Montag, 12. August 2019

DUST DEVIL (1992)














DUST DEVIL

Großbritannien, Südafrika 1992
Regie: Richard Stanley
DarstellerInnen: Robert John Burke, Chelsea Field, Zakes Mokae, Marianne Sägebrecht, John Matshikiza, Rufus Swart, William Hootkins u.a.

Inhalt:
Vom Regen in die Traufe: Wendy flüchtet vor ihrem gewalttätigen Ehemann in einem kleinen roten VW Käfer von Pretoria nach Namibia. In diesem Land ist Kommissar Mukurob gerade auf der Spur eines grausamen Serienmörders. Indes trifft Wendy auf einen attraktiven Anhalter, mit dem sie eine Affäre eingeht. Leider entpuppt sich ihr Lover als Fehlgriff. Denn er ist entweder der gesuchte irre Killer oder ein uralter Dämon, ein so genannter Dust Devil, der es auf ihre Seele abgesehen hat...


Dust Devil (Burke) - per Anhalter durch die Wüste


Wendy kämpft um ihr Leben


Horrorfilme im Western Look sind unter Genrefans eher weniger beliebt. Immer, wenn ich in Gesellschaft vermeintlich Gleichgesinnter erwähnt habe, dass ich John Carpenters "Vampires" schätze (das war sogar noch vor meiner Italowestern-Phase), wurde ich etwas verständnislos von der Seite angeschielt. So als ob ich gerade etwas besonders Einfältiges gesagt hätte und sich alle denken: "Ohje, das Mädel hat so keine Ahnung."
"Dust Devil" dürfte aus teilweise ähnlichen (und einigen anderen) Gründen wie "Vampires" in den Augen seines Zielpublikums ebenfalls wenig Gefallen finden.
Für mich, die ihn früher in den Videotheken schmählich liegen gelassen hat und die ihn nun zum ersten Mal im Heimkino erleben durfte, war/ist er eine absolut positive Überraschung.

Protagonistin Wendy (Chelsea Field) flieht nicht nur vor dem Widerling (Swart), den sie geheiratet hat, sondern auch vom Rest ihres Lebens. Sie dürfte noch aus einem anderen Grund seelische Probleme haben und tief verzweifelt sein. Ihren saufenden pausbäckigen Mann könnte sie doch auch ganz einfach verlassen ohne in der Badewanne mit der Rasierklinge an ihrem Handgelenk zu spielen...
Wie die Legende rund um den geheimnisvollen Dust Devil besagt (und was wir bereits zu Beginn vom zauberkundigen Joe, der auch als Erzähler aus dem Off fungiert, erfahren) wird diese Inkarnation eines bösen Geistes von verzweifelten menschlichen Seelen angezogen.
Es ist daher kaum verwunderlich, dass es nicht lange dauert, bis er sich an Wendy heranpirscht.
Doch auch er, obwohl nur zu wenigen menschlichen Gefühlen fähig, ist einsam und desperat.
Ein Gefangener zwischen zwei Welten, der weder im Diesseits noch im Jenseits vermag, seinen Frieden zu finden.
Wie Joe dem Kommissar (Mokae) geduldig erläutert, befindet sich der Dust Devil am Ende eines Zyklus. Er mordet, um Energie anzusammeln für den Übertritt in eine andere Dimension, die so etwas wie seine Heimat darstellt.


Kommissar Mukurob (Mokae) informiert sich bei Joe


Kommissar Mukurob selbst gehört ebenfalls zum Kreis der verlorenen Seelen. Er ist einsam und voller Verbitterung über das Schicksal, das ihm übel mitgespielt hat: Sein Sohn wurde erschossen, seine Frau hat ihn verlassen. An beidem gibt er sich die Schuld und beides konnte er nie verwinden.
Er hat es sich zu seiner letzten Aufgabe gemacht, die Mordserie zu stoppen. Doch dafür muss er eine persönliche Metamorphose vollziehen – von jemandem, der den Glauben an alles verloren hat zu jemandem, der die alten Legenden seiner Heimat für wahr hält.
Dieses Unterfangen gestaltet sich naturgemäß als schwierig, doch er erhält Hilfe von Joe, der ebenfalls zu den sehr interessanten und mysteriösen Charakteren zählt.

Joe, der sich als einer der letzten Einheimischen noch mit dem überlieferten Ahnenkult, schwarzer Magie und Zauberei auskennt, war einst Filmvorführer in einem Kino mit dem prächtigen Namen "Empire". Heute ist er auf einem Auge blind, ein Finger fehlt ihm und seine fetzenartige Kleidung und schwarzen Zähne deuten an, dass er seine besten Zeiten hinter sich hat.
Tag für Tag sitzt er mitten in der Wüste vor einer schäbigen Leinwand, träumt von der Vergangenheit und trauert um seinen einstigen Arbeitsort.
Selbst wenn man das Filmplakat, das in seiner Nähe steht, nicht auf Anhieb erkennen sollte, sind die Hommagen von Regisseur Richard Stanley deutlich:
Joe erinnert sich, wie er seinen Polizisten Freund kennen gelernt hat. Nämlich an dem Abend im "Empire", als er gerade das Double Feature von "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe" und "Die 7 goldenen Vampire" gezeigt hat. Die Erwähnung dieser Titel ist natürlich nicht zufällig.
Regisseur Stanley, bekennender Dario Argento und Lucio Fulci Fan, zeigt seine persönlichen Filmvorlieben anhand einiger weiterer Sequenzen mit gialloesken bzw. an den italienischen Gotik Film erinnernden Traumszenen und einer optisch perfekten "Ein Zombie hing am Glockenseil" Huldigung.
Das Interesse des Regisseurs für Aleister Crowley und die Auseinandersetzung mit Ritualen und (Runen-) Magie finden ebenso überdeutlich Eingang in diesen außergewöhnlichen Film.


