Geisterdorf

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Italien März 17

Samstag, 12. März 2016

SALEM'S LOT (1979)















BRENNEN MUSS SALEM
SCHRECKEN IM MARSTEN-HAUS (Alternativtitel)
USA 1979
Regie: Tobe Hooper
DarstellerInnen: David Soul, James Mason, Lance Kerwin, Bonnie Bedelia, Lew Ayres, George Dzundza, Geoffrey Lewis, Marie Windsor, Clarissa Kaye-Mason, Reggie Nalder


Inhalt:
Der verwitwete Schriftsteller Ben Mears kehrt in die Kleinstadt Salem's Lot zurück. Hier verbrachte er die ersten Jahre seiner Kindheit. Einige seiner Erlebnisse in diesem Ort waren sehr prägend. Vor allem ein traumatisches Ereignis im sogenannten Marsten Haus, erbaut von einem angeblichen Mörder auf einem Hügel über der Stadt. Um dieses Haus und seine Bewohner ranken sich schreckliche Gerüchte und Ben glaubt, als Kind dort Geister gesehen zu haben. Deshalb mietet sich der Autor in einem Gästehaus ein und intendiert, einen Roman über eben dieses Haus zu schreiben. Er trifft sich mit seinem ehemaligen Lehrer Jason Burke und verliebt sich in die brave Susan Norton, Tochter des Stadtarztes.
Kurz vor Bens Ankunft in Salem's Lot wurde das Marsten Haus an den eigenbrödlerischen Geschäftsmann Mr. Straker vermietet, der mit seinem Partner Kurt Barlow ein Antiquitätengeschäft zu eröffnen plant. Seit der Ankunft von Mears scheint irgendetwas in dem verschlafenen Nest nicht mehr zu stimmen. Ein Hund wird getötet, ein Kind verschwindet und zudem greift eine mysteriöse Blutarmut-Seuche unter den Einwohnern um sich. Was haben Straker und das Marsten Haus damit zu tun? Und wer ist dieser Kurt Barlow, den noch nie jemand zu Gesicht bekommen hat?


Liebe auf den ersten Blick: Susan und Ben


Male am Hals - die Vampirseuche greift um sich


Die Vampire und ich


Ich war noch im Grundschulalter, als ich diese TV-Miniserie zum ersten Mal gesehen habe. "Brennen muss Salem" wurde in den Achtzigern in zwei Teilen im Fernsehen ausgestrahlt.
Meine persönliche Vorstellung von Vampiren wurde dadurch nachhaltig geprägt. Auch heute noch bevorzuge ich generell Filme, in denen Vampire grimmige Monster und keine Rüschenhemd tragenden geschwätzigen Verführer oder trendige Außenseiter in schicken Lederjacken ("The Lost Boys") sind.
Für mich müssen Vampire wilde Monster sein, die Furcht erregend aussehen und keine halben Witzfiguren (wie in "Fright Night - Die rabenschwarze Nacht" oder "Tanz der Vampire"), die außerdem geeignet wären als Werbemodels für Zahnpasta. Die erwähnten Beispiele seh ich mir zwar an, aber sie begeistern mich nicht in dem Ausmaß wie andere Genrefilme.
Kurz und gut: Das Bild von Vampiren, das in der Popkultur vorherrschend ist, entspricht schlicht und einfach nicht meinem Geschmack. Ich mag es, was dieses Genre anbelangt, gerne etwas dreckiger und archaischer.
Murnaus "Nosferatu" ist mein (Anti-)Held. Ausnahmen bestätigen natürlich wie immer die Regel.


Romane und (Vampir-)Filme


Mit der Verfilmung des Stephen King Romans "Carrie" landete Brian De Palma 1976 einen großen Publikums-Hit. Da war es natürlich mehr als naheliegend, den zweiten Roman des Erfolgsautors ebenfalls für die große Leinwand zu adaptieren.
Die Produzenten von "Brennen muss Salem" planten dafür ursprünglich einen Spielfilm unter der Regie von George A. Romero. Doch als kurz darauf "John Badham's Dracula – Eine Love Story" (1979) und Werner Herzogs "Nosferatu – Phantom der Nacht" (1979) angekündigt wurden, verwarfen sie ihr Projekt und entschieden sich für das Format der Mini-TV-Serie.
Mit Tobe Hooper, der 1974 mit "The Texas Chainsaw Massacre" für großes Aufsehen gesorgt hatte, konnte ein namhafter Regisseur an Bord geholt werden.
Die Unterschiede zur Romanvorlage sind bei "Brennen muss Salem" weitaus eklatanter als bei "Carrie – des Satans jüngste Tochter". Vor allem die Darstellung des Obervampirs Kurt Barlow weicht stark von der von Stephen King charakterisierten Figur ab. Doch etwas künstlerische Freiheit schadet bei Literaturverfilmungen nicht, wie Stanley Kubrick 1980 mit "Shining" eindrucksvoll unter Beweis stellen sollte.


