Donnerstag, 2. Juni 2016

DIE SCHLANGENGRUBE UND DAS PENDEL (1967)














DIE SCHLANGENGRUBE UND DAS PENDEL

Deutschland 1967
Regie: Harald Reinl
DarstellerInnen: Lex Barker, Christopher Lee, Karin Dor, Carl Lange, Vladimir Medar, Christiane Rücker, Dieter Eppler u.a.


Inhalt:
Graf Regula wird 1801 wegen Mordes an zwölf Jungfrauen gefoltert und schließlich von Pferden gevierteilt.
Mehr als dreißig Jahre später erhält der Anwalt Roger Mont-Elise eine mysteriöse Einladung, angeblich von Graf Regula höchst persönlich. Er soll, wenn er etwas über seine Vergangenheit erfahren will (Roger kennt weder Eltern noch weiß er etwas über seine Herkunft), sich möglichst bald auf den Weg zu Schloss Andomai im Sandertal machen. Begleitet wird Roger auf seiner Reise von einem etwas rüpelhaften Pfarrer. Unterwegs trifft er auf Baronesse Lilian und ihre Zofe Babette, die das selbe Ziel haben wie er.
Gemeinsam überwinden sie eine Horrorfahrt durch einen gefährlichen Wald, bei der dem Kutscher (im wahrsten Sinne des Wortes) das Herz stehen bleibt. Doch noch gefährlicher wird die Reise beim Eintritt in das berüchtigte Blutschloss. Werden sie es wieder lebend verlassen können?


Es grünt so grün, wenn Christophers Augen glühn...


Dor: Todesangst, aber das Dekolleté sitzt


Kurz nachdem ich Bekanntschaft mit den unvergleichlich ästhetischen Gotikfilmen von Regisseur Mario Bava gemacht hatte, wurde mir dieser Schinken präsentiert.
Etwas gelangweilt von der gefühlt zwei Drittel des Films dauernden Kutschfahrt und dezent enttäuscht von den allzu flachen Dialogen zeigte ich mich wenig begeistert von "Die Schlangengrube und das Pendel".
Doch das liegt mittlerweile über zehn Jahre zurück und aufgrund meiner fortgeschrittenen filmischen Sozialisation sehe ich nun einige Filme in einem anderen Licht.

Heute möchte ich "Die Schlangengrube und das Pendel" in meiner Sammlung nicht mehr missen. Ich habe diesen kurzweiligen Grusler inzwischen einfach lieb gewonnen.
Wenn man sich keinen schwermütigen, düsteren, jederzeit perfekt ausgeleuchteten Genrefilm erwartet, besteht die Chance, die ungemein charmant-naive Seite dieses Werks zu entdecken.
Das Schöne an "Die Schlangengrube und das Pendel" ist seine erfrischende Unvollkommenheit. Sein Mut zur Holprigkeit, der Verzicht auf bedeutungsschwangere Dialoge und die den Kulissen und der wild zusammengeschusterten Handlung zugrunde liegende kindliche Unbedarftheit machen diesen Film zu einem wahren Fest.

Anleihen aus diversen Klassikern des Genres sind klar erkennbar, wurden aber zu etwas wirklich Eigenem modelliert. Ein bisschen Bava, ein bisschen Mad-Scientist, ein bisschen Edgar Allan Poe-Verwurstung, ein bisschen Dracula und schwupps die wupps wird der einst gevierteilte Graf Regula (herrlich: ein etwas grünlicher Christopher Lee) mithilfe des grünen Bluts seines Dieners wieder zusammengesetzt und peinigt die Gäste in seinem Schloss.

Der amerikanische Schauspieler Lex Barker, der sich durch die Rolle des Tarzan und später durch seinen Part als Old Shatterhand in den Karl May Verfilmungen einen Namen gemacht hatte, spielt den galanten und mutigen Roger. Barker gelingt es, trotzt der teilweise konfusen Handlung auch in den kuriosesten Momenten noch erstaunlich seriös zu wirken.
Der attraktiven Karin Dor wurde schauspielerisch für ihre Rolle des ängstlichen Frauchens, das alle fünf Minuten gerettet oder gestützt werden muss, nicht besonders viel abverlangt. "Hauptsache das Dekolleté sitzt tief genug" scheint hier die Devise ihres Gatten (der österreichische Regisseur Harald Reinl) gewesen zu sein.
Lustige Momente beschert auch Vladimir Meda als bärtiger Priester, der in Wirklichkeit ein etwas dümmlicher Bandit ist ("Er ist ein Toter! Ein Toter, der lebt! Ich habe zu wenig im Kopf, um dies zu begreifen!"). Im weiteren Verlauf mutiert er allerdings zu MacGyver, der sich clever Fluchtwege bastelt.
Die bedauerlicherweise kurze, aber unverwechselbare Präsenz eines (unterforderten) Christopher Lee bildet das cineastische Sahnehäubchen auf dem illustren Ensemble.

Gedreht wurde unter anderem im beschaulichen mittelalterlichen Rothenburg ob der Tauber (im Anschluss an diesen Text gibt es ein kleines Drehortfoto-Special) sowie im Isartal bei Straßlach und im Teutoburger Wald.
Die bunten Innenaufnahmen des etwas eng wirkenden Schlosses entstanden in den Bavaria Film Studios.
Mit der Dekoration der Kellergewölbe, der Ausstattung des Labors von Graf Regula und der farbenfrohen Ausleuchtung der genannten Räumlichkeiten wird das Auge bei Laune gehalten während das Drehbuch immer mehr ausdünnt.
Aber das macht überhaupt nichts. Man verteile ein paar Leichenteile, Schaufensterpuppen, eine Handvoll junge Ratten und hungrige Geier im Bild und schon gibt es wieder etwas zu Bestaunen.
Und während Teufelskerl Roger ohne mit der Wimper zu zucken gefesselt gefühlte zwanzig Minuten unter dem langsam näher kommenden tödlichen Pendel liegt, erhält man hinreichend Gelegenheit, die lustigen Wandmalereien im Hintergrund gründlich zu studieren.

"Die Schlangengrube und das Pendel" ist für manche wohl ein stümperhafter und langweiliger Film, für mich allerdings ein farbenprächtiges Spektakel mit augenzwinkerndem Humor.
Praktisch jede Minute passiert etwas, was nicht immer unbedingt erklärt wird oder Sinn macht, aber für gediegene Unterhaltung sorgt.


Lieblingszitate:

"Ich bin schon tot. Gehängt. Ja, gehängt. Wenn man rechtzeitig vom Galgen geschnitten wird, entwickelt der Körper Stoffe, die gegen Kugeln immun machen."
Diener Regulas zum Banditen, der gerade auf ihn geschossen hat

Ebenfalls nicht zu verachten, sind die rücksichtsvollen und Zeit sparenden Ausführungen Regulas, der nach seiner Wiedererweckung das dringende Bedürfnis hat, sich seinen Gefangenen zu erklären:
"Ich will Sie nicht langweilen. Doch ich glaube, ich schulde Ihnen einige Erklärungen.
Ich habe versucht, dem Geheimnis des ewigen Lebens auf die Spur zu kommen. Ich habe dieses Geheimnis gefunden. Das Blut birgt dieses Geheimnis. Es ist nicht nur der Saft des Lebens. Er birgt in sich das Überleben.
Aber ich will nicht in Details gehen..."




Drehortfotos (Rothenburg ob der Tauber im Mai 16) - Screenshots jeweils linksbündig




































Foto: DVD von ems