Dienstag, 19. Januar 2016

IL GRANDE SILENZIO (1968)














LEICHEN PFLASTERN SEINEN WEG
Frankreich, Italien 1968
Regie: Sergio Corbucci
DarstellerInnen: Jean-Louis Trintignant, Klaus Kinski, Frank Wolff, Luigi Pistilli, Vonetta McGee, Mario Brega, Marisa Merlini, Maria Mizar, Marisa Sally, Bruno Corazzari u.a.


Inhalt:
Utah im Winter des Jahres 1898. Skrupellose, geldgierige Kopfgeldjäger ziehen durch die karge winterliche Landschaft. Ihre Opfer behandeln sie wie Vieh, das Töten scheint ihnen Vergnügen zu bereiten. Allen voran ein gewisser Loco, der menschliche Trophäen sammelt wie andere Pfandmarken. Einige der Gejagten haben sich in die verschneiten Berge zurückgezogen, wo sie hungernd auf die angekündigte Amnestie warten.
Der stumme Silence hat sich bis in die entlegensten Hütten der ärmsten Dörfer einen Ruf als unerbittlicher Rächer der Opfer von Kopfgeldjägern erworben. Er hilft den Familien, die durch die Morde von Loco und Konsorten ihre Liebsten verloren haben. Natürlich gegen Entgelt. Da er immer abwartet, bis sein Gegenüber die Waffe gezogen hat, hält er sich an das Gesetz. "Notwehr" ist seine Taktik.
Im abgelegenen Dorf Snow Hill tritt der neue Sherrif Burnett seinen Dienst an und legt sich schon am ersten Tag seiner Anwesenheit mit dem korrupten Kaufmann Pollicut und Loco an. Der inzwischen ebenfalls in Snow Hill eingetroffene Silence erhält den Auftrag, Loco zu töten. Diese Konstellation markiert den Beginn der schicksalhaften Ereignisse, die in und um den Ort unerbittlich ihren Lauf nehmen...


Silence


Loco


Wenn sich der erste Schnee auf die blattlosen Skelette der Bäume legt, die Dächer einen dekorativen Zuckerguss erhalten, die Kamine rauchen und die Straßen zugeschneit sind, dann ist es Zeit für einen Winterfilm.
"Leichen pflastern seinen Weg" funktioniert in dieser winterlichen Atmosphäre besonders gut. Überhaupt verfehlt dieses Italowestern-Juwel nie seine Wirkung.

Die lebensfeindliche, tief zugeschneite Landschaft rund um den Ort Snow Hill spiegelt die menschenfeindliche Stimmung im Ort wieder.
Die dort vorherrschende Kälte, die nicht nur mit dem Thermometer messbar ist, sondern auch an der Vorgehensweise und Grausamkeit der Mörder sichtbar wird, macht lethargisch und hoffnungslos.
Silence, der quasi ein Produkt einer von verdrehten Rechtsauslegungen und Moralvorstellungen geprägten Gesellschaft darstellt, ist das Paradebeispiel dafür, was die Regierung aus den Menschen, die sie im Stich lässt, macht.
Doch wer sich anmaßt über Leben und Tod zu bestimmen, bewegt sich auf dünnem Eis und auf derselben moralischen Ebene wie die Kopfgeldjäger. Sowohl Silence als auch seine Feinde haben das Gesetz auf ihrer Seite. Lediglich die individuellen Motive für das Erschießen von Menschen unterscheiden sich.
Das Morden im Namen des Gesetzes und der vermeintlichen Gerechtigkeit nimmt kein Ende.


Trauer und Ohnmacht und überall Tod


Auch die Bevölkerung ist der willkürlichen Vernachlässigung durch die Regierung schutzlos ausgeliefert. Wer nicht frühzeitig ermordet wird, läuft Gefahr zu verhungern. Wer aus Not Lebensmittel stiehlt, wird zum Gesetzlosen, zum Abschuss frei gegeben. Der Tod lauert überall.

Der französische Schauspieler Jean-Louis Trintignant fasziniert in der Rolle des Stummen, genannt Silence, mit dem Wechselspiel zwischen ausdrucksstarker und ebenso oft zurückhaltender Mimik.
Spätestens mit der Rückblende, die einen Teil seiner Familiengeschichte beleuchtet, hat Silence den Sympathiebonus auf seiner Seite, wird zum gefeierten Antihelden.
Der traumatisierte Junge von damals sucht späte Rache an all jenen, die tatsächlich und im weiteren Sinne moralisch für den Mord an seiner Familie verantwortlich gemacht werden können.
Seine Aufträge nimmt er keineswegs aus altruistischer Motivation an. Er verdient sich so seinen Unterhalt und nutzt die Gelegenheit, völlig legal die destruktive und hasserfüllte Seite seiner Persönlichkeit auszuleben.