Atmosphärisches und visuelles Meisterwerk


Was "Brennen muss Salem" zu etwas Besonderem macht, ist die Aura von Dunkelheit und das drohende Unheil, das permanent über der Kleinstadt und ihren Einwohnern zu schweben scheint.
Die Apokalypse, die über Salem's Lot hereinbricht, ist für Ben Mears und andere vorhersehbar und gleichzeitig fatalerweise unaufhaltsam.
Bereits seit der Ankunft des geheimnisvollen Mr. Straker scheint sich Unheilvolles über der verschlafenen Kleinstadt zusammen zu brauen.
Die nächtliche Finsternis mutet an diesem unglückseligem Ort noch finsterer an, die Nebelschwaden noch dichter und die Wolken, die wie aus dem Nichts auftauchen und die Sonne verdecken, kündigen das Wirken finsterer Mächte an.
Spätestens das Auftauchen des ersten Vampirs, einem im Wald verschwundenen Kind, das mit einer zu einer Grimasse verzerrtem Lächeln und dämonischen Augen am Fenster seines Bruders kratzend um Einlass bittet, sorgt für allerfeinste Gänsehaut-Atmosphäre.


Ralphie Glick besucht seinen Bruder


Die Maskenbildner haben bei den Vampiren hervorragende Arbeit geleistet. Die Blutsauger werden der Bezeichnung "Untote" mehr als gerecht mit ihren blassen Gesichtern, den seelenlosen Augen und bräunlichen Zähnen, die aus dem von Fäulnis durchsetzten Zahnfleisch ragen.
Dass man wie der Lehrer Jason Burke beim Anblick von Mike Ryerson im Schaukelstuhl durch puren Horror einen Herzinfarkt erleiden kann, erscheint nur allzu gut nachvollziehbar.


Mike Ryerson: "Look at me, teacher. Look at me!"


Das permanente unangenehme Gefühl von drohendem Unheil ist in beinahe jeder Szene vordergründig. Trotz der Liebesgeschichte zwischen Susan und Ben kommt kein Gefühl von Romantik auf. Wenn sie sich in einer dunklen Nacht an einen See setzen, um die traute Zweisamkeit zu genießen, überrascht es kaum, dass sie nur wenige Augenblicke später eine Leiche finden.
Und wenn Danny Glick im Krankenhaus wieder nächtlichen Besuch von seinem Bruder erhält und wie hypnotisiert Richtung Fenster wankt und dabei sein Tropf samt Infusionsständer lautstark auf den Boden knallt, hat das trotz der Vorhersehbarkeit des Ereignisses einen nicht zu verleugnenden Schreck-Effekt.
Überhaupt ist der Einsatz von Soundeffekten außerordentlich gut orchestriert. Das Knarren des Schaukelstuhls im leeren Zimmer, das Nerven zerreißende Kratzen der Vampire über Fensterglas oder das plötzliche Fauchen von Marjorie Glick im Leichenschauhaus - wer erinnert sich nicht an diese Szenen?
Der wunderbare klassische Horrorfilm-Score, der eine Emmy Nominierung erhielt, unterstützt die Atmosphäre hervorragend.


Unverwechselbare Charaktere


Einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen auch die Schauspieler, die diese CBS-Miniserie durch ihr Charisma und ihre Überzeugungskraft bereichern.
Allen voran muss natürlich der britische Darsteller James Mason (Italofans auch aus "Auge um Auge" bekannt) Erwähnung finden. Der zum Zeitpunkt der Dreharbeiten Siebzigjährige Mime wirkt in der Rolle des Mr. Straker auch ganz ohne Maske durch und durch perfide und diabolisch.
Seine sorgsam gewählte Ausdrucksweise und sein englischer Akzent eigneten sich bestens für die Rolle des mysteriösen europäischen Antiquitätenhändlers, der ausgerechnet das Marsten Haus bewohnt.
Man kann sich wahrlich keine exzellentere Wahl für diese Rolle denken als Mason.


