Sonntag, 6. Juli 2014

LA ORGÍA NOCTURNA DE LOS VAMPIROS (1973)














THE VAMPIRE'S NIGHT ORGY
Spanien 1973
Regie: León Klimovsky
DarstellerInnen: Jack Taylor, Dyanik Zurakowska, José Guardiola, Helga Liné, Luis Ciges u.a.


Inhalt
Eine Gruppe von Touristen, die mit dem Bus Richtung Heimat fahren, machen aufgrund des plötzlichen Herztods ihres Chauffeurs einen Zwischenstopp in einem kleinen Dorf namens Tolnia.
Das malerische uralte Bergdorf scheint verlassen zu sein. Zumindest treffen die Urlauber (vorerst) keinen einzigen Bewohner an. Sie übernachten in der geöffneten Herberge, die laut Außenbeschriftung auch zugleich eine Bar und ein Restaurant ist.
Am nächsten Tag tauchen plötzlich alle Einheimischen aus der Versenkung auf und tun, als ob dies das Normalste der Welt wäre. Der freundliche Bürgermeister organisiert ein Stell-dich-Ein bei der Baronesse und bittet die Gäste, länger im Ort zu bleiben.
Schnell wird klar, dass die Bewohner nichts Gutes im Schilde führen und die Touristengruppe dezimiert sich immer mehr...


Der Bruder von Tom Savini?


Die schöne Baronesse (Helga Liné)


Für alle, die kein ganzes Review lesen, sondern nur schnell in Erfahrung bringen möchten, ob sich die Sichtung von "La orgía nocturna de los vampiros" lohnt, sei Eines gleich vorweg geschickt:
Das Drehbuch und die Dialoge sind an den Haaren herbeigezogen. Die Handlung hat eine ähnliche Struktur wie Schweizer Käse - sprich: bei genauer Betrachtung finden sich sowohl kleine als auch größere (Logik-) Löcher. Noch nicht abgeschreckt? Gut...

Regisseur León Klimovsky, u.a. verantwortlich für den schrägen und morbiden Paul Naschy-Streifen "Ultimo Deseo" und die drollige Trashgranate "Blutrausch der Zombies" hat mit "La orgía..." einen optisch düsteren und stimmungsvollen spanischen Horrorfilm geschaffen.
Verglichen mit anderen spanischen Genre-Produktionen weist dieser Vampirfilm einen weitaus geringeren Trash-Faktor auf.

Der Ort Tolnia, in dem die Reisegruppe Halt macht, sieht wie ein mittelalterliches Bergdorf mit südlichem Flair aus. Im Gegensatz zu manchen Filmen der neueren Generation, bei denen ich Probleme habe, die einzelnen SchauspielerInnen zu unterscheiden, sind die Protagonisten allesamt einprägsame und individuelle Charaktere, die man so schnell nicht vergisst. Besonders positiv fällt der "Ersatzbusfahrer" auf, der mit seinem eigenwillig geformten Schnäuzer ein bisschen nach Altrocker oder Harleyfahrer aussieht. Irgendwie erinnert er mich an Tom Savini. Eine Art Franco Nero für Arme (Jack Taylor, u.a. bekannt aus dem legendären "Woodoo - Inferno des Grauens") und ein dunkelhaariger bärtiger Riese in Leinenhemd sowie ein Typ, der einem Fernando Di Leo - Mafiafilm entsprungen sein könnte, sind auch mit von der Partie.
Die ausdrucksstarke und schöne Deutsche Helga Liné brilliert als geheimnisvolle Baronesse.

Charmant, wie Klimovsky auf Genrekonventionen pfeift und sowohl inhaltlich als auch darstellerisch Kannibalen-, Zombie-, und Vampirfilm vermischt. Denn eines ist Klar: ein klassischer Vampirfilm sieht anders aus.
Es fällt gleich zu Beginn auf, dass die Einwohner, nennen wir sie "Tolnianer", etwas blass um die Nase sind. Besonders in der Nacht wirken sie wahrlich gespenstisch. Beleuchtung und Make-Up wecken Erinnerungen an die Zombies in "Das Leichenhaus der lebenden Toten", Filme wie "La noche de los diablos" oder die Wurdelak-Episode in "Die drei Gesichter der Furcht".

Auch die Angewohnheit, des Nächtens in größeren Grüppchen unvermittelt in dunklen Gassen aufzutauchen, wortlos herumzustehen und gruselig dreinzuschauen, ist eher nicht die Art von Dracula und Co.
Und mal ehrlich - die ansonsten gut aussehenden und sich elitär gehabenden Blutsauger würden sich schämen, so viele alte, hässliche Exemplare unter sich zu haben. Auch die etwas tölpelhafte und schrullige Art der Dörfler passt nicht so ganz zu den typischerweise geschickt einlullenden und wortgewandten Vampiren.


Ein schmackhafter Braten?


Wirklich herzig, was sich die Untoten einfallen lassen, um ihre Opfer in Spe bei Laune zu halten. Jeden Tag wird ein schmackhaftes Fleischgericht aufgetischt.
Was die Touristen nicht wissen, ist, dass dafür jedes Mal ein Tolnianer eine seiner Gliedmaßen entbehren muss. Als im Fleischeintopf auf dem Teller ein Finger hervorlugt und prompt einen künstlich-hysterischen Anfall bei einer Touristin auslöst, wird rasch eine Lösung präsentiert. Der Bürgermeister persönlich geht in die Küche und kommt mit der Erklärung, der Koch habe einen Unfall gehabt, wieder zurück.
Wie zum Beweis dafür spaziert kurze Zeit später der Koch, einen großen Topf tragend, mit blutiger Handbandage und fehlenden Fingern vorbei.

Die strenge Zensur in Spanien zur Zeit des Franco Regimes hatte zur Folge, dass es eine spanische Fassung und eine extra für den Markt anderer etwas liberalerer europäischer Länder gedrehte Version von "La orgía nocturna de los vampiros" gibt. Letztere unterhält durch ein paar für Siebzigerjahre Genre-Produktionen unabkömmliche sleazige Nackedei-Szenen und ist in voller Länge und unzensiert vom amerikanischen Label Code Red als Double Feature mit "Die Nacht der blutigen Wölfe" erschienen.

Große Pluspunkte von "La orgía nocturna de los vampiros" sind das gelungene Make-Up, die originellen Schauspieler und die sehenswerten düsteren Drehorte.
Die etwas klamaukhafte Handlung kann getrost noch als "charmant" bezeichnet werden, doch die an Overacting kaum zu überbietenden hysterischen Anfälle der Hauptdarstellerin nerven und vermiesen den Gesamteindruck in nicht unerheblichem Maße.
Auf jeden Fall ist der Film garantiert nicht langweilig und für Eurocult-LiebhaberInnen Pflichtprogramm!




Foto: DVD vom Label Code Red