Geisterdorf

Geisterdorf
Italien März 17

Freitag, 26. Juni 2015

AUTOSTOP ROSSO SANGUE (1977)














WENN DU KREPIERST - LEBE ICH
Italien 1977
Regie: Pasquale Festa Campanile
DarstellerInnen: Franco Nero, Corinne Cléry, David Hess, Joshua Sinclair, Carlo Puri, Ignazio Spalla, Angelo Ragusa u.a.


Inhalt:
Walter und Eva Mancini verbringen einen Camping-Urlaub, unterwegs mit ihrem Wohnwagen. Das frustrierte Ehepaar hat sich nicht mehr viele Nettigkeiten entgegen zu bringen und Eva scheint dem protestierenden Walter durch das Mitnehmen eines Anhalters lediglich eins auswischen zu wollen.
Der Fahrgast entpuppt sich leider als wenig angenehmer Zeitgenosse. Adam Konitz ist nämlich ein Schwerverbrecher auf der Flucht vor der Polizei. Einer der ganz üblen Sorte, der vor Nichts zurückschreckt.
Mithilfe der Mancinis möchte er sich und seine Beute (ein Koffer, in dem sich zwei Millionen Dollar befinden) sicher und unerkannt über die mexikanische Grenze bringen.
Der Soziopath liefert sich mit dem verzweifelten Ehepaar beängstigende Psycho-Spielchen. Werden Walter und Eva diesen Todes-Trip (Alternativtitel) überleben?


Walter hat mehr als schlechte Laune


Die Männer zanken sich, Eva denkt "Oh je!"


"Stell dir vor: Ich habe vorhin deinen Kopf vor meinem Zielfernrohr gehabt. Mindestens eine halbe Minute lang. Bumm! Aber ich hab ja nicht abgedrückt. Weißt du, warum nicht? Als ich den Hirsch sah, hab ich mir gesagt, ich möchte wissen, ob Evas süßes Fleisch auf dem Spieß gebraten genau so gut schmeckt wie das von dem Hirsch. Das ist noch die Frage. Aber Eins weiß ich, der Hirsch fickt nicht so gut wie du. Keine fickt so gut wie meine kleine Eva. Das ist der einzige Grund, weshalb du jetzt nicht da hinten liegst."

Walter zu Eva


Ohne Umschweife führt uns Regisseur Campanile direkt zum Dreh- und Angelpunkt seiner Erzählung: die zerrüttete Ehe von Walter und Eva. Die Kommunikation der beiden wird dominiert von gegenseitigen Vorwürfen und Kränkungen.
Walter bereitet es augenscheinlich Vergnügen, seine Frau zu demütigen, vor fremden Menschen bloß zu stellen (auch schon mal durch ihre unfreiwillige Entblößung), und am liebsten fällt er nach solchen Aktionen über sie her und scheint ihre Gegenwehr zu genießen.
Mit seinem Hillbilly Outfit, ständig eine Flasche mit Hochprozentigem griffbereit, präsentiert sich der legendäre Franco Nero in seiner wohl widerwärtigsten Rolle.
Die verbalen Attacken in Richtung seiner resigniert wirkenden Ehefrau (Corinne Cléry aus "Die Geschichte der O") sind auch für Außenstehende nicht leicht zu ertragen.
Man ist versucht, sich immer und immer wieder zu fragen, warum sich Eva das alles gefallen lässt.
Die Ekelhaftigkeiten von Walter finden ihren Höhepunkt, als Eva trotz seiner Einwände den Kriminellen Adam Konitz am Straßenrand aufgabelt.
Gegen den Ungustl Walter erscheint der Schwerverbrecher auf dem Rücksitz, zumindest anfänglich, beinahe sympathisch.
Von nun an werden die ehelichen Konflikte über eine dritte Person ausgetragen, wodurch sich die Perfidität Walters steigert. Das funktioniert so lange, bis er den "Nebenbuhler" als ernsthafte Bedrohung registriert und sich mit dem mittlerweile als Mörder und Räuber enttarnten Konitz direkte Wortgefechte liefert.

