Sonntag, 19. Februar 2017

BUCHTIPP: De Cataldo, Giancarlo und Bonini, Carlo: Suburra














"Ein brutaler Bandenkrieg erschüttert die Straßen Roms. Kommissar Malatesta ahnt den wahren Grund der Fehde: Ein gigantisches Bauvorhaben, das die Peripherie der Stadt bis zur Küste von Ostia mit Casinos, Hotels und Clubs zubetonieren soll. Dabei ziehen nicht nur korrupte Behörden, Mafia und Zigeunerclans am selben schmutzigen Strang, sondern auch Würdenträger aus Kirche und Politik. Allen voran Samurai, ein eiskalter Neofaschist."
Klappentext


Nur wenige Stunden nachdem ich den großartigen "Milano Kaliber 9" in bombastischer Qualität (FilmArt BD) genießen durfte, habe ich mich an die Lektüre des thematisch ähnlichen Romans "Suburra" gewagt.
Direkt fielen mir erste Parallelen zwischen dem genannten Film und der gedruckten Mafia Story auf: rasante Szenenwechsel von Beginn an. Ein Verbrechen, das längere Zeit zurückliegt, doch Auswirkungen auf die Gegenwart haben soll.
Mafia und Verbrecher-Clans, die sich gegenseitig über den Tisch ziehen und ermorden. Brutal, skrupellos und meistens unberechenbar.
Das erste Drittel des Buchs hat meine Aufmerksamkeit ordentlich gefordert, weil so viele Charaktere auf wenigen Seiten eingeführt werden und zum Teil urplötzlich wieder von der Bildfläche verschwinden. Die hierarchischen Strukturen der einzelnen Banden bzw. die Zugehörigkeiten der agierenden Kriminellen nehmen erst zu einem späteren Zeitpunkt klarere Formen an.

Doch schon nach wenigen Seiten bereitete mir dieser Roman großes Lesevergnügen.
Ohne sich mit ausufernden Beschreibungen von Äußerlichkeiten oder Landschaften aufzuhalten, kommen die Autoren rasch auf den Punkt und straffen die Handlung durch kurze Kapitel und ausdrucksstarke Dialoge.
Die stilistische und sprachliche Unverblümtheit (beispielsweise der Verzicht auf pathetische Metaphern) ist erfrischend. Das Mafia-Insider Wissen des in Rom lebenden und arbeitenden Richters De Cataldo (u.a. Autor von "Romanzo Criminale") und des Investigativjournalisten Bonini kommt der Geschichte auf jeden Fall merklich zugute.

Leider dürften sich durch die Übersetzung einige Fehler eingeschlichen haben und an gewissen Stellen wäre es meiner Meinung nach besser gewesen, die italienischen Bezeichnungen so stehen zu lassen und in einem Glossar im hinteren Teil des Buches zu erklären.
Wenn die ProtagonistInnen von "Suburra" zum Beispiel alle paar Seiten "geh scheißen" sagen, weckt dies bei mir (als Österreicherin sowieso) immer Assoziationen zur Wiener Umgangssprache und diese Wortwahl wirkt im Zusammenhang mit der italienischen Mafia befremdlich.
Sprachlich hätte man wohl Manches eleganter formulieren können. Italienische Redewendungen, die man nicht eins zu eins übersetzen kann, wurden offenbar phantasielos ins Deutsche übertragen.
Trotz dieses (vermutlich besonders für pingelige Personen wie mich) Mankos ist "Suburra" ein spannender Roman mit ausdifferenziert dargestellten Persönlichkeiten jenseits der kitschigen Schwarz-Weißmalerei, über die ich mich manchmal bei der Lektüre von Bestseller Romanen ärgere.

"Suburra" ist ein Buch, das Mafia-Interessierten jedenfalls einige kurzweilige Stunden der Unterhaltung bietet. Wahrscheinlich ist die Kino-Adaption (Regie: Stefano Sollima) auch einen Blick wert. Erfreulicherweise wird "Suburra" im  Mai von Koch Media erhältlich sein.