Der Dust Devil richtig positioniert


In der Synopse mit den bisher erwähnten Faktoren erzeugt die Aufmachung des Dust Devil mit seinen Cowboy Klamotten vielleicht einen etwas deplatzierten Eindruck.
Doch das Erscheinungsbild des Bösewichts gemahnt nicht nur an Italowestern, sondern auch an den speziellen Look einer mir vertrauten Band (die ich in wenigen Tagen aus Nostalgiegründen wieder live sehen werde ...Und die im Übrigen Samples von "Für ein paar Dollar mehr" oder "Tanz der Teufel" verwendet...), für deren Musikvideos der Regisseur verantwortlich war: Fields of the Nephilim.
Wieder einmal schließt sich ein Kreis für mich.

Dialog zwischen Mukurob (nach grauenvollen Szenen schweißgebadet in seinem Bett sitzend) und Joe (im Schneidersitz auf der Türschwelle zu Mukorobs Schlafzimmer hockend):

"Bin ich wach?"

"Nein, nein, mein Freund. Jetzt träumst du."



"Dust Devil" ist ein Film gespickt mit (schwarzer) Magie und Symbolik, in dem weitaus mehr steckt, als man auf den ersten Blick vermuten würde.
Er hat eine einlullend-hypnotische Wirkung und ist so seltsam konstruiert, dass man sich in manchen Momenten die Frage stellen muss, ob man gerade einen Sekundenschlaf hatte oder die aktuelle Szene tatsächlich unvollständig bzw. nicht rational erklärbar ist.
Es wirkt am Ende vielmehr, als ob Richard Stanley versucht hat, sämtliche seiner Interessen lose in einem einzigen Drehbuch zu verbinden. Dabei darf man nicht das Augenmerk auf die Geschichte legen, denn die ergibt am Ende weniger Sinn als sie am Anfang vorgibt. Konzentriert man sich vielmehr auf die ästhetischen und mystisch-philosophischen Aspekte, fühlt man sich zur eigenen Interpretation und Recherche regelrecht herausgefordert.

Von jemandem, der seine Karriere mit Musikvideos begonnen hat, darf man sich natürlich zahlreiche visuelle Leckerbissen erwarten und wird in dieser Richtung nicht enttäuscht. Einzig die Szenen, in denen der Dust Devil seine Gestalt wandelt, stören das Gesamtbild etwas.
Die Maske erinnert an eine Mischung zwischen Ollie Reed als Werwolf in "Der Fluch von Siniestro" und den nicht gerade als Höhepunkt der SFX Kunst geltenden Gestaltwandlern aus dem im selben Jahr entstandenen "Stephen Kings Schlafwandler". So betrachtet schmälert dieser Anblick im Kontext des Gesamtwerks den Grad der Ästhetik leider etwas.


Wendy mit dem Gewehr über den Schultern 


Ansonsten fällt mir nichts ein, was ich an diesem Film aussetzen könnte. Er ist visuell ein Genuss und gespickt mit Mysterien und Mythologie, wodurch eine sehr eigentümliche Stimmung erzeugt wird. Besonders faszinierend ist die Einstellung, in der Wendy mit dem Gewehr über den Schultern die Straße entlang geht. Die Silhouette stellt die Rune Dagaz dar, deren Bedeutung wiederum perfekt zur Handlung passt.
Die den ProtagonistInnen innewohnende Einsamkeit und Trostlosigkeit spiegelt sich in der kargen Wüstenlandschaft Namibias wieder. Stanley erreicht nicht die Qualität seiner deklarierten Vorbilder, macht aber wahrlich niemandem eine Schande mit diesem Film.

Sehr naheliegend erscheint es auch, dass Simon Boswell, der für Stanleys Idole Dario Argento und Alejandro Jodoroswky schon hochwertige Stücke komponiert hatte, für den Soundtrack von "Dust Devil" zu engagieren.
Doch wie zum Geier kam eigentlich Marianne Sägebrecht zur Rolle der Pathologin beziehungsweise der Regisseur zu Sägebrecht? Das lässt man sich am besten von ihm selbst auf dem informativen und umfangreichen Bonusmaterial zur würdigen Blu Ray Veröffentlichung aus dem Haus Koch Media erklären...




Foto: Digi von Koch Media - endlich kann man den Final Cut bewundern