David Hess, der 1972  in "Das letzte Haus links" bereits eindringlich und drastisch den Sadisten mimte, war als Besetzung für die Rolle des Adam Konitz eine sichere Bank.
Die Wahl von Corinne Cléry für die Rolle der Eva war jedoch mindestens genau so exzellent, wenn nicht sogar meisterhaft.
Ihre Leinwand Präsenz ist beeindruckend. Die Französin ist nicht nur in jeder Nahaufnahme (was für faszinierende Augen!) und in jeder Nacktszene atemberaubend schön, sondern auch schlichtweg schauspielerisch überzeugend.

Der Drehort ist sowohl für Amerika-KennerInnen als auch versierte Italien-Reisende schnell als charmante Mogelpackung identifizierbar. Die Wohnwagen-Odyssee der Mancinis führt nämlich nicht durch Amerika, sondern über die Gebirgsstraßen rund um den Campo Imperatore, gelegen in den landschaftlich malerischen Abruzzen.

"Wenn du krepierst..." ist kein billiger Exploitation Film, sondern eine Art extravagantes psychologisches Roadmovie, das in erster Linie durch die auf den ersten Blick vielleicht banale, aber ausgefeilte und gut durchdachte Konstellation seiner Hauptfiguren funktioniert.
Wir beobachten ein Paar, das sich in einer krank machenden und desaströsen Beziehungssituation befindet und plötzlich in eine Extremsituation gerät. Die Frage, die sich dadurch aufwirft, ist, ob und wie dieses Ereignis und der Einfluss der neu hinzu gekommenen Person Walter und Eva verändert.
Ob die widrigen Umstände und schrecklichen Erfahrungen zu einer emotionalen Wiederannäherung des Paars führen und sie sich wieder auf bessere Zeiten besinnen oder ob sie ein für alle Mal entzweit werden.

Aufgrund des eindeutigen Fokus handelt es sich bei diesem fesselnden Film trotz einiger Gewaltspitzen nicht um einen Action Reißer. Seine Spannung bezieht er vorwiegend aus den subtilen, manchmal auch ganz dicht unter der Oberfläche schwelenden Aggressionen der männlichen Protagonisten, die wie ein Vulkan jederzeit zu einer Eruption führen können.
Walter und Adam sind sich in Wirklichkeit viel ähnlicher als die beiden es wahrhaben wollen.
Beide sind tickende Zeitbomben: starke Ich-Zentrierung bei gleichzeitigem mangelndem Selbstwert, impulsiv, cholerisch, launenhaft, leicht kränkbar mit einer Tendenz zum Sadismus und in ihren Handlungen schlichtweg kaum vorhersehbar.
Die unglückselige Eva macht einen Ausflug mit gleich zwei Pulverfässern im Auto: eines auf dem Beifahrersitz, das andere auf dem Rücksitz. In manchen Momenten hat man den Eindruck, dass ihr diese Misere durchaus bewusst ist.
Immer wieder gerät sie unvermittelt zwischen die Fronten der beiden Männer.

Wie eine bitterböse Parodie legt sich der "Happy Peppy Flower Power" Soundtrack Morricones über die Bilder, die Gewalt zeigen und suggeriert statt "Love and Peace" ein Gefühl der Ausweglosigkeit und Abscheu.
Nie wieder werde ich den Moment vergessen, in dem Eva mit leerem Blick nackt in der Wohnwagentür steht, das Gewehr am Anschlag. Sie wirkt verletzlich, verwundbar und machtvoll zugleich. (Und ist optisch einfach eine Wucht!)
So viel sei verraten: das Ende ist etwas heftig, doch erfreulich konsequent und stellt keinen Bruch dar zu den nihilistischen Tendenzen der Geschichte.

"Wenn du krepierst - lebe ich" ist ein schwer einzuordnender, jedoch in mancherlei Hinsicht herausragender Film aus Bella Italia, der die ein oder andere Länge durch das hochgradig intensive Schauspiel von Corinne Cléry und Franco Nero mit Eleganz ausgleicht.




Foto: VÖ von Anchor Bay mit Einleger




Foto: Empfehlenswerte Blu Ray VÖ der ofdb Filmworks im Digipack




Trailer (aus dem Archiv von Italo-Cinema)