Diabolisch: James Mason als Mr. Straker


Der leider im vergangenen Jahr verstorbene Geoffrey Lewis ging vor allem für seine Rollen in amerikanischen und Italo-Western in die Annalen der Filmgeschichte ein.
So wie Jack Nicholson für mich immer Jack Torrance ("Shining") bleiben wird, ist und bleibt Lewis der sinistre Totengräber Mike Ryerson, der sowohl als Mensch als auch als Vampir Furcht einflößend aussieht. Die oben eingefügten Bilder sollten für sich sprechen.

Der aus der TV-Serie "Starsky und Hutch" (1975) bekannte David Soul überzeugt als Ben Mears und stellt unter Beweis, dass er mit ausreichend Talent für die große Leinwand ausgestattet war. Er wirkt überzeugend und sympathisch, die zunehmend von ihm Besitz ergreifenden Emotionen wie Angst, Verzweiflung und Entsetzen nimmt man ihm jedenfalls ohne mit der Wimper zu zucken ab.

Für unvergessliche Momente sorgt auch der in Deutschland geborene George Dzundza in der Rolle des Bier saufenden rachsüchtigen Ehemanns. Intensiv und bedrohlich, unberechenbar und beinahe dem Wahnsinn verfallen steht Dzundza als gehörnter Ehemann Cully Sawyer vor seinem Bett. Sein Ehebett, in dem er seine attraktive Frau Bonnie und ihren Chef und Langzeitlover Larry Crocket, auf frischer Tat ertappt. Mit seinem Gewehr in der Hand.


Cully droht Ehefrau Bonnie...


... und verängstigt Liebhaber Larry


Auch die Kinder-Darsteller sind mit Sorgfalt gecastet. Nur Bonnie Bedelia als Susan Norton bleibt etwas blass, was aber in erster Linie dem Drehbuch geschuldet ist. Susan wirkt kindlich-naiv und kaum wie eine erwachsene und schon gar nicht wie eine emanzipierte Frau. Wenn sie sich mit ihrem schüchternen Schulmädchen-Augenaufschlag zuckersüß nuschelnd bei Ben Mears vorstellt und als Antwort auf seine Frage "What's your name?" haucht: "Susan... (verlegene Pause)... Norton. I teach art at Holly Elementary. My father's a doctor in town.", kostet das mich jedes Mal ein mitleidiges Lächeln.


"Jason, do you believe a thing can be inherently evil? The Marsten house, for instance. Can it be evil in ins stone foundations, in its wooden beams? In the glass of its windows? In the plaster of its ceilings?"

Ben Mears


Das Marsten Haus - auch am Tag spooky


Die Fassade der Marsten Villa übertrumpft in Punkto Bedrohlichkeit locker das Amityville Haus und muss auch den Vergleich mit der gespenstischen Atmosphäre eines Overlook-Hotels nicht scheuen. Stolz thront es auf einem Hügel über der Stadt und scheint die Bevölkerung zu verhöhnen. Nicht einmal das große Feuer des Jahres 1951, das beinahe die ganze Stadt zerstörte, konnte ihm etwas anhaben. Der Wind hatte sich in letzter Sekunde gedreht, wodurch das Marsten Haus verschont blieb.
Auch was die Inneneinrichtung betrifft, wurde von den Set-Designern hervorragende Arbeit geleistet.
Staub, Moder, Schimmel und vom Holz abblätternde Farbschichten wirken im Zusammenspiel mit den obskuren Wanddekorationen (ausgestopfte Tiere und Hörner) mehr als unbehaglich.


Der (heimliche) Star


Unter beinahe zentimenterdicken Makeup-Schichten verborgen und nicht einmal in den Credits aufscheinend prägte Charakterkopf Reggie Nalder in der Rolle des Obervampirs Kurt Barlow "Brennen muss Salem" nachhaltig.
Trotz seiner bescheidenen Screen Time gelang es ihm, (zumindest in Übersee) den Status eines Kult-Monsters zu erlangen.
Der in Wien geborene Österreicher Alfred Reginald Natzler alias Reggie Nalder ("Der Mann, der zuviel wusste", "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe", "Hexen bis aufs Blut gequält") hatte bereits vor seinem Unfall, bei dem die untere Hälfte seines Gesichts entstellt wurde, eine ganz spezielle Optik. Wobei nicht ganz eindeutig geklärt ist, ob ein Brandunfall oder ein Säure-Attentat für seine Entstellung verantwortlich war. Nalder erzählte selbst unterschiedliche Versionen zu dem Vorfall.
Ein weiteres kleines Mysterium ist bzw. war das tatsächliche Alter des Österreichers. Er selbst gab 1922 als sein Geburtsjahr an und dieses Datum war auch auf seiner Sterbeurkunde vermerkt. Doch später sollten in seinem Nachlass Fotos auftauchen, die belegen, dass er bereits in den 1920er Jahren als Bühnenschauspieler in Wien umtriebig war. Daher ist davon auszugehen, dass er tatsächlich zwischen 1898 und 1905 das Licht der Welt erblickte.

