstfertig in die Erzählung eingewoben. Nora führt ein Gespräch mit einem Arzt und Bekannten Marcellos, der die Theorie aufstellt, dass der von Nora beobachtete Mord eine Vision aus der Vergangenheit gewesen sein könnte.
Immerhin gab es in den letzten Jahren bereits mehrere Morde an exakt der Stelle auf der spanischen Treppe, an der Nora das Bewusstsein verloren hat.


Nora im verlassenen Gebäude


Das Tonband, das Nora und Marcello an diesem mysteriösen Ort finden, erklärt zwar die Herkunft der Stimme, dennoch bleiben einige Sequenzen des Films nicht eindeutig entschlüsselbar.
Welch formvollendete Bildkompositionen Bava mittels Schwarz-Weiß-Aufnahmen imstande war auf die Leinwand zu zaubern, hat der Maestro bereits im Jahre 1960 bei seinem ersten eigenen Werk "Die Stunde wenn Dracula kommt" unter Beweis gestellt.
Für "La ragazza..." kamen Bavas perfektionierte Techniken abermals zum Einsatz.


Der bedrohliche Schatten


Was man dem Film ankreiden kann, aber vermutlich schlichtweg dem damaligen Zeitgeist geschuldet ist, sind die für die Handlung unnötigen Ausflüge Noras mit Marcello zu diversen römischen Touristenzielen und die kurzen Ausflüge in die seichten Gewässer der commedia all'italiana.

Das Bemerkenswerte an "La ragazza che sapeva troppo" ist nicht nur, dass er quasi als Genre-Prototyp gilt, sondern, dass er zugleich ein schönes Beispiel für Meta-Kino darstellt.
Ein Muss für Bava-Fans sowie für alle, die dem Giallo-Genre nicht abgeneigt sind!




Foto: DVD in der Bava Box, Blu Ray von Arrow