Montag, 28. März 2016

IL DELITTO DEL DIAVOLO - LE REGINE (1970)














QUEENS OF EVIL
Frankreich, Italien 1970
Regie: Tonino Cervi
DarstellerInnen: Ray Lovelock, Ida Galli (Evelyn Stewart), Silvia Monti, Haydeé Politoff, Gianni Santuccio, Guido Alberti u.a.


Inhalt:
Hippie David reist auf seinem Motorrad durch die Lande und genießt seine Freiheit. Auf einer verlassenen Straße trifft er nächtens auf einen dekadent wirkenden Fremden im Anzug, dessen Rolls Royce offenbar eine Reifenpanne hat. Es ergibt sich ein seltsames Gespräch zwischen den beiden ungleichen Männern, in dem der arrogante Fremde Davids Weltanschauungen und dessen Hippie-Dasein in Frage stellt und schließlich über den Teufel philosophiert. Nachdem David dem Mann aus der Patsche geholfen hat, findet er in seinem eigenen Reifen einen Nagel. Als er den rätselhaften Anzugträger zur Rede stellen will, kommt es zu einem folgenschweren Unfall, nach dem der Mann im Luxusauto leblos in seinem Wagen zurück bleibt. David flüchtet an einen See inmitten eines Waldes, wo er in einem nur scheinbar verlassenen Haus auf drei geheimnisvolle und verführerische Schwestern trifft. Was er nicht ahnt: Samantha, Bibiana und Liv sind böse Hexen, die es auf seine Seele abgesehen haben...


David: Essen schaufeln als gäbe es kein Morgen


Die Schwestern Bibiana, Liv und Samantha (v.l.n.r.)


Diese rare Mystery Parabel übte bereits beim ersten Blick eine starke Faszination auf mich aus. Und das, obwohl ich den Film anno dazumal in Aquarell ähnlicher VHS-Qualität gesehen habe. Das Bild war dermaßen verwaschen, dass ich in einigen Szenen ernsthafte Schwierigkeiten hatte, Ida Galli und Silvia Monti auseinander zu halten. Eine Schande!
Glücklicherweise gibt es seit Sommer 2010 zumindest eine italienische DVD, deren Bildqualität absolut annehmbar ist. Und genau diese Verbesserung war noch das letzte Quäntchen zum Glück. Das gewisse Etwas, das mir gefehlt hatte, um den Film endgültig in mein Herz zu schließen und um ihn mir in regelmäßigen Abständen zu Gemüte zu führen.

"Il delitto del diavolo" ist weder besonders spannend noch steht der Horroraspekt im Vordergrund der Geschichte.
Dafür ist er wahre Seelen-Wellness. Die Formulierung "die Seele baumeln lassen" in Bilder gefasst. Abseits jeglicher Zivilisation und Alltagsstress lebt David (Lovelock) in Gesellschaft der Schwestern Bibiana (Galli), Liv (Politoff) und Samantha (Monti) in den Tag hinein. Der Tisch im Wald-Häuschen ist stets üppig gedeckt und die attraktiven Bewohnerinnen vom Haaransatz bis zu den Zehenspitzen durchgestylt.
Ihre Frisuren, Perücken, Make-Up und Kleidung ändern sie nach Belieben, manchmal auch mehr als ein Mal am Tag. Lassen wir Samantha selbst zu Wort kommen:
"Just because we live in the middle of the woods doesn't mean we don't know the latest style!"
Dies stellen die drei Frauen höchst anschaulich unter Beweis.

Die Grenzen zwischen Traum, Illusion und Realität sind kaum mehr wahrnehmbar. Das Sonnenlicht, das durch die dichte Blätterdecke der Baumkronen fällt und ab und an von Nebelschleiern durchzogen wird sowie wabernde Dunkelheit und das Echo der sirenenhaft lockenden und lachenden Frauen erzeugen eine surreale Atmosphäre. Das umwerfende Set-Design und die bunten Body-Paintings tragen ihr Übriges dazu bei.
Der Soundtrack untermalt die Bilder vortrefflich. Dabei changiert er zwischen dramatisch-düsteren Chorälen ("Dies irae"), traumtänzerisch-nostalgischen Melodien und an Bob Dylan erinnernde Songs, die eine Woodstock-Aura heraufbeschwören.
Die beiden Titel "We love you underground" und "Swimming" (ergreifendes wehmütiges Weltschmerz-Ahaha-haha-hahaaaaa-dadadadadadaaa") wurden von Ray Lovelock höchst persönlich eingesungen. Das Gitarren Geschrammel und sein zartes Stimmchen wecken Erinnerungen an die Love, Peace und Rock'n Roll- Generation. Bei diesem Sound sieht man vor seinem geistigen Auge unwillkürlich die wilden Langhaarigen mit bunten Blumenkränzen auf dem verfilzten Haupt Gitarre spielend mit einem Joint im Mundwinkel am Lagerfeuer sitzen.
"We love you underground" ist ein Titel, den ich in mehrfacher Hinsicht absolut bezeichnend für die Handlung finde. Einerseits kann man ihn passend zur Story im übertragenen Sinne interpretieren, andererseits ist es doch tatsächlich wörtlich gemeint. Lovelock hat diesen Song nämlich während eines Aufenthalts in London selbst geschrieben und bezieht sich im Text auf die U-Bahn der englischen Metropole.
Dies ist an Naivität und infantiler Schwärmerei kaum zu überbieten und passt somit wie die Faust auf's Auge zu der Rolle des leichtgläubigen Hippies David.