Auf der anderen Seite Klaus Kinski, der als durchtriebener kaltschnäuziger Loco als Bösewicht par excellence vom Publikum gefeiert wird. 
In der Rolle des dämonisch bösen Kopfgeldjägers hält sich der ansonsten zu deutlich überengagierterem Schauspiel neigende Mime sichtbar zurück, was der glaubwürdigen Darstellung des hier verkörperten Protagonisten sehr zugute kommt. Ob wohl die beißende Kälte bei den Dreharbeiten dafür verantwortlich ist, dass sein Gesicht seltener entgleitet, seine Mundwinkel weniger zucken? 
Loco kennt keine Skrupel und zeigt keine Emotionen. Und er weiß um den Auftrag, den Silence angenommen hat. Dies scheint ihn regelrecht anzustacheln. Ganz augenscheinlich hat er es sich zum Ziel gesetzt, Silence zu zerstören. Aber vorher will er ihn leiden sehen.

Loco ist für jeden, der sich ihm in den Weg zu stellen wagt, ein gefährlicher Gegner.
Auch für Sheriff Burnett, gespielt von Frank Wolff. Dieser gesetzestreue und rechtschaffene Mann erkennt, was falsch läuft und tappt zwar von einem Fettnäpfchen ins andere, kann sich durch seine Bauernschläue doch irgendwie behaupten und Respekt verschaffen.
Burnett ist so etwas wie der heimliche Held des Films. Er ist bemüht, alles richtig und wieder gut zu machen, was die kapitalistischen Politiker des Landes an gesellschaftlichen Strukturen zerstört haben. Er möchte einen Beitrag zu mehr Gerechtigkeit leisten, zumindest in dem ihm unterstellten Distrikt.
Mit seiner Unbestechlichkeit und Rechtschaffenheit stellt er den Konterpart zur Figur des linkischen Kaufmanns Pollicut (großartig gespielt von Luigi Pistilli) dar.


Sheriff Burnett


Eine kleine amouröse Episode zwischen seiner attraktiven Auftraggeberin Pauline und Silence verleiht der Geschichte eine schöne Prise zusätzlicher Dramatik und Emotionalität und dient auch dazu, Silence etwas menschlicher wirken zu lassen.
Pauline (Vonetta McGee) ist seit der Ermordung ihres Mannes durch Loco ohne Hoffnung für eine bessere Zukunft. Sie hat nichts mehr zu verlieren, weder Ruf noch Hof spielen für sie noch eine Rolle. Nur ihr Stolz und die Rache für ihren getöteten Mann. Koste es, was es wolle. Viel zu spät erst ist sie in der Lage zu erkennen, dass es eine Alternative zu ihrem jetzigen Leben gäbe. Doch sie kann Silence nicht (mehr) aufhalten und die in Gang gesetzte fatale Spirale des Schicksals nicht mehr ändern.

Das Zusammenwirken der gegensätzlichen ProtagonistInnen dieses Films erzeugt in Kombination mit der unverwechselbaren melancholischen Melodie von Meister Ennio Morricone und den Bildern der im Schnee versunkenen Landschaft eine ganz einzigartige Stimmung.
Die massiven schneebedeckten Bergkulissen, in der tödlichen weißen Pracht versinkende Pferde, Eiszapfen und beschlagene Fenster sind nicht gerade das, was man zum Standardrepertoire eines Italowestern zählt.
In mancherlei Hinsicht stellt "Leichen pflastern seinen Weg" eine absolute Ausnahmeerscheinung im Genre dar.
Die eisige Atmosphäre, die authentisch wirkenden Kostüme und die Fotografie fügen sich nahtlos ineinander ein. Es scheint, als wurde bei diesem sinistren Opus nichts dem Zufall überlassen.
Und die Melancholie hängt genau so schwer und drückend über der Handlung wie die Schneelast auf den Feldern.

„Leichen pflastern seinen Weg“ ist wunderbarstes Schauspielerkino mit begnadeten Darstellern, das nicht nur auf philosophisch-politische Botschaften abzielt, sondern sein Publikum auf emotionaler Ebene berührt und mitnimmt auf eine Reise in die dunklen Keller und schmutzigsten Winkel unserer Zivilisation.




Foto: DVD von Kinowelt




Foto: OST auf Vinyl