Geisterdorf

Geisterdorf
Italien März 17

Samstag, 21. Februar 2015

LA DONNA DEL LAGO (1965)














LA DONNA DEL LAGO
Italien 1965
Regie: Luigi Bazzoni, Franco Rossellini
DarstellerInnen: Peter Baldwin, Salvo Randone, Valentina Cortese, Pia Lindström, Vittorio Duse, Philippe Leroy, Virna Lisi


Inhalt:
Schriftsteller Bernard trennt sich von seiner Freundin, um seiner akuten Sinnkrise in einer kleinen Pension an einem beschaulichen Ort zu entfliehen. Außerdem erwartet er gespannt ein Wiedersehen mit der schönen Tilde, die als Zimmermädchen dort arbeitet.
Leider muss er erfahren, dass Tilde gestorben ist. Selbstmord soll die Todesursache gewesen sein. Schon bald gibt es erste Hinweise, die Zweifel an der dem Schreiberling zugetragenen Version aufkommen lassen. 
Und Bernard beginnt, Nachforschungen anzustellen, die nicht nur ihm gefährlich werden...


Mario (Leroy) beim Fleischhacken - verdächtig?


Die schöne Tilde zu Lebzeiten, ein Objekt der Begierde


Bei "La donna del lago" handelt es sich um eine beinahe vergessene und leider nicht entsprechend gewürdigte Perle des Giallo Genres.
Der Film erzählt eine klassische Giallo-Geschichte, basiert auf einem Roman, kombiniert mit wahren Begebenheiten, und wurde mithilfe von düsteren und tristen Schwarz-Weiß Bildern visuell interessant umgesetzt. Einer der Drehbuchautoren, Giulio Questi, sollte sich später als Regisseur von "Töte, Django" einen Namen machen.

Der Plot ist zwar relativ simpel und der Kreis der Verdächtigen von Anfang an ziemlich reduziert. Dass die Familie, die die Pension betreibt, sich komisch verhält und Dreck am Stecken hat, riecht man natürlich 50 Meter gegen den Wind.
Aber wer hat den Tod des schönen Zimmermädchens zu verantworten?
Der auf den ersten Blick aalglatte ältere Pensionsinhaber, der trotz seiner Freundlichkeit irgendwie subtil aggressiv wirkt? Seine Tochter, die depressiv und frustriert in sich zusammenfällt, sobald sie sich unbeobachtet fühlt? Oder sein Sohn Mario, der Metzger, der im Dorf als aggressiv und unnahbar gilt?
Letzterer wird übrigens vom vielseitigen Philippe Leroy ("Femina Ridens"), einem meiner Lieblings-Giallo-Veteranen, gespielt. Ein kleines Manko des Films: der Amerikaner Peter Baldwin, der den Hauptprotagonisten mimt, wirkt leider etwas blass und wenig sympathisch (was aber auch der Rolle geschuldet ist).

Trotz der vermeintlichen Offensichtlichkeit kann man sich über die Täterschaft und das Motiv nicht ganz sicher sein. Hobbydetektiv Bernard vermischt wiederholt seine Fantasien und nächtliche Trauminhalte mit realen Ereignissen und liegt plötzlich von hohem Fieber befallen darnieder.
Wäre es nicht auch denkbar, dass Bernards Visionen und Alpträume sein Urteilsvermögen trüben? Nimmt er die Realität nur verzerrt wahr? Die starken Emotionen, die er für Tilde hegte, scheinen ihn definitiv bei seinen Ermittlungen zu lenken.

Die ständig vorherrschenden Gefühle der Einsamkeit und Verzweiflung, die allen ProtagonistInnen an der Sohle zu kleben scheinen und sich im Lauf der Handlung zuspitzen, machen "La donna del lago" zu einem etwas schwermütigen Film mit einer Tendenz Richtung Drama. Bonjour tristesse!
Bernard scheint nicht der Einzige mit einer Sinnkrise zu sein. Sogar die frisch angetraute Ehefrau von Mario verfällt körperlich und geistig zusehends anstatt vor Glück und Liebe aufzublühen.
Im Dorf wird deshalb schon getuschelt und gemunkelt und die familiengeführte Pension hat spätestens nach dem mysteriösen Tod der Gattin Marios außer Bernard keine Gäste mehr. Deshalb stehen der Inhaber und seine Kinder nicht nur vor dem gesellschaftlichen Aus, sondern auch vor dem finanziellen Ruin.
Der Verfall von Werten, Reichtum und Sitten ist nicht nur Thema der in "La donna del lago" erzählten Geschichte, sondern spiegelt sich auch in Aufnahmen der kargen herbstlich-winterlichen Landschaften.

"La donna del lago" kommt auf leisen Sohlen, verbreitet Gefühle von Beklemmung und Unbehagen und hinterlässt seine Fußabdrücke auf unserer Seele.
Dieser Film ist definitiv keine legere Unterhaltung, sondern etwas schwerere Kost. Dafür von einer besonderen Qualität, die eher an Arthaus-Filme als an die üblichen italienischen Genreproduktionen seiner Zeit erinnert.
Ein wertvolles Kleinod italienischer Filmkunst.




Foto: DVD von "Sinister" und die wundervolle Koch Media VÖ