Die Natur rund um den malerischen See und die Innenarchitektur des Hexenhäuschens kreieren ein Ambiente, das zum Verweilen einlädt. Nur allzu nachvollziehbar, dass der sich selbst als Nonkonformist präsentierende David trotz Freiheitsdrang nicht so schnell von diesem Ort weg möchte.
Er lässt sich bereitwillig von den Herrinnen des Hauses verführen und gibt sein ursprüngliches Wertesystem zugunsten von bequemer Trägheit nach und nach auf.
Doch wer könnte ihm diese mangelnde Disziplin beim Anblick von Ida Galli, Silvia Monti und Haydeé Politoff denn bitte ernsthaft vorwerfen?

Neben den selbstbewussten Frauen, die abwechselnd mit sinnlicher Erotik und Unnahbarkeit kokettieren, wirkt der niedliche Sonnyboy David wie ein eingeschüchterter unerfahrener Junge.
Wenn er beim üppigen Frühstücksbuffet (vorwiegend aus mehrstöckigen Torten bestehend) mit dem Oberkörper fast auf dem Tisch liegt und den Kuchen von Hand in sich reinschaufelt als wäre er just vor dem Hungertod errettet worden, verkörpert er neben den kultivierten Schwestern einen ungehobelten Bauerntölpel und demonstriert den Verfall der (guten) Sitten.
Obwohl David zu Beginn noch das Konzept der freien Liebe schön redet und schelmisch lächelnd erklärt, dass er keiner Frau treu sein kann, weil er sonst alle anderen Frauen dieser Welt betrügen würde, reagiert er etwas pampig als sich herausstellt, dass Samantha ihren Schwestern vom amourösen Abenteuer am See erzählt hat.
Irgendein Teil in ihm scheint doch noch nicht ganz gefestigt zu sein in seiner Flower-Power Ideologie. Freie Liebe und Freiheit des Geistes, Unabhängigkeit vom bürgerlichen Leben und Kritik am gesellschaftlichen Wertesystem sind für David richtungsweisend. Doch entpuppen sich diese als leere Phrasen und Einstellungen, die er offenbar schnell über Bord wirft, sobald ihm eine verführerische Alternative präsentiert wird.


Meisterinnen der Verführung


Geflissentlich überhört er die warnenden Rufe des Käuzchens vor dem Haus und übergeht alle mysteriösen Vorkommnisse und das ab und an dezent bedrohliche Gebaren der Schwestern.
Der eindringlichen Warnung des Fremden "Pleasure will enchain your entire being. Your flesh and your spirit!" hätte David besser mal Glauben schenken sollen. Die in ihm erweckte süße Begierde entpuppt sich tatsächlich als Fessel des Geistes.
Im Kern der Geschichte geht es natürlich um die Verlockung des Teufels zur Sünde (Völlerei, Faulheit, Fleischeslust) und die mangelnde Prinzipientreue der Menschen.
Mystik, Märchen und christliche Symbolik (Essen der verbotenen Frucht, der Baum der Erkenntnis) verquicken sich in "Il delitto del diavolo" zu einem sinnlichen Märchen für Erwachsene.
Die konservativen Mächte bemühen sich im Widerstreit mit den jüngeren Generationen die Nase vorn zu haben und die Blumenkinder-Bewegung zu Grabe zu tragen.
Eine Warnung oder eine Prophezeiung für die Hippies?
Die Systemkritik geht zwar realistisch betrachtet nicht sonderlich in die Tiefe, was aber in Anbetracht des Casts, der gebotenen Bilder und der tollen Musik kaum ins Gewicht fällt.

"Il delitto del diavolo" ist ein poetischer Film, der uns verführt und zu angenehmen Wachträumen einlädt. Ein Kurzurlaub vom Lärm und der Schnelllebigkeit unseres Alltags in formvollendeter behaglicher Siebziger-Atmosphäre.
Love, Peace and Harmony to all of you!




Foto: DVD des Labels CineKult