Bei den Dreharbeiten zu "Brennen muss Salem" wurde Nalder laut eigener Aussage zwar mit einer aufwändigen und schmerzvollen Maske und unangenehmen Kontaktlinsen malträtiert, aber wie ein Star behandelt und gut bezahlt.
Reggie Nalder selbst dazu in einem Interview (entnommen aus der Zeitschrift Video Watchdog, Ausgabe Mai/Juni 1993): "The makeup and contact lenses I had to wear were rough at first, but I liked the money best of all!!!"

Das Aussehen von Barlow kann als Hommage an Murnaus totenkopfartigen mit langen Krallen und rattenähnlichen Zähnen ausgestatteten Vampir Nosferatu gesehen werden.


Barlow, der farbige Bruder von Murnaus Nosferatu


Barlow in Nahaufnahme


Um 80 Minuten gekürzt...


Für mich stellt es ein unbegreifliches Rätsel dar, was sich die Verantwortlichen davon versprochen haben, "Brennen muss Salem" von 182 Minuten auf eine rund 100 minütige Fassung (die Angaben dazu variieren lediglich um ein paar Minuten) zusammenzukürzen und Letztere exklusiv auf dem europäischen Markt zu verbreiten. Dass die Kurzfassung explizitere Szenen beinhaltet, ist ein unbestätigtes Gerücht.
Ich erachte es nicht als notwendig, an dieser Stelle auf die Schnittberichte einzugehen, denn bei diesem Laufzeitunterschied dürfte ohnehin jedem Filmfan klar sein: Wer "Brennen muss Salem" bislang ausschließlich in dieser Version gesehen hat, hat ihn gar nicht gesehen.
Das zweite große Rätsel in Zusammenhang mit diesem gruseligen Vampirstoff erscheint mir, dass dieses Meisterwerk trotz seinem offensichtlichen Kultstatus in Amerika vom Rechteinhaber Warner nach wie vor absolut stiefmütterlich behandelt wird.
Es existiert eine amerikanische DVD mit guter Bildqualität, auf der sich außer dem Trailer allerdings kein weiteres Bonusmaterial befindet. Ende der Fahnenstange.


"Brennen muss Salem" und ich


Ob die mangelnde Beliebtheit von "Brennen muss Salem" im deutschsprachigen Raum nun der schwachen Veröffentlichungspolitik geschuldet ist oder ich diesem Werk einfach hoffnungslos und bedingungslos verfallen bin, vermag ich nicht zu beurteilen.
Ich kann nur jedem empfehlen, dem Film in der Langfassung eine Chance zu geben.
Für mich ist diese TV-Produktion neben "The Texas Chainsaw Massacre" die beste Regiearbeit von Tobe Hooper.
Den Roman habe ich selbstverständlich gelesen. Nicht nur einmal, sondern vier oder fünf Mal. Zuletzt, als ich mir die "Luxusedition" im Samteinband (siehe Foto unten) gegönnt habe.
Trotz deutlicher Unterschiede stehen für mich beide Werke für sich und ich könnte mich nur schwer entscheiden, ob ich dem Roman oder der Mini-Serie den Vorzug gebe. Zum Glück muss ich das nicht.


Lieblingszitate:


"I think that an evil house attracts evil men."
Ben Mears über das Marsten Haus

"You'll enjoy Mr. Barlow. And he'll enjoy you."
Mr. Straker zu Ben Mears

Jason Burke zum Vampir Mike Ryerson: "I revoke my invitation!"
Mike: "You'll sleep by the dead, teacher."

"Throw away your cross. Face the master. Your faith against his faith. Could you do that? Is your faith enough?"
Mr. Straker fordert den Priester auf, dem Vampir Barlow gegenüberzutreten





Foto: DVD von Warner




Foto:  Die "Uncut-Luxusedition" des Paul Zsolnay Verlags mit Vor- und Nachwort des Autors, aus dem Originalmanuskript gestrichenen Szenen und den Erzählungen "Eins für unterwegs" und "Jerusalem